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Erster Anschlag auf Journalisten seit dem Kroatienkrieg

Der Besitzer der kroatischen Zeitung Nacional Ivo Pukanic und der Direktor der Werbeabteilung Niko Franijc wurden am 23.10.2008 bei einer Bombenexplosion im Zentrm der kroatischen Hauptstadt Zagreb getötet. Auch zwei Sekretäre der selbigen Zeitung wurden ebenfalls verletzt. Die Sprengladung war unter dem Auto von Pukanic positioniert worden. Der 47jährige galt als einer der bekanten, aber auch umstrittenen Journalisten in Kroatien.

Seine Karriere als Photoreporter begann Pukanic, als er 18 Jahre alt war. Nach seinem politikwissenschaftlichem Studium arbeitete er zunächst bei der Zeitung Vjesnik, die als regierungsfreundlich galt. Dann war er beim qualitativ hochwertigen Wochenmagazin Globus angestellt, das sich als Oppositionsplattform etabliert hatte. 1995 gründete Pukanic die Zeitung Nacional. 1999 wurde er zum Journalisten des Jahres gekürt.

2003 bekam Pukanic wegen seines Interviews mit dem kroatischen General Ante Gotovina, der sich damals noch versteckte, ein Preis. Gotovina wurde später von der spanischen Polizei dingfest gemacht und steht z. Z. vor Gericht am ICTY. Ihm werden organisierter Mord und die Vertreibung ethnischer Serben während des Kroatienkriegs 1995 zur Last gelegt.

Nach Meinung von Miloš Vasić von der Wochenzeitung Vreme zeigt der Mord "die Eskalation der Krise in Kroatien, die durch den Kontrollverlust über das organisierte Verbrechen mitbedingt wurde". Pukanic selbst habe eine „unhygienische Beziehungen“ zur Unterwelt gehabt, so Vasić.

Als Aufsehen erregend wurde außerdem empfunden, dass Pukanic das Krankheitsbild seiner Frau veröffentlichte, kurz bevor sie in eine psychiatrische Anstalt geliefert wurde. Sie hatte ihm vorgeworfen, das Krankheitsbild bewusst gefälscht zu haben. Pukanics Zeitung Nacional versuchte, sich als regierungskritisch zu profilieren. Die Informationsquellen der Zeitung waren jedoch oft von ungeklärter Herkunft. Darüber hinaus stand die Vermutung im Raum, die Vorwürfe gegen kroatische Generäle in der Zeitung seien fabriziert worden, um die Auflagenzahlen zu erhöhen.

Bereits im April gab es eine Vorwarnung an Pukanic: Damals wäre er beinahe Opfer eines Attentats geworden, als ein Unbekannter aus nächster Nähe auf ihn schoss. Den Polizeischutz, den er danach bekam, lehnte er vor zwei Monaten ab. Der bereits erwähnte Vasić sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Mord an Pukanic und dem Mord an der Tochter von Zvonimir Hodak, einem prominenten Rechtsanwalt, der den kroatischen General Vladimir Zagorec verteidigte. Dieser war im Zusammenhang mit Kriegsverbrechen aus Österreich an Kroatien ausgeliefert worden. Nach Vasićs Vermutung habe der Mord an der Tochter die Beziehungen Pukanics zur Mafia und dem organisierten Verbrechen überstrapaziert. Insofern reihen sich der Mord an Pukanic und der Mord an der Tochter in das allgemeine Geschehen in Kroatien ein: Am 03.06.2008 wurde der Jutarnji-List-Journalist Dusan Miljus mit einem Baseball-Schläger angegriffen, nachdem er über illegalen Waffenschmuggel berichtet hatte. Eine polizeiliche Untersuchung steht noch aus. Im September fand eine große Kundgebung von Journalisten in Zagreb statt, die gegen die wachsende Kriminalität im Land protestierten.

Ministerpräsident Ivo Sanader sieht im Mord an Pukanic ein Symbol des Kampfes zwischen Korruption und Demokratie und hat aus diesem Anlass den Nationalen Sicherheitsrat angerufen. Präsident Stipe Mesic sagte in diesem Zusammenhang: "Das ist der Zeitpunkt, zu dem unsere Gesellschaft einheitlich zusammenhalten muss. Die Frage lautet: Wir oder sie. Wobei ´wir´ Rechtsstaat, Funktionieren der Verfassungsinstitutionen und Sicherheit der Bürger bedeutet und ´sie´ - Kriminelle, Terroristen, Mafiosi."

Auch ausländische Journalisten und Politiker sind erschüttert – so sagte die Sprecherin der Serbischen Demokratischen Partei Trivan, dass Journalisten oft in Netze aus Mafia, Politik und verschiedenen Gruppen verstrickt werden, ohne sich dessen gewahr zu sein. Der Ex-Bankier Neven Barac, der vor 13 Jahren Pukanic bei der Herausgabe von National unterstützt hatte, sagte anlässlich des Mordes, Kroatien habe ihn getötet. „Ich weiß nicht, wer besser organisiert ist – der Staat oder jemand anderer“, kommentierte Barac. Auf die Frage, ob die Kontakte Pukanics zur kriminellen Welt die Ursache für seinen Mord sein könnten, antwortete er, dass es zum Job des Journalisten gehöre, Kontakte zu Informationsquellen zu pflegen.

Ironischerweise passierte der Mord just einen Tag nach der Veröffentlichung des jüngsten Press Freedom Index von Reporter ohne Grenzen, in dem Kroatien von Platz 41 (2007) auf den Platz 45 abgerutscht ist.