Veranstaltungsberichte

Jüdisches Leben in Mecklenburg-Vorpommern

von Silke Bremer
Mit viel Witz und Humor und fast schon einem persönlichen Lebenszeugnis zog der Landesrabbiner William Wolff die Zuhörer nicht nur in seinen Bann, sondern weckte viele Sympathien.

Im Mittelpunkt der Vortrags- / Diskussionsveranstaltung standen die Entwicklungen jüdischen Lebens in MV im 20. Jh. bis in die Gegenwart. Vor allem zwei Aspekte waren dem Landesrabbiner wichtig: Was macht jüdisches Leben im Alltag aus? Wie konnte eine jüdische Gemeinde nach der Wiedervereinigung in MV an drei Standorten Schwerin, Rostock, Wismar mit ca. 1700 Gläubigen aufgebaut werden?

Wolff erinnerte daran, dass die russisch-jüdische Zuwanderung in den 90er Jahren von der Bundesregierung unter dem damaligen Kanzler Helmut Kohl ermöglicht worden sei. Auch auf Bitten des amtierenden Präsidenten des Zentralrats der Juden Heinz Galinski sei diese mit dem Ziel angestrebt worden, den schwindenden jüdischen Gemeinden neue Substanz zu verleihen.

Die Volkskammer der DDR habe nach dem Fall der Mauer in ihren letzten Monaten mit der Zusage einer größeren Zuwanderung aus der Sowjetunion eine gewisse Kompensation dafür erreichen wollen, dass die SED eine Verantwortung für die Folgen der nationalsozialistischen Judenverfolgung und auch eine Wiedergutmachung – wie es die Bundesrepublik geleistet hatte - nicht übernommen hatte.

Ca. 250 000 Juden seien in den folgenden ca. 15 Jahren aus den kommunistischen Ländern, hauptsächlich aus Russland, gekommen.

In Mecklenburg-Vorpommern sei es gelungen, ein glaubwürdiges synagogales Leben aufzubauen. In Schwerin z. B. besuchten die regelmäßig stattfindenden Sabbat-Gottesdienste jeweils mindestens 30 Gläubige, bei feierlichen Anlässen kämen bis zu 200 Menschen zusammen.

Das Judentum habe immer auf 2 Beinen gestanden, zentral seien zum einen die Synagoge, zum anderen das religiöse Leben Zuhause. Das letztere Standbein sei heute in den Familien nur wenig stabil. Der Kommunismus habe wesentliche Grundlagen des Glaubens zerstört. Im gegenwärtigen Leben der jüdischen Gemeinde müßten Sprachbarrieren zwischen den russisch-sprachigen Einwanderern und dem deutsch-sprachigen Rabbiner überwunden werden.

Verschiede Facetten des Judentum kamen schließlich zur Sprache. Der Landesrabbiner hob hervor, dass die Vorschriften der Tora im Judentum am wichtigsten seien, im Christentum hingegen sei der Glaube das Herausragende. Das Alte Testament sei für beide Religionen grundlegend, werde aber in unterschiedlicher Weise gewertet: Im Judentum stünden die 5 Bücher Moses im Mittelpunkt, da sie die für die Religionsausübung wichtigen Vorschriften enthalten. Im Christentum seien die prophetischen Bücher bedeutender, denn sie weisten auf das Kommen von Christus hin.

Beide Religionen lehrten gemeinsam, dass nach dem irdischen Ableben die Seele weiter existiert.

Bedeutend seien im Judentum die Sabbat- und Speisevorschriften. Am Sabbat z. B. sei jede Arbeit verboten, aber man sei sich nicht ganz einig, welche Tätigkeiten zur Arbeit zählten. Ein praktiziertes religiös-jüdisches Leben sei ohne ein Wissen über die Vorschriften nicht möglich.

In der sich anschließenden Diskussion kamen auch schwierige gesellschaftliche Entwicklungen zur Sprache, wie etwa Antisemitismus in Deutschland und in Polen. Befragt nach seiner persönlichen Wahrnehmung antwortete der Landesrabbiner, dass er für sich selbst keine Gefahr sehe und ihm ein ungehindertes Leben in Schwerin möglich sei.

Abschließend wurde die von Manuela Koska-Jäger erarbeitete Ausstellung 'Abraham war Optimist' eröffnet - eine einfühlsame Bildreportage über menschliche Wahrheiten und jüdische Identität im heutigen Deutschland.

2012 - 09 VA Ueckermünde Landesrabbiner Dr. W. Wolff S. Bremer