Veranstaltungsberichte

Landwirte und Tierschützer im Gespräch

von Silke Bremer
Kontroverse Diskussion

Zu einem Symposium über hochaktuelle Fragestellungen über den Umgang mit Tieren hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung M-V nach Linstow eingeladen. Weit über 100 Interessenten aus den verschiedensten Bereichen der Landwirtschaft, des Tierschutzes, der Veterinärämter usw. waren angereist und beteiligten sich an einer kontroversen Diskussion.

Die

agrarpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion M-V Beate Schlupp

wies in ihrem Eingangsstatement darauf hin, dass steigende Tierschutzauflagen für Kleinbetriebe wesentlich schwieriger seien als für größere Einheiten, da die Kosten der Umsetzung relativ höher ausfielen. Der Blick müsse auch auf die private Haltung von Tieren in privaten Haushalten, Gehegen, Zoos, Zirkusbetrieben etc. gelegt werden. Diese gleichermaßen tierschutzrelevante Seite werde häufig vernachlässigt.

Frau

Dr. Maria Dayen vom Landwirtschaftsministeriums

warb für eine Verwendung des Begriffes ‚Tiergerechtigkeit’. In der Literatur werde ‚Tiergerechtigkeit’ mit einer Haltung von Tieren entsprechend ihrer Gesundheit, ihres Verhaltens, ihrer rassetypischen Eigenschaften assoziiert. Von tiergerechten Haltungsbedingungen könne gesprochen werden, wenn den spezifischen Eigenschaften der Tiere Rechnung getragen werde, die körperlichen Funktionen weder beeinträchtigt noch essentielle Verhaltensmuster eingeschränkt würden, so dass Schmerzen, Leiden, Schäden am Tier nicht entstehen können. Die Beurteilung einer tiergerechten Haltung erfordere immer die Erstellung eines Gesamtbilds. Jeder Tierhalter - unabhängig vom Haltungszweck - habe eine Verantwortung für Tiergerechtigkeit; auch Verbraucher müssten Verantwortung für das Wohlbefinden von Tieren übernehmen.

Der

Präsident des Bauernverbandes M-V Rainer Tietböhl

wies darauf hin, dass die Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern auf einem sehr hohen Niveau arbeite. Höchst problematisch sei es, wenn Tierhaltungsprobleme eines einzelnen Betriebes auf die gesamte Zunft übertragen werden. ‚Problembetriebe’ zur Verantwortung zu ziehen sei insofern außerordentlich wichtig. Tierhaltungsfehler stünden in keinem Zusammenhang mit der Bestandsgröße. Verbraucher sollten sich viel stärker an Landwirte wenden, um ihren Informationsbedarf zu decken.

Welche Handlungsmöglichkeiten für den Tierschutz hat der Amtstierarzt? Mit dieser Fragestellung befasste sich

Amtstierärztin Dr. Anne-Kathrin Lohrenz

. Eine wesentliche Grundlage sei §3 des Tierschutzgesetzes. Danach müsse jeder Tierhalter die Tiere artgemäß unterbringen, für Ernährung und Pflege sorgen, dürfe die Möglichkeiten der artgemäßen Bewegung nicht einschränken, müsse über Kenntnisse einer tierschutzgerechten Haltung verfügen. Dieser Paragraph sei zwar umfassend aber nur wenig konkret. §16 des Tierschutzgesetzes gebe die Möglichkeit zu routinemäßigen Kontrollen in der Nutztierhaltung, in Schlachtereien, Tierversuchseinrichtungen, Zoohandlungen, Tierheimen, Tiertransportunternehmen, Zirkusbetrieben. Problematisch sei, dass die private Haus- und Heimtierhaltung hier nicht erfasst sei. Bei der privaten Tierhaltung sei ausschließlich eine Anlasskontrolle möglich, die meistens auf Anzeigen aus der Bevölkerung zurückgehen.

Routinemäßig Kontrollen gewerblicher Nutztierhaltung würden in M-V ungefähr alle 5 Jahre durchgeführt. Diese erfolgten i. d. R. zu den üblichen Betriebszeiten, eine Gefahrenlage müsse nicht begründet werden. Die private Tierhaltung sei gesetzlich relativ wenig erfasst, allein die Hundehaltung werde über die Tierschutzhundeverordnung sehr genau reglementiert.

Bei der gewerblichen Tierhaltung sei die Tierschutznutztierhaltungsverordnung relevant. Teilweise seien die Auflagen sehr hoch geregelt, so dass eine Praktikabilität verhindert werde. Tierärzte kämen immer wieder einmal in eine Zwickmühle zwischen einer Durchsetzung hoher Auflagen und dem Fortgang der landwirtschaftlichen Betriebsführung. Das deutsche Tierschutzgesetz sei zwar insgesamt relativ gut, doch die konkrete Umsetzung werde zu wenig berücksichtigt.

Der

Leiter des Hauptstadtbüros des Deutschen Tierschutzbundes Frank Meuser

erinnerte daran, dass der Tierschutz im Grundgesetz verankert sei. Man habe es aber nicht geschafft, einen gesetzlichen Unterbau zu schaffen. Das Tierschutzgesetz habe eher den Charakter eines ‚Tiernutzgesetzes’ und insofern wenig mit dem Anspruch des Grundgesetzes zu tun. Der Tierschutzbund kritisiere am umfassendsten, dass Amputationen - obwohl nach §6 Tierschutzgesetz nicht zulässig - z. B. bei Schweinen und Hühnern durchgeführt werden. Letztlich seien schlechte Haltungsbedingungen ursächlich für ein Fehlverhalten von Tieren bzw. das Paradigma, Ställe nicht an die Tiere sondern umgekehrt die Tiere an die Ställe anzupassen.

Der Deutsche Tierschutzbund habe einen umfangreichen Forderungskatalog formuliert und setze sich z. B. für die Haltung ‚normaler’ Nutztiere mit langsam wachsenden robusten Zuchtlinien ein, für die Etablierung von Haltungssystemen, bei denen die Stallungen an die Tiere angepasst werden, für ein Verbot von Manipulationen an Tieren, für die Einführung eines Tierschutzlabels, für eine Verschärfung des Immissionsschutzgesetzes, für die Einführung des Verbandsklagerecht.

Vor dem Hintergrund der Impulsvorträge entwickelte sich eine sehr engagierte und z.T. emotionale Diskussion.

Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass die

Preise für Fleisch- und Milchprodukte

viel zu gering seien. Die angespannte Preissituation lasse den Landwirten kaum Spielräume, bei kleineren Betrieben stelle sich die Existenzfrage. Veränderungen bei den Haltungsbedingungen, die immer mit Kosten verbunden seien, könnten nur über höhere Preisen realisiert werden.

Verschiedene Ursachen für ein zu niedriges Preisniveau wurden ausgemacht.

Eine Schlüsselrolle spiele der Einzelhandel. Wenige Konzerne bestimmten auf Kosten der Landwirte die Preise. Herr Tietböhl forderte eine stärkere Kontrolle des Wettbewerbsverhaltens durch die Kartellbehörden.

Problematisch sei auch eine Ambivalenz im Kaufverhalten. Umfragen brächten regelmäßig hohe Zustimmungswerte für höhere Preise bei landwirtschaftlichen Produkten. Beim konkreten Kaufverhalten entschieden sich die Verbraucher hingegen für billigere Angebotsvarianten.

Bei einem weiteren Anstieg der finanziellen Belastungen könne auf lange Sicht das Szenario Wirklichkeit werden, nach dem ausländische Produzenten, die jedoch unter ganz anderen Bedingungen produzierten, den Markt übernehmen.

Tierschutz sei ein gesellschaftlicher Megatrend

, der in einigen Teilen von Lobbyisten mit erheblicher Polemik und Stimmungsmache angefacht werde. Mit Ängsten Meinung / Stimmungen zu machen, sei nicht akzeptabel. Unbedingt sei es erforderlich, dass Tierschützer und Landwirte konstruktiv zusammenarbeiteten, auch um letztlich gegenüber dem Handel mit starker Stimme auftreten zu können.

Als problematisch wurde auch gesehen, dass die

Neuerrichtung von Ställen

aufgrund starker gesellschaftlicher Gegenkräfte fast nicht mehr möglich sei. Dies sei eine innovationsfeindliche Entwicklung, die letztlich auch dem Tierschutz schade.

Für eine Verbesserung der Tierhaltung sei es wichtig,

wissenschaftliche Ergebnisse

und Vorgaben zu hören und zu berücksichtigen. Schnelle Veränderungen seien nicht möglich. Landwirtschaft könne nicht von heute auf morgen ihre Richtung ändern.

Vom Linstower Symposium gingen zahlreiche Impulse aus. Alle Redner betonten, dass letztlich jeder einzelne eine Verantwortung für Tiere habe. Bei beobachteten Tierschutzverletzungen sei jeder verantwortlich, die zuständigen Behörden zu informieren. Information und Aufklärung müssten schon bei Kindern und Jugendlichen beginnen. Und es müsse ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass jedes Tier einen Wert an sich habe.

Trotz kontroverser Positionen: Landwirte und Tierschützer können miteinander reden. Dies wurde auf dem Symposium eindrucksvoll bewiesen.

Veranstaltung in Linstow 'Tiere lieben, Tiere nutzen, Tiere schützen" Bremer
Veranstaltung in Linstow 'Tiere lieben, Tiere nutzen, Tiere schützen" Bremer
Podiumsdiskussion i.R. der Veranstaltung in Linstow 'Tiere lieben, Tiere nutzen, Tiere schützen" Bremer