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Stresstest für die Gesellschaft und Familien

von Christine Henry-Huthmacher

Viele gesellschaftspolitische Fragen werden in der Coronakrise neu verhandelt.

Wir sollten uns auf neue Debatten zur Digitalisierung der Arbeitswelt, zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zur schulischen Bildung und zur Rolle von Müttern einstellen.

Die Ausbreitung des Coronavirus wirkt wie ein Katalysator gesellschaftlicher Veränderungen. Diese Veränderungen vollziehen sich in einer rasanten Geschwindigkeit und stellen Lebenskonzepte, Gewohnheiten, Alltagsroutinen und häufig auch die finanzielle Selbstständigkeit infrage. Welche Richtung diese Entwicklungen nehmen wird, ist offen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier formulierte es in seiner Ansprache am 16. März so:“ Wir haben es in der Hand, ob Solidarität nach innen und außen die Oberhand gewinnt oder aber der Egoismus des jeder für sich. Die Welt wird danach eine andere sein.“ Dieses Spannungsverhältnis von Solidarität und Egoismus wird für die gesamte Gesellschaft, insbesondere aber für Familien, zum Stresstest. Welche Entwicklungen lassen sich gegenwärtig absehen?

Auf gesellschaftlicher Ebene hat die gegenwärtige Krisensituation neue Gestaltungsformen der Solidarität hervorgebracht. Diese reichen von der Nachbarschaftshilfe bis zu Dankesbekundungen an Supermarktmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Die Diskussion, wer die Leistungsträger unserer Gesellschaft sind, hat sich verschoben. Systemrelevanz wurde in der Finanzkrise den Banken zugeschrieben. Heute halten andere den Laden am Laufen. Jetzt sind Berufe wichtig, die schlechter bezahlt und überwiegend von Frauen ausgeübt werden. Aber es gibt auch gegenläufige Entwicklungen: Coronapartys, Hamsterkäufe und neue Formen von Kriminalität sind Hinweise auf zunehmende Egoismen. Für viele wird Knappheit in der Wohlstandsgesellschaft zu einer neuen Erfahrung.

Die Corona Krise ist ein Stresstest für die Gesellschaft, Wirtschaft und Familien. Von der Schließung der Schulen, Kitas und Spielplätzen sind alle Familien gleichermaßen betroffen. Art und Ausmaß der Betroffenheit sind allerdings stark abhängig von dem sozialen Milieu und der Familienform. Es  ist ein erheblicher Unterschied ob Home- Office möglich ist und Gehälter weiter gezahlt werden oder ob die Existenz gefährdet ist. Mehrkindfamilien stoßen in der aktuellen Ausnahmesituation auf  mangelndes Verständnis – nicht zuletzt an der Supermarktkasse. Einige Kommunen haben daher eine Familienkarte eingeführt.

Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bereits im normalen Familienalltag ein Spagat, wird in der gegenwärtigen Ausnahmesituation, besonders für  Alleinerziehende, zur Herausforderung. Da die Abgrenzung zwischen Beruf und Familie aufgehoben ist, müssen beide Lebensbereiche täglich neu verhandelt werden. Nicht selten gerät hierdurch auch die Partnerschaft unter Druck. Eine Retraditionalisierung der Geschlechterrolle und ein erhöhtes familiäres Konfliktpotenzial sind die Folgen. Aus der Forschung ist bekannt, dass Ehekrisen, Scheidungen und auch häusliche Gewalt oftmals das Resultat von Situationen sind, in denen Menschen lange gezwungenermaßen zusammen waren. Gerade jetzt sind deshalb öffentliche Beratungs- und Hilfsangebote wichtig.

Die Doppelbelastung vieler Eltern – und vor allem Mütter –, die unter ungewohnten Bedingungen von zu Hause aus arbeiten, erfährt durch Homeschooling ein täglich erhöhtes Anforderungsprofil. Der Familienalltag muss jetzt auffangen, was Schule bis auf weiteres nicht leisten kann. Dabei geht der bundesweite Feldversuch mit 11 Millionen Schülern von technischen und sozialen Voraussetzungen aus, die nicht überall gegeben sind. Es ist zu befürchten, dass sich die Schere zwischen Kindern der Mittelschicht und Kindern aus sogenannten bildungsfernen Schichten weiter vergrößert.

Die Coronakrise trifft zwar alle in der Gesellschaft, aber unter unterschiedlichen Bedingungen. Ob  eine Familie ein Haus mit Garten besitzt und ein festes Einkommen hat oder ob sie in einer kleinen Etagenwohnung oder in Existenzängsten lebt, hat Auswirkungen auf das Familienleben. Viele Fragen der Gesellschafts-, Sozial- und Familienpolitik werden daher zurzeit akuter. Und sie werden sich auch im Nachgang der Krise verstärkt stellen. Neue Debatten über die Digitalisierung der Arbeitswelt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Ausgestaltung schulischer Bildung und die Rolle von Eltern und Müttern zeichnen sich bereits ab.