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60 Jahre Kriegsende in Europa

von Ulrich Kleppmann

Von der Stunde Null bis zum geeinten Europa

60 Jahre sind nun vergangen, dass in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Mit dem 9. Mai begann nicht nur die Stunde Null der Deutschen, sondern auch ein besonderes Kapitel in der Geschichte des alten Kontinents. Die Menschen und Politiker erkannten, dass das Geschehene sich nie wieder wiederholen darf. Robert Schuman wählte nicht umsonst den 9. Mai für die Bekanntgabe seiner Idee zur Schaffung einer "Montanunion". Die heutige EU wurde geboren an einem Tag, an dem die Waffen zu schweigen begingen.

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Sechzig Jahre Kriegsende in Europa

Von der Stunde Null bis zum geeinten Europa

Am 9. Mai 1945 veröffentlicht das Oberkommando der Wehrmacht seinen letzten Frontbericht: „Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. Auf Befehl des Großadmirals hat die Wehrmacht den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt...“. Die Kapitulation begann jedoch auf Raten. Am 04.05.45 wurden Teilkapitulationen für die Westfront und in Italien ausgehandelt, die am 05.05. um 08.00 Uhr in Kraft traten. Generaloberst Jodl unterzeichnete in Reims am 7. Mai die Bedingungslose Kapitulation, die auf Wunsch Stalins am 8. Mai in Berlin-Karlshorst noch einmal wiederholt wurde.

Neben den militärischen Kämpfen tobte auch ein Kampf der Ideologien: Faschismus gegen Kommunismus, Totalitarismus gegen Demokratie. Hitlers abgrundtiefer Hass gegen die Juden kostete über 6 Millionen Menschen das Leben, aber auch andere Völker oder Volksgruppen wie Polen oder Roma sollten vollständig vernichtet werden. In seinem politischen Testament urteilte der Diktator wenigen Stunden vor seinem Selbstmord am 30. April 1945 noch über die Deutschen selbst: „Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen... denn das Volk hätte sich als das Schwächere erwiesen...“ Um genau eine Minute nach Mitternacht des neunten Mai begann die längste Friedensperiode in Europa, die der Kontinent (bis zum Bürgerkrieg in Jugoslawien) jemals erlebt hatte. Die Bilanz von sechs Jahren Weltkrieg in Europa waren zerstörte Städte, verwüstete Länder und über 55 Millionen Tote. Die Wunden des Krieges sind bis heute nicht ganz verheilt und werden es wohl nie.

Die Deutschen bezeichnen die Zeit nach der Bedingungslosen Kapitulation als die Stunde Null. Keiner wusste genau, wie es weitergehen würde. „Teilung auf Befehl“ hieß zunächst die Devise. Nicht nur in Deutschland und Österreich teilten die Sieger die Länder in Besatzungszonen auf, es senkte sich auch der Eiserne Vorhang und schied Ost von West. Die Konfrontation zwischen UdSSR und USA führte nicht nur zum Zerbrechen der Anti-Hitler-Koalition, sondern auch zu einer neuen militärischen Konfrontation. Spätestens mit der Berlinblockade 1948/49 der Sowjets und des Koreakrieges begann in Europa der Kalte Krieg.

Verschiedene Politiker in Westeuropa schlugen nach 1945 eine politische und wirtschaftliche Einigung vor, um künftige Kriege zu vermeiden. Winston Churchill fordert auf einer Rede in Zürich im September 1946 die Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa“. Vom 08.-10. Mai 1948 tagte in Den Haag der Koordinierungsausschuss für die Europäische Einheit, der ebenfalls ein geeintes Europa fordert. Zehn westeuropäische Staaten gründen daraufhin am 05.05.1949 in London den Europarat, der seinen Sitz fortan in Straßburg hatte. Man wählte bewusst jenen Tag im Mai, an dem vier Jahre zuvor zumindest in Westeuropa die Waffen zu schweigen begangen.

Ein Jahr später am 9. Mai 1950 verkündet der französische Außenminister Robert Schuman im Uhrensaal des Quai d'Orsay eine „Erklärung von höchster Bedeutung“:

"Der Weltfriede kann nur durch schöpferische, den drohenden Gefahren angemessene Anstrengungen gesichert werden"... "Wenn Frankreich, Deutschland und weitere Beitrittsländer ihre wirtschaftliche Grundproduktion zusammenlegen und eine Hohe Behörde einsetzen, wird dieser Plan die ersten konkreten Grundlagen für eine europäische Föderation schaffen, die zur Erhaltung des Friedens notwendig ist".

Der 9. Mai wurde so zur Geburtsstunde der heutigen Europäischen Union. In der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl oder auch Montanunion genannt, die am 18.04.1951 gegründet wurde, schlossen sich Frankreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Italien und Deutschland zusammen. Die erste europäische Gemeinschaft entstand.

Der 9. Mai wurde nach 1945 in Westeuropa zunächst zum Feiertag der alliierten Siegerstaaten, später dann Gedenktag für die Befreiung Europas. Der Europarat bestimmte 1964 den 5. Mai zum Europatag, was aber ohne größere Bedeutung blieb. Erst auf der Madrider Konferenz im Jahre 1985 erklärten die Staats- und Regierungschefs den 9. Mai zum Europatag. Und wieder war es kein Zufall, dass der offizielle Europatag in der EU am 9. Mai begangen wird. Nur was ist der Europatag heute - ein Tag der Freude über die erreichte Europäische Einigung oder ein Tag des Gedenkens an das Kriegsende in Europa? Er ist beides in Einem, denn dieser Tag vereint die Symbolkraft des Kriegsendes und des Neubeginns. Dieser Tag ist ebenso ein Symbol Europas geworden wie die Hymne „Ode an die Freude“ aus Beethovens Neunter Symphonie (schon wieder die Zahl 9!) und die blaue Flagge mit den Sternen. Die zwölf Sterne symbolisieren nicht die frühere Zahl der Mitglieder, sondern die Schöpfer wählten die Zwölf, weil sie als die vollkommene oder göttliche Zahl gilt (12 Apostel, 12 Monate usw.). Im Übrigen übernahm die EU die Flagge und Hymne 1986 vom Europarat. Zuvor diente der Europäischen Gemeinschaft ein eher hässlich anmutendes quadratisches weißes E auf grünem Grund als Flagge.

Mit der Erweiterung der EU im letzten Jahr kamen osteuropäische Staaten hinzu, für die der 9. Mai seit Kriegsende der Tag des Sieges über den Faschismus ist. Dass dieser Tag jetzt plötzlich auch Europatag sein soll, passt da weder „Europäern“ noch „Gestrigen“ ins Konzept. Die einen wollen den Europatag nicht in Verbindung mit Aufmärschen und Militärparaden bringen, die anderen kümmert dieser Tag schlichtweg nicht. Auch wenn man zum Beispiel am 1. Mai 2004 ausgelassen den Beitritt zur EU in Lettland feierte, so waren doch am 9. Mai fast ausnahmslos rote Fahnen (auch ein paar alte in der Variante mit Hammer und Sichel) auf den Straßen und Plätzen Rigas zu beobachten. Von blauen Flaggen mit Sternen keine Spur. Und trotzdem war Europatag! Dieser Tag spielt sich auch in den Köpfen der Menschen ab.

"In Europa leben seit Jahrhunderten Völker zusammen, die sich ihrer gemeinsamen Herkunft und ihrer kulturellen Verwandtschaft bewusst sind. Über Jahrhunderte haben sie sich als Nachbarn ergänzt und zusammengehörig gefühlt. Aber ohne feste Regeln und überstaatliche Einrichtungen konnte dieses Bewusstsein allein die Katastrophen nicht verhindern. "(Veröffentlichung der EU zum Europatag)

Ob nun 05.05. oder 09.05., der Europatag hat unweigerlich auch mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa zu tun. Dieser Tag soll uns Anlass zur Freude geben, dass die Menschen in Europa nach 1945 zur Einsicht gelangt sind, dass nur miteinander friedlich die Zukunft gestaltet werden kann. Dieser Tag soll aber auch Anlass zum Gedenken sein für die Opfer, die der Zweite Weltkrieg in Europa gekostet hat. Für beides sollte man sich an diesem Tag Zeit nehmen.

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