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Veranstaltungsberichte

Golf–EU-Beziehungen im Zeitalter strategischer Isolation

von Layan Ounis

Podiumsdiskussion beim Doha Forum 2025

Mit der zunehmenden geopolitischen Fragmentierung und dem Wiederaufleben von Elementen strategischer Isolation in der internationalen Politik gewinnen die Beziehungen zwischen den Golfstaaten und der Europäischen Union erneut an Bedeutung. Angesichts regionaler Krisen und sich verschiebender Machtverhältnisse teilen beide Regionen ein wachsendes Interesse daran, die Zusammenarbeit in den Bereichen Sicherheit, Energie, Wirtschaft und Diplomatie zu vertiefen. Wie können Europa und die Golfstaaten diese gemeinsamen Interessen in eine stärkere und effektivere Partnerschaft überführen?

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Vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Fragmentierung und einer Schwächung der regelbasierten internationalen Ordnung gewinnen die Beziehungen zwischen den Golfstaaten und der Europäischen Union zunehmend strategische Bedeutung. Da die globale Politik immer stärker von sich überlagernden Krisen geprägt ist – von den Kriegen in der Ukraine und im Gazastreifen bis hin zu einer sich verschärfenden Großmachtkonkurrenz und geoökonomischen Verwerfungen – sehen sich beide Regionen mit einem unsichereren und weniger vorhersehbaren internationalen Umfeld konfrontiert. In diesem Kontext gewinnt die Frage, wie Akteure aus dem Golfraum und Europa ihre Zusammenarbeit in den Bereichen Sicherheit, Wirtschaft, Energie und weiteren zentralen Feldern stärken können, neue Dringlichkeit.

 

Für beide Regionen stellt die aktuelle Lage ein Paradoxon dar: Während das internationale Umfeld volatiler und unberechenbarer wird, wird zugleich der Bedarf an einer vertieften Zusammenarbeit zwischen regionalen Partnern immer deutlicher.

 

Vor diesem Hintergrund brachte das Panel „Golf–EU-Beziehungen im Zeitalter strategischer Isolation“ politische Entscheidungsträgerinnen und -träger sowie Expertinnen und Experten aus Europa und den Golfstaaten im Rahmen des Doha Forum 2025 zusammen, einer der führenden regionalen Plattformen für den Dialog über globale Fragen und geopolitische Transformationen. Die Veranstaltung wurde gemeinsam organisiert vom Regionalprogramm Golfstaaten der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), dem Center for International Policy Research (CIPR), dem Gulf Research Center (GRC) sowie dem Italienischen Institut für Internationale Politische Studien (ISPI). Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich die Golf–Europa-Beziehungen an ein internationales Umfeld anpassen können, das von sich verschiebenden Machtverhältnissen und sich wandelnden regionalen Ordnungen geprägt ist.

 

Moderiert wurde die Diskussion von Caroline Kanter, stellvertretende Abteilungsleiterin für Europäische und Internationale Zusammenarbeit bei der KAS. Zu den Panelteilnehmenden zählten Dr. Majed Al-Ansari, Berater des Premierministers und offizieller Sprecher des Außenministeriums des Staates Katar, Dr. Norbert Röttgen, Mitglied des Deutschen Bundestages und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dr. Paolo Magri, Präsident des Beirats des ISPI, sowie Dr. Abdulaziz Sager, Gründer und Vorsitzender des Gulf Research Center.

 

Zu Beginn der Diskussion wurde betont, dass der gegenwärtige geopolitische Moment nicht lediglich als Phase des Isolationismus zu verstehen sei, sondern vielmehr als Ausdruck tiefgreifender struktureller Transformationen. Dr. Norbert Röttgen argumentierte, dass sich das internationale System zunehmend von den kooperativen Grundannahmen der Zeit nach dem Kalten Krieg entferne. Stattdessen spiegele die globale Politik immer stärker das wider, was er als ein „Zeitalter der Bullys“ bezeichnete, in dem Großmächte regionale Vorherrschaft und Einflusssphären anstrebten. In einem solchen Umfeld hätten Staaten, die weder globale Supermächte noch isolierte Akteure seien – wie europäische und Golfstaaten –, ein starkes Interesse daran, enger zusammenzuarbeiten, um gemeinsame Interessen zu verteidigen und einen stabilen internationalen Ordnungsrahmen zu bewahren.

 

Zugleich unterstrichen die Sprecherinnen und Sprecher, dass die Europäische Union und die Golfstaaten eine Reihe struktureller Gemeinsamkeiten aufweisen, die als Grundlage für eine vertiefte Partnerschaft dienen könnten. Beide Regionen bestehen aus heterogenen Staatengruppen, die jedoch vergleichbaren Belastungen durch Instabilität in ihren Nachbarregionen ausgesetzt sind. Dr. Majed Al-Ansari hob hervor, dass Entwicklungen im Nahen Osten häufig Rückwirkungen auf Europa hätten, insbesondere in Bereichen wie Migration, Energiesicherheit und regionale Stabilität. Diese gegenseitigen Abhängigkeiten machten eine engere Zusammenarbeit zwischen dem Golfraum und Europa sowohl logisch als auch zunehmend notwendig.

 

Die sicherheitspolitische Zusammenarbeit erwies sich als eines der unmittelbarsten Felder für eine Vertiefung der Partnerschaft. Dr. Abdulaziz Sager betonte, dass die Golf–Europa-Zusammenarbeit bereits Bereiche wie maritime Sicherheit, Terrorismusbekämpfung und den Austausch von Geheimdienstinformationen umfasse. Gleichzeitig verändere sich das Bedrohungsspektrum rasant. Neben konventionellen Risiken müssten beide Regionen zunehmend Herausforderungen wie Cyberbedrohungen und den Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur bewältigen. Die Sicherung globaler Seewege und Lieferketten – von zentraler Bedeutung für Energieexporte aus dem Golf, stabile globale Energiemärkte und die wirtschaftliche Stabilität Europas – bleibe daher eine gemeinsame strategische Priorität.

 

Darüber hinaus betonten die Teilnehmenden, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Golfraum und Europa ein erweitertes Verständnis von Energiesicherheit erfordern müsse, das über die klassische Öl- und Gasdebatte hinausgehe. Während Europa seine Energieversorgung grundlegend transformiere und die Golfstaaten parallel technologische und energetische Transformationsprozesse vorantreiben, eröffne diese Dynamik neue Kooperationsmöglichkeiten, etwa im Bereich der Energiewende und technologischen Innovation.

 

Die wirtschaftlichen Beziehungen bilden eine weitere zentrale Säule des EU–Golf-Engagements, wenngleich die Diskussionsteilnehmenden auf erhebliche ungenutzte Potenziale hinwiesen. Europa zählt weiterhin zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern der Golfstaaten, doch die institutionellen Rahmenbedingungen hätten nicht mit dem Ausmaß der wirtschaftlichen Verflechtung Schritt gehalten. Als deutliches Beispiel für diese Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Interdependenz und institutionellem Fortschritt wurden die seit Jahren andauernden, bislang ergebnislosen Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Golf-Kooperationsrat (GCC) genannt.

 

Neben sicherheits- und wirtschaftspolitischen Aspekten wurden auch Chancen für eine verstärkte Zusammenarbeit in der Diplomatie und Konfliktlösung hervorgehoben. Dr. Majed Al-Ansari verwies auf die wachsende Rolle der Golfstaaten in Mediationsinitiativen, die häufig in flexiblen Koalitionen mit europäischen Partnern umgesetzt würden. Solche Formate zeigten, wie unterschiedliche Akteure diplomatischen Zugang, politischen Einfluss und wirtschaftliche Ressourcen bündeln könnten, um Konfliktlösungen zu unterstützen. Auch der Wiederaufbau nach Konflikten – insbesondere in Syrien – wurde als potenzielles Feld identifiziert, in dem sich europäische technische Expertise und die finanzielle Leistungsfähigkeit der Golfstaaten sinnvoll ergänzen könnten.

 

Auf gesellschaftlicher Ebene betonten die Diskutierenden, dass nachhaltige Partnerschaften neben institutioneller Zusammenarbeit auch starke zwischenmenschliche Kontakte erforderten. Dr. Paolo Magri hob die Bedeutung akademischer Austauschprogramme, gemeinsamer Forschungsprojekte sowie von Initiativen wie Erasmus+ und Horizon Europe für den Aufbau gegenseitigen Verständnisses hervor. Die Stärkung dieser gesellschaftlichen Verbindungen könne dazu beitragen, Stereotype abzubauen und das für eine langfristige Zusammenarbeit notwendige Vertrauen zu fördern.

 

Zudem wurde die sensible Frage von Werten und Wahrnehmungen in den EU–Golf-Beziehungen angesprochen. Mehrere Sprecherinnen und Sprecher plädierten dafür, den Dialog über Werte auf der Grundlage gegenseitigen Respekts zu führen, insbesondere vor dem Hintergrund von Debatten über wahrgenommene Doppelstandards in der internationalen Politik. Der Aufbau von Glaubwürdigkeit und Kohärenz im internationalen Handeln sei entscheidend für die Stärkung des Vertrauens zwischen den Partnern.

 

Insgesamt machte das Panel deutlich, dass die EU–Golf-Beziehungen über ein erhebliches, bislang nicht ausgeschöpftes Potenzial verfügen. In Bereichen von maritimer Sicherheit und Energietransformation bis hin zu Diplomatie und wirtschaftlicher Zusammenarbeit bringen beide Regionen komplementäre Fähigkeiten und gemeinsame strategische Interessen ein. Wie die Teilnehmenden wiederholt betonten, werde der Erfolg dieser Beziehungen jedoch weniger von Absichtserklärungen abhängen als von der Fähigkeit, Dialog in konkrete politische Initiativen zu übersetzen.

 

In diesem Sinne kehrt die Diskussion zum zentralen Thema des Panels zurück: ob das aktuelle geopolitische Umfeld ein Zeitalter strategischer Isolation darstellt oder eine Chance für neue Formen regionaler Zusammenarbeit bietet. Während das internationale System zunehmend fragmentiert erscheint, legte die Diskussion beim Doha Forum 2025 nahe, dass eine engere Koordinierung zwischen Europa und den Golfstaaten einen wichtigen Stabilitätsanker in einer immer unsichereren Welt bilden könnte.

 

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Leiter des Regionalprogramms Golf-Staaten
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Projekt-Managerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin
layan.ounis@kas.de +962 6 5929777 ext.: 218

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