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Veranstaltungsberichte

Schrittweise und Rückkehrmigration zwischen dem Golf, Europa und Nordamerika

von Layan Ounis

Wie schneiden die GCC-Staaten im globalen Wettbewerb um Talente ab?

Während die Volkswirtschaften der Golfstaaten ambitionierte Diversifizierungsstrategien verfolgen, gewinnt die An-werbung und Bindung hochqualifizierter Fachkräfte zunehmend an Bedeutung. Dennoch betrachten viele Migrantin-nen und Migranten die Region weiterhin eher als eine Zwischenstation denn als langfristiges Ziel. Warum verlassen hochqualifizierte Fachkräfte den Golfraum – und warum kehren manche von ihnen zurück? In Riad kamen Expertinnen und Experten zusammen, um das Phänomen der schrittweisen und der Rückkehrmigration zwischen dem Golf, Europa und Nordamerika zu diskutieren. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie rechtliche Unsicherheit, berufliche Mobilität und langfristige Bleibeperspektiven die sich wandelnden Mobilitätsstrategien hochqualifizierter Migrantinnen und Migranten prägen

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Vor dem Hintergrund ambitionierter wirtschaftlicher Diversifizierungsprogramme und des Ausbaus wissensbasierter Sektoren ist die Anziehung und Bindung hochqualifizierter internationaler Arbeitskräfte für die Golfstaaten zu einer strategischen Priorität geworden. In diesem Kontext kamen am 2. Dezember 2025 Expertinnen und Experten im Gulf Research Center in Riad zusammen, um neue Mobilitätsmuster zwischen dem Golf, Europa und Nordamerika zu analysieren. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Phänomen der schrittweisen und der Rückkehrmigration unter hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten.

 

Der Workshop war Teil des gemeinsamen Forschungsprojekts „Highly Skilled Migration to the Gulf States: How do GCC Countries Fare in the Global Competition for Talent?“, das in Kooperation mit dem Gulf Research Center (GRC) und dessen Programm Gulf Labour Markets, Migration and Population (GLMM) durchgeführt wird. Die Veranstaltung bot den am Projekt beteiligten Autorinnen und Autoren die Gelegenheit, ihre Forschungsergebnisse vorzustellen und zu diskutieren. Im Mittelpunkt standen dabei die Triebkräfte der Weiterwanderung aus dem Golfraum sowie die weiterreichenden Auswirkungen dieser Mobilitätsmuster auf die Talentbindung in der Region.

 

Aufbauend auf Politikberichten, Synthesepapieren und Umfrageergebnissen, die im Rahmen des Projekts erarbeitet wurden, beleuchteten die Diskussionen, wie sich hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten auf globalen Arbeitsmärkten bewegen und in welcher Weise ihre Mobilitätsentscheidungen mit den umfassenderen wirtschaftlichen Transformationsstrategien der Golfstaaten verknüpft sind

 

Der Golf als Talent-Hub – aber kein endgültiges Ziel?

In den Workshop-Diskussionen und den präsentierten Forschungsergebnissen zeigte sich wiederholt, dass der Golfraum aufgrund wettbewerbsfähiger Gehälter, hoher Sicherheit, hochwertiger Infrastruktur und dynamischer Arbeitsmärkte weiterhin ein attraktives Ziel für internationale Fachkräfte darstellt. Diese Vorteile haben es den Golfstaaten ermöglicht, sich als bedeutende Migrationszentren innerhalb des Globalen Südens und als wichtige Akteure im globalen Wettbewerb um Talente zu etablieren.

 

Gleichzeitig betrachten viele hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten die Region weiterhin eher als temporäre Station denn als langfristigen Lebensmittelpunkt. Trotz beruflicher Chancen und vergleichsweise hoher Lebensstandards bleibt eine dauerhafte Niederlassung für viele begrenzt. Das Fehlen verlässlicher und vorhersehbarer Wege zu dauerhaften Aufenthaltsrechten oder zur Staatsbürgerschaft schafft einen Zustand, der als „permanente Temporarität“ beschrieben wird und die langfristigen Lebensstrategien sowie Mobilitätsentscheidungen von Migrantinnen und Migranten maßgeblich prägt.

 

Die im Workshop vorgestellten Studien konzentrierten sich insbesondere auf die Erfahrungen hochqualifizierter Migrantinnen und Migranten aus Ländern des Globalen Südens, die einen erheblichen Anteil der ausländischen Erwerbsbevölkerung in den Arbeitsmärkten der Golfstaaten stellen. Für diese Gruppe werden Migrationsentscheidungen häufig durch strukturelle Rahmenbedingungen beeinflusst, die sowohl die berufliche Mobilität als auch langfristige Bleibeperspektiven betreffen. In der Folge wird der Golfraum häufig als eine Etappe innerhalb umfassender transnationaler Karriereverläufe wahrgenommen, in der berufliche Erfahrung gesammelt wird, bevor längerfristige Migrationsoptionen in anderen Regionen in Betracht gezogen werden.

 

Strukturelle Treiber der Weiterwanderung

Die Präsentationen während des Workshops identifizierten mehrere Faktoren, die erklären, warum viele hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten aus dem Globalen Süden, die im Golfraum tätig sind, nach mehreren Jahren einen Wechsel nach Europa und/oder Nordamerika in Erwägung ziehen

 

Ein zentrales Problem besteht in den begrenzten Möglichkeiten für langfristige Aufenthalts- oder Einbürgerungsperspektiven. Zwar haben jüngere politische Initiativen – darunter langfristige Aufenthaltsprogramme in mehreren Golfstaaten – versucht, mehr rechtliche Stabilität zu schaffen, doch bleibt der Zugang zu diesen Programmen selektiv und an spezifische berufliche oder finanzielle Kriterien geknüpft.

 

Ein weiterer zentraler Begriff in den Diskussionen war die „Staatsangehörigkeitsstrafe“ (citizenship penalty), die beschreibt, wie Nationalität oder die „Stärke“ eines Passes die Arbeitsmarktergebnisse im Golfraum beeinflussen kann. In der Praxis kann dies Auswirkungen auf Lohnniveaus, Aufstiegschancen und berufliche Mobilität haben und trotz vergleichbarer Qualifikationen und Berufserfahrung zu nationalitätsbasierten „gläsernen Decken“ führen. Auch wenn diese Dynamiken je nach Sektor und Land variieren, wurde betont, dass solche Hierarchien die langfristigen beruflichen Perspektiven von Migrantinnen und Migranten beeinflussen und somit ihre Entscheidung prägen, im Golfraum zu bleiben oder anderswo Chancen zu suchen.

 

Darüber hinaus wurden Fragen der Arbeitsmarktsteuerung und der arbeitsrechtlichen Regulierung als wichtige Faktoren für die Wahrnehmung von Arbeitsplatzsicherheit und beruflicher Mobilität hervorgehoben. Trotz Reformen in mehreren Golfstaaten, die auf mehr Flexibilität und besseren Arbeitnehmerschutz abzielen, können Umsetzungsdefizite und institutionelle Einschränkungen weiterhin beeinflussen, wie Migrantinnen und Migranten ihre langfristigen Karrierechancen in der Region bewerten.

 

Brain Drain oder Brain Circulation?

Anstatt von einem klassischen „Brain Drain“ zu sprechen, betonten viele Teilnehmende, dass heutige Migrationsmuster zunehmend zirkuläre oder schrittweise Mobilitätsstrategien widerspiegeln. In diesen Verläufen verfolgen Migrantinnen und Migranten häufig die Strategie, zunächst im Golfraum zu arbeiten, um berufliche Erfahrung zu sammeln, und anschließend nach Europa oder Nordamerika weiterzuwandern – etwa mit dem Ziel, dauerhafte Aufenthaltsrechte, die Staatsbürgerschaft oder international anerkannte Qualifikationen zu erlangen.

 

Für einige stellt diese Weiterwanderung keinen endgültigen Abschied vom Golfraum dar. Vielmehr ist sie Teil einer langfristigen Strategie, bei der rechtliche Sicherheit oder berufliche Qualifikationen im Ausland erworben werden, um später unter verbesserten Bedingungen in die Arbeitsmärkte der Golfstaaten zurückzukehren. Dieser Prozess wird zunehmend als „Brain Circulation“ beschrieben und verdeutlicht den mehrstufigen und transnationalen Charakter zeitgenössischer hochqualifizierter Migration.

 

Ausblick: Politische Handlungsoptionen und neue Reformansätze

Die Teilnehmenden des Workshops diskutierten zudem, wie die Golfstaaten auf diese sich wandelnden Migrationsdynamiken reagieren. Jüngere politische Initiativen – darunter langfristige Aufenthaltsprogramme wie die Golden Visa oder Premium-Residency-Modelle – zielen darauf ab, hochqualifizierte Fachkräfte stärker zu binden und mehr rechtliche Stabilität zu bieten. Diese Programme haben zu einer größeren Flexibilität der Migrationssysteme beigetragen, insbesondere indem sie es bestimmten Migrantinnen und Migranten ermöglichen, ihren Aufenthaltsstatus von einem einzelnen Arbeitgeber zu entkoppeln und längerfristige Aufenthaltstitel zu erhalten. Gleichzeitig wurde betont, dass diese Programme weiterhin stark selektiv sind und die tieferliegenden strukturellen Ursachen der Weiterwanderung nur teilweise adressieren.

 

Mehrere Teilnehmende unterstrichen daher die Bedeutung umfassenderer Ansätze zur Talentbindung. Dazu zählen die Ausweitung leistungsbasierter Aufenthaltswege, eine höhere Transparenz auf den Arbeitsmärkten, die Stärkung von Arbeitnehmerschutzrechten sowie die Anerkennung der langfristigen Beiträge ausländischer Einwohnerinnen und Einwohner zu den Gesellschaften der Golfstaaten.

 

Die im Workshop gewonnenen Erkenntnisse leisten somit einen Beitrag zu laufenden politischen und wissenschaftlichen Debatten darüber, wie die Golfstaaten internationale Talente besser anziehen und langfristig binden können. Der Workshop war Teil der fortlaufenden Forschungskooperation zwischen dem GLMM/GRC und dem KAS-Regionalprogramm Golfstaaten zur hochqualifizierten Migration in und aus der Golfregion. Er bot den beteiligten Autorinnen und Autoren die Möglichkeit, ihre analytischen Ergebnisse vorzustellen, zu diskutieren und Rückmeldungen von Expertinnen, Experten und weiteren Stakeholdern zu erhalten.

 

Publikationen aus dem Projekt werden in den kommenden Wochen erwartet

 

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Kontakt Philipp Dienstbier
Philipp Dienstbier_Portrait
Leiter des Regionalprogramms Golf-Staaten
philipp.dienstbier@kas.de +962 6 59 24 150
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Layan Ounis
Projekt-Managerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin
layan.ounis@kas.de +962 6 5929777 ext.: 218

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