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Veranstaltungsberichte

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Vision 2030 Saudi-Arabiens: Kontinuität und Wandel

von Nicolas Reeves

Workshop in Berlin

Am 8. Juli 2025 empfing das Regionalprogramm Golf-Staaten der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) eine Delegation junger saudischer Experten vom King Faisal Center for Research and Islamic Studies (KFCRIS) zu einem Workshop in der Akademie der Stiftung in Berlin. Thema war der gesellschaftliche Wandel im Königreich Saudi-Arabien im Rahmen der Vision 2030.

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Die im April 2016 angekündigte Vision 2030 des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman entwirft das Bild eines künftigen Königreichs Saudi‑Arabien, das offener ist und den Menschen im Land mehr Chancen bietet. Entsprechend unterscheidet sich das heutige Saudi‑Arabien deutlich von dem Land, das es noch vor zehn Jahren war. Frauen dürfen Auto fahren. Die Geschlechtertrennung in Restaurants und Cafés wird nicht mehr durchgesetzt. Die einst gefürchtete Religionspolizei patrouilliert nicht länger durch die Straßen des Königreichs, um Verstöße gegen den früheren, ultra‑konservativen Katalog gesetzlich vorgeschriebener öffentlicher Verhaltensweisen zu ahnden.

 

Am 8. Juli 2025 empfing das Regionalprogramm Golf‑Staaten der Konrad‑Adenauer‑Stiftung (KAS) eine Delegation junger Saudis vom King Faisal Center for Research and Islamic Studies (KFCRIS) zu einem Workshop in der Akademie der Stiftung in Berlin. Im Mittelpunkt stand der gesellschaftliche Wandel im Königreich Saudi‑Arabien im Rahmen der Vision 2030. An der Veranstaltung nahmen über 30 Teilnehmer aus Universitäten, Denkfabriken, staatlichen Institutionen sowie der interessierten Öffentlichkeit teil. Ziel war es, die gesellschaftlichen Auswirkungen der ambitionierten nationalen Reformagenda Saudi‑Arabiens differenziert zu analysieren. Die Diskussionen vermittelten ein vertieftes Verständnis der gegenwärtigen Veränderungen in der saudischen Gesellschaft und ihrer regionalen Ausstrahlung, das über Schlagzeilen oder oberflächliche Eindrücke aus den sozialen Medien hinausging.

 

Nach den Begrüßungsworten von Dr. Thomas Volk, Leiter der Abteilung Naher Osten und Nordafrika der KAS, und einer Eröffnungsrede von Dr. Mark Thompson, Senior Research Fellow und Leiter des Programms für Sozioökonomie bei KFCRIS, widmete sich die erste Sitzung des Workshops der Frage, wie die saudische Gesellschaft die im Rahmen der Vision von oben angestoßenen Veränderungen verarbeitet. Beiträge von Dr. Sheemah Alenezi, Dozentin an der Universität Al Jouf in der nördlichen Grenzprovinz, sowie Mohammed Al Munif, einem gebürtigen Einwohner der Stadt Nadschran und Leitender Spezialist für Beschaffung beim Giga-Projekt NEOM, verdeutlichten, dass Reformen auf dem Papier sich weiterhin in ein Gefüge tief verwurzelter gesellschaftlicher Institutionen wie Familie und Stamm einfügen müssen. Trotz der zunehmenden Mobilität der jüngeren Generation bleiben diese Strukturen insbesondere bei lebensprägenden Entscheidungen, etwa der Wahl eines Ehepartners, von großer Bedeutung.

 

Aufbauend auf der Diskussion zur Binnenmigration befasste sich die zweite Sitzung mit den Auswirkungen der Vision 2030 auf Erwartungen und Lebensrealitäten junger Männer und Frauen im Königreich. Die von Kronprinz Mohammed bin Salman angestoßenen Reformen haben vor allem die wirtschaftlichen Perspektiven junger Saudis grundlegend verändert. Anders als ihre Eltern können sie nicht mehr mit einer gut bezahlten Anstellung im öffentlichen Dienst als Selbstverständlichkeit rechnen. Stattdessen wird erwartet, dass sie im privaten Sektor produktive Beschäftigung finden. Viele ziehen daher aus früheren Zentren des vom Öl angetriebenen Wirtschaftswachstums, etwa der Ostprovinz, in die Hauptstadt Riad. In dieser Sitzung gaben Dr. May Al Dubayan, Assistenzprofessorin an der Universität Al Yamamah, und Ahmad Alrkad, Leiter des Strategischen Managementbüros des Wohltätigkeitskomitees für die Betreuung von Waisen in Hafr Al Batin (Charity Committee for Orphans Care in Hafr Al Batin – TRAOF), Einblicke in die sozioökonomischen Belastungen und Chancen, die mit den Erwartungen der Vision 2030 an junge Menschen verbunden sind. Besonders hervorgehoben wurde das Entstehen einer „Zertifizierungskultur“ als Folge des intensiven Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt. Diese starke Konkurrenz zwingt junge Saudis, neben akademischen Abschlüssen zusätzliche berufliche Zertifikate zu erwerben. Zugleich hat die Inflation die Lebenshaltungskosten junger Menschen, die in der Hauptstadt nach beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten suchen, deutlich erhöht – bis zu dem Punkt, dass der Kronprinz zwei Monate nach dem Workshop im September 2025 eine fünfjährige Mietpreisbindung anordnete.

 

Zum Abschluss richtete der Workshop den Blick über die Grenzen des Königreichs hinaus auf die regionalen Auswirkungen der Vision 2030. Die Teilnehmer waren sich einig, dass die gesellschaftlichen Reformen Saudi‑Arabiens in der arabischen Welt eine erhebliche Resonanz ausgelöst haben. In vielen Nachbarstaaten wird dem Königreich zunehmend eine neue Orientierungs‑ und Führungsrolle zugeschrieben, die seinem wirtschaftlichen Gewicht entspricht. Durch seine differenzierte und vielschichtige Betrachtung der gesellschaftlichen Veränderungen unter der saudischen Vision 2030 vermittelte der Workshop den Teilnehmern wertvolle Einblicke in die Auswirkungen der Reformen, innerhalb des Königreichs sowie darüber hinaus.

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