Veranstaltungsberichte

Globalisierung und Kosmonautik

Im Rahmen der Reihe "Grenzen in Zeiten der Entgrenzung"

Am 27. Oktober fand die zweite Abendveranstaltung der Reihe „Grenzen in Zeiten der Entgrenzung“ im Dresdner Stadtmuseum statt. Die mit circa 150 Zuhörern, darunter etwa die Hälfte Studierende der TU Dresden, wie auch in der Vorwoche sehr gut besuchte Veranstaltung wurde zunächst von Dr. Joachim Klose eingeleitet. Dabei zeichnete er kurz die unterschiedlichen Lesarten des Begriffs Kosmonautik nach, der keineswegs allein auf die Raumfahrt zu beziehen sei, sondern auch auf die Frage hinweise, wo wir die konkreten Grenzen unserer Ordnungsvorstellungen sehen.

Der Vortrag mit dem Titel „Globalisierung und Kosmonautik. Unsere Erde im Rückblick – technisch, kulturell und politisch“ wurde von Professor Hermann Lübbe gehalten. Der Vortrag nahm seinen Ausgang von einer Phänomenbeschreibung des technischen Fortschritts. Dieser habe dazu geführt, dass sich die Erde bei Nacht aus dem All besehen nicht mehr als eine Ansammlung von einzelnen Punkten oder scharf abgegrenzten Flächen, sondern als ineinander verwobene Lichtbänder darstellt. Eine Auflösung der Grenzen scheint aus dieser Perspektive offensichtlich, wobei das basale Kennzeichen des Fortschritts die Entkoppelung von Verkehrs- und Kommunikationsnetzen ist. Jene waren bis in das 19. Jahrhundert stets verbunden. Eine Folge dieses Abkopplungsprozesses ist die immer offensichtlicher werdende Herausforderung, das Kommunikationsverhalten überhaupt noch rational halten zu können.

In einem zweiten Schritt verdeutlichte Lübbe, dass es im Zuge der voranschreitenden technischen Modernisierung und Entgrenzung zu einem gegenläufigen Trend bei der Grenzziehung von Nationalstaaten gekommen ist. Es finden sich heute um ein Vielfaches mehr national abgegrenzte Territorien als noch vor 100 Jahren. Dabei zeige sich, dass Selbstbehauptungsversuche mit dem Ziel nationaler Autarkie in der Moderne zum Scheitern verurteilt sind.

Abschließend machte Hermann Lübbe am Beispiel der Europäischen Union deutlich, welche Grenzen wiederum der Versuch habe, über Nationalstaaten hinweg Steuerungsleistungen für die einzelnen Mitglieder zu erbringen. Dabei zeichnete er nach, dass die – vor allem deutsche – Idee einer Aufgabe der „Kleinstaaterei“ in Europa sich nicht umsetzen lasse. Grund dafür sei, dass es dazu einer Aufgabe nationaler Souveränitätsrechte bedürfte, die sich aber nicht durchsetzen lasse. Als aktuelles Beispiel nannte er die Migrationsbewegungen und den Umgang in der EU mit diesem Problem. Lübbe hält es deshalb für geboten, die EU auf lange Sicht als eine „kulturell gehobene Freihandelszone“ zu verstehen. Erfolgversprechender sei demgegenüber die Strategie wirkungsvoll durchgesetzter Subsidiarität wie sie bspw. in den USA oder auch der Schweiz zu beobachten sei.

In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem auf die Frage eingegangen, wie die weitere Entwicklung der Europäischen Union aussehen könne und ob es zu einer „Revision“ kommen werde, bei der die Nationalstaaten wieder stärker an Gewicht gewönnen. Die Antwort darauf wurde von Hermann Lübbe erneut mit der aktuellen Flüchtlingskrise verbunden, in welcher deutlich sichtbar werde, dass es für die Bewältigung mancher Aufgaben gerade der nationalstaatlichen Regelungen und des jeweiligen Selbstverständnisses bedürfe. Weitere Fragen kreisten etwa darum, welche Rezepte es für die Bewältigung der aktuellen Krise geben könne. Hermann Lübbe sprach in diesem Kontext von einer Überforderung, der man nur Herr werden könne, wenn viele Mechanismen zusammenwirken. Keine der Maßnahmen, wie etwa der Glaube, es zu schaffen, ein schnelle Rückführung nicht Bleibeberechtigter, der privilegierte Umgang mit anerkannten Asylsuchenden oder die zunächst nur temporäre Aufenthaltsgenehmigung mit späterer Rückführung, seinen allein zur Lösung geeignet.

Von Dr. Stephan Dreischer

Grenzen in Zeiten der Entgrenzung Friedemann Brause