Veranstaltungsberichte

Improvisation, Findigkeit, Beziehungen

Das Konsumverhalten der ehemaligen DDR-Bürger

Versorgungsprobleme prägten den Alltag in der DDR Zeit ihres Bestehens. Dabei spielten die überall und ständig sichtbare Schlangen vor Läden und Kaufhallen eine große Rolle, da die Menschen dort viel freie Zeit mit der – oft vergeblichen und ob ihrer Erfolglosigkeit frustrierenden – Suche nach zufällig irgendwo im Angebot befindlichen „Mangelwaren“ verbrachten. Mangel hieß dabei nicht, von den ersten Nachkriegsjahren einmal abgesehen, Hunger. Vielmehr schaffte es die staatlich gelenkte Wirtschaft der DDR zu keinem Zeitpunkt, die im Laufe der Jahrzehnte wachsenden und sich verändernden Wünsche der Bürger zu befriedigen.

Die Erinnerung an den zermürbenden Alltag und seine Probleme, denen selbst die SED-Führung „systemsprengende Kraft“ zuerkannte, scheint mittlerweile einer starken Relativierung zu unterliegen. Schon kurze Zeit nachdem die Bürger der DDR durch ihr Kaufverhalten dazu beigetragen hatten, dass fast alle bisher bekannten und als „Ostprodukte“ identifizierbaren Waren flächendeckend aus den Läden verschwanden, setzte eine Renaissance der bis dato geschmähten Ostwaren ein. Diese waren nun nicht mehr hässlich und minderwertig, sondern strahlten den „Geschmack der Heimat“ aus; waren „eine von uns“ – also unverfälscht und echt, so die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Dr. Anna Kaminsky.

Ergänzt wird dies durch eine zum Kult gewordene Hinwendung zu allem, was man einst an der DDR gering schätzte: “Ostalgiepartys” erfahren einen selbst für ehemalige Funktionsträger verblüffenden Zulauf. Eine Vielzahl von Produktrevivals, Wandkalendern, Quartettspielen und Postkartensets, die ihre Sujets aus der Waren- und Alltagswelt der DDR schöpfen und mit dem Slogan „Der Geschmack der Heimat“, für sich werben, behaupten sich erfolgreich am Markt. Da fährt "Sandmännchen im Trabiland", erstehen Vita Cola und Saure Drops auf Etikettenquartetten wieder und wecken mittlerweile nur noch nostalgische Erinnerungen an die vergangene Einkaufswelt. Im Gegensatz dazu wurden die Produkte westlicher Machart als beliebig und trotz bunter Verpackung ununterscheidbar wahrgenommen. Während man für sich selbst in Anspruch nahm, mehr zu sein als zu scheinen, wurde den Westdeutschen und ihren Waren nunmehr genau das Gegenteil unterstellt.

Verbunden mit einer nach 1990 erlebten Orientierungs- und Identitätslosigkeit, scheint das einstige Erregungspotential eines aus frustrierenden Einkaufserlebnissen bestehenden Alltags in seiner Mühseligkeit nicht mehr vorstell- und erinnerbar. An seine Stelle ist für viele Bürger der einstigen DDR eine andere Frustration getreten.

Für diese Rückwendung zur DDR wird neben den enttäuschten Erwartungen an das Leben im vereinten Deutschland auch die verbreitete Verständnislosigkeit vieler Westdeutscher dem alltäglichen Leben in der DDR gegenüber als Argument ins Feld geführt. Viele Ostdeutsche verbinden ihre Erfahrungen nach der ersten Euphorie des Mauerfalls einerseits mit einem auffälligen Desinteresse und andererseits zahlreichen Vorurteilen dem Alltagsleben der DDR-Bürger gegenüber.

Den Vortrag von Dr. Michael Richter, Historiker am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung zum selben Thema können Sie hier als PDF herunterladen.