Veranstaltungsberichte

Stadtpräsident Dutkiewicz spricht über Polens Weg in die Freiheit

von Jonas Lietz
Mit der Veranstaltungsreihe „20 Jahre deutsche Einheit“ im Leipziger Museum der Bildenden Künste erinnert die Konrad-Adenauer-Stiftung an die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung. Dabei werden historische Ereignisse im Hinblick auf ihre Pionierfunktion und Parallelen zur deutschen Geschichte betrachtet. Der Focus des Vortrags am 15. September lag auf der Revolution in Polen. Rafał Dutkiewicz, Stadtpräsident von Breslau, war eingeladen, um im Blick auf Ostdeutschland die Frage: „Geschenkte versus erkämpfte Demokratie?“ zu erhellen.

Die stellvertretende Direktorin des Polnischen Instituts Leipzig, Agnieszka Surwiłło-Hahn, sprach einleitend über die historische Rolle Polens. Ihrer Meinung nach war Polen ein „Land auf Rädern“, das nach 1989 endlich zu sich selbst fand.

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Rafał Dutkiewicz (Zweiter von links) im Anschluss der Diskussion.

Rafał Dutkiewicz schilderte zunächst kurzweilig und anschaulich den langen Weg Polens in die Freiheit. Ausgangspunkt seiner Darstellungen war der Zweite Weltkrieg. Sechs Millionen Polen sind unter den Opfern dieses Krieges zu beklagen. Besonders deutlich ist noch heute die Auslöschung der polnischen Intelligenz zu spüren.

Auf die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkrieges folgte die kommunistische Diktatur. Rasch bildete sich Widerstand, der aus dem Untergrund heraus agierte. Als 1978 mit Johannes Paul II. ein Pole zum Papst gewählt wurde, verspürten die Menschen mehr Mut. „Polizei und Kommunismus wirkten nicht mehr so stark.“ Seit Anfang der 80er Jahren engagierte sich auch Dutkiewicz bei der Solidarność. Wenn er an diese Zeit zurückdenke, so sei er sich stets bewusst gewesen, dass es eine „graue – eine schwere Zeit“ für das polnische Volk war. Aber auch in den Jahren des Umbruchs ist alltägliches Leben gelebt worden. So lernte Dutkiewicz unter anderem seine zukünftige Frau kennen.

Ein neues Polen machte sich nach den ersten weitgehend freien Wahlen im Juni 1989 auf den Weg. Die alten Machthaber konnten die Entwicklung nicht mehr aufhalten. Dutkiewicz betonte, dass die Demokratie hart erkämpft worden war – ein hoher Preis wurde dafür in Kauf genommen. Er fügte an, dass ohne die polnische Bewegung der Fall der Berliner Mauer schwer möglich gewesen wäre. Die Polen hätten längst vor der Friedlichen Revolution in der DDR Widerstand gewagt.

Der Blick des polnischen Volkes ging und geht stets nach Vorn. Bedeutsam sei vor allem der EU-Beitritt 2004 gewesen. Dutkiewicz sieht darin neue Chancen und eine rasche Modernisierung des Landes. Einen Fortschritt Polens könne man nicht nur als Besucher seiner Stadt Breslau klar erkennen. Die Energie, die 1989 spürbar war, bleibt wahrscheinlich einmalig. Politisch müsse aber noch einiges getan werden. „Die erkämpfte Demokratie sei noch etwas unreif“, so Dutkiewicz. Er verwies auf die vierzehn Ministerpräsidenten, die innerhalb von zwanzig Jahren „verschlissen“ wurden.

Nur durch hilfreiches Schicksal und Gottvertrauen hätte Polen letztendlich seinen Weg so einschlagen können. „Es ist jetzt die richtige Zeit, um noch mehr zu erreichen.“

Rafał Dutkiewicz (Jg. 1959) studierte Mathematik an der Technischen Hochschule Breslau. Er promovierte 1985 und arbeitete zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Bereits seit Anfang der 80er Jahre engagierte er sich bei der Solidarność und wurde 1989 Sekretär und Vorsitzender des Bürgerkomitees in Breslau. In den 90er Jahren war er Mitbegründer und Teilhaber einer Vermittlungsagentur für Leitungspersonal. 2002 wurde Dutkiewicz als unabhängiger Kandidat zum Stadtpräsidenten von Breslau gewählt. Des Weiteren gehört er zu den Mitbegründern des Internetportals „Bürgerbewegung Polska XXI“, das eine Diskussion über eine Verfassungsänderung und Reformen in Polen initiieren will.