Veranstaltungsberichte

Veranstaltungsreihe "GlücksOrte" I

Rückblick zu den Veranstaltungen vom 08. Mai bis 5. Juni

Was ist Glück? Der römische Historiker Marcus Tentio Varro zählte schon in der Antike 288 Glücksdefinitionen auf. Seit jeher geben eine Fülle von Ratgebern Empfehlungen, wie man schnell und bequem zum ersehnten Glück gelangt. Ist dieses wirkliche so einfach zu bestimmen? Was soll ich tun, um glücklich zu sein? Wohlstand und Eigentum, Anerkennung und Freundschaft, Sinnerfüllung und Wahrheit, was macht glücklich?

GlücksOrt Glaube

8. Mai 2012

Professorin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz begann die Suche nach dem „GlücksOrt Glaube“ mit dem 19. Jahrhundert. Zu einer Zeit, in der Philosophen wie Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche eher von einer „Absetzung des Glücks“ sprachen und des Menschen Aufgabe nicht in der Glückssuche verorteten. Eine neue Perspektive entwickelte sich mit der Freudschen Theorie des Glücks als Bedürfnisbefriedigung. Der Moment der Lust und deren Stillung genügen dem Glücksbegriff Gerl-Falkowitz zufolge allerdings nicht, da Glück nicht nur auf die Biologie reduziert werden kann. Man müsse darüber hinaus gehen.

Religiöse Bilder

Zur Betrachtung skizzierte sie das Glück in seinem Ursprung als Stromerfahrung. Ein Strom, dem man sich so sehr hingibt, dass man sein Handeln dabei nicht mehr selbst reflektiert. Desweiteren impliziert das Wort Glück in seiner Herkunft als „Ge-Lücke“ den Gedanken der Öffnung bzw. der passgenauen Schließung einer Öffnung. In den Religionen finden sich verschiedene Glücksbilder, die über die animalische Befriedigung hinausgehen. Glück ist dann gleichzeitig Ort und Ziel des Lebens. Zum Abschluss stellte die Referentin die Frage nach dem vollendeten Glück. Geprägt ist dieses von der Hoffnung und dem Vertrauen, die Todesgrenze zu überschreiten. Alle Religionen wissen um einen Ort oder Zustand, den der Mensch verlassen hat. Glück ist damit eine Rückkehr nach „Hause“ zum vollendeten Glück. Die Religionen und der Glaube haben die Aufgabe den Menschen auf dem Weg dorthin zu begleiten.

GlücksOrt Film

15. Mai 12

Zum dritten Glücksort lud das Bildungswerk Dresden die Teilnehmer in das Thalia Kino ein. Gezeigt wurde der Film „Über uns das All“ von Regisseur Jan Schomburg. im Anschluss konnte man mit ihm und der Hauptdarstellerin Sandra Hüller zum Thema Glück im Film ins Gespräch zu kommen.

Eine Einleitung in den Abend gab Florian Hofmann, pädagogischer Mitarbeiter im Bildungswerk Dresden. Er bezeichnete Filme als Möglichkeit, in das Leben von Personen hinein zu blicken, die genau wie der Zuschauer auf der Suche nach dem Glück sind. Filme spiegeln Glücksvorstellungen der Menschen wider und bieten Raum für deren Glücksphantasien. Sie können aber auf der anderen Seite auch kritisch falsche Vorstellungen entlarven und Illusionen nehmen.

Über uns das All

Im Film „Über uns das All“ verliert Protagonistin Marta ihren Mann Paul, der sich aus ihr unbekannten Gründen das Leben nimmt. Auf der Suche nach einer Erklärung für den Selbstmord erkennt Marta, dass Paul nicht der war, der er vorgab zu sein. Als ein neuer Mann in Martas Leben tritt, scheint sie diesen direkt an die Stelle Pauls zu setzen und ihr Leben so weiterführen zu wollen, als wäre der plötzliche Einschnitt nie geschehen, immer auf der Suche, ihr Glück doch noch zu finden.

Nach dem Ende des Films traten Regisseur Jan Schomburg und Hauptdarstellerin Sandra Hüller auf die Bühne und gingen sehr ausführlich auf die zahlreichen Fragen des Publikums ein. Moderiert wurde die Runde von Martin Hähnel von der Arbeitsgemeinschaft für Religionsphilosophie. Interessiert zeigten sich die Teilnehmer vor allem an dem Weg der Verdrängung, den die Protagonistin wählt, um nicht von ihrem Streben nach dem Glück abzukommen. Des Weiteren wurde nach der Idee des Films gefragt und über ungeklärte Stellen spekuliert. In der Bar des Thalia Kinos bot sich anschließend die Möglichkeit, mit Regisseur und Hauptdarstellerin ins Gespräch zu kommen.

GlücksOrt Sprache

22. Mai 2012

Dr. Joachim Klose begann die Einleitung mit der Feststellung, dass es unzählige literarische Werke gibt, die Glück im Titel tragen und dennoch nur wenig über das, was Glücklichsein ausmacht, zu sagen haben. Dabei erinnerte er an das Großthema Heimat, welches auch der Veranstaltungsreihe „GlücksOrte“ als Grundlage diente.

Die Referentin der Veranstaltung, Frau Dr. Anja Gerigk, Germanistin und Herausgeberin des Sammelbandes „Glück paradox“, stellte den Glücksbegriff in der Literatur sowohl epochen als auch gattungsübergreifend dar. Dazu grenzte sie die moderne Literatur von 1800 bis heute von vorherigen Epochen ab. Glück war in der vormodernen Zeit weniger in der Rolle der Ästhetik der Sprache zu sehen, sondern wurde über die Gattung der Werke vermittelt.

Sprache und Ästhetik

Um den Unterschied und zugleich auch die Gemeinsamkeit bezüglich des Glücksortes Sprache anhand literarischer Werke zu verdeutlichen, wählte Dr. Gerigk zwei Texte, die sich nicht nur aufgrund der Epoche in der sie geschrieben sind, sondern auch in ihrer Gattung unterschieden: „Die Vogelhütte“ von Annette von Droste-Hülshoff, Lyrik aus der Zeit des Biedermeider und die Erzählung „Versuch über den geglückten Tag“ von Peter Handtke. In beiden Texten stehen neben dem Beschriebenen die Dichtung und die Ästhetik der Sprache im Vordergrund. Der Glücksort Sprache liege in der ästhetischen Erfahrung des Geschriebenen. In der anschließenden Diskussion zum Vortrag ging die Referentin auf die Fragen aus dem Publikum ein. Interessant für die Teilnehmer waren vor allem die Beweggründe für die Wahl der beiden Werke. Frau Dr. Gerigk erklärte abschließend, dass trotz des Fokus‘ auf die Ästhetik in der Sprache der Inhalt in seiner Symbolhaftigkeit dennoch nicht unbedeutend sei.

GlücksOrt Staat

5. Juni 2012

Professor Benno Heussen sprach in den Räumlichkeiten des Dresdner Stadtmuseums zum Thema „Anspruch auf Glück - Der Staat und die Wirtschaft als Garanten eines gelingenden Lebens“. Dr. Joachim Klose begrüßte die Anwesenden und führte sie kurz in die Thematik ein. Er warf die Frage auf, ob der Staat empathisch eingreifen sollte, um das Glück des Bürgers zu gewährleisten. Sollte der Staat im begrenzten Rahmen über das Leben des Bürgers bestimmen, oder lediglich nach dem Laissez-Faire Prinzip eingreifen, wenn es notwendig und unumgänglich wird?

Professor Heussen bezog in seinem Vortrag das Publikum aktiv in die Veranstaltung ein, indem er es immer wieder aufforderte, nach amerikanischem Geschworenenprinzip per Handzeichen an der Urteilsfindung teilzunehmen. Die Veranstaltung gewann hierdurch einen ausgesprochen lebhaften Charakter. Heussen gab zunächst den Rahmen vor. Es gelte, zwischen dem Normalfall, dem Notfall und dem Glücksfall zu unterscheiden: Was erwarten wir immer, was spontan und was dürfen wir erwarten? Heussen versuchte, dies anhand eines Präzedenzfalles aufzuzeigen.

Wert der Gerechtigkeit

Gegenstand war der Fall „Kevins Skibrille“. Eine kranke, nicht arbeitsfähige Mutter klagt hierbei gegen das Arbeitsamt, welches Teile der Zuschüsse für die Klassenfahrt ihres Sohnes verweigert. Im Laufe des juristischen Verfahrens bekommt die Mutter Recht, der Staat kommt für sämtliche anfallenden Kosten auf. Nachdem Heussen kurz die jüngere Rechtsgeschichte umriss, kam er darauf zu sprechen, dass es per Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes die Aufgabe des Staates ist, einem jeden Individuum jederzeit ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. In der anschließenden Diskussion kam unter anderem die Frage auf, inwiefern der Staat für das Glück seiner Bürger verantwortlich sei. Die Frage, ob in der Gesellschaft nur eine Chancengleichheit bestehen müsse, oder ob eine Ergebnisgleichheit für den Bürger hergestellt werden sollte, wurde anschließend vom Publikum mit dem Referenten diskutiert. Eine deutliche Mehrheit sprach sich für die Chancengleichheit aus, um den sozialen Wettkampf im fairen Rahmen nicht zu untergraben.