Ralph Fautz

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In Schindlers Schatten. Emilie Schindler erzählt ihre Geschichte

von Ralph Fautz

Die Historikerin und Autorin Erika Rosenberg zu Gast in Südbaden

Emile Schindler ist die vergessene Frau von Oskar Schindler, ohne die "Schindlers Liste" nicht zustande gekommen wäre. Erika Rosenberg leuchtete die Geschichte hinter dem bekannten gleichnamigen Film aus und brachte sie Mitte Oktober Schülerinnen und Schülern in Südbaden näher. Zuvor las in der Freiburger Buchhandlung zum Wetzstein.

Kennen Sie Emilie Schindler? Ihr Mann Oskar Schindler ist seit Steven Spielbergs Blockbuster „Schindlers Liste“ aus dem Jahr 1994 so ziemlich jedem ein Begriff. Der Film beeinflusst das geschichtliche Bild rund um die real existierende Liste maßgeblich. Seine Ehefrau aber ist weitestgehend vergessen. Was bedeutet es für unsere Erinnerungskultur, wenn Frauen darin gar nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt werden? Am Beispiel Emilie Schindlers konnte diese Frage anschaulich, spannend und sehr kenntnisreich ausgeleuchtet werden: Erika Rosenberg, 1951 in Argentinien als Tochter deutscher jüdischer Emigranten geboren, ist Autorin und Historikerin. Sie kannte Emilie Schindler persönlich, arbeitete deren Geschichte auf und verfasste dazu Bücher. Das Regionalbüro Südbaden der Konrad-Adenauer-Stiftung in Freiburg konnte sie für mehrere Begegnungen an Schulen in Südbaden und einer Lesung in der Buchhandlung zum Wetzstein in der Freiburger Altstadt Mitte Oktober gewinnen.

Aus einem Buch über die Einwanderungsgeschichte Argentiniens wurde die Geschichte Emilie Schindlers

Eigentlich wollte Erika Rosenberg um das Jahr 1990 herum ein Buch über die Einwanderungsgeschichte Argentiniens schreiben. Dass sie auf Emilie Schindler stößt und eine sehr persönliche Freundschaft zu einer von der Geschichte vergessenen Person entstehen würde, konnte sie damals noch nicht ahnen. Es ist Montagabend in der Freiburger Buchhandlung zum Wetzstein. Vor einer Wand aus dem 12. Jahrhundert sitzt Erika Rosenberg, vor ihr ein buntes Auditorium von rund 20 Personen; junge Erwachsen neben Senioren. Es war ihre Neugier, die sie schon als kleines Kind hatte, die sie bei ihren Eltern aber gegen eine Wand laufen ließ, wenn sie Nachfragen zu ihrer sehr kleinen Familie stellte. Diese Eigenschaft war es, die sie selbst aktiv und zur Historikerin werden gelassen habe. Wenn man ihr die Antworten nicht gab, musste sie sie sich eben selbst erarbeiten.

Wie sie Emlie Schindler, damals schon 83 Jahre alt, vorfand, habe so gar nicht zu dem gepasst, was sie Jahrzehnte zuvor an Zivilcourage bewiesen habe. Rosenberg, dazumal 38 Jahre alt, war erschrocken ob der Armut, in der die alte Dame rund 60 Kilometer südlich von Buenos Aires lebte: Ein kleines ärmliches Haus mit kahlen Wänden und kaum Möbeln. 870 D-Mark Rente aus Deutschland und 30 US-Dollar aus Israel, so die Zahlen, die Rosenberg präsentierte, zwangen auch in Argentinien zu Sparsamkeit und Genügsamkeit. Die Damen freundeten sich an, Recherchen ergaben Kontakte zu weiteren Zeitzeugen; diese seien allerdings nicht immer sehr auskunftsfreudig gewesen. Die Ereignisse der Naziherrschaft schmerzten auch im hohen Alter. Dennoch konnte die Autorin zahlreiche Erinnerungen von Zeitzeugen verschriftlichen und der Nachwelt erhalten.

1907 kamen Emilie und Oskar Schindler zur Welt; sie ein wenig eher. Damals ist Mähren noch Österreich- Ungarn und der Ort nicht Maletín, sondern Alt-Moletein. Das Gebiet, auf dem die Schindlers wirkten, sollte im Laufe des 20. Jahrhunderts noch einige politische Wechsel erleben: Bis 1918 lag es in Österreich-Ungarn, bis 1938 in der ersten Tschechischen Republik, nach dem Münchner Abkommen dann im Landkreis Hohenstadt in Nazi-Deutschland, ab 1948 dann in der Tschechoslowakei und – diesmal ein Jahr ohne acht – ab 1993 dann in Tschechien. 2001 starb Emilie Schindler in Bayern.

Die Schindlers waren keine Deutschen und am Anfang der Geschichte der Fabrik stand kein goldener Ring; wäre auch gar nicht möglich gewesen, da Juden damals enteignet waren.

Die Kindheit Emilies war eine auf einem großen Bauernhof, die später unter dem Schatten des mental und körperlich im Ersten Weltkrieg verwundeten Vaters stand. Die fleißige, strukturierte und disziplinierte Schülerin ging später in eine Klosterschule. Oskar Schindler lernte sie kennen, als dieser mit seinem Vater auf dem Hof Stromgeneratoren verkaufen wollte. Der Schulabbrecher und Lebemann eroberte Emilie gegen den Willen ihrer Eltern und gab deren Mitgift mit vollen Händen aus. 1937 bekam Oskar Schindler das Angebot, eine konkursgegangene Emailwarenfabrik im heutigen Tschechien zu kaufen; finanziert mit einem Familienkredit. Dass damit der Grundstein für die spätere Rettung vom mehr als 1200 Menschen gelegt war, habe man damals allerdings noch nicht wissen können. Erika Rosenberg widerlegte so gleich zwei Filmbilder: Die Schindlers waren keine Deutschen und am Anfang der Geschichte der Fabrik habe kein goldener Ring gestanden; wäre auch gar nicht möglich gewesen, da Juden damals enteignet waren. Zur Emailwarenfabrik kamen noch zwei weitere Fabriken dazu, Rüstungsbetriebe.

Ebenso gespannt wie die Gäste in der Buchhandlung lauschten die Schülerinnen und Schüler an den drei folgenden Tagen, wenn Rosenberg die Erinnerungen Emilie Schindlers vorliest, die den Alltag in der Fabrik beschreiben. An einem Wintermorgen habe Emilie Schindler einen abgerauchten Zigarettenstummel in der Fabrik weggeschmissen. Dieser sei noch nicht einmal richtig auf dem Boden angekommen, da habe ihn ein Jude gierig aufgeschnappt und noch rauchen wollen. Ein anwesender Nazi-Aufseher habe das gesehen und Emilie daraufhin harsch zurechtgewiesen und ihr deutlich gemacht, wie gefährlich ein solches Handeln für sie selbst werden könne; Juden dürften nicht rauchen. In einem anderen Fall besorgten die Schindlers einem jüdischen Arbeiter eine neue Brille – ebenfalls „regelwidrig“. Auch zu essen gab es für die Arbeiter mehr als vorgesehen, auch bei fortschreitender Kriegsdauer. Emilie sei mit dem LKW umhergefahren und habe Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt besorgt, um die auf dem Firmengelände kasernierten Arbeiter zu versorgen.

Wie kam es zur Liste? Schindlers hatten im Verlauf des Krieges drei Rüstungsfabriken, die kriegswichtige Industrien waren und gen Westen verlagert werden mussten, als die Rote Armee vorrückte. Emilie Schindler konnte zunächst die Genehmigung besorgen, um die Arbeiter mitzunehmen; der dafür zuständige Nazi-Funktionär war ihr ehemaliger Schwimmlehrer. Diese persönlichen Kontakte und glückliche Umstände ermöglichten, mehr als tausend jüdische Menschen auf die Liste zu setzen, und damit vor dem sicheren Tode zu bewahren, indem man Alter, Namen und Tätigkeiten im Betrieb fälschte.

Ob Gymnasium oder Realschule, ob Schönau, Freiburg, Titisee-Neustadt, Furtwangen oder Bad Säckingen, ob einzelne Klasse oder ganze Kursstufen von mehr als 100 Schülerinnen und Schülern: Rosenberg hatte schnell einen Draht zu ihnen und erreichte sie. Nachdenkliches Zuhören und konstruktive Fragen zeigten das starke Interesse der jungen Menschen an einer Geschichte, die sich einige Generationen vor ihnen ereignete. Die Begriffe „Solidarität“ und „Zivilcourage“ wurden lebendig.

Erst die Korruption der NS-Funktionäre ermöglichte die Rettung der Menschen. Sie kostete nach heutigem Maßstab umgerechnet 26 Millionen Euro

Die Schülerinnen und Schüler wollten mehr über das Engagement der Schindlers wissen; zu widersprüchlich erschien ihnen zunächst das menschliche Handeln der Eheleute, die gleichzeitig Fabriken im Dienste der Nazis betrieben. Habe man sich da nicht auch bereichert, war eine der Fragen, die öfters gestellt wurden. Es sei die krasse Korruption der örtlichen NS-Funktionäre vor Ort gewesen, die die den Umständen nach mögliche menschenwürdige Unterbringung der Zwangsarbeiter erst ermöglicht habe. Natürlich hätte man mit der Arbeit in der Fabrik zunächst Gewinne gemacht, gibt Rosenberg Emilie Schindler wieder. Aber dieses Geld habe die spätere Rettung durch horrende Schmiergeldzahlungen an die Nazi-Funktionäre erst möglich gemacht. In Summe, so Rosenbergs Recherchen, habe die möglichst menschenwürdige Unterbringung der Arbeiter durch die Schindlers im Zeitraum von sechs Jahren heute umgerechnet 26 Millionen Euro gekostet. Die Nähe zu lokalen NS-Größen sei schlicht notwendig gewesen – so auch zum Leiter des KZ Plaschow, Amon Goeth, akzentuierte das Dilemma. Dieser Mann sei, so Emilie Schindler, eine Bestie gewesen; dass ihr Mann sich mit ihm umgab, habe die Not gezeigt, in der man sich in den beginnenden 1940er Jahren befunden habe.

Sie hat ihr Buch noch nicht zu, das letzte Wort gerade zu Ende gesprochen und sich bedankt, da stürmen einzelne Schüler vor und fragen sie nach einem Selfie. Am Ende stehen mehr als 30 junge Menschen um die bewegte Argentinierin, machen einzelne Fotos mit ihr und bestehen auf Gruppenfotos mit ihren Handys.

Rosenberg ging auf Nachfrage genauer auf die Einstellung der Schindlers zum NS-Regime ein: Sie seien keine überzeugten Nazis gewesen, hätten aber „mit den Wölfen heulen müssen“, so Emilie Schindler im hohen Alter. Bereichert hätten sich die Schindlers nicht. Nach dem Krieg lebten sie – wenig willkommen - als Vertriebene in Regensburg und seien dann nach Argentinien ausgewandert. Warum es dann Argentinien wurde, sei ihr noch nicht so ganz klar, so eine Schülerin - "da sind doch die ganzen Nazis hingegangen, oder?". Rosenberg rollte an dieser Stelle die argentinische Geschichte ein wenig auf und ging auf die Ratten- und Klosterlinie ein, sowie auf die Schwierigkeiten vor Ort in Südamerika, bei den mangelnden Sprachkenntnissen angefangen. Ferner waren die Schindlers - entgegen der landläufigen Meinung - nicht geschieden. Oskar starb 1974 krank verarmt in der Bundesrepublik, in die er wegen des Lastenausgleichs, den Entschädigungen, gekommen war.

Kurz vor 13 Uhr am Donnerstagmittag. Hinter den rund 100 Schülerinnen und Schülern der Bad Säckinger Werner-Krichhofer-Realschule liegen anderthalb Stunden mit Erika Rosenberg. Von ihrem ausgefallenen Zug weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Sie hat ihr Buch noch nicht zu, das letzte Wort gerade zu Ende gesprochen und sich bedankt, da stürmen einzelne Schüler vor und fragen sie nach einem Selfie. Am Ende stehen mehr als 30 junge Menschen um die bewegte Argentinierin, machen einzelne Fotos mit ihr und bestehen auf Gruppenfotos mit ihren Handys. Dem Verfasser des Artikels werden nach und nach diverse Mobiltelefone gereicht – sie werden schon ihren Weg zurück in die richtigen Hände finden. Ein mehr als würdiger Abschluss.  

Waren die Schindlers Helden? Ist Emilie Schindler eine Heldin? Sie habe sich nicht so gesehen, so die Autorin. „Wir haben getan, was wir tun mussten“, gibt sie Emilie wieder. Erika Rosenberg leistet mit den Lesungen aus ihrem Buch einen Beitrag zu einer differenzierteren Sichtweise auf die Ereignisse rund um die Rettung von mehr als 1200 Menschen, vorwiegend jüdischen Glaubens. Sie zeigt, wie Geschichte nicht nur durch Hollywood beeinflusst scheint, sondern wie sehr es notwendig ist, Frauen und ihr Wirken, ihre Perspektiven auf Geschichte angemessen zu berücksichtigen.