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Judentum verstehen

Die Feier des Schabbat und die schöpferische Ruhe

Am Montag, den 31. Mai 2021 lud das Regionalbüro Südbaden zu einem Abend des interreligiösen Austauschs ein.

Details

Das Regionalbüro Südbaden der Konrad-Adenauer-Stiftung hatte sich in Zusammenarbeit mit dem Verein zur Förderung des interreligiösen Dialogs an Bildungseinrichtungen e. V. zum Ziel gesetzt, interessierte Gäste ein wenig mehr mit der jüdischen Kultur und Tradition vertraut zu machen. Und auch mit dem jüdischen Leben, das schon seit 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands beheimatet und wichtiger Bestandteil unseres gemeinsamen Zusammenlebens ist. Zum großen Bedauern ist dieses Zusammenleben auf eine neue Art und Weise gefährdet. Respektlosigkeit, Diskriminierung und Antisemitismus sind in Deutschland leider keine Seltenheit mehr und haben in den letzten Jahren eine neue Qualität erreicht.

 

Diesem negativen Trend sollte an diesem Abend entgegengewirkt, Vorurteile und Stereotype abgebaut und der interkulturelle Dialog gestärkt werden. Im 1700. Jahr jüdischen Lebens in Deutschland bleibt dieses Thema eine besondere Herausforderung für die Politik, für die Politischen Stiftungen und für jeden einzelnen von uns.

 

In einem kurzen Grußwort machte Max Baum, der Vorsitzende des Vereins zur Förderung des interreligiösen Dialogs, auf den wachsenden Antisemitismus in Deutschland aufmerksam und betonte, dass mit Veranstaltungen wie diesen vor allem in Schulen präventiv gegen antisemitische Vorurteile vorgegangen werden könne. Er wies darauf hin, dass in Deutschland meist wenig reflektiert jüdischer Glaube und Israel zusammengedacht würden und dass ein besseres Verständnis des Judentums zu einer differenzierteren Sicht beitragen könne.

 

Um dieses Verständnis zu vertiefen, erzählte im Anschluss Arie Rosen davon, wie er überhaupt zum jüdischen Glauben und zur Arbeit als Kulturvermittler gekommen ist, bevor er sich den religiösen Hintergründen und der alltäglichen Bedeutung des Schabbats für Juden zuwandte. Begleitet wurde er dabei von Yedidia Toledano, der auf der Gitarre traditionelle jüdische Lieder spielte, die zur Rahmung des Schabbats gehören. Rosen führte dabei nicht nur durch die wichtigsten Rituale wie dem dreifachen Händewaschen und zentrale Gegenstände wie die Torarolle vor, sondern brachte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sehr einfühlsam die besondere Bedeutung des Schabbats als Ruhetag bei. Er erzählte von seinen Erfahrungen in Jerusalem und davon, wie unterschiedlich der Schabbat von Freitag- bis Samstagabend in den verschiedenen religiösen Gemeinden begangen wird. Im demokratischen Israel sei niemand zur orthodoxen Lebensweise oder zur Feier des Schabbat verpflichtet, vielmehr kann jeder den Schabbat in dem Maße begehen, wie er es für richtig empfindet. Das Arbeitsverbot betreffe dabei nicht nur den Beruf, sondern auch den Haushalt: Nach der Tora dürfe nicht einmal ein Feuer zum Kochen entfacht werden. Besonders strenggläubige Juden fahren daher am Schabbat nicht einmal Auto, da mit der Zündung ein Feuer entfacht wird. Wichtiger als diese Details war Arie Rosen jedoch die Bedeutung des Schabbats als einer Auszeit vom Alltag, an dem man sich bewusst zur Ruhe und zum Frieden bringen müsse. Dieser Tag sei gerade in unserer hektischen Welt ein Geschenk.

 

Nach einem musikalischen Zwischenspiel richteten die Gäste ihre Fragen über das Judentum und den Schabbat an den Referenten. Vor allem ging es dabei um die Vereinbarkeit von Glaube und Alltag. Was geschieht, wenn ein strenggläubiger Jude in Deutschland am Freitagabend arbeiten müsste? Wie sieht es mit medizinischen Notfällen aus? Können Tiere am Schabbat versorgt werden? Arie Rosen erklärte dazu, dass das Arbeitsverbot aufgehoben sei, wenn Gefahr für Leib und Leben bestehe. Dazu zählen gesundheitliche Notfälle, aber auch die Versorgung von Tieren. Jedoch legen Tora und Talmud enge Grenzen und Regeln fest, so darf am Schabbat eine verstorbene Person nicht beerdigt werden.

 

Allerdings wird die Tora mit ihren 613 Gesetzen durch die Halacha immer vorangetrieben und an die aktuellen Zeiten angepasst. Herr Rosen erzählte etwa von einem schweren Schneesturm in Jerusalem, in dem mehrere Strommasten umstürzten – diese durften Tora-konform auch am Schabbat wieder repariert werden. Doch außerhalb solcher Notsituationen müsse in der Arbeitswelt für sehr fromme Juden eine Lösung gefunden werden, etwa, dass am Sonntag nachgearbeitet wird. Denn der Sonntag ist für Juden nicht frei und in Israel ein normaler Arbeitstag. Doch was geschieht, wenn gegen das Ruhegebot verstoßen wird? Wie Herr Rosen betonte, gibt es in Israel keine Strafen für die Missachtung der jüdischen Gebote – das wäre in einer Demokratie nicht vertretbar. Am Ende ist jeder Gläubige vor sich und vor Gott verantwortlich und nicht vor anderen Menschen. Nur ein Anteil von schätzungsweise 20 Prozent der Menschen in Israel halte sich streng an die traditionellen Regeln des Schabbats.

 

Weitere Fragen zielten auf das Thema der Geschlechterverhältnisse und warum etwa Frauen bei orthodoxen Juden in einem separaten Bereich der Synagoge beten müssten. Dies erklärte Rosen mit den in der Tora festgelegten unterschiedlichen Rollen von Frauen und Männern. Nach strenggläubiger Auslegung seien die Frauen für den Haushalt und die Familie zuständig, woraus auch eine eher strikte Trennung der Geschlechter folge. Dennoch beten bei orthodoxen Glaubensgemeinschaften sowohl Männer als auch Frauen zeitgleich in der Synagoge. In liberalen Gemeinden sieht dies allerdings anders aus, in diesen können Frauen und Männer auch gemeinsam beten.

 

In der Diskussionsrunde wurden also viele Aspekte angesprochen, die sich auch vom Schabbat entfernten und ein großes Interesse am jüdischen Glauben im Ganzen erkennen ließen. So wurde auch gefragt, ob es Unterschiede zwischen den jüdischen Gemeinden in verschiedenen Staaten gebe. Diese sah der Referent eher nicht durch verschiedene Staaten gegeben, da die jüdischen Gemeinden weltweit in einem engen Austausch stehen. Vielmehr erkennt er die Unterschiede in den verschiedenen religiösen Strömungen der jeweiligen Gemeinden. Ebenfalls zeigte sich Interesse an den Speisegeboten, die sich aus der Tora ergeben. Der Referent erklärte, welche Speisen als „koscher“ gelten und gegessen werden dürfe und aus welchen Worten der Tora sich diese Gebote ableiten. So heißt es in der Tora zur strikten Trennung von Fleisch und Milch: „Du sollst ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen.“ Das Koscher-Essen ist ein wichtiger Bestandteil des jüdischen Lebens.

 

Nach der spannenden Fragerunde schloss die Veranstaltung mit zwei jüdischen Liedern, die den Abend des interreligiösen Austauschs harmonisch abrundeten.

 

Wir danken herzlich Arie Rosen, Yedidia Toledano und dem Verein zur Förderung des interreligiösen Dialogs für den äußerst aufschlussreichen Abend, die angenehme Zusammenarbeit und die einfühlsame musikalisch begleitete Gesprächsrunde. 

 

 

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  • Arie Rosen
    • Yedidia Toledano
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      Stefan Schubert

      Stefan Schubert

      Referent Regionalbüro Südbaden des Politischen Bildungsforums Baden-Württemberg

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