Veranstaltungsberichte

"Warte nicht auf bessre Zeiten!"

von
Lesung und Gespräch

11. November 2017: „Warte nicht auf bessre Zeiten“

Gemeinsam mit dem Verein Gedenkstätte Amthordurchgang und dem Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur lud das Politische Bildungsforum Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung am 11.11.2017 zur autobiografischen Lesung mit und von Wolf Biermann in die Sankt Salvator Kirche in Gera ein. Weit über 300 Gäste hatten sich zur Veranstaltung, die vor allem vor dem Hintergrund des 9. November 1989 große Aktualität genoss, eingefunden.

„Die Bedeutung solcher Veranstaltungen“

Hildigund Neubert, stv. Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und ehem. Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, eröffnete die Lesung, indem sie von ihren Erinnerungen an Wolf Biermanns legendäres Konzert sprach. In diesem Zusammenhang betonte sie die Wichtigkeit der geistigen Freiheit, welche zu persönlichem Engagement führt. Frank Krabstein, Vorsitzender der Gedenkstätte Amthordurchgang e.V., übernahm die Vorstellung der Beteiligten und verwies auf die Bedeutung solcher Veranstaltungen, die essentiell für die Aufarbeitung einschneidender geschichtlicher Ereignisse sind.

„Der Weg in den Osten“

Die Lesung wurde von Andreas Oehler moderiert. Es las Jens Hahn.

Oehler lobte, dass das Gedenken nicht eingestellt wird, da Ereignisse, wie der Mauerfall entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaft hatte. Zunächst wollte Andreas Oehler jedoch erfahren wie es zur Entstehung des Buches kam und warum erst jetzt. Wolf Biermann antwortete daraufhin, dass ihn die Angst ein solches Buch zu schreiben zurückhielt. Vor allem auf Drängen seiner Frau, schrieb er es schließlich und sieht es heute als Erbe für seine Kinder.

Nun las Jens Hahn die erste Passage seines Buches „Warte nicht auf bessre Zeiten“ vor, in dem Biermann die Verabschiedung seines Vaters beschreibt, der 1941 aufgrund seiner jüdischen Abstammung in Nazi-Haft genommen und in Auschwitz schließlich ermordet wurde. Er schreibt über seine Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges, besonders über das Bombardement der Alliierten 1943 und seine anschließende Flucht gemeinsam mit seiner Mutter.

Nun ist es interessant zu erfahren, wie Biermann von Hamburg, wo er die Heinrich-Hertz-Schule besuchte, in die DDR kam. Wolf Biermann erinnerte sich an seine beschwerliche Schulzeit und an die Herausforderungen, denen er sich als einziges Arbeiterkind der Klasse stellen musste. Doch die Entscheidung, den ostdeutschen Bildungsweg zu gehen, traf seine Mutter für ihn, die wie sein Vater auch, überzeugte Kommunistin war und in der Auswanderung die Chance sah, durch ihren Sohn die Ideen ihres Ehemannes zu verwirklichen. So landete der junge Wolf Biermann in Gadebusch bei Schwerin, wo die erste Lektion in der neuen Heimat nicht lange auf sich warten ließ. Zu dieser Zeit versuchte die SED den Verein der Jungen Evangelischen Gemeinde zu liquidieren. Jugendliche mussten ihren Austritt öffentlich verkünden, um weiterhin die Schule besuchen zu dürfen. Dies verweigerte ein junges Mädchen, in dem sie statt von ihrer Religion zurückzutreten, öffentlich ihre religiöse Gesinnung ausdrückte, in dem sie sagte, dass sie an Gott glaubte. Daraufhin wurde das Mädchen beschimpft. Mit dem von seinen Eltern vermittelten Wissen über den Kommunismus und sich auf das berühmte Zitat Karl Marx` stützend, Religion „ist das Opium des Volkes“, meldete sich auch Wolf Biermann und distanzierte sich von der Kirche. Doch er beließ es nicht dabei. Biermann schlug sich auf die Seite des Mädchens und kritisierte das unangebrachte Vorgehen der DDR-Funktionäre, was eine unglaubliche Reaktion auslöste. Dies war der Startschuss seiner „DDR-Karriere“. Nach der Schule begann er auf Wunsch seiner Mutter ein Wirtschaftsstudium an der Humboldt-Universität in Berlin. Doch den Wendpunkt seines Lebens stellte sein Beschluss dar Theaterregisseur zu werden, welcher ihn zum Berliner Ensemble brachte.

„Setzt eurem Werk ein gutes Ende, indem ihr uns den Anfang lasst“

Auch aus Liebe zu einer Frau begann Biermann erstmals Lieder und Gedichte zur schreiben. Durch einen Zufall kam es 1962 dazu, dass er auf Aufforderung eines SED-Funktionärs in der Ost-Berliner Akademie der Künste sein Gedicht „An die alten Genossen“ hielt, welches nach internen Diskussionen aufgrund der letzten Zeile als konterrevolutionär eingestuft wurde: „Setzt eurem Werk ein gutes Ende, indem ihr uns den neuen Anfang lasst.“ Das Stück wurde politische zerrissen. Sodass auch das BRT-Projekt 1963 sowie viele weitere Vorhaben blockiert wurden. Als Grund dafür wurde die falsche Grundhaltung Biermanns benannt, der die Schuld am Mauerbau in der Politik der Partei sah.

„Gegen das System“

Andreas Oehler knüpfte an die Erfahrungen Biermanns an, in dem er danach fragte, wie er trotz der ganzen Einschränkungen und Anfeindungen in der DDR leben konnte.

Biermann gab zu, dass ein Leben mit einem Quasi-Berufsverbot sehr schwierig ist. Biermann wurde als Mensch und als Dichter degradiert, stand stets unter Bespitzelung, Kollegen konnten und wollten nicht mit ihm zusammenarbeiten, Anschläge wurden auf ihn verübt, Manipulierungsmaßnahmen unternommen, Verwandte, wie seine Mutter, bei Besuchen gedemütigt etc. Das alles hat er nach der Wiedervereinigung seiner Stasi-Akte entnehmen können. Doch verhaftet wurde er nie. Denn die SED wusste, dass wenn man Biermann einsperrte, er weitaus mehr Aufmerksamkeit bekommen würde. Trotz aller Anfeindungen hörte er nie mit seiner Kunst auf.

So wohnte er jahrelang in der Berliner-Chausseestraße 131 und sah sich in den elf Jahren des Totalverbots als der wohl am wenigsten isolierte Mensch Berlins. Weil die Not eben erfinderisch mache, so Biermann und weil zu dieser Zeit Menschen verschiedenster Art in seinem Wohnzimmer zusammentrafen.

Schließlich nutzte die DDR ihr letztes Instrument zum Vorgehen gegen Staatsfeinde: Die Ausbürgerung. 1983 wurde Wolf Biermann nach jahrelangem Kampf gegen das politische System der Deutschen Demokratischen Republik des Landes verwiesen.

Das Abwenden vom Kommunismus fiel ihm schwer. Denn nicht nur seine Mutter, auch sein Vater, der sein Leben im Konzentrationslager verlor, legten ihm diese Ideologie quasi in die Wiege. Doch Wolf Biermann ist es durch die Hilfe vieler Freunde und Kollegen, gelungen.

Sein Buch „Warte nicht auf bessre Zeiten“ handelt von seiner persönlichen Geschichte über den Bruch mit dem Kommunismus.

Die autobiografische Lesung beendete Wolf Biermann mit seiner Bilanzballade im 80sten Jahr.