Veranstaltungsberichte

Facharbeiter - Zweite Wahl oder Wettbewerbsvorteil für's Leben?

von Daniel Braun
Vortrag und Gespräch

Zu einer Podiumsveranstaltung zum Thema Fachkräfte hatte das Politische Bildungsforum Thüringen am 09.12.14 in die Bildungsstätte der IHK Ostthüringen geladen, um über das Thema Facharbeiterbedarf aber auch Bildungsstandards und Zuwanderung zu diskutieren. In der vom Bundestagsabgeordneten Albert Weiler moderierten Diskussion hob der IHK-Ostthüringen Hauptgeschäftsführer Peter Höhne hervor, dass Deutschland mit seinem Dualen Ausbildungssystem europa- und weltweit beispielgebend sei. In 350 Ausbildungsberufen können Berufsabschlüsse erworben werden, was zunehmend auch auf Interesse im Ausland stößt, das System zu übernehmen. Dem gegenüber ließe sich jedoch eine Tendenz feststellen, dass in Medien und Verlautbarungen von Bildungspolitikern und Experten der Trend zur Akademisierung als einzig erfolgreicher Bildungs- und Lebensweg dargestellt wird, so dass Abitur- und Studentenquoten steigen und gute Schüler den Facharbeiterberuf nicht mehr im Blick haben, so dass Unternehmen zunehmend größere Herausforderungen haben, Arbeits- und Ausbildungsplätze zu decken. Zuwanderung kann hier ein Mittel der Gegensteuerung sein, wobei die IHKs und Wirtschaft auch Flüchtlinge und Asyslbewerber als potenzielle Arbeitskräfte sehen, da sie ohnehin bereits vor Ort sind. In diesem Zusammenhang sollte über erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt nachgedacht werden. Der Nordthüringer Schulamtsleiter Dr. Bernd-Uwe Althaus stimmte Peter Höhne zu, gab jedoch zu bedenken, dass nach der Wiedervereinigung sehr lange ein angespannter Wettbewerb um wenige Ausbildungsplätze herrschte, was für Eltern immer noch nachwirkte und die Orientierung zum Gymnasium befördere. Darüber hinaus forderte er sowohl Schulen als auch Unternehmen zu mehr Kooperation auf, um die Chancen des Facharbeiterberufs besser zu kommunizieren.

Ralph Burghart, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Altenburg-Gera schloss sich Dr. Althaus argumentativ an und warb dafür, dass selbst in der nicht Metropolregion Ostthüringen niemand mehr gezwungen sei, wegen mangelnder Arbeits- und Berufschancen wegziehen zu müssen. Dies müsse stärker kommuniziert werden. Auch die Lohnentwicklung sei spürbar verbessert zumal man dies in Relation zu den geringeren Lebenshaltungskosten sehen müsse, denn höhere Löhne in Metropolregionen gingen auch mit höheren Ausgaben der Lebenshaltung einher. Dr. Volker Damrath, Geschäftsführer vom Chemiewerk Bad Köstritz stellte bereits aktuelle Probleme der Nachbesetzung von Stellen in seinem Unternehmen und schilderte an Beispielen einer aktuellen Führungskraft, dass Aufstieg auch auf Basis von Facharbeiterausbildung möglich ist. Gleichzeitig konstatierte er nachlassendes Kenntnisse als auch Interesse im naturwissenschaftlichen Bereich und sah aktuelle Bildungspolitik unter dem Eindruck ständiger Aufnahme neuer Themen und Lebensbereiche vor der Herausforderung, die Vermittlung von Basiswissen besser zu formulieren. Als Unternehmen pflege er bereits stetigen Kontakt mit Schulen, um regional Interesse für Ausbildung und Beruf im Bereich der Chemieindustrie zu wecken. Hier sei der Verbund der Chemieunternehmen sehr hilfreich. In der Diskussion verwies Peter Höhne auf die Kampagne der Handwerkskammer für ihre Branchen. In Wortbeiträgen der Gäste wurde angeregt, dass Unternehmen sich mehr öffneten, um bereits vor Berufswahl praktische Einblicke erhalten zu können, aber natürlich erfordere dies auch wechselseitige Initiativen von Schule und Wirtschaft. Bezüglich der angestrebten Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem EU-Ausland wurde gleichfalls gefordert, dass auch eine schnelle soziale Integration erfolgt, da ansonsten nicht ausgeschlossen werden könne, dass mit in Deutschland erworbenen Kenntnissen und Verbesserung der ökonomischen Situation in den Heimatländern eine Rückwanderung bedacht werden müsse. Insofern ist die Zuwanderung kein alleiniges Instrument zur Behebung des Fachkräftebedarfs. Viel mehr sei darauf zu achten, die Potenziale in Thüringen und Deutschland zu nutzen, wozu auch die Förderung von leistungsschwächeren Schülern und die Verringerung der Quote von Schulabbrechern gehört. Nach über 2 Stunden angeregter Diskussion endete die Veranstaltung, welche im Rahmen eines kleinen Empfangs auch noch anschließend von Teilnehmern und Gästen fortgeführt wurde.

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Daniel Braun

Daniel Braun

Leiter des Auslandsbüros Nordmazedonien und Kosovo

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