Länderberichte

Menschenrechtler, Dramaturg, Politiker - Václav Havel wird Tschechien fehlen

von Hubert Gehring

Nachruf auf den Dramatiker und früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel

"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht." (Václav Havel) - Hoffnung hegte Havel bis zuletzt und setzte sich unermüdlich für die Einhaltung der Menschenrechte ein. Noch vor einer Woche traf Havel mit dem Dalai Lama zusammen. Vaclav Havel verstarb am gestrigen Sonntag im Alter von 75 Jahren nach langer Krankheit.

Unter dem kommunistischen Regime jahrelang im Gefängnis litt Havel unter einer chronischen Atemwegserkrankung. Er musste verschiedentlich operiert werden und erlitt auch einen Herzinfarkt. Die Nachricht vom Tode dieses großen Humanisten, Dramatikers und Menschenrechtlers erschüttert Europa, allerdings litt der ehemalige tschechische Präsident schon seit längerem unter den Folgen seiner schweren gesundheitlichen Probleme.

Václav Havel zählte zu den Wegbereitern eines neuen demokratischen Europas. Die Bühne betrat er als Dekorateur, die Welt eroberte er als Dramatiker. Als Widerstandskämpfer lehnte er sich stets gegen die kommunistische Ideologie auf. Seine Unbeugsamkeit und sein Auszug aus der Gefängniszelle direkt in das Amt des Präsidenten Ende 1989 wurden in ganz Europa zum beispielhaften Vorbild für ein neues Denken im ehemaligen sozialistischen Lager.

Václav Havel wurde in Prag am 5. Oktober 1936 geboren. Er wuchs in einer bekannten intellektuellen Prager Unternehmerfamilie auf, die eine bedeutende Rolle im kulturellen und politischen Geschehen der Zwischenkriegszeit spielte. Bereits seit seiner Jugend bekam er die Auswirkungen des sozialistischen Systems zu spüren, seiner "bourgeoisen" Herkunft wegen blieb Havel unter der kommunistischen Herrschaft eine schulische Ausbildung verwehrt. Nur auf Umwegen konnte er die höhere Bildung erlangen. Von 1951 an absolvierte er eine Lehre als Chemielaborant. Schließlich erlangte er 1954 an einem Abendgymnasium die Hochschulreife. Im Anschluss daran studierte er Wirtschaft an der Technischen Hochschule in Prag, die er jedoch nach zwei Jahren verließ. 1966 beendete er ein Fernstudium im Fach Dramaturgie an der Prager Theaterakademie.

Das Theater und die Literatur hatten schon in den 50er Jahren das Interesse von Havel geweckt. Von 1960 bis 1968 arbeitete er am Prager "Divadlo na zabradli" ("Theater am Geländer") zunächst als Bühnentechniker, später als Dramaturg und Hausautor. Havel arbeitete schon in seinen ersten Werken wie in den Satiren "Das Gartenfest" und "Die Benachrichtigung" mit den Mitteln des absurden Theaters und der Groteske. Die Gefahren totalitärer Machtansprüche von Staat und Individuum blieben zeitlebens das zentrale Thema seines Schaffens.

Neben seinem Bühnenengagement ist aber besonders sein politisches Schaffen als Widerstandskämpfer, während der über 40 Jahre andauernden sozialistischen Diktator hervorzuheben. Er gehörte zu einer Gruppe Kulturschaffender, die durch ihre Arbeit der Oppositionsbewegung eine Stimme verlieh, sowohl beim "Prager Frühling" 1968 als auch während der „Samtenen Revolution“ 1989 trat er immer wieder als Wortführer der Unterdrückten auf. 1968 war er Vorsitzender des "Klubs unabhängiger Schriftsteller" und entwickelte sich zum prominentesten und konsequentesten Sprecher der nichtkommunistischen Intellektuellen, die den von Dubcek (erster Generalsekretär der kommunistischen Partei und Wegbereiter des Prager Frühlings) eingeleiteten Reformprozess unterstützten. Nach der Okkupation durch die Truppen des Warschauer Pakts im August 68 widersetzte sich Havel der kommunistischen Gleichschaltung und erhielt Publikationsverbot. Daraufhin verließ er Prag und ließ sich in einem abgelegenen Bauernhaus auf dem Lande nieder. Aber auch in den 70er Jahren übte er eine aktive kulturpolitische Oppositionstätigkeit aus.

Im Januar 1977 wurde er Mitbegründer und einer der ersten Sprecher der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung "Charta 77". Diese Bürgerrechtsbewegung wurde zum Mittelpunkt der Opposition, die gegen die Menschenrechtsverletzungen und die Totalität des kommunistischen Regimes aufbegehrte. 1979 beteiligte sich Havel an der Gründung des "Komitees für die Verteidigung zu Unrecht Verfolgter". Wegen seiner Aktivitäten, die nicht konform zum Staatsaufbau waren, wurde der Widerständler Havel dreimal inhaftiert und verbrachte insgesamt 5 Jahre hinter Gittern.

Als am 17. November 1989 eine Studentendemonstration in Prag die "Samtene Revolution" und einen Prozess dramatischer politischer Veränderungen in der Tschechoslowakei einleitete, war Havel längst zur Symbolfigur des gewaltlosen Protests aufgestiegen. Am 19. November wurde er zum Vorsitzenden des neugegründeten "Bürgerforums" (Obcanske forum, OF) gewählt, und im Dezember von der neuen tschechoslowakischen Regierung für das Amt des Staatsoberhauptes nominiert. "Havel na Hrad!" - "Havel auf die Burg!" hatten die Menschen in den Straßen skandiert. Vaclav Havel wurde am 29. Dezember 1989 ohne Gegenkandidaten einstimmig zum ersten demokratischen Staatspräsidenten der Nachkriegstschechoslowakei gewählt. Zum zweiten Mal wurde er von der neuen Föderalversammlung am 5. Juli 1990 abermals im Amt bestätigt. Er galt als moralische Autorität und respektierte Persönlichkeit und erfreute sich damals großer Popularität.

Gleichzeitig gelang es ihm nicht, den Zerfall der Tschechoslowakei zu verhindern. Am 3. Juli 1992 sollte Havel als Staatspräsident wiedergewählt werden. Er scheiterte jedoch an dem an dem ablehnenden Votum slowakischer Abgeordneter. Nachdem am 17. Juli das slowakische Parlament die Souveränität der Slowakischen Republik proklamiert hatte, trat er am 20. August 1992 vorzeitig von seinem Amt als Staatspräsident zurück. Ende des Jahres 1992 wurde die Föderation aufgelöst.

Am 26. Januar 1993 wurde Havel zum ersten Staatsoberhaupt der selbstständigen Tschechischen Republik gewählt. Trotz einer schwierigen innenpolitischen Lage wurde diese Wahl fünf Jahre später, am 20. Januar 1998, erneut bestätigt.

Durch das Bestreben Havels, das Land in die internationale Politik zu integrieren wurde 1999 die Tschechische Republik schließlich in die NATO aufgenommen.

Havels Verdienst war es außerdem, dass im November 2002 der als historisch bezeichnete Erweiterungsgipfel der NATO in Prag abgehalten wurde. Auf internationaler Ebene kommt dies - kurz vor dem Ende seiner Amtszeit - der Krönung seiner politischen Karriere gleich. Auf dem EU-Gipfel im Jahre 2002 in Kopenhagen wurde schließlich auch der Grundstein zur Eingliederung Tschechiens in die Europäische Union gelegt. Die weiteren Schritte auf dem Weg zum EU-Beitritt seines Landes konnte Václav Havel aber nicht mehr als aktiver Präsident mitgestalten. 2003 verabschiedete sich Vaclav Havel endgültig von allen politischen Ämtern.

Václav Havel war einer der am längsten amtierenden Staatspräsidenten Europas. Als solcher hat er sein Land mehr als dreizehn Jahre lang in seiner demokratischen Entwicklung ge- und begleitet. In vielen Teilen der Welt verbindet man mit seinem Namen in erster Linie moralische Integrität, gepaart mit einem Sinn für globale Zusammenhänge über das politische Tagesgeschäft hinaus. Ein besonderes Engagement hat Havel nach seinem Abschied aus der tschechischen Politik für die Demokratiebewegung in Kuba entwickelt. Unter anderem mitbegründete der Ex-Präsident 2003 ein "Komitee für Demokratie auf Kuba" (ICDC).

Havels literarisches und dramatisches Werk sowie sein lebenslanges Streben nach der Erhaltung der Menschenrechte wurde mit einer Reihe von staatlichen Auszeichnungen, internationalen Preisen und Ehrendoktortiteln gewürdigt. Während seine Popularität im Inland unter den Schwierigkeiten der gesellschaftlichen Transformation und den allgemeinen innenpolitischen Spannungen in den langen Jahren seiner Präsidentschaft zunehmend litt, ist sein Ansehen im Ausland ungebrochen. Dort ist er - nicht nur für Politiker - nach wie vor eine der zentralen Symbolfiguren der politischen Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa seit dem Ende der achtziger Jahre.

Und auch Vaclav Havel selbst hat sich schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt und bleibt der Nachwelt durch den bewegenden Dokumentarfilm „Občan Havel“ erhalten. Der Filmemacher Pavel Koutecký begleitete das Leben Havels während seiner gesamten Präsidentschaft über mehr als ein Jahrzehnt hinweg mit der Kamera. Beim Anblick auf der Leinwand lernt der Zuschauer Havel als einen humorvollen Menschen kennen, den viele seiner staatstragenden Erlebnisse auch emotional sehr stark berührten. Auch viele seiner Wegbegleiter sind zu sehen, die sich nun trauervoll über den Tod ihres Freundes, Gegners, Menschenrechtlers und Staatsmannes Vaclav Havel äußern.

Vaclav Klaus sagte gestern, dass Havel ein Symbol des neuen tschechischen Staates sei und zu der raschen Eingliederung Tschechiens in die Gemeinschaft freier und demokratischer Staaten beigetragen habe. Ministerpräsident Necas betonte, dass Havel sehr viel für die friedliche Transformation zur Demokratie und für die Integration des Landes in NATO und EU getan hätte. Nach Außenminister Schwarzenberg ist Havel der meist bekannteste Tscheche und anerkannt rund um die Welt. Auch aus dem Ausland kamen viele Kondolenzbekundungen. Bundeskanzlerin Merkel reagierte bestürzt: „Sein Einsatz für Freiheit und Demokratie bleibt ebenso unvergessen wie seine große Menschlichkeit. Gerade auch wir Deutsche haben ihm viel zu verdanken“.

Vaclav Havel wird nicht nur seiner Familie und seinen Freunden fehlen, sondern auch der tschechischen Gesellschaft. Aber er, der engagierte Staatspräsident, der leidenschaftliche Literat, der kompromisslose Widerstandskämpfer hinterlässt eine Botschaft für zukünftige Generationen, nämlich, dass Menschlichkeit, ein humanistisches Weltbild und die individuelle und gesellschaftliche Freiheit auch in der Politik umgesetzt werden müssen. Noch 1995 sagte Havel vor Studenten der Harvard Universität: “Unser Gewissen muss mit unserem Verstand gleichziehen, sonst sind wir verloren“. Bleibt zu hoffen, dass diese Forderung von der aktuellen Politikergeneration in Tschechien zunehmend verinnerlicht wird. Am Freitag nimmt Tschechien mit einem Staatsakt Abschied von Havel.

Ansprechpartner

Matthias Barner

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Leiter des Auslandsbüros Großbritannien und Irland

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