Bühne frei für mehr Nähe
picture-alliance / ZB / euroluftbild.de | euroluftbild.de / Bernd Clemens
Den Ort, den er für seine Erkundung wählte, ist die kaum 19.000 Einwohner zählende Stadt Prenzlau, die – trotz Namensähnlichkeit – in der innerdeutschen Mentalitätslandschaft den Gegenpol zum symbolträchtigen Berliner „Prenzlauer Berg“ bildet. Dessen viel beschworene Urbanität und Weltläufigkeit sind gerade nicht sein Thema, sondern Alltagserfahrungen in einer Provinzstadt, in der historische Prägungen wie gegenwärtige Verunsicherungen deutlich zutage treten.
Suche nach Gemeinsamkeit
Strauß schildert Beobachtungen und Gespräche, begnügt sich jedoch nicht mit der distanzwahrenden Rolle des klassischen Reporters. Bereits die 32seitige Einleitung – überschrieben mit der Heimatmetapher „Im schönsten Wiesengrunde“ – zeigt, dass er den Prenzlauern nicht als Unbeteiligter begegnet und auch nicht einfach „über“ sie berichtet. Seine Kontaktaufnahme ist nicht auf reinen Informationsgewinn aus, sondern folgt einem auf Gemeinsamkeit zielenden Zugang. Strauß sucht Nähe, wo andere Journalisten wohl von vornherein auf Distanzierung eingestellt wären.
Als gedanklicher Ausgangspunkt dient Strauß Thornton Wilders Unsere kleine Stadt, jenes Theaterstück, das die Spannungen und Differenzen in der Miniaturgesellschaft einer Kleinstadt sichtbar macht und gerade dadurch die Bedeutung eines gemeinsamen Bewusstseins für das Zusammenleben vor Augen führt. Strauß‘ Buch ist weniger eine Dokumentation neutraler Berichte als eine Inszenierung, die ein Konfliktpanorama ausbreitet und reflektiert. Prenzlau wird zur Bühne, auf der – pro Kapitel – nach berichthaften Sequenzen jeweils ein „Stadtbürger“ als Akteur und Repräsentant einer bestimmten Einstellung in Erscheinung tritt. So erhält das Lokale exemplarischen Charakter.
Wilder zeichnet seine kleine Stadt als einen Ort von milder Temperatur: „ruhig“ und „mit netten Menschen“. Ein Beispiel freundlichen und unaufgeregten Zusammenlebens ist Prenzlau hingegen nicht. Bereits mit dem ersten Kapitel führt Strauß die Leser mitten hinein in den Bürgerprotest gegen die Einrichtung eines zweiten Flüchtlingsheims, angeführt von der örtlichen AfD. Mit den Mitteln direkter Demokratie mobilisiert sie die bereitwillig mitziehende Stadtbevölkerung gegen die gewählte Kreisverwaltung, die ihrerseits in der Flüchtlingsfrage auf die geltende Rechtslage – Pflichtaufgabe nach Weisung – pocht und vor allem auch die Rechtmäßigkeit des AfD-Bürgerbegehrens infrage stellt. Die Brisanz dieser Konstellation ist klar: „Stimme des Volkes“ und Mehrheit gegen Recht und Repräsentation! Im Ergebnis spricht Strauß von einer wachsenden „Kluft zwischen Verwaltung und verwaltetem Bürger“. Dessen Vertrauen in seine Repräsentanten scheint ihm „gefährdeter denn je“.
Die Ferne Berlins
Umso verlassener wirken die bedrängten Verantwortungsträger vor Ort. Die „Abgesandten“ der etablierten Parteien im Bundestag, so Strauß, „fehlen“ in der entscheidenden Sitzung oder schalten sich „stummgeschaltet per Video“ zu. Wenn sie einmal erscheinen, dann als „Zoom-Kacheln“. Allein im Wahlkampf zeigt sich einer von ihnen persönlich – „lächelnd neben dem Kanzler in der ersten Reihe“. Die AfD hingegen ist ständig präsent: Ihre Bundestagsabgeordneten und bekannten Stichwortgeber nehmen bei Bürgerversammlungen und Neujahrsempfängen einen „öffentlichkeitswirksamen Platz“ ein oder gehen händeschüttelnd „durch die Reihen“.
Strauß registriert in Prenzlau „das grundsätzliche Gefühl, bloßer Befehlsempfänger einer in der Ferne residierenden Herrschaft zu sein“. An dieser „Ferne Berlins“ lässt er keinen Zweifel; sie bildet ein Grundmotiv, das in unterschiedlichen Varianten immer wieder aufscheint und ihn spürbar beunruhigt. Gerade daran entfalte sich das „bedrohliche Geschick der ‚Alternativen‘“, gleichzeitig Teil und entschiedener Gegner von Institutionen, Verfahren und Staat zu sein. Mit Blick auf die Umfragezahlen dieser Partei und die aufgeregte Stimmung in Prenzlau sieht er eine Zuspitzung der Lage voraus: „Es kann jetzt alles sehr schnell gehen.“
Dieser Satz markiert einen Wendepunkt: Politisch steht es Spitz auf Knopf. Zugleich verändert sich Strauß’ Annäherung an Prenzlau. Aus der unmittelbaren Beobachtung des Geschehens entwickelt er eine Perspektive, die tiefer greift und vor allem die historischen Prägungen dieser Stadtgesellschaft thematisiert. Kriegsverwüstungen und die doppelte Diktaturerfahrung haben sie weit stärker gezeichnet, als es der unbedarfte Blick auf die kleinstädtische Provinz je vermuten lassen würde.
Dass die Prenzlauer über Jahrzehnte aus ideologischen Gründen von den Schrecken ihrer Kriegs- und Nachkriegsgeschichte ferngehalten wurden, verschärft die Lage zusätzlich.
Alte und neue Wunden
Wer sich heute unter den Bedingungen einer freiheitlichen Gesellschaft auf historische Bewertungen einlässt, bewegt sich allerdings weiterhin auf heiklem Terrain. Strauß beschreibt eine hermetische Debatte, in der jede Gewichtung verdächtig erscheint. „Wer das Leid der Ostdeutschen zu stark betont, leidet angeblich an nationalistischer Russophobie, wer dem entgegen auf das Leid durch Deutsche hinweist, ist angeblich Russlandfreund und aus Selbsthass verblendet.“
Dass die Prenzlauer nach der totalen Zerstörung ihrer Stadt nicht verzweifelten, weckt in Strauß „Respekt und Bewunderung“. Doch den Einwohnern fällt es schwer, daraus ein eigenes Selbstbewusstsein zu beziehen. Der Wiederaufbau erfolgte nach sozialistischen Leitbildern und bedeutete den verordneten Abschied von der historischen Stadtgestalt.
Längst ist der Sozialismus gescheitert, aber seine Bauten prägen bis heute das städtische Bild. Die Abkehr vom oft ungeliebten Erbe vollzog sich erneut unter fremder, nun westdeutsch-kapitalistischer Regie: In das ehemalige Parteihaus der SED-Kreisleitung zieht eine westdeutsche Drogeriemarktkette ein. Das große Wandbild an seiner Außenfassade gilt ihr nur noch als „überflüssige Illustration entzauberter Ideologie“ und wird kurzerhand weiß übertüncht. 2006 muss das Gebäude endgültig weichen. Von ihm bleibt nur noch ein „Schutthaufen, auf dem bald eine PlusFiliale mit Fachmarktzentrum entsteht.“
Wer dieses Kapitel – treffend „Offene Wunden“ genannt – liest, versteht, warum die Entwicklungen nach 1989 für viele Menschen im Osten nicht nur eine Befreiung bedeuteten, sondern oft als gesellschaftlicher Zusammenbruch erlebt wurden, der ihr kollektives Selbstverständnis bis heute prägt. Die daraus entstandene Verletztheit und Verlusterfahrung sind keineswegs unbegründet, auch wenn sie im Bild des „Jammer-Ossis“ verzerrt wurden.
Ost-Stolz
Für Strauß stehen diese Wunden nicht ausschließlich für unverarbeitete Verletzungen, sondern sind auch eine Ressource. Ausführlich schildert er, wie einige Mitarbeiter das nach der Wende von der Schließung bedrohte Armaturenwerk Prenzlau retteten. Dass das Werk trotz aller Hindernisse und Demütigungen „überlebte“, veranlasst Strauß zum Rückgriff auf die vorbelastete Kategorie des Stolzes. Diesen „Ost-Stolz“ deutet er als Ausdruck behaupteter Würde und Auslöser eines erfahrungsgesättigten Zukunftsmutes, der aber allen großen Versprechungen zutiefst misstraut.
Dass Ost-Stolz in Ost-Trotz umschlagen kann, ist Strauß bewusst. Er sieht die Gefahr, dass die AfD solche Stimmungen aufnimmt und politisch verschärft. In diesem Moment gerät eine ursprünglich defensive Abwehrhaltung in Übereinstimmung mit der Selbstinszenierung einer Partei, die sich als Außenseiterin des politischen Systems präsentiert, aber in Teilen aggressiv gegen dieses agiert.
Die Annäherung erfolgt nicht nur über die Inanspruchnahme ostdeutscher Erinnerungscodes, etwa wenn sich der Westdeutsche Björn Höcke auf einem Moped der Marke Simson zeigt. Weit relevanter wird die Ansprache dort, wo Zugehörigkeit nicht nur behauptet wird, sondern tatsächlich vorhanden ist. Einem Prenzlauer Parteivertreter, dem Strauß im Gespräch begegnet, gesteht er einen durchaus authentischen Lokalpatriotismus zu, ebenso wie ein beachtliches soziales Engagement vor Ort.
In den Debatten über kommunale Milieus unter AfD-Einfluss erfassen Begriffe wie „Affektpolitik“ und „angebräunte Zivilgesellschaft“ die Lage nur unzureichend, weil sie diese reale soziale Verankerung ausblenden und moralisch delegitimieren, ohne darauf eine Antwort zu haben. Strauß’ Beobachtungen legen dagegen eine andere Frage offen: Warum gelingt es anderen politischen Kräften nicht oder zu wenig, eine ähnlich dichte Präsenz und Bindung zu entfalten? Für ihn ist es „dieses Gefühl fehlender politischer Nähe, die den Nährboden dessen bildet, was sich im Osten tagespolitisch in Umfragewerten und Wahlergebnissen“ widerspiegele. Es herrsche „eine Sehnsucht nach Unmittelbarkeit und Auseinandersetzung“.
Vom Hier zum Wir
Eine Politik der Nähe entfaltet Strauß nicht im Einzelnen, doch rückt er ein Ideal wieder ins Zentrum, das in der bundesrepublikanischen Geistestradition meist mit größter Skepsis betrachtet wird: die Gemeinschaft. Nach den Exzessen der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ gilt sie als potenziell gefährlicher Begriff. Wer dieses Thema aufgreift, sieht sich daher beinahe automatisch dem Verdacht neurechten Gedankenguts ausgesetzt.
Auch Strauß blieb diese Reaktion nach Erscheinen seines Buches nicht gänzlich erspart. Zwar setzt er sich nur andeutungsweise mit der belasteten Geschichte des Wortgebrauchs auseinander, doch macht er unmissverständlich deutlich, wie weit er von heroischen oder völkischen Vorstellungen von Gemeinschaft entfernt ist. Seine wichtigste Referenz ist Thornton Wilders Unsere kleine Stadt. Dort entsteht Gemeinschaft aus gegenseitiger Sichtbarkeit und aus dem Wissen umeinander. Nicht die große Geste, sondern das unspektakuläre Miteinander trägt das Zusammenleben; vorhandene Nähe bedeutet immer auch Reibung. Konflikte, Enttäuschungen und Engstirnigkeit gehören ebenso zu dieser Alltagsgemeinschaft wie Verlässlichkeit und Solidarität.
Dass Strauß Helmuth Plessners Grenzen der Gemeinschaft nicht kennt, ist kaum vorstellbar. Ebenso ist davon auszugehen, dass ihm die Bedeutung sozialer Distanz als Schutz vor Vereinnahmung vertraut ist. Er zeigt dagegen, wie leicht Distanzierungsprozesse auch in Selbsterhebung oder Ausgrenzung umschlagen können. In vielen Passagen beschreibt er den bundesdeutschen Politik, Beratungs-, Statistik- und Wissenschaftsbetrieb als tendenziell abgehoben, hermetisch und moralisch selbstgewiss. Auf dessen gegenwärtige Neigung, ständig nach einem großen „Wir“ zu rufen und Gemeinsamkeit zu beschwören, geht Strauß zwar nicht ein. Dennoch scheint die Wirkungslosigkeit solcher Appelle seinen Ausgangspunkt zu bestätigen. In der Ortlosigkeit und ohne Gegenüber gibt es kein „Wir“.
In Prenzlau wartet das Meer
Prenzlau ist alles andere als ein Idyll. Gegen Ende des Buches wirkt die Fülle an Konflikten, Gefährdungen und Widersprüchen nahezu erdrückend. Umso markanter erscheint Strauß’ Entscheidung, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern einer „Lust auf Prenzlau“ und einer „Lust auf den neuen Osten“ nachzugehen. Hoffnungslosigkeit kommt für ihn offensichtlich nicht in Betracht.
Als Sehnender findet er in Prenzlau eine Sehnsucht nach Nähe. Das klingt nach Romantik – und ist es auch. Manche mag diese Wendung irritieren, doch für halbherzige Annäherungen, für Stippvisiten oder Tagesseminare ist es inzwischen zu spät. Was Strauß vormacht, verlangt ein anderes Maß an Engagement: ein Sich-einlassen mit Haut und Haaren, getragen von wirklichem Interesse und einem fortlaufenden Prozess der Zugewandtheit, der jede Form souveräner Indifferenz vermeidet und zugleich anerkennt, dass Begegnung nicht nur Zustimmung, sondern ebenso Widerspruch und Konfrontation bedeutet.
Strauß’ Buch ist im besten Sinne des Wortes theatralisch. Es eröffnet einen Möglichkeitsraum, der in einer ernüchterten Gegenwart vielen längst verschlossen scheint. Der abschließende Satz dieser Annäherung an Prenzlau – eine Stadt am Unteruckersee – lässt unwillkürlich an Caspar David Friedrich denken: „Und wenn ein bisschen Nebel über dem Wasser liegt und die Sonne richtig steht, dann ist’s für einen Moment so, als stünde man am Meer …“
Bernd Löhmann, geboren 1966 in Krefeld, Chefredakteur „Die Politische Meinung“.
Zum Weiterlesen
Das Gespräch „Nähe als politischer Imperativ. Simon Strauß und Christian Bermes über gesellschaftlichen Zusammenhalt als bürgerliche Tugend“ ist in unserem Blog unter www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/blog/detail/-/content/naehe-als-politischer-imperativ abrufbar.