Der Mythos der stärksten Klasse
Wenn man das Wahlverhalten der Arbeiter seit der Wiedervereinigung 1990 betrachtet, gibt es sowohl große Kontinuitätslinien als auch signifikante Veränderungen – je nachdem, welche Partei man analysiert. Die Arbeiter verhalten sich kollektiv parallel mit der politischen Stimmung der Gesamtbevölkerung. Dieser Effekt ist jedoch nicht auf Arbeiter begrenzt. Schon lange wird beobachtet, dass es in den einzelnen sozialstrukturellen Gruppen kaum Abweichungen vom allgemeinen Trend gibt. Es gibt nur unterschiedlich hohe Sockel: Gruppen, bei denen Parteien generell einen höheren Zuspruch finden, und Gruppen, bei denen die Zustimmung unterdurchschnittlich ist. Doch bewegen sich diese Gruppen bei Wahlen fast identisch wie alle anderen Wähler. Wenn es schlecht läuft, verlieren Parteien in allen Gruppen – auch dort, wo sie normalerweise eine hohe Gruppenanbindung haben. Der Zuspruch in diesen Gruppen ist dann zwar immer noch überdurchschnittlich, nur auf einem niedrigeren Niveau gegenüber der Vorwahl. Dies gilt auch für die Gruppen, in denen Parteien unterdurchschnittlich abschneiden, also eine traditionell schwächere Anbindung haben. Auch dort verlieren Parteien meist so, wie es sich im Bevölkerungsdurchschnitt ablesen lässt. Die Wirkung der politischen Stimmung ist also in allen sozialstrukturellen Gruppen – mit einigen wenigen Ausnahmen – fast immer gleich. Oder um es anders zu formulieren: Das Delta der Über- und Unterrepräsentation ist fast konstant.
Betrachtet man nun das Abstimmungsverhalten der Arbeiter für die einzelnen Parteien, entsprechen bei der Union, der FDP und den Grünen die Gewinne und Verluste in der Gruppe der Arbeiter im Durchschnitt den Gewinnen und Verlusten, die insgesamt erzielt werden. Diese Parteien erzielen in der Gruppe der Arbeiter immer unterdurchschnittliche Ergebnisse.
Entgegen ihrem aus der Parteitradition entspringenden Image ist Die Linke (Partei des Demokratischen Sozialismus [PDS], Linkspartei) nicht die Partei der Arbeiterklasse. Allerdings gab es eine historische Phase, in der sie überdurchschnittlich gut in dieser Gruppe abschnitt. Mit dem Wechsel von Oskar Lafontaine in die PDS 2005 und der Fusion mit der WASG (Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative) zur Linkspartei/Die Linke gewann sie überdurchschnittlichen Zuspruch bei Arbeitern und auch bei Gewerkschaftsmitgliedern. Doch seit 2017 ist diese Phase vorbei. Wie vorher als PDS schneidet Die Linke in der Gruppe der Arbeiter entsprechend ihrem Gesamtergebnis ab.
Bei dem Kampf um die Arbeiterklasse hat die SPD durch die Konkurrenz der AfD erheblich Federn gelassen. 1990 und 1994 zeigte sich noch ein Bild, das auch vor der Wiedervereinigung ein vertrautes war: Die SPD schnitt bei Arbeitern weit überdurchschnittlich ab. Neun Prozentpunkte gewann sie jeweils bei diesen Wahlen in der Gruppe der Arbeiter mehr als im durchschnittlichen Wahlergebnis. Ab diesem Zeitpunkt ging es bergab – nicht steil, aber stetig. Bereits vor der ersten Teilnahme der AfD an einer Bundestagswahl im Jahr 2013 hatte die SPD ihren überdurchschnittlichen Rückhalt in der Arbeiterschaft von Wahl zu Wahl immer mehr eingebüßt. Das minimal bessere Abschneiden blieb bei Arbeitern zunächst konstant, bis 2025 der Anteil der Arbeiter, die sich für die SPD entschieden, mit 16 Prozent dem Wahlergebnis der Partei in der Gesamtbevölkerung entsprach. 1998 stimmte noch die Hälfte der Arbeiter für die SPD.
Der gewachsene Zuspruch, den die AfD in der Gruppe der Arbeiter mittlerweile genießt, ist für die SPD besonders schmerzlich. Bei ihrer ersten Kandidatur für den Bundestag 2013 hatte die AfD noch keinen überdurchschnittlichen Zuspruch. Ab diesem Zeitpunkt stieg die Zustimmung bei Arbeitern jedoch stetig an, bis die AfD bei der Bundestagswahl 2025 bei der Arbeiterschaft um neun Prozentpunkte besser abschnitt als in der Gesamtbevölkerung. Erreichte die AfD 2025 insgesamt rund 21 Prozent, entschieden sich 30 Prozent der Arbeiter für die Partei. Dieser Trend lässt sich ebenfalls bei anderen rechtspopulistischen Parteien (wie der FPÖ in Österreich) beobachten, wobei sich die AfD zumindest als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingeordnete Partei von diesen unterscheidet, was aber für das Wahlverhalten irrelevant zu sein scheint. scheint. In mehreren Bundesländern wird die AfD vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft.
Die Austauschprozesse der SPD mit der AfD scheinen nicht nur in Bezug auf die Arbeiter, sondern auch insgesamt in der Öffentlichkeit bislang unterbewertet zu sein. Seit 2013 hält sich hartnäckig die These, die AfD sei „Fleisch vom Fleische“ der Union. Diese Vermutung ist jedoch empirisch nicht zu halten. Die Wählerwanderungsbilanzen von infratest dimap, die im Rahmen der Wahlberichterstattung der ARD erhoben werden, sprechen eine andere Sprache. Am gesamten Zugewinn an Stimmen der AfD bei der Bundestagswahl 2025 stammen 13 Prozent von der SPD; 19 Prozent sind ehemalige Wähler der Union. Gemessen an der Größe der SPD ist das ein überdurchschnittlicher Anteil. Als die AfD im Jahr 2021 Stimmen einbüßte, landeten 22 Prozent des Rückgangs bei der SPD, 7 Prozent bei der Union. Allerdings kann man anhand der vorliegenden Daten der Wählerwanderungen nicht feststellen, wie viele Arbeiter, die früher die SPD wählten, wechselten. Es ist allerdings plausibel, anzunehmen, dass sich unter den 720.000 Wählern, die 2025 von der SPD zur AfD gingen, auch Arbeiter befunden haben.
Zu bedenken ist auch, dass sich der Zustrom zur AfD teilweise etwa zur Hälfte aus Nichtwählern zusammensetzt. Das heißt, nur die Hälfte des Zuwachses erklärt sich aus ehemaligen Parteiwählern. Schon aufgrund ihrer Größenordnung hätte die Gruppe der Arbeiter den Anstieg der AfD auf 20,8 Prozent bei der Bundestagswahl 2025 nicht ermöglichen können. An dieser Stelle lohnt sich eine einfache Berechnung: Angenommen, die Wahlbeteiligung der Arbeiter entspräche dem Bevölkerungsdurchschnitt, dann wären etwa 3,7 Millionen Arbeiter zur Wahl gegangen. Der Anteil der AfD unter Arbeitern liegt bei 30 Prozent. Dann wären circa 1,2 Millionen ihrer Stimmen von Arbeitern gekommen. Bezogen auf die 10,4 Millionen Stimmen der AfD insgesamt, würde dies einem Anteil von circa 12 Prozent entsprechen, was ziemlich genau dem Arbeiteranteil an der Bevölkerung entspricht. Dies macht deutlich, dass vieles, was auf den ersten Blick erstaunlich erscheint, auf den zweiten Blick relativiert werden muss – zumindest was die Arbeiterschaft betrifft.
Die Arbeiterklasse hat aufgrund ihrer Größe einen geringen Einfluss auf das Abschneiden der Parteien. Anders stellt es sich dar, wenn man das Wahlverhalten nach Bildungsabschlüssen betrachtet. Jeweils etwa die Hälfte der Wähler verfügt über ein höheres beziehungsweise niedrigeres Bildungsniveau. Bürger, die keinen höheren Bildungsabschluss haben, neigen zunehmend zur AfD – :eine Tendenz, die seit der Europawahl 2024 deutlich geworden ist. Männer, Wähler, die jünger als 35 Jahre sind, Wähler im ländlichen Raum und Wähler ohne Abitur neigen verstärkt zur AfD. Hatte die AfD 2013 keine nennenswerten Über- oder Unterrepräsentationen in den unterschiedlichen Bildungsgruppen, haben sich die Unterschiede zunächst verstärkt und sind zuletzt sprunghaft angestiegen. Bei allen Bundestagswahlen schnitt die AfD bei Wählern mit einem mittleren Bildungsniveau am besten ab. Doch waren die Unterschiede zwischen den Gruppen nicht sehr groß. Das hat sich 2025 dramatisch verändert: 11 Prozent der Wähler mit einem Hochschulabschluss entschieden sich für die AfD. Am besten schnitt die Partei bei Wählern mit einem mittleren Bildungsabschluss ab, von denen 29 Prozent für die AfD stimmten. Zwar kann heute noch nicht entschieden werden, ob eine neue gesellschaftliche Konfliktlinie entstanden ist. Die Spreizung der AfD-Anhängerschaft nach dem erreichten Bildungsniveau macht hingegen nachdenklich.
Viola Neu, geboren 1964 in Ludwigshafen am Rhein, promovierte Politikwissenschaftlerin, Stellvertretende Leiterin der Hauptabteilung Analyse und Beratung, Leiterin Wahlund Sozialforschung, Konrad-Adenauer-Stiftung.
[1] Stefan Wannenwetsch: „Es gibt noch Arbeiter in Deutschland“. Zur Kategorie ‚Arbeiter‘ in der bundesdeutschen ‚Arbeitnehmergesellschaft‘, De Gruyter / Oldenbourg Verlag, Berlin 2024.
[2] Statistisches Bundesamt: Statistischer Bericht – Mikrozensus – Arbeitsmarkt Endgültige Ergebnisse 2023, 19.05.2025, www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/Publikationen/Downloads-Erwerbstaetigkeit/statistischer-bericht-mikrozensus-arbeitsmarkt-2010410237005-endergebnisse.html [letzter Zugriff: 18.02.2026].
[3] Florian R. Hertel: „Sozialstrukturelle Veränderungen und Ungleichheit in der deutschen Klassengesellschaft“, in: WSI-Mitteilungen, 73. Jg., Nr. 4/2020, S. 155–164.
[4] Harald Schoen: „Soziologische Ansätze in der empirischen Wahlforschung“, in: Jürgen W. Falter / Harald Schoen (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, 2. Aufl., Wiesbaden 2014, S. 169–240.