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„Die Reisschale des chinesischen Volkes“

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Creative Commons by-nc-nd/3.0/de, Bundeszentrale für politische Bildung 2022
Quellen: https://wits.worldbank.org/CountryProfile/en/Country/CHN/Year/LTST, https://oec.world/en/profile/country/shn, Diagramme: mr-karthographie, Gotha,

Analysen von Millionen Straßensegmenten belegen eine hohe, allerdings ungleich verteilte Resilienz dieses Systems, das anfällig für Störungen durch Naturkatastrophen oder Infrastrukturausfälle ist.[7]

Die eigentliche Verwundbarkeit Chinas liegt allerdings nicht in der Grundversorgung, sondern im gestiegenen Wohlstand. Mit zunehmendem Einkommen veränderte sich der Speiseplan der Bevölkerung. Der Konsum von Fleisch, Milchprodukten, Speiseölen und verarbeiteten Lebensmitteln explodierte geradezu. Dies stellte die heimische Landwirtschaft vor immense Herausforderungen, insbesondere bei der Produktion von Futtermitteln.

China ist der mit Abstand größte Sojaimporteur der Welt. Über 85 Prozent seines Bedarfs (2023: etwa 98 Millionen Tonnen) bezieht es aus dem Ausland, vor allem aus Brasilien und den USA.[8] Die importierten Sojabohnen werden primär zu Sojaschrot für die Schweine- und Geflügelmast verarbeitet. Die Abhängigkeit von Sojaimporten macht China anfällig für Preisschocks auf den globalen Märkten und für geopolitische Spannungen. Das Land ist ebenfalls ein großer Nettoimporteur von anderen Ölsaaten, Mais (trotz hoher Eigenproduktion), Fleisch (insbesondere Rindfleisch), Milchprodukten und hochwertigen Lebensmitteln wie Wein oder Nüssen. Diese Importe dienen der Bedarfsdeckung (Futtermittel) oder befriedigen die wachsende Nachfrage der Mittelschicht nach hochwertigen und unbelasteten Nahrungsmitteln.

Auf dem globalen Agrarmarkt agiert China nicht nur als passiver Käufer, sondern nutzt seine enorme Nachfragemacht bewusst als politisches Instrument. Der Handelskrieg mit den USA unter Präsident Donald Trump ist ein Lehrbeispiel: Peking drosselte gezielt die Importe von US-amerikanischem Soja und traf damit die ländliche Wählerschaft Trumps. Im September 2025 hat China gar keine Käufe mehr in den USA getätigt. Gleichzeitig wurden die Lieferquellen diversifiziert. Einfuhren aus Brasilien wurden massiv hochgefahren und neue Quellen (zum Beispiel Russland) erschlossen.[9] Ähnliche Muster zeigen sich bei anderen Produkten: Nach politischen Verstimmungen mit Australien führte China 2020 hohe Zölle auf australischen Wein, australische Gerste und australisches Rindfleisch ein, die deren Exporte nach China einbrechen ließen. Im Jahr 2024 hat China diese Handelsbeschränkungen wieder aufgehoben.[10]

China ist bemüht, mehr Quellen für Nahrungsmittelimporte zu erschließen. Der oft erhobene Vorwurf, China betreibe in Afrika oder Südostasien ein großflächiges Landgrabbing, um die eigene Bevölkerung direkt zu ernähren, hält jedoch einer genaueren Überprüfung kaum stand.

Empirische Studien zeigen, dass chinesische Agrarinvestitionen in Afrika deutlich geringer als häufig behauptet ausfallen. Zudem fließen sie überwiegend in Produkte wie Kautschuk, Palmöl oder Baumwolle und in die Erschließung lokaler Märkte. Der direkte Anbau von Grundnahrungsmitteln für den Export nach China spielt hingegen nur eine marginale Rolle.[11] Statt Land zu kaufen, setzt China eher auf langfristige Handelsverträge (oft im Rahmen von „Rohstoff-für-Infrastruktur“-Deals) und strategische Beteiligungen an globalen Agrarkonzernen. Der Kauf des Schweizer Saatgut- und Agrochemie-Riesen Syngenta durch ChemChina (heute Teil der Sinochem Group) im Jahr 2017 ist hierfür ein Paradebeispiel.[12] Dies verschaffte Zugang zu Technologie, Saatgut und globalen Wertschöpfungsketten, ohne das politisch brisante Thema des großflächigen Landkaufs im Ausland zu berühren.

 

Politik der gestärkten Autonomie

Die Importstrategie ist auch eine Reaktion auf innere Schwächen. Lebensmittelskandale – von melaminverseuchtem Milchpulver (2008) über Gutter Oil[13] bis hin zu mit Schwermetallen belastetem Reis – erschütterten das Vertrauen in heimische Produkte nachhaltig. [14] Ausgelöst wurde dadurch ein Boom bei importierten Premium- und Bio-Produkten, insbesondere bei Babynahrung und Milchprodukten, die als sicherer gelten.

Die größten langfristigen Risiken für Chinas Ernährungssicherheit sind ökologischer Natur: Besonders der Norden leidet unter akutem Wassermangel.15 Die Landwirtschaft verbraucht über 60 Prozent des Wassers, während Grundwasserleiter – Gesteinskörper, die Grundwasser speichern und weiterleiten können – in alarmierendem Tempo erschöpft werden. Überdüngung, Versalzung, Erosion und Schwermetallbelastung durch Industrie und Bergbau gefährden die Fruchtbarkeit von mehr als 40 Prozent des Ackerlandes. Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen bedrohen Ernten und verschärfen die Wasserproblematik. Zur Absicherung der Lebensmittelversorgung verfolgt Peking eine Politik der gestärkten Autonomie. Sie umfasst erhebliche Investitionen in Agrarforschung (Gentechnik, Präzisionslandwirtschaft, vertikale Farmen und Saatgutentwicklung) sowie die Reduzierung von Nachernteverlusten, Verbesserung der Lagerung und Logistik, Programme zur Eindämmung von Düngerund Pestizidübergebrauch, Förderung der ökologischen Landwirtschaft (wenn auch noch im kleinen Maßstab), Initiativen zur Bodensanierung. Kampagnen gegen Lebensmittelverschwendung und zur Förderung einer „gesünderen“, weniger fleischlastigen Ernährung ergänzen diesen politischen Ansatz, wenngleich mit bisher begrenztem Erfolg angesichts der Konsumwünsche der Mittelschicht.

Chinas Ernährungssicherheit ist kein isoliertes nationales Problem. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln (Reis, Weizen) erscheint durch die eiserne Autarkiepolitik abgesichert. Die eigentlichen Schwächen liegen in der Abhängigkeit von Futtermittelimporten zur Gewährleistung des wachsenden Fleischkonsums und den massiven ökologischen Herausforderungen (Wasser, Boden, Klima). Chinas strategisches Agieren auf den globalen Märkten ist ein Versuch, diese Importabhängigkeiten zu managen und politisch zu nutzen.

Die ökologischen Herausforderungen (Wasserknappheit, Bodendegradation, Klimawandel) sind zugleich globale Probleme. Internationale Zusammenarbeit in der Agrarforschung (etwa über trockenresistente Sorten), beim nachhaltigen Wassermanagement und bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft ist überlebenswichtig – nicht nur für China, sondern auch für die globale Ernährungssicherheit.
 

Julia Haes, geboren 1975 in München, promovierte Ökonomin, Gründerin des China-Instituts für die deutsche Wirtschaft (CIDW), Dozentin für Wirtschaft des asiatisch-pazifischen Raums, Munich Business School.

Klaus Mühlhahn, geboren 1963 in Konstanz, bis 2025 Inhaber des Lehrstuhls für Moderne China-Studien und Präsident der Zeppelin Universität, Friedrichshafen, Professor für Kultur und Geschichte des modernen China, Freie Universität Berlin.

 

[1] Xi Jinping: „Ensure China’s Food Security“, in: Selected Readings from the Works of Xi Jinping, Volume I, 23.12.2013, https://en.qstheory.cn/2025-01/24/c_1065997.htm [letzter Zugriff: 17.11.2025].
[2] Pierre-Etienn Will / R. Bin Wong: Nourish the People. The State Civilian Granary System in China 1650–1850, University of Michigan Press, Ann Arbor 1991.
[3] Xi Jinping, a. a. O., siehe En. 1.
[4] Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO): FAOSTAT, China Country Profile 2023, www.fao.org/faostat/en/#country/351 [letzter Zugriff: 17.11.2025].
[5] National People’s Congress (NPC): The Law of the People’s Republic of China on Assuring Food Security, veröffentlicht im Dezember 2023, übernommen vom United States Department of Agriculture / Foreign Agricultural Service und Global Agricultural Information Network im Juni 2024 (US-offizielle Quelle, englische Übersetzung, siehe https://apps.fas.usda.gov/newgainapi/api/Report/DownloadReportByFileName?fileName=National%20Food%20Security%20Law%20Published_Beijing_China%20-%20People%27s%20Republic%20of_CH2024-0022.pdf [letzter Zugriff: 17.11.2025].
[6] Yi Xiao / Jianya Zhao / Yanglang Zhang / Shu Wang: „Grain Self-Sufficiency in Guangdong, China: Current Trends and Future Perspectives“, in: Foods, 14. Jg., Nr. 7/2025, 1126, https://doi.org/10.3390/foods14071126 [letzter Zugriff: 17.11.2025].
[7] Xinyuan Liang / Yue Dou / Robert Ohuru / Rolf de By / Xiaobin Jin / Shuyi Feng / Fei Meng / Yinkang Zhou: „Local food system resilience in China integrating supply and demand“, in: Global Food Security, 44. Jg., März 2025, https://doi.org/10.1016/j.gfs.2025.100830 [letzter Zugriff: 17.11.2025].
[8] World Integrated Trade Solutions (WITS): China Soya Beans Imports by Country in 2023, aktualisiert im November 2025, https://wits.worldbank.org/trade/comtrade/en/country/CHN/year/2023/tradeflow/Imports/partner/ALL/product/120100 [letzter Zugriff: 17.11.2025].
[9] Mandy Zuo / Mia Nurmamat: „China’s soybean imports surge as orders to US hit zero, and South America is cashing“, in: South China Morning Post, 20.10.2025.
[10] Giulia Interesse / Yi Wu: „China-Australia Economic Ties: Trade, Investment, and Latest Updates“, in: China Briefing, 16.07.2025, www.china-briefing.com/news/china-australia-bilateral-ties-opportunities-challenges-latest-updates/ [letzter Zugriff: 17.11.2025].
[11] Deborah Brautigam: Will Africa Feed China?, Oxford University Press, Oxford 2016, S. 151–164.
[12] Geoff Colvin: „China is unloading its biggest ever foreign acquisition“, in: Fortune, 01.07.2021, https://fortune.com/2021/07/01/china-acquisition-chemchina-syngenta/ [letzter Zugriff: 17.11.2025].
[13] Als „Gutter Oil“ (englisch „Gutter“ für „Abflussrinne“ und Oil für „Öl“) wird Speiseöl bezeichnet, das aufgrund mehrfacher Aufbereitung oder der Herstellung aus Abfallprodukten nicht für den Verzehr geeignet ist. Der Begriff ist insbesondere in China gebräuchlich, wo der Handel mit gesundheitsschädlichen Speiseölen zu einem der größten Probleme in der Lebensmittelsicherheit zählt [Anmerkung der Redaktion].
[14] Klaus Mühlhahn: Geschichte des modernen China. Von der Qing-Dynastie bis zur Gegenwart, C.H. Beck, München 2021, S. 653–656.[15] Ebd., hier S. 644–652.

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