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@Karoline Gosling auf X

Die Bilder jedoch stehen nicht für sich. Sie illustrieren Texte, die in einem kaum größeren Widerspruch zum Bildprogramm stehen könnten: „The more women voted and were encouraged to vote, the worse the world got“ – steht da über einem Selfie. Der Effekt ist stark, weil man eine solche Geste der Selbstauslieferung nur selten sieht: Seht her, ich bin eine Frau und bin gegen meine eigenen Rechte! Zum Bild am Steuer ihres Fahrzeugs schreibt sie: „Women are terrible drivers. You know it. I know it. We all know it. So … can we all stop pretending, apart from rare exceptions, that women are good drivers?“ Was ist los mit dir, Karoline?, möchte man fragen. Dabei gehören diese Posts noch zu den harmloseren. „Make Men Misogynistic Again“ oder „I will raise all my children to be sexist against women, just to balance things back to normal“ lesen sich wie Slogans aus einem antifeministischen Fiebertraum.

Ihre ideologische Heimat ist schnell umrissen: Feminismus mache Frauen unglücklich, widerspreche ihrer Natur und ihrer christlichen Bestimmung, zerstöre Familien, destabilisiere Gesellschaften und sei wahlweise eine Lüge, ein Scam oder gleich satanistisch; der Westen gehe zugrunde, weil Frauen zu viel Freiheit erhalten hätten. Antifeminismus, christlicher Traditionalismus, Untergangserzählung und Kulturkampf verschalten sich hier zu einem Repertoire, das auf der Plattform X seit ihrer Übernahme durch Elon Musk auf eine besonders empfängliche Männerszene trifft.

 

Wer ist Karoline Gosling?

Karoline Gosling ist eine Frau, wie sie sich eine bestimmte Sorte Mann im Netz gern backen würde: jung, blond, attraktiv, westlich, lifestyleorientiert und bereit, all das zu sagen, wofür diese Männer selbst als rückständig, frauenfeindlich oder autoritär kritisiert würden. „If we took away the female vote, how long before society would be fixed and nice again?“, fragt sie in einem Tweet ihre rund 50.000 Follower (Stand April 2026). Und sofort geschieht, wofür dieser Account gemacht ist: Männer antworten. Sie belehren, erklären, bestätigen, fantasieren. Eine sexy Frau spricht endlich aus, was sie selbst schon lange denken! Daraus lässt sich in den einschlägigen Communitys schnell ein größeres Narrativ machen: Viele Frauen wollen diesen Feminismus doch gar nicht. Viele Frauen sehnen sich eigentlich nach traditioneller Ordnung. Selbst das Frauenwahlrecht sei ihnen, wenn man nur ehrlich wäre, gleichgültig oder sogar lästig. Karoline Gosling ist keine Meinungsträgerin, sondern eine Projektionsfigur. Sie liefert jenen Männern nicht nur Retweet-taugliche Sätze, sondern die Illusion weiblicher Zustimmung.

Eigentlich müsste Karoline Gosling aus Sicht dieser Männer fast zu perfekt sein, um wahr zu sein. Immerhin wird auf Reddit Skepsis laut. Ein Nutzer formulierte dort jüngst sinngemäß: Wenn diese Frauen wirklich Tradwives wären, würden sie ihre Social-Media-Accounts löschen und nur mit Menschen sprechen, mit denen es ihr Ehemann erlaubt. Also alles nur Fake?

Vieles spricht dafür, dass Karoline Gosling tatsächlich nicht existiert. Sie hat keine erkennbare Geschichte außerhalb von X, keine Spuren, die über den Account hinausweisen. Dieselben Bilder wiederholen sich seit Monaten in verschiedenen Kombinationen. Manche Motive wirken generisch, andere offensichtlich synthetisch. Bilder, die sie mit Elon Musk oder Donald Trump zeigen sollen, sind erkennbar KI-generiert. Vielleicht ist Karoline Gosling ein Bot? Vielleicht auch nur ein halbautomatisierter Account? Vielleicht wird sie von einem Menschen betrieben, der sich mithilfe generativer KI eine antifeministische Influencerin gebaut hat?

Für die Funktion des Accounts ist all das unerheblich. Ob hinter Karoline Gosling eine Frau, ein Mann, ein Team oder eine Maschine steht – das Profil tut, was es soll. Es ist ein Baiting-Account, ein Profil, das nicht (wie sonst für Influencer üblich) authentisch und glaubwürdig sein, sondern reizen und triggern will. Und je größer das Einzugsgebiet, desto besser. So werden Verbündete geködert, weil sie sich bestätigt fühlen, und Gegnerinnen, weil sie widersprechen müssen.

 

Die Reaktion macht den Inhalt

Karoline Gosling ist keine Randerscheinung, sondern ein typisches Symptom der gegenwärtigen Plattformkultur. Einer Kultur, in der die Reaktionen wichtiger geworden sind als die Inhalte, insofern sie darüber bestimmen, was sichtbar wird und Aufmerksamkeit erhält. Denn nur Reaktionen stimulieren den Algorithmus, der wiederum für den Vertrieb der Inhalte zuständig ist.

@Karoline Gosling auf X

Ein Satz wie „Feminist did more damage to the world than Misogyne ever did or will do“ bleibt nicht als bloße Behauptung irgendwo im Nirgendwo stehen, obwohl das zweifellos ein angemessenes Schicksal für ihn wäre. Er wird zustimmend beantwortet, empört geteilt, ironisch kommentiert oder in andere Kontexte überführt. Jede dieser Reaktionen, ob bestätigend oder ablehnend, trägt ihn weiter und gibt ihm Gestalt und Bedeutung.

In meinem Buch Hyperreaktiv[1] beschreibe ich Likes, Shares, Kommentare, Quote-Tweets, Stitches oder Reaction-Videos als eigenständige Sprechakte. Sie sind nicht nachträgliche Bewertungen einer ursprünglichen Aussage, sondern produzieren ihre Bedeutung mit, schon allein deshalb, weil sie sichtbar sind. Eine Reaktion fügt der Aussage eine Emotion, eine Interpretation oder einen Kontext hinzu. In großer Zahl entscheidet sie mit darüber, was eine Aussage überhaupt ist, ob sie als Provokation, als Witz, als Bekenntnis oder als Skandal in die Welt geht.

 

Die Professionalisierung der Reaktionskultur

Die Reaktionskultur professionalisiert sich seit Jahren – und sie wird strategisch instrumentalisiert. Das beginnt in politisch zunächst irrelevant erscheinenden Bereichen. Über den quantitativen Erfolg von K-Pop schrieb der Kolumnist David Tizzard kürzlich: „The YouTube view in K-pop is more a unit of work than cultural influence.“[2] Die hohen Klickzahlen messen nicht mehr kulturellen Einfluss, sondern den Arbeitsaufwand einer gut organisierten und strategisch agierenden Fangemeinschaft, die klickt und kommentiert, was das Zeug hält – oft auf mehreren Geräten gleichzeitig. Die Reaktionsmenge ist hier künstlich aufgebläht, ohne dass die einzelne Reaktion irgendetwas bedeutete.

Karoline Gosling steht auf der nächsten Stufe dieser Instrumentalisierung. Bei ihr werden nicht die Reaktionen produziert, sondern der Reaktionsanlass. Ein synthetisches Profil, das der Reaktionskultur permanent Rohmaterial bereitstellt. Einer ihrer bekanntesten Abnehmer? Elon Musk. Immer wieder kommentiert er ihre Postings mit „true“ oder einem Herz-Emoji und verschafft ihr so weitere Autorität.

Eine dritte Variante ist die strategische Überforderung der Öffentlichkeit durch die Bereitstellung von zu viel Rohmaterial, etwa durch Datenleaks. Wie sehr die Trump-Regierung die Logik der Reaktionskultur verinnerlicht hat, zeigte nicht zuletzt die Veröffentlichung der Epstein Files. Millionen Dokumente wurden unkommentiert, ohne redaktionelle Einordnung, ohne Priorisierung nach Relevanz und ohne Rücksicht auf die Opfer ins Netz geworfen – wohlwissend, dass dort True-Crime-Creatoren, Promi-Accounts und Aktivisten unterschiedlichster Couleur die Files in eine Eigendynamik überführen würden, in der das Material zur unkenntlichen Masse wird, die jeder nach eigenem Bedarf interpretiert. Genau diese Dynamik habe ich in Hyperreaktiv als Hyperinterpretation beschrieben.

 

Was bildet digitale Öffentlichkeit noch ab?

Im Netz werden Inhalte aller Art zu Rohmaterial. Es ist nicht mehr nötig, aufwendig eine Botschaft zu vermitteln. Es muss ein Reaktionsfeld hergestellt werden, auf dem die Communitys dann ihre eigenen Botschaften produzieren. Das kann handgemacht sein oder mithilfe von KI und Bots geschehen. Doch je synthetischer die Reaktionskultur wird, desto unsicherer wird auch, was digitale Öffentlichkeit überhaupt noch abbildet. Bislang konnte man die Erregung im Netz zumindest als – wenn auch verzerrten – Ausdruck gesellschaftlicher Konflikte lesen. Natürlich waren nicht alle beteiligt, nicht alle gleich laut und sichtbar. Aber irgendwo hinter den Postings, Kommentaren und Empörungswellen standen Menschen mit Interessen, Haltungen, Kränkungen und Weltbildern. Mit strategisch betriebenen Baiting-Profilen wie dem von Karoline Gosling erodiert diese Grundlage. Ist Karoline Gosling Ausdruck eines gesellschaftlichen Backlashs, einer Gegenreaktion gegen Feminismus – oder dessen Simulation? Ist sie Symptom einer realen Radikalisierung – oder doch ein Werkzeug, das Radikalisierung erst performativ hervorbringt?

In diesem Punkt ist man fast versucht, sich wieder zu beruhigen. Wenn das alles sowieso nur Fakes sind, ist es ja nicht so schlimm! Doch auch synthetische Bilder können real wirken. Auch eine künstliche Figur kann echte Männer zu echten Sätzen bringen. Die Grenzen des Sag- und Denkbaren verschieben sich nicht erst, wenn eine Mehrheit überzeugt ist. Sie verschieben sich, wenn genug Menschen den Eindruck gewinnen, eine Mehrheit könnte bereits so denken. Vielleicht war die „Dead Internet Theory“, jene halb belächelte Verschwörungserzählung, nach der das Netz längst von Bots bevölkert sei und die verhältnismäßig wenig übrig gebliebenen echten Menschen sich wundern, warum die Diskurse so seltsam geworden sind, ihrer Zeit voraus.
 

Annekathrin Kohout, geboren 1989 in Gera, Kultur- und Medienwissenschaftlerin, freie Autorin zu Popkultur, Internetphänomenen und Kunst, Mitherausgeberin und Redakteurin der Zeitschrift „POP. Kultur und Kritik“ sowie der Buchreihe „Digitale Bildkulturen“.

 

[1] Annekathrin Kohout: Hyperreaktiv. Wie in Sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2025.
[2] David A. Tizzard: „The K-pop streaming illusion“, in: The Korea Times, 11.04.2026, www.koreatimes.co.kr/opinion/blogs/korea-deconstructed/20260411/the-k-pop-streaming-illusion [letzter Zugriff: 04.05.2026].

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