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by Leonie Mader

Die Corona-Pandemie entzaubert den Mythos „der“ Digitalisierung

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Im März 1995 verkündete die Hamburger Rockband Tocotronic mit ihrem ersten Album „Digital ist besser“.1 Entsprechend dieser einfachen Logik wurde zu Beginn der Corona-Pandemie schnell die vermeintlich erfreuliche Beobachtung gemacht, dass Deutschland einen „Digitalisierungsschub“ erlebe. Die Pandemie sei die Chance, um den lang ersehnten und vielfach angemahnten Schritt ins digitale Zeitalter zu beschleunigen. Ist Deutschland also seither digitaler und damit besser geworden?

Ein erster Blick auf die Gesellschaft zeigt, wie unterschiedlich die Erfahrungen des „Digitalisierungsschubs“ ausfallen: Für Schüler und Lehrer mündete dieser in Distanzunterricht, meist mit mangelhafter Ausstattung und – trotz hohen Engagements und streckenweise gelungener Improvisation – unzureichenden pädagogischen Konzepten. Studierende zog es wieder zu ihren Eltern, weil für sie alles online stattfand und die Erwartung eines studentischen Miteinanders verpuffte. Für flexible und meist junge Arbeitskräfte entstanden mit der Zunahme von Lieferdiensten Jobs als (Rad-)Fahrer, während in der Gastronomie Verdienstmöglichkeiten wegbrachen. In der öffentlichen Verwaltung verlagerte sich für viele Angestellte die Arbeit vom Büro in die eigenen vier Wände, während in anderen Bereichen, wie etwa im Bauhauptgewerbe, aufgrund der Tätigkeiten und notwendigen Arbeitsmittel wenig im Homeoffice gearbeitet werden konnte.2 So unterschiedlich die Berufe, so unterschiedlich sind auch die in ihnen stattfindenden Digitalisierungsprozesse.

Sozialwissenschaftler finden ebenfalls keine einheitliche Definition des Phänomens Digitalisierung. Technisch lässt sich Digitalisierung zwar als eine spezifische symbolische Ordnung verstehen, bei der potenziell unendlich Vielfältiges in diskrete Einheiten übersetzt wird.3 Computer basieren auf binären Systemen, wobei sich Binarität in verschiedenen Unterscheidungen wie „an/aus“ und „wahr/unwahr“ äußert. So können auch Faxgeräte digital sein. Doch war es nicht gerade die Nutzung von Faxgeräten, an der die Gesellschaft die mangelnde Digitalisierung, etwa der Gesundheitsämter, festmachte?

Im gesellschaftlichen Diskurs beschreibt die Digitalisierung heute einen unspezifischen Megatrend.4 Mit Woody Allen gesprochen: „Die Antwort ist Ja. Aber bitte wiederholen Sie noch einmal die Frage.“ Was digitalisiert wird oder digital ist, ist positiv konnotiert – effektiver, schneller und zeitgemäßer. Gemeint sind damit in der Praxis jedoch meist sehr unterschiedliche und zum Teil wohlbekannte Phänomene, wie etwa Automatisierung, Vernetzung oder Datafizierung.

 

Digital first?

 

Pauschale Forderungen wie „Digital ist besser“ oder „digital first“ erscheinen vor diesem Hintergrund verkürzt. Denn die Ansicht, Technik an sich sei bereits erstrebenswert, verwechselt Zweck und Mittel. So wird Technik als ein „Heilsbringer“ diskutiert, da sie „Mangel beseitigt, indem [sie] unerschöpfliche Ressourcen bereitstellt, […] das Wissen der Welt sammelt und allen verfügbar macht und […] das Paradies auf Erden schafft“.5 Es geht nicht darum, die enormen Potenziale der Technik zu leugnen, welche etwa John Maynard Keynes in der Annahme einer steigenden Produktivität von einer Fünfzehn-Stunden-Woche für seine Enkel träumen ließ. Es ist jedoch ein Irrtum, anzunehmen, dass die schwungvoll angepriesenen Potenziale digitaler Technik auch eins zu eins sozial wirksam werden und einen positiven gesellschaftlichen Wandel einleiten. Bei dieser Annahme geraten sowohl die immer vorhandenen, nicht intendierten Nebenfolgen als auch die komplexe Beziehung, in der Technik und Soziales stehen, aus dem Blickfeld.

Technik entfaltet sich nicht in einem luftleeren Raum – sie wird von sozialen Akteuren hervorgebracht, eingesetzt, angewendet und weiterentwickelt. Es gibt hierbei diverse Unwägbarkeiten und Fallstricke, die dazu führen, dass die rein technischen Potenziale die An- und Verwendung von Technik nicht determinieren. So müssen digitale Technologien erst einmal von Unternehmen finanziert werden und sich wirtschaftlich rentieren. In der Corona-Pandemie verzeichneten viele Unternehmen jedoch Umsatzeinbußen und mussten ihre Rücklagen anderweitig einsetzen. Zugleich hatten sie zu wenig Sicherheit, um in neue Technologien zu investieren.6

 

Zusammenwirken von Technik und Sozialem

 

Die Anwendung von Software in Unternehmen ist zudem höchst komplex, was schon so manchen Unternehmenschef öffentlich zur Verzweiflung trieb. Ein Problem besteht darin, dass Software explizierbares Wissen aus Organisationen benötigt, das heißt, Vorgänge müssen klar und eindeutig in Worten beschrieben werden. In Organisationen aber „tobt das Leben“,7 und formalisierte Vorgänge und Hierarchien beschreiben nur wenig von dem, was tatsächlich im Alltag passiert.8 So erfordert es nicht selten viel Arbeit, Informationen und Prozesse so anzupassen, dass diese Software-kompatibel sind.9 Und auch dann ist der Erfolg keinesfalls garantiert: Wenn Prozesse analog wenig ineinandergreifen, dann tun ihre digitalen Äquivalente dies auch selten.

Neben organisationsinterne Hemmnisse tritt die Einflussnahme übergeordneter Instanzen wie der Legislative. In Japan ist es beispielsweise gesetzlich geregelt, dass alle erhältlichen Smartphones auch im Lautlosmodus ein Geräusch abgeben, sobald die Kamera ausgelöst wird. Dies soll dem sogenannten Upskirting, also dem heimlichen Fotografieren mit voyeuristischem Interesse, vorbeugen.

Unabhängig von seiner Bewertung zeigt dieses Beispiel, dass erst im Zusammenwirken von Technik und Sozialem gesellschaftlicher Wandel beziehungsweise eine Verbesserung durch Technik entstehen kann. Sie tritt uns dabei nicht als ein Faktum gegenüber, sondern ihr Einsatz wird sozial verhandelt und wirkt auf die Technikentwicklung zurück. Digitale Technik ist so gesehen wie ein Brühwürfel, der Grundlage vollkommen unterschiedlicher Gerichte sein kann. So wenig, wie der Brühwürfel als Bewertungsgrundlage für ein fertiges Gericht taugt, so wenig ist auch der Einsatz digitaler Technik ein Erfolgskriterium an sich. Deshalb bleiben politische Aufgaben wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das Schaffen von Aufstiegschancen oder gute Arbeitsplätze der Maßstab einer guten Politik.

Folgt daraus nun, dass ein mögliches Digitalministerium arbeitslos wäre, weil letztendlich nur in den Geschäftsbereichen anderer Ministerien Erfolge herbeigeführt werden könnten? Nicht unbedingt, denn es lassen sich einige Themen identifizieren, die über einzelne Felder hinausreichen, wie etwa die Kontrolle von Schnittstellen und Entgrenzung.

Bei der Entwicklung der Corona-App war eine zentrale Frage, wie diese an private Smartphones angeschlossen werden sollte. Schließlich waren es Apple und Google, die das grundlegende System mit einer Schnittstelle einrichteten, damit aber auch festlegten, wie der Zugriff erfolgen kann. Solche Schnittstellen sind ganz allgemein Grenzstellen zwischen technischen und/oder sozialen Systemen. Basierend auf Regeln kann über sie Austausch ermöglicht oder verhindert werden. Die politische Frage ist, wer welche Schnittstellen gestaltet und kontrollieren sollte. Neben etwaigen Blockaden kann politisch auch die Einrichtung und Harmonisierung von Schnittstellen angestrebt werden. So wirkte etwa eine Initiative der Europäischen Union im Jahre 2009 darauf hin, die Ladekabel von Mobiltelefonen zu harmonisieren. Wie politisch brisant der Umgang mit Schnittstellen werden kann, zeigte die Debatte um den Ausbau des 5G-Netzes. In diesem Fall wurde eine befürchtete Schnittstelle zwischen dem Mitbewerber Huawei und der chinesischen Regierung zur geopolitischen Herausforderung. Der Konzern muss nun hohe Hürden überwinden, um die notwendige Technologie liefern zu dürfen.

 

Entgrenzung der Arbeit

 

Eine andere Herausforderung besteht darin, dass mit digitalen Technologien vor allem im Bereich der Wissensarbeit einerseits die permanente Möglichkeit des Arbeitens gegeben ist. So arbeiteten Eltern in der Pandemie oftmals bis in die Nacht.10 Andererseits wird es ihnen auch bei einem regulären Schulbetrieb ermöglicht, Arbeitszeiten den Bedürfnissen der Familien flexibler anzupassen. Diese Flexibilisierung von Tätigkeiten mündet tendenziell in einer Entgrenzung, also der zunehmenden Auflösung von Grenzen zwischen verschiedenen Tätigkeiten. Eine oft beobachtete Negativfolge ist Stress, der aus einer ständigen Erreichbarkeit und einem Nicht-abschalten-Können resultiert. Es besteht jedoch grundsätzlich die Möglichkeit, dem in Arbeitsorganisationen durch Aushandlung entgegenzuwirken, indem etwa Programme oder einzelne Funktionen zeitweilig deaktiviert werden. So hat der Volkswagenkonzern in Absprache mit dem Betriebsrat beschlossen, dass an viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine halbe Stunde nach Dienstschluss keine E-Mails mehr weitergeleitet werden, und so ein Fenster der Nichterreichbarkeit geschaffen.

Hinter der Einführung digitaler Technik stehen somit komplexe, aber zum Teil auch wohlbekannte politische und soziale Fragen. Die übergeordnete politische Aufgabe bleibt, die Möglichkeit zur Aushandlung und Kontrolle zu sichern.

Die Idee eines positiven Digitalisierungsschubs für die Gesellschaft basiert auf der Annahme, dass bereits der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik gesellschaftlichen Wandel hervorbringt. Der Grund hierfür ist eine sehr wirkmächtige Auffassung von Digitalisierung, welche die komplexe Wechselwirkung von Technik und Sozialem eher weniger beachtet. Digitalisierung ist weder eine einheitliche noch eine rein technische Entwicklung und schon gar nicht unser Schicksal.

Die Corona-Pandemie hat Barrieren in den Köpfen der Menschen abgebaut, indem Routinen aufgebrochen wurden. Zugleich hat sie Grenzen und nicht intendierte Nebenfolgen aufgezeigt. Maßgeblich für die Gestaltung der kommenden Dekaden bleibt deshalb unabhängig von konkreter Technik die Frage, wie wir leben wollen. Eine solche Perspektive, die zur politischen Gestaltung motiviert, muss „die“ Digitalisierung als ein Ziel und eine Legitimation politischen Handelns ablösen.

 

Leonie Mader, geboren 1995 in Berlin, Referentin für Innovation und Nachhaltigkeit, Hauptabteilung Analyse und Beratung, Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

1 Ich danke Bruno Hamm-Pütt, Tobias Wangermann, Andreas Baur und Linda Schwarz für ihre hilfreichen Kommentare und Anmerkungen zu früheren Versionen dieses Textes.

2 Jean-Victor Alipour / Oliver Falck / Andreas Peichl / Stefan Sauer: „Homeoffice-Potenzial weiterhin nicht ausgeschöpft“, in: ifo Schnelldienst digital, Nr. 6, ifo Institut, München 2021, www.ifo.de/publikationen/2021/aufsatz-zeitschrift/homeoffice-potenzial-weiterhin-nichtausgeschoepft [letzter Zugriff: 11.07.2021].

3 Marcus Burkhardt: Digitale Datenbanken. Eine Medientheorie im Zeitalter von Big Data, Transcript Verlag, Bielefeld 2015.

4 Peter Mertens / Dina Barbian: „Digitalisierung und Industrie 4.0 – eine kritische Sicht“, in: Christian Bär / Thomas Grädler / Robert Mayr (Hrsg.): Digitalisierung im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht, Verlag Springer Gabler, Berlin/Heidelberg 2018, S. 151–169.

5 Hans-Dieter Hellige: „Technikgeschichte und Heilsgeschehen“, in: Eva Schöck-Quinteros / Franklin Kopitzsch / Hans-Josef Steinberg (Hrsg.): Bürgerliche Gesellschaft – Idee und Wirklichkeit. Festschrift für Manfred Hahn, Schriften des Hedwig Hintze-Instituts Bremen, Bd. 8, Berlin 2004, S. 362.

6 Exemplarische Fälle siehe Michael Kroker: „Das Märchen von der Digitalisierung“, in: Wirtschaftswoche online, 18.05.2021, www.wiwo.de/my/technologie/digitale-welt/industrie-4-0-das-maerchenvon-der-digitalisierung-/27182342.html?ticket=ST-5302501-WQgcsbWfZs59ViAB9Cok-ap3 [letzter Zugriff: 11.07.2021].

7 Willi Küpper / Günther Ortmann (1992): Mikropolitik. Rationalität, Macht und Spiele in Organisationen, Opladen, S. 7.

8 Eine Ausnahme bildet ein Stück weit „algorithmisches Management“ à la Amazon, das technisch jeden Schritt von Mitarbeitern überwacht und ihre Arbeit in kleinste Schritte zerlegt, die diese dann exekutieren.

9 Vgl. Hannah Mormann: Das Projekt SAP, Transcript Verlag, Bielefeld 2016.

10 Alexander Hagelüken: „Pandemie zwingt Eltern, nach Feierabend zu arbeiten“, in: Süddeutsche Zeitung online, 20.07.2021, www.sueddeutsche.de/wirtschaft/corona-eltern-kinderbetreuung1.5357353 [letzter Zugriff: 21.07.2021].

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