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Netflix/YouTube
Frank Underwood glaubt an nichts, nur an sich selbst. Der kühle Blick auf das Kruzifix offenbart seine Respektlosigkeit und seinen Glauben an weltliche Macht über alles Spirituelle. „House of Cards“, Filmstill (Staffel 3, Episode 4).,

Im Finale von Staffel 1 (Episode 13) sehen wir Frank Underwood zum dritten Mal in der Kirche, dieses Mal allein. Er hat zuvor (Episode 11) seinen ersten Mord begangen und den für ihn durch Alkoholkrankheit unberechenbar und gefährlich gewordenen Abgeordneten Peter Russo mit Autoabgasen vergiftet. Im Altarraum klagt Underwood Gott an und fragt, wozu unser Glaube gut sei, wenn er der härtesten Prüfung nicht standhalte. Vor dem Kreuz stehend, hält er fest: Gott habe ihm nie geantwortet, aber obwohl sich beide verachten würden, könne er ihm sein Schweigen nicht verübeln. Dann wendet er sich nach unten und fragt den Teufel, ob wenigstens er ihn hören könne. Als er ein Geräusch hört, wähnt er den Geist des toten Russo im Raum (es ist, so ist kurz darauf zu sehen, nur der Fensterputzer). Schließlich kniet er nieder und spricht ein nihilistisches Gebet: „Es gibt keinen Trost, weder oben noch unten, nur uns finstere Erdlinge. Wir kämpfen und vernichten uns gegenseitig. Ich bete zu mir selbst für mich selbst.“

Die wichtigste Kirchenszene findet in der vierten Episode der dritten Staffel (Folge 30) statt. Underwood ist, nach dem vorzeitigen Rücktritt Walkers, inzwischen ungewählter Präsident. Auf dem Nationalfriedhof in Arlington nimmt er an der Beisetzung von drei gefallenen Elitesoldaten der US Navy SEALs teil. Der Prediger deutet Abrahams Sohnesopfer als göttliches Gebot von „Hingabe, Opferbereitschaft, Liebe“. Underwood versteht politische Gerechtigkeit anders. Er bestellt den Prediger, der zugleich Bischof ist, in dessen Kirche. Der Bischof erinnert den Präsidenten an seine Pflicht, nicht Macht um ihrer selbst willen selbst auszuüben, sondern Gott zu dienen, und adressiert die Gerechtigkeitsfrage an den Gekreuzigten: Jesus lehre uns, Gott zu lieben und einander. Underwood antwortet mit einem impliziten Mordgeständnis: „Ich kann nicht die Menschen lieben, die ich töte.“ Dann, zum vermeintlichen Gebet allein gelassen, nähert sich Underwood dem Kreuz und verhöhnt die Jesusfigur. Dabei stürzt die Porzellanfigur vom Kreuz und zerschellt am Boden. Das zerscherbte Ohr der Kreuzesfigur vom Boden klaubend, kommentiert Underwood zynisch: „Jetzt muss mir Gott sein Ohr leihen!“

 

Religionsmissbrauch als Politik ohne Gottesbezug

Underwood als destruktive Figur in der Kirche sorgt für die schlimmstmögliche Wendung der Geschichte: Er dient der Serie als Unhappy-End-Provider. In der letzten Staffel von House of Cards sind die demokratischen Kontrollinstanzen entmachtet, die amerikanischen Ideale entzaubert, die Kritiker zum Verstummen gebracht. Und an der Stelle des Präsidenten, der an den Folgen eines Attentats gestorben ist, sehen wir seine Frau, Claire Underwood, deren Herrschsucht das Vermächtnis ihres Mannes noch überbietet. In der Kirche hingegen sehen wir diese Präsidentin nicht mehr. Auch die religiösen Rituale – die Vereidigung des Präsidenten auf die Bibel und die Formel „So help me God“ (zunächst in Staffel 2, Episode 1 = Folge 14 bei der Vereidigung Underwoods als Vizepräsident) – haben in der Schlussstaffel von House of Cards ausgespielt. Was bleibt, ist das reale Porträt der fiktiven Figur des „46. Präsidenten“ Underwood, gemalt von dem britischen Künstler Jonathan Yeo, das im Februar 2016 für acht Monate im Foyer der Smithsonian National Portrait Gallery in Washington, D.C. ausgestellt wurde: das Porträt eines Politikers als gottloser alter Mann.
 

Michael Braun, geboren 1964 in Simmerath, Literaturreferent der Konrad-Adenauer-Stiftung, außerplanmäßiger Professor für Neuere Deutsche Literatur und ihre Didaktik, Universität zu Köln.


[1] Adrian Daub: „Welcome to Washington“, in: Die Zeit, 30.05.2017.
[2] Heinrich August Winkler: „Verrat auf offener Bühne. Zur neuen Lage des Westens“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 53, 04.03.2025, S. 9.

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