Event Reports

Diskussionsrunde: Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) Israel und das Israel / Palestine Center for Research and Information

Am 23. April 2013 veranstalteten die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) Israel und das Israel / Palestine Center for Research and Information eine Diskussionsrunde mit israelischen und palästinensischen Medienvertretern zur Rolle der Medien im Nahostkonflikt. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit Keshev – The Center for the Protection of Democracy in Israel – statt.

Zu Beginn der Veranstaltung ging Michael Mertes, Direktor der KAS Israel, auf das Verhältnis von Politik und Medien ein. Er legte dar, wie er durch seine Tätigkeiten als Journalist und als politischer Beamter beide Seiten kennengelernt habe. Während die Aufgabe der Journalisten im Zusammentragen, Veröffentlichen und Kommentieren von Informationen liege, sei das Interesse der Politiker auf Erwerb und Bewahrung von Machtpositionen konzentriert. Es sei besonders wichtig, dass sich Medienvertreter nicht durch Politiker instrumentalisieren ließen. Mertes schloss seine Einführung mit der Feststellung ab, dass journalistische Unabhängigkeit zwar nicht Neutralität bedeute, aber zur Fairness verpflichte. Auch wer einen dezidierten eigenen Standpunkt vertrete, solle immer die andere Seite anhören und versuchen, sich in sie hineinzuversetzen.

Dan Goldenblatt, israelischer Co-Direktor von IPCRI, sprach in seinem Grußwort von der asymmetrischen Mobilität zwischen den Berufen des Politikers und des Journalisten. In Israel seien inzwischen zahlreiche ehemalige Journalisten in Regierung und Opposition vertreten. Im Gegenzug gebe es jedoch deutlich weniger Politiker, die in einen journalistischen Beruf wechselten. Ferner sprach Dan Goldenblatt über die zunehmende Bedeutung der Sozialen Medien in der israelischen Politik. Zahlreiche Politiker nutzten bspw. Facebook als Plattform, um ihre Botschaften direkt und ohne Filter an die Öffentlichkeit zu tragen. Dies schaffe den Politikern Unabhängigkeit von herkömmlichen Medien, bedeute aber für Journalisten eine große neue Herausforderung. Er fügte hinzu, dass sich die Medien in einem kontinuierlichen Wandlungsprozess befänden und es für die Öffentlichkeit schwer abzusehen sei, wohin dieser Prozess führe.

Anschließend hielt ein palästinensischer Erziehungswissenschaftler einen Vortrag über Narrative im israelisch-palästinensischen Konflikt. Er legte dar, wie sich diese Narrative in den Schulbüchern beider Seiten spiegelten und wie diese im Umkehrschluss zur Perpetuierung der Narrative und gleichzeitig zur Perpetuierung des Konflikts beitrügen.

Schulbücher beeinflussten maßgeblich die Bildung der Identität einer Gesellschaft und deren Sicht des „Anderen“. Ferner erklärte der Referent, wie Narrative in einer Gesellschaft entstehen und wie sie dazu beitragen können, dass sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Gesellschaft entwickelt.

Bei der Untersuchung israelischer und palästinensischer Schulbücher sei deutlich geworden, wie auf beiden Seiten die eigene Existenz und Präsenz auf dem Boden des einstigen Mandatsgebietes Palästina legitimiert würden, während die andere Seite oft de-legitimiert werde. Die Selbstdarstellung als Opfer gehe meist mit der Präsentation des Anderen als Täter einher. Als Teil der Erziehung würden diese Geschichtsinterpretationen in der Bevölkerung so verinnerlicht, als seien sie unbestreitbare Tatsachen. Seit der zweiten Intifada habe der direkte Kontakt zwischen Israelis und Palästinensern stark abgenommen und könne daher der Bildung solcher Ansichten nicht entgegen wirken.

Die Ereignisse von 1948 würden in den Schulbüchern beider Seiten sehr unterschiedlich dargestellt. Vor allem würden auf beiden Seiten gewisse Informationen ausgeblendet. Während auf palästinensischer Seite in erster Linie von Vertreibung und Nakba (Katastrophe) die Rede sei, liege der Schwerpunkt der israelischen Darstellung auf dem Aspekt, dass das jüdische Volk sich damals nur selbst verteidigt habe und viele Palästinenser das Gebiet des heutigen Staates Israel freiwillig verlassen hätten. Auch Schilderungen des friedlichen Zusammenlebens von Juden und Arabern im Heiligen Lande zu Zeiten des Osmanischen Reichs fänden keinen Eingang in die Schulbücher der Region.

In der anschließenden Diskussion wurde besonders kritisiert, dass in palästinensischen Schulbüchern die Gräuel des Holocaust und dessen Bedeutung für das jüdische Volk nicht oder nur umrissartig dargestellt würden.

Ein palästinensischer Journalist merkte an, dass es den Palästinensern häufig schwer falle, sich auf das israelische Narrativ einzulassen. Für dieses sei der Holocaust zentral. Es sei aber für ihn als Palästinenser nicht einfach, die Israelis vorwiegend als Opfer zu sehen, da er sich selbst als Opfer der israelischen Besatzung verstehe. In der Situation des Konflikts sei es schwer, über die Narrative beider Seiten und deren mögliche Veränderung zu diskutieren mit dem Ziel, wechselseitige Empathie zu erreichen. Erst müsse die tatsächliche Lebensrealität politisch verändert werden. Verständnis für die Motive und Narrative der anderen Konfliktpartei könne sich erst danach entfalten.

Im Anschluss präsentierte die Vertreterin einer israelischen NGO eine umfassende Untersuchung und Auswertung von Artikeln der israelischen Medien und der darin vorherrschenden Narrative. Die Ergebnisse zeigten eine klare Tendenz der israelischen Journalisten zur Resignation und Erwartungslosigkeit in Bezug auf den Abschluss eines Friedensabkommens mit den Palästinensern. Oft würde der israelisch-palästinensische Konflikt eher in einer Seitenspalte behandelt. Dies reflektiere das Bewusstsein eines Großteils der israelischen Bevölkerung, für die der Konflikt mit den Palästinensern nur noch eine nebensächliche Rolle spiele.

Es sei zudem beobachtet worden, dass israelische Medienvertreter sich in Situationen der kriegerischen Auseinandersetzung eher patriotisch zeigten, als aus neutraler Distanz zu berichten. So sei z.B. die Operation „Säule der Verteidigung“, der achttägige Krieg zwischen Israel und dem Gazastreifen, in erster Linie als Verteidigungsaktion dargestellt worden. Ein israelischer Teilnehmer warf ein, dass es nach monatelangem Raketenbeschuss von Gaza auf Israel durchaus naheliege, diese Operation als einen Akt der Verteidigung zu verstehen.

Ferner erklärte die Referentin, dass differenzierte und regierungskritische Artikel sich meist in den Kommentarspalten der Zeitungen befänden, auf der Titelseite jedoch oft einseitige und negative Schlagzeilen zu lesen seien. Auch hierauf reagierte einer der Teilnehmer, indem er darauf hinwies, dass dies dem Format einer Zeitung entspreche. Ausführlichere Berichte seien in keinem Land auf der ersten Seite zu finden. Zudem seien es die Kommentare, die die Meinungsbildung am tiefgehendsten beeinflussten. Die Teilnehmer waren sich einig, dass Israel über eine sehr freie Presse verfüge, die demokratischen Prinzipien entspreche.

Laut Bekunden der Teilnehmer empfanden diese es als Bereicherung, sich mit ihren Kollegen aus Israel bzw. den Palästinensischen Gebieten auszutauschen. Es wurde dazu aufgerufen, mehr Veranstaltungen durchzuführen, die Israelis und Palästinenser den Narrativen des anderen aussetzen, um Verständnis für die die Sichtweise und die Gefühle der Gegenseite zu wecken. Da zu diesem Treffen allerdings hauptsächlich Vertreter unabhängiger Online-Magazine und Blogger gekommen waren, wurde auch erörtert, wie in Zukunft mehr Vertreter größerer, kommerzieller Medien dazu bewegt werden könnten, mit Kollegen der anderen Seite über ihre Verantwortung im Konflikt zu nachzudenken. So kam der Vorschlag. kürzere Veranstaltungen am Morgen und in direkter Nähe einer Redaktion durchzuführen.