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カントリーレポート

Präsidentschaftswahlen in Bulgarien ohne Überraschung

Äußerst niedrige Wahlbeteiligung

Den ersten Platz in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Bulgarien am 25. Oktober 2026 belegte mit 34,7% die ehemalige Vizepräsidentin und nach dem Rücktritt von Rumen Radew Ende 2026 amtierende Präsidentin und Kandidatin der Regierungspartei „Progressives Bulgarien“(PB) sowie der „Bulgarischen Sozialistischen Partei“(BSP), Iliana Jotowa. Ihr Resultat blieb allerdings hinter den Erwartungen zurück. Auf dem zweiten Platz lag Andrej Gjurow, ehemaliger Übergangsministerpräsident 2026 und Kandidat der oppositionellen Partei „Wir setzen den Wandel fort“(PP) und der Koalition „Demokratisches Bulgarien“(DB), der mit 32% stärker als vorhergesagt abschnitt. In der Stichwahl am 1. November 2026 setzte sich dann Jotowa mit 57,6% gegenüber 39,5% für Gjurow recht deutlich durch. Die Wahlbeteiligung verzeichnete ein Rekordtief mit 23% im ersten und 29,1% im zweiten Wahlgang.

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Sechs Monate nach den Parlamentswahlen am 19. April 2026, die die neugegründete Partei „Progressives Bulgarien“ (PB) des ehemaligen Staatspräsidenten Rumen Radew aus dem Stand mit 44,6 % der Stimmen gewann, was ihr die absolute Mehrheit von 131 Sitzen im Parlament einbrachte, galten die Präsidentschaftswahlen am 25. Oktober 2026 als erster bedeutender Test für PB.

Die beiden wichtigsten Kandidaten Iliana Jotowa und Andrej Gjurow wurden nicht von Parteien, sondern von Initiativkomitees aus bekannten Persönlichkeiten nominiert. Erst danach stellten sich auch politische Parteien hinter sie. In Bulgarien gibt es zudem noch das Amt des Vizepräsidenten, so dass die Kandidaten als Duos antreten.

Im Wahlkampf standen vor allem außenpolitische Weichenstellungen, regionale Sicherheitsfragen und innenpolitische sozioökonomische Themen im Mittelpunkt. Die Auseinandersetzung drehte sich dabei maßgeblich um den Kurs des Landes, der bei der PB-Regierung zwischen Russland und der euro-atlantischen Gemeinschaft schwankt.

  • Der Krieg in der Ukraine und das Verhältnis zu Russland: Dies war das dominierende Thema. Die amtierende Präsidentin und Kandidatin Iliana Jotowa plädierte für diplomatische Verhandlungen, warb für eine „Koalition für den Frieden“ und betonte, Bulgarien müsse aus dem Krieg herausgehalten werden. Ihr Herausforderer Andrej Gjurow vertrat dagegen eine klar prowestlich-orientierte Haltung, betonte die Bündnistreue zur NATO und kritisierte mangelnde Deutlichkeit im Umgang mit Moskau.
  • Wirtschaftliche Sorgen und Lebenshaltungskosten: Viele Wähler leiden unter steigenden Lebenshaltungskosten, die manche von ihnen nicht zuletzt der Einführung des Euro am 1. Januar 2026 zuschreiben, obwohl laut Analysten andere Faktoren für die Teuerung ausschlaggebender sind. Das bulgarische Staatsoberhaupt hat keinen unmittelbaren Einfluss auf die Wirtschaftspolitik, dennoch waren die Kandidaten gezwungen, sich zu positionieren, wie die Kaufkraft der Bürger gestärkt werden kann.
  • Politische Stabilität und Gewaltenteilung: Es ging im Wahlkampf auch um die Rolle des Präsidenten als Gegengewicht zur Exekutive. Gjurow betonte immer wieder, dass eine zu große Nähe zwischen dem Staatspräsidenten und der Regierung die institutionellen Kontrollmechanismen des Landes schwächen könnte.

Das Ergebnis des ersten Wahlganges am 25. Oktober auf einen Blick

Kandidaten Verortung Wahlergebnis
Iliana Jotowa/Kiril Waltschew (Initiativkomitee, unterstützt von PB und BSP) mitte-links 34,7 %
Andrej Gjurow/Georgi Kandew (Initiativkomitee, unterstützt von der Partei „Wir setzen den Wandel fort“ (PP) und der Koalition „Demokratisches Bulgarien“ (DB)) liberal-bürgerlich 32 %
Kostadin Kostadinow/Petar Wolgin (Partei „Wasraschdane“) nationalistisch-populistisch -prorussisch 12,5 %

Wahlbeteiligung: 23 %

Aus Umfragen im Vorfeld war bereits deutlich geworden, dass sich der Abstand zwischen Jotowa, die lange als klare Favoritin galt, und Gjurow im Laufe des Wahlkampfes verringert, bis es am Ende zu einem fast Kopf-an-Kopf-Rennen gekommen ist, was viele in dieser Deutlichkeit dann doch nicht erwartet hatten.

Die äußerst niedrige Wahlbeteiligung, die niedrigste Beteiligung überhaupt bei einer Wahl in Bulgarien seit dem ersten freien Urnengang 1990, ist vor allem auf folgende Faktoren zurückzuführen:

  • Eine enorme Abwanderung von ehemaligen Wählern von Radews „Progressives Bulgarien“ (PB), das zusammen mit der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP) Iliana Jotowa unterstützt hatte, in die Nichtwählerschaft. PB hatte im April 2026 noch knapp 1,5 Mio. Wähler mobilisiert, während Jotowa jetzt im ersten Wahlgang nur ca. 530.000 Stimmen erhielt. Präsidentschaftswahlen lassen sich nur bedingt mit Parlamentswahlen vergleichen, dennoch kann man sagen, dass PB 2/3 ihrer Gefolgschaft, knapp eine Million Stimmen, verloren hat. Ministerpräsident Radew hat selbst in Umfragen noch immer relativ hohe persönliche Sympathiewerte, diese haben sich aber offenbar nicht automatisch auf Jotowa übertragen.
  • Das Fernbleiben der Wähler von PB von den Urnen ist auf eine Kombination aus verschiedenen Faktoren zurückzuführen. Dazu zählen enttäuschte Hoffnungen nach der großen Erwartungshaltung an die PB im April 2026, vor allem wegen der Preissteigerungen und Inflation, sowie die Kritik der Opposition an Begnadigungen von verurteilten Drogenhändlern, die Jotowa in ihrer Amtszeit als Vizepräsidentin vorgenommen hatte. Eine Rolle spielten auch die russischen Drohnenangriffe auf Schiffe im Schwarzen Meer nahe der bulgarischen Küste und die ambivalente Haltung der Regierung und Jotowas zu diesen Vorfällen.
  • Die bei der letzten Parlamentswahl zweitplatzierte Partei „Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens“ (GERB, EVP) und die „Bewegung für Rechte und Freiheiten - Neuanfang“ (DPS-NN) haben keine eigenen Kandidaten aufgestellt und zunächst keinen der anderen Kandidaten unterstützt. Ihre Wähler waren demzufolge nicht sonderlich motiviert und sind teilweise den Urnen ferngeblieben. Bei der DPS-NN hat es eine Art Boykott der Wahlen gegeben. In einer ihrer Hochburgen, der Region Kardschali, ist kaum jemand vor den Wahlurnen erschienen, ebenso wenig in der Türkei, wo die DPS in der Vergangenheit bis zu 90.000 der Stimmen von ausgewanderten bulgarischen Türken geholt hat.

Nach dem ersten Wahlgang war weiterhin festzuhalten:

  • Gjurow hatte die Wähler von PP und DB stark mobilisiert und sein Potential bereits stark ausgeschöpft. Er hatte etwas mehr Stimmen als PP-DB bei der letzten Parlamentswahl bekommen.
  • Jotowa hatte, ausgehend vom Ergebnis der Parlamentswahl vom April 2026, theoretisch noch erhebliche Reserven. Der Vorsitzende von „Wasraschdane“, Kostadin Kostadinow, hatte angekündigt, dass seine Wähler in der Stichwahl niemals Gjurow wählen würden, aber auch Jotowa nicht explizit unterstützt.
  • Der GERB-Vorsitzende Bojko Borissow hatte vor der Stichwahl eine Empfehlung ausgesprochen, Gjurow zu wählen. Der Vorsitzende der DPS-NN, Deljan Peewski, hatte die Wahlen nicht kommentiert.

Die Stichwahl am 1. November 2026

Da keiner der Kandidaten in der ersten Runde die absolute Mehrheit bekommen hatte, kam es zu einer Stichwahl am 1. November 2026, die Iliana Jotowa deutlich mit 57,6 % der Wählerstimmen vor Andrej Gjurow (39,5 %) gewann. Die Wahlbeteiligung lag mit 29,1 % etwas höher als im ersten Wahlgang.

Das Duo Iliana Jotowa und Kiril Waltschew erhielt 1.093.852 Stimmen, während auf Andrej Gjurow und Georgi Kandew 750.251 Stimmen entfielen.

Soziologen kommentierten, dass Jotowa Stimmen vor allem von der prorussischen und nationalistischen „Wasraschdane“ bekommen habe. Ebenso hätten sich die Wähler der euroskeptischen Partei „Welitschie“ mehrheitlich für Jotowa entschieden. Eine Reserve für sie sei auch eine gewisse Mobilisierung jener Wähler der Regierungspartei PB gewesen, die den ersten Wahlgang ausgelassen hatten und auf den zweiten warteten.

Wahlgeografisch kommen die Wähler von Jotowa vor allem aus der Provinz, während Gjurow vergleichsweise stärker in der Hauptstadt Sofia abschnitt.

Wählerlager

Grob gesprochen, gibt es in Bulgarien seit 1989 zwei große Wählergruppen – entsprechend links und bürgerlich – sowie eine gewisse Anzahl von Zentristen, während die Wähler der „Bewegung für Rechte und Freiheiten“ (DPS), die die türkische Minderheit vertritt, eine eigene, besondere Gruppe bilden. Zwischen diesen beiden großen Wählerkorps gibt es keinen nennenswerten Wähleraustausch, weshalb das Wahlergebnis kaum von einer Änderung der Wählerpräferenzen, sondern in erster Linie vom Grad der Mobilisierung des jeweiligen Lagers abhängt. Die Mobilisierung der Lager wiederum ist nicht so sehr eine Frage des konkreten Wahlkampfes, sondern vor allem ein Ergebnis der politischen „Großwetterlage“ im Land, welche eine der beiden Seiten begünstigt. Sind die Linken aufgrund der Konjunktur mobilisiert, bleiben die Bürgerlichen passiv und sie verlieren - und umgekehrt. Dieses Modell wurde 2001 bei der Stimmabgabe für die Königsbewegung NDWS und jetzt auch 2026 bei der Stimmabgabe für Radews PB etwas aufgebrochen. Die NDWS stützte sich seinerzeit hauptsächlich auf die bürgerlichen Wähler, zog aber auch Zentristen und sogar Teile des linken Lagers an. PB fand 2026 Rückhalt in erster Linie bei den linken Wählern, vermochte aber auch im Sinne einer Protestwahl, Wähler aus dem politischen Zentrum und vereinzelt aus dem bürgerlichen Lager anzusprechen.

Momentan ist die linke Wählerschaft etwas stärker motiviert und mobilisiert, was sich im Wahlsieg Jotowas niederschlug. Zugleich hat die Regierungspartei PB eine große Anzahl von Wählern verloren.

Ausblick

Das Amt des bulgarischen Staatsoberhaupts ist eher zeremoniell und der Präsident hat begrenzte Machtbefugnisse. Dennoch dürfte der Wahlsieg von Iliana Jotowa einen gewissen Stabilisierungseffekt auf die Regierungspartei PB haben, deren Erosion ansonsten unübersehbar ist. Er könnte die Regierung in ihrer stärkeren Hinwendung zu Russland hin bestärken. Zugleich sind jetzt Exekutive und Präsidentschaft in den Händen der Regierungspartei konzentriert, somit entfallen Schuldzuweisungen für ausgebliebene Reformen und nicht erfüllte Wahlversprechen. Beobachter warnen allerdings, dass sich bald wieder Proteste in Bulgarien entzünden könnten, zum Beispiel am neuen Haushalt oder bei der Wahl eines neuen Obersten Justizrates durch das Parlament. Es gibt Spekulationen, dass dann Andrej Gjurow, obwohl in der Präsidentschaftswahl formell unterlegen, die Rolle eines wichtigen Oppositionsführers übernehmen könnte. Die kommenden Kommunalwahlen im Herbst 2027 sind von entscheidender Bedeutung für die aktuelle Regierungspolitik, die derzeit keine für die Bevölkerung erkennbaren Ergebnisse vorzuweisen hat. Ebenso werden sie ein Gradmesser für die Organisationsfähigkeit sowohl der neuen Regierungspartei „Progressives Bulgarien“ als auch für die Mitte-Rechts-Parteien sein.

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Leiter des Auslandsbüros Bulgarien
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