Verabschiedung der Barmer Theologischen Erklärung

von Stefan Marx
Die Barmer Theologische Erklärung gilt als die ''Magna Charta der Bekennenden Kirche'' und ist somit ein Schlüsseldokument zur Geschichte des kirchlichen Widerstandes gegen die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland. Über die konkrete historische Situation hinaus kommt ihr Bedeutung als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der Kirche zu.

Mit ihren Gliedkirchen bejaht die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in ihrer Grundordnung die in der ersten Bekenntnissynode in Barmen getroffenen Entscheidungen. Mit der Barmer Theologischen Erklärung nehmen Vertreter lutherischer, reformierter und unierter Kirchen überhaupt zum ersten Mal ein theologisches Wort gemeinsam auf ihre Verantwortung.

Der Weg nach Barmen – Kirche zwischen Anpassung und Widerstand

Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ist der „Wendetag“ des 20. Jahrhunderts, denn „seitdem hat sich alles verändert. Es gibt kein Ereignis und kein Erinnern an menschliches Unglück, das nicht ursächlich zurückführte zu jenem Januartag“ (Hans Mayer). Auch für die evangelische Kirche in Deutschland bleibt dieser Tag nicht ohne Folgen. Die staatlichen Versuche, die evangelische Kirche organisatorisch wie ideologisch gleichzuschalten, sie also schrittweise in das nationalsozialistische System einzufügen, beginnen bereits im Frühjahr 1933. Dabei erweist sich die Glaubensbewegung Deutsche Christen als „Vortrupp des Nationalsozialismus im protestantischen Kirchentum“ (Kurt Meier).

Die Glaubensbewegung Deutsche Christen

Die Glaubensbewegung Deutsche Christen ist eine Kirchenpartei, die am 6. Juni 1932 in Berlin von der Reichsorganisationsleitung der NSDAP mit Hilfe nationalsozialistischer Pfarrer gegründet wird. Ursprünglich als Kirchenparteibewegung für die altpreußischen Kirchenwahlen im November 1932 gedacht, wird sie doch sogleich nach ihrer Gründung als umfassende Reichsorganisation geplant. Auf ihrer Reichstagung nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, die vom 3. bis 5. April 1933 in Berlin stattfindet, lassen die Deutschen Christen keinen Zweifel an ihrem Ziel einer Gleichschaltung von Kirche und Staat, von evangelischem Christentum und Nationalsozialismus aufkommen. Errichtet werden soll eine einheitliche Reichskirche für die deutschen Protestanten. Konkret ist an eine „Reichskirche lutherischer Prägung unter Eingliederung der reformierten Gemeinden“ gedacht, wie sie die Deutschen Christen in ihren zehn „Kirchengrundsätzen“ vom 5. Mai 1933 fordern. Dabei soll es sich aber nicht um eine Staatskirche im üblichen Sinne handeln, sondern um eine „evangelische Reichskirche, die die Hoheit des nationalsozialistischen Staates aus Glauben anerkennt und das Evangelium im Dritten Reich verkündigt“. Diese Reichskirche sei die „Kirche der deutschen Christen, das heißt der Christen arischer Rasse“.

Die organisatorischen Voraussetzungen für eine solche Reichskirche sind mit der Vereinigung von 28 deutschen evangelischen Landeskirchen zur Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) gegeben. Die Verfassung der DEK wird am 11. Juli 1933 durch Pakt der Landeskirchen beschlossen und am 14. Juli 1933 von der Reichsregierung per Reichsgesetz in Kraft gesetzt. Neun Tage später, am 23. Juli 1933, finden erstmals in der Geschichte des deutschen Protestantismus allgemeine Kirchenwahlen statt.

Der Jungreformatorische Bund

Unter dem Namen „Evangelium und Kirche“ tritt die Jungreformatorische Bewegung als Alternative zu den Deutschen Christen bei diesen Wahlen an. Das Ziel, das Vordringen der Deutschen Christen in kirchliche Leitungsämter zu verhindern, eint diese theologisch sehr heterogene Gruppe, die sich im Mai 1933 gebildet hat. Zu den Unterzeichnern des Gründungsaufrufes gehören Hanns Lilje, Generalsekretär der Deutschen Christlichen Studentenvereinigungen, Walter Künneth, Leiter der Apologetischen Centrale im Evangelischen Johannesstift Berlin-Spandau, und die Theologieprofessoren Friedrich Gogarten (Breslau), Karl Heim (Tübingen) und Wilhelm Stählin (Münster), später schließen sich Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer ebenfalls dieser kirchenpolitischen Bewegung an. Auch die Jungreformatorische Bewegung strebt eine einheitliche evangelische Kirche an. Im Unterschied zu den Deutschen Christen ist sie aber bemüht, die Kirche aus der Einflusssphäre der NS-Politik herauszuhalten, und fordert „die Neugestaltung der Kirche einzig und allein aus dem Wesen der Kirche heraus“. Die Grundlage der Neugestaltung der Kirche könne nur das reformatorische Bekenntnis sein, konkret die Entfaltung der reformatorischen Bekenntnisse lutherischer und reformierter Prägung „als Antwort der Kirche auf die heute an sie gerichteten Fragen, z.B. Ehe, Volk, Rasse, Staat“. Dieses neue Bekennen habe alle im Widerspruch zum Evangelium stehenden Anschauungen und Lehren „als Irrlehren zu verwerfen“.

Erfolg der Deutschen Christen bei den Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933

Die Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 sehen die Deutschen Christen als klaren Sieger, die 70 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen können. Dieses Ergebnis ist nicht allein mit der massiven Wahlhilfe für die Deutschen Christen durch die Nationalsozialisten und die gleichzeitige Diffamierung der Jungreformatorischen Bewegung durch die NS-Presse zu erklären. Im Sommer 1933 gibt es im evangelischen Kirchenvolk große Sympathien für den Nationalsozialismus. Weite Teile des deutschen Protestantismus haben keine echte Bindung an die Weimarer Republik gefunden. Im Gegenteil, die Weimarer Republik ist das Ergebnis der Revolution von 1918 gewesen, die das Kaiserreich und damit die Allianz zwischen Thron und Altar zerstört hat. Die Kirchenpolitik Hitlers, der am Vorabend der Kirchenwahl erklärt, an die Stelle „der Vielzahl der evangelischen Kirchen“ solle „wenn irgend möglich eine einige Reichskirche“ treten, findet in evangelischen Kreisen verbreitet Zustimmung.

Nach diesem Wahlausgang scheint der endgültigen Unterwerfung der evangelischen Kirche unter das Regiment der Deutschen Christen und ihrer Gleichschaltung mit dem nationalsozialistischen Herrschaftssystem nichts mehr im Wege zu stehen. Der erste Schritt hierzu ist die Entlassung der Leitungsorgane in fast allen Landeskirchen. Lediglich die süddeutschen Landeskirchen Bayern und Württemberg sowie Hannover und die Kirchenprovinz Westfalen, wo die Deutschen Christen über keine Mehrheiten in den Synoden verfügen, bleiben unter der Leitung der bisherigen Amtsträger. Die Errichtung einer evangelischen Reichskirche nach dem Führerprinzip scheint vollendet, als am 27. September 1933 in Wittenberg die erste deutsche Nationalsynode zusammentritt und den ehemaligen Königsberger Wehrkreispfarrer Ludwig Müller, seit April 1933 Hitlers Bevollmächtigter für Fragen der evangelischen Kirche, per Akklamation zum Reichsbischof ernennt.

Pfarrernotbund - Opposition gegen das Kirchenregiment der Deutschen Christen

Doch bereits zu diesem Zeitpunkt hat sich Widerstand gegen das Kirchenregiment der Deutschen Christen organisiert. Als Reaktion auf den Beschluss der altpreußischen Generalsynode vom 5. September 1933 zur Einführung des so genannten Arierparagraphen in der Kirche hat sich am 11. September 1933 unter Leitung des Pfarrers Martin Niemöller der Pfarrernotbund gegründet, dessen Mitglieder sich schriftlich verpflichten, „sich für ihre Verkündigung nur an die Heilige Schrift und an die Bekenntnisse der Reformation zu binden und sich der Not derjenigen Brüder, die darunter leiden müssen, nach bestem Vermögen anzunehmen“.

Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 wird der Zugang zum und der Verbleib in öffentlichen Ämtern für Juden unmöglich gemacht, so dass zunächst vor allem jüdische Professoren, Richter und politische Beamte ihre Stellen verlieren. Die Übernahme dieser gesetzlichen Bestimmungen für den kirchlichen Dienst bedeutete, dass Pfarrer und Kirchenbeamte in den Ruhestand versetzt werden müssten, wenn sie jüdische Eltern oder ein jüdisches Großelternteil hätten. Dagegen erhebt sich innerkirchlich heftiger Widerspruch. Ein Gutachten der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Marburg, an dem Rudolf Bultmann entscheidend mitgewirkt hat, kommt zu dem Ergebnis, dass ein solcher kirchlicher Arierparagraph unvereinbar mit Schrift und Bekenntnis wäre und daher die Kirche, wolle sie Kirche Jesu Christi bleiben, diese staatlichen Bestimmungen nicht in ihr Beamtenrecht übernehmen dürfe. Der Widerstand gegen einen kirchlichen Arierparagraphen wird in den folgenden Monaten so stark, dass sich Reichsbischof Müller gezwungen sieht, von dieser Maßnahme Abstand zu nehmen.

Als reichsweiter Zusammenschluss ist der Pfarrernotbund die Nachfolgeorganisation der Jungreformatorischen Bewegung, die sich Ende Juli 1933 aus der Kirchenpolitik zurückgezogen hat. Im Januar 1934 zählt der Pfarrernotbund mehr als 7.000 Mitglieder und umfasst damit rund 37 Prozent der gesamten Pfarrerschaft Deutschlands. Ereignisse wie der so genannte Sportpalastskandal im November 1933, als auf einer Großkundgebung der Deutschen Christen im Berliner Sportpalast der örtliche Gauobmann Reinhold Krause eine völkische Umformung des Christentums propagiert, oder die Eingliederung des Evangelischen Jugendwerkes in die Hitler-Jugend durch Reichsbischof Müller im Dezember 1933 sind der Nährboden für das Anwachsen der Opposition gegen das Kirchenregiment der Deutschen Christen, die ab 1934 in der Bekennenden Kirche ihren Ausdruck findet.

Die Bekennende Kirche formiert sich

Wesentliche Wurzeln der Bekennenden Kirche sind der Pfarrernotbund und die „Gemeindetage unter dem Wort“, die auf Einladung von Pastor Karl Immer, Pfarrer der reformierten Kirchengemeinde Barmen-Gemarke, erstmals am 24. September 1933 stattfinden. Hieraus entwickeln sich freie Synoden, die den Anspruch erheben, die wahre Kirche gegen das Kirchenregiment unter Reichsbischof Müller bekennend zu vertreten.

In den ersten Monaten des Jahres 1934 formiert sich die kirchliche Opposition. Der Pfarrernotbund, die freien Synoden in den von Deutschen Christen regierten Landeskirchen und die vier so genannten intakten, nicht-deutschchristlichen Landeskirchen Hannover, Bayern, Württemberg und Westfalen schließen sich im März 1934 zur Bekenntnisgemeinschaft der DEK zusammen. Ein erster reichsweiter Bekenntnistag findet am 22. April 1934 statt, zu dem der württembergische Landesbischof Theophil Wurm Vertreter aller bekenntnistreuen Gruppen nach Ulm einlädt. Im Ulmer Münster feiern mehr als 5.000 Menschen einen Bekenntnisgottesdienst. Nach der Predigt von Bischof Wurm verliest der bayerische Landesbischof Hans Meiser eine „Kundgebung der bekennenden deutschen evangelischen Kirche“, auf die sich die Vertreter der verschiedenen Bekenntnisgruppen am Vorabend verständigt haben. Sie ist die „kirchliche Gründungsurkunde der Bekennenden Kirche“ (Klaus Scholder). Darin erklären sich die in Ulm versammelten bekenntnistreuen Christen als „rechtmäßige evangelische Kirche Deutschlands“.

Was dieser Anspruch, der von den Deutschen Christen als „Kriegserklärung“ aufgefasst wird, theologisch tatsächlich bedeutet, soll auf einer Bekenntnissynode für die gesamte DEK geklärt werden. Zur Vorbereitung dieser Synode setzt der Nürnberger Ausschuss, das im April 1934 gebildete Leitungsgremium der Bekenntnisgemeinschaft der DEK, einen Theologischen Ausschuss ein, dem der lutherische Pfarrer Hans Asmussen aus Altona, der reformierte Professor Karl Barth aus Bonn und der lutherische Oberkirchenrat Thomas Breit aus München angehören. Die drei Theologen kommen am 15./16. Mai 1934 in Frankfurt am Main zusammen und erarbeiten einen Entwurf für die Theologische Erklärung der Synode. Die Grundkonzeption stammt von Barth, der Asmussen und Breit ohne wesentliche Veränderungen zustimmen. Das Einbringungsreferat auf der Synode soll Asmussen halten.

Erste Bekenntnissynode der DEK in Barmen im Mai 1934

Die Erste Bekenntnissynode der DEK findet auf Einladung des westfälischen Präses Karl Koch vom 29. bis 31. Mai 1934 in Wuppertal-Barmen statt. In der reformierten Gemarker Kirche versammeln sich 138 Synodale – 83 Pfarrer und Theologen und 55 Laien – aus 18 Landeskirchen. Die Synode steht vor der Aufgabe, ihr Verhältnis zum offiziellen Kirchenregiment unter Reichsbischof Müller zu klären. Dies erfordert ein gemeinsames Bekenntnis von Lutheranern, Reformierten und Unierten. Die Überwindung der Bekenntnisdifferenzen ist die eigentliche Herausforderung der Synode. An eine Verständigung der verschiedenen konfessionellen Gruppen auf ein gemeinsames Wort glaubt die Staatsmacht nicht, weshalb die Geheime Staatspolizei die Synodalen gewähren lässt. Die Geheime Staatspolizei sieht vielmehr „die Chance einer Spaltung“ und lehnt daher entschieden eine Polizeiaktion ab, weil dadurch „die Einigung der Bekenntnisfront geradezu erzwungen werde“. Dass dennoch – freilich nach hartem Ringen – am 31. Mai 1934 die „Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche“, allgemein als Barmer Theologische Erklärung bezeichnet, einstimmig verabschiedet wird, ist mit dem großen äußeren Druck zu erklären, der auf den Synodalen lastet. In seiner Einbringungsrede fordert Hans Asmussen die Synodalen zu Kompromissbereitschaft auf, denn „der Angriff auf die christliche Substanz, wie er von Seiten der Deutschen Glaubensbewegung und von Seiten der Deutschen Christen erfolgt, liegt restlos außerhalb des Verhältnisses der Konfessionen“.

Aufbau und Inhalt der Barmer Theologischen Erklärung (BTE)

Die Barmer Theologische Erklärung besteht aus einer Präambel, sechs Thesen und einem Schlusssatz.

Anlass, Hintergrund und Legitimität der Barmer Bekenntnissynode

In der Präambel legitimiert sich die Synode mit einem Verweis auf die geltende Kirchenverfassung und die Orientierung an den Bekenntnissen der Kirche. Es geht also in Barmen nicht um die „Gründung einer neuen Kirche“, wie Asmussen unterstreicht. Die Betonung der Legalität und Rechtskontinuität ist den Synodalen wichtig, weil sie sonst eine Freikirche etablieren würden. Weiter werden Hintergrund und Anlass des Zusammentritts der Synode genannt. Die Einheit der DEK sei „aufs schwerste gefährdet (…) durch die in dem ersten Jahr des Bestehens der Deutschen Evangelischen Kirche mehr und mehr sichtbar gewordene Lehr- und Handlungsweise der herrschenden Kirchenpartei der Deutschen Christen und des von ihr getragenen Kirchenregimentes“.

Aufbau der sechs Barmer Thesen

Die Auseinandersetzung mit den theologischen und kirchenpolitischen Vorstellungen und ansatzweise auch mit der nationalsozialistischen Weltanschauung erfolgt in den sechs Thesen. Die Thesen sind jeweils in drei Absätze gegliedert, beginnend mit einem Bibelwort aus dem Neuen Testament. Das Bibelwort wird in einem Bekenntnissatz (Affirmatio) ausgelegt, dem ein Verwerfungssatz (Damnatio) folgt, in dem jeweils eine „falsche Lehre“ verworfen wird.

Bekenntnis zu Jesus Christus als dem einen Wort Gottes

Die erste These mit ihren offenbarungstheologischen und christozentrischen Grundaussagen bildet „das Kernstück der Erklärung“ (Klaus Scholder). In Anknüpfung an das reformatorische „solus Christus – sola scriptura“ bekennt diese These den durch die Heilige Schrift bezeugten Jesus Christus „in radikaler Exklusivität“ (Friedrich Weber) als „das eine Wort Gottes“ und verwirft „die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen“.

Der christologische Ansatz der BTE ist die unmittelbare Reaktion auf die Infragestellung der Grundlagen und Ziele der evangelischen Kirche durch die Deutschen Christen, die im Zusammenspiel mit der NSDAP und Organen des nationalsozialistischen Staates die geistliche Machtübernahme betreiben. Daher sind die bekenntnistreuen Christen in Barmen bemüht, „mit Christozentrismus offene Türen für andere Götter zu verschließen“ (Eberhard Bethge).

Kritik am Christozentrismus der ersten Barmer These

Dass in dieser ersten These nicht zugleich auch auf die unlösbare Verbindung des christlichen Glaubens mit dem Judentum hingewiesen wird, erweist sich im Nachhinein als verhängnisvoll. Dieser Christozentrismus mache, so die Kritik von jüdischer Seite an der ersten Barmer These, das stark, was die Kirche von der Synagoge trenne, und schließe alle nicht an Christus glaubenden Juden vom Heil aus. In diesem Sinne habe dieser Teil der BTE „indirekt zum Förderer eines gesellschaftlichen Antisemitismus werden (können), der zum Wegbereiter der rassistischen Apartheid und letzten Endes des Völkermordes geworden ist“, denn „wer Jude ist, der ist kein ‚Christenmensch‛ (…), kann also nur ein ‚Untermensch‛ sein und hat als solcher kein Lebensrecht“ (Pinchas Lapide). Eberhard Bethge, Weggefährte und Biograph von Dietrich Bonhoeffer, stimmt dieser Kritik zu. In der Tat habe diese These als „ein grausamer Spitzentext der Christen“ aufgefasst werden können, der den Juden „Strafe und Leiden“ zuteilte.

Im Gefolge der Katastrophe des europäischen Judentums fangen die beiden großen christlichen Kirchen nach 1945 an, ihre Beziehungen zu den Juden neu zu durchdenken. Es geht um eine neue Sicht des Volkes Israel und seiner Heilsgeschichte, um eine neue Bestimmung des Verhältnisses von Juden und Christen, Israel und Kirche. Auf evangelischer Seite ist in diesem Prozess der Neubesinnung der Synodalbeschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ von 1980 wegweisend. Entscheidend für diese Neubesinnung ist die Erkenntnis, die auch den Synodalbeschluss prägt, dass es eben nicht nur eine geschichtliche Notwendigkeit für ein Umdenken gibt, sondern vor allem eine theologische. Sie kommt in dem Motto des Dokuments aus Römer 11 zum Ausdruck: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ Der Prozess der Neubewertung des Verhältnisses zwischen Juden und Christen hat zum Ergebnis eine theologisch positive Bestimmung des Verhältnisses von christlicher und jüdischer Gemeinde, eine christliche Sicht auf Israel, die nicht von Verwerfung und Verachtung geprägt ist.

Das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem einen Wort Gottes muss Folgen haben, die in den folgenden Thesen beschrieben werden.

Die Konsequenzen des solus Christus für das christliche Leben

Die zweite These fragt nach den Konsequenzen dieses Bekenntnisses für das christliche Leben. Jesus Christus ist „Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden“, zugleich aber auch „Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben“. Der Totalitätsanspruch des NS-Regimes ist unvereinbar mit dem Verständnis der Christen, ihr Leben einzig und allein auf Christus auszurichten, durch den allein sie Heiligung als „Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt“ erfahren können.

Ämterdifferenzierung und Hierarchiefreiheit – Wesen und Gestalt der Kirche

Die dritte und vierte These legen dar, wie von diesem einen Wort Gottes her die Kirche von der Gemeinde her zu begreifen ist, wie sie ihren Auftrag als Dienst der ganzen Gemeinde mit ihren unterschiedlichen Ämtern zu verrichten hat. Die Vorstellung einer Trennung von äußerer Kirchengestalt und Bekenntnis, mit der die Deutschen Christen ihre Kirchenpolitik begründen, wird entschieden abgelehnt. In der dritten These wird betont, dass die Kirche „mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung“ zu bezeugen habe, dass sie „allein von seinem (Christus) Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte“. Zu verwerfen sei deshalb „die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen“. Die folgende vierte These wendet sich gegen die Übertragung des Führerprinzips auf die Kirche. Sie bekennt sich zur Ämterdifferenzierung und Hierarchiefreiheit der Kirche, in der es „keine Herrschaft der einen über die anderen“ gebe, sondern „die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes“. Die Ansicht, „als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben und geben lassen“, wird als „falsche Lehre“ verworfen.

Verhältnis von Kirche und Staat

Die fünfte These betrifft das Verhältnis von Kirche und Staat. Dem Staat, der als Anordnung Gottes verstanden wird, ist die Aufgabe übertragen, „nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen“. Die Kirche erkennt also den Staat und dessen Ordnung an, spricht ihm in diesem Zusammenhang ausdrücklich auch das Gewaltmonopol zu. Zugleich erinnert sie aber auch an die Grenzen staatlicher Gewalt, die durch Gottes Reich, Gottes Gebot und Gottes Gerechtigkeit gezogen werden. Dabei „vertraut und gehorcht (die Kirche) der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt“. Der folgende Verwerfungssatz richtet sich gleichermaßen gegen den Totalitätsanspruch des nationalsozialistischen Staates wie die staatlichen Ansprüche des offiziellen Kirchenregimentes unter Reichsbischof Müller. „Wir verwerfen die falsche Lehre“, heißt es in Richtung NS-Regime, „als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden“. Ebenso deutlich sind die Worte an die Adresse der Deutschen Christen: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden“.

Auftrag der Kirche

Die sechste und letzte These erinnert daran, dass der Auftrag der Kirche darin besteht, „an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“. Zu verwerfen sei deshalb „die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen“ – nochmals ein deutliches Wort gegen die theologischen und kirchenpolitischen Vorstellungen der Deutschen Christen.

Die Erklärung schließt mit der Feststellung, dass die Synode von Barmen „in der Anerkennung dieser Wahrheiten und in der Verwerfung dieser Irrtümer die unumgängliche theologische Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche als eines Bundes der Bekenntniskirchen sieht“ und daher alle evangelischen Christen bittet, „in die Einheit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zurückzukehren“.

BTE – eine theologische Erklärung mit politischer Dimension

Die BTE ist nach dem Verständnis ihrer Verfasser keine politische Stellungnahme. „Wir sind keine Rebellen“, erklärt Asmussen gleich zu Beginn in seiner Einbringungsrede und hebt hervor, dass die in Barmen versammelten bekenntnistreuen Christen „nicht als Volksglieder gegen die jüngste Geschichte des Volkes, nicht als Staatsbürger gegen den neuen Staat, nicht als Untertanen gegen die Obrigkeit“ protestieren, sondern dass sich ihr Protest „entscheidend gegen diejenigen der Kirche art- und wesensfremden Voraussetzungen (richtet), mit denen die Reichskirchenregierung ebensowohl wie Führer und Sprecher der Deutschen Christen die theologischen Voraussetzungen der Deutschen Evangelischen Kirche dauernd und grundsätzlich durchkreuzt und unwirksam gemacht haben“. Die Reaktion der Deutschen Christen, die von einer „die Gemeinden verwirrenden und die Kirche zerstörenden Erklärung“ sprechen, zeigt, dass die BTE „ihre kirchenpolitische Stoßrichtung gegen die nationalsozialistische ‚Kirchenpartei‛ in der evangelischen Kirche nicht verfehlte“ (Thomas Martin Schneider).

Das Kirchenregiment der Deutschen Christen zu kritisieren, ist nicht möglich, ohne zugleich auch gegen Hitler zu sprechen, der sich bis zu diesem Zeitpunkt zur Verwirklichung seiner kirchenpolitischen Ziele der Deutschen Christen bedient. Insofern hat die BTE, bei der es sich zweifellos um „einen exklusiv theologischen Text“ (Friedrich Weber) handelt, eine politische Dimension. Wenn in der fünften These die Vorstellung, der Staat solle und könne „über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen“, als „falsche Lehre“ verworfen wird, ist dies „ein Ton und Zeichen von Widerstand in einer Zeit der erklärtermaßen totalen Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft“ (Karl Dietrich Bracher).

Formen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus

Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist anti-totalitärer Widerstand, der nicht nur aktiver Widerstand sein kann, sondern sich auch als innerer, als passiver Widerstand äußert. Folglich beschreibt Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft die ganze Breite und Dichte widerständigen, widersagenden, distanzierten, abweichenden und nonkonformen Verhaltens Einzelner und ganzer Bevölkerungsgruppen gegenüber diesem Regime. Mit ihrer Verweigerungshaltung gegenüber dem offiziellen Kirchenregiment, wie sie sie mit der BTE zum Ausdruck bringt, setzt die Bekennende Kirche dem totalen Herrschaftsanspruch der Nationalsozialisten konkrete Grenzen.

Scheitern der Kirchenpolitik Hitlers

Im Frühjahr 1934 ist Hitler mit seiner Kirchenpolitik gescheitert. Weder gelingt es ihm, mit der Errichtung einer einheitlichen Reichskirche unter dem Regiment von Reichsbischof Ludwig Müller die evangelische Kirche organisatorisch wie ideologisch gleichzuschalten, noch vermag er es, die katholische Kirche nach dem Abschluss des Reichskonkordats, welches das Deutsche Reich mit dem Heiligen Stuhl am 20. Juli 1933 schließt, in sein Herrschaftssystem einzubinden. Hitler vollzieht daraufhin einen Kurswechsel, der seinen kirchenfreundlichen Kurs im ersten Jahr nach der Machtübernahme als bloße politische Taktik entlarvt. Nicht mehr der Versuch einer Einbindung, sondern Verdrängung und schließlich Zerschlagung kennzeichnet fortan die nationalsozialistische Kirchenpolitik. „Ebenso wie die schädlichen Einflüsse der Astrologen, Wahrsager und sonstigen Schwindler ausgeschaltet und durch den Staat unterdrückt werden, muss auch die Einflussmöglichkeit der Kirchen restlos beseitigt werden“ – mit diesen Worten wird Martin Bormann 1941 den radikalen Kurswechsel „von der Taktik der ‚christlich-nationalen‛ Machtergreifung zur Strategie der antikirchlichen, antichristlichen Endlösung“ (Karl Dietrich Bracher) umschreiben. Dies kann nicht ohne Konsequenzen bleiben für den christlich motivierten Widerstand, der in der Folge auch Formen des aktiven, des gewaltsamen, auf den politischen Umsturz des Regimes hin orientierten Widerstands annimmt.

Christlicher Widerstand – eine geistige und politische Grundlage der CDU

Die CDU hat ihre geistigen und politischen Grundlagen auch „im christlich und patriotisch motivierten Widerstand gegen den Nationalsozialismus“, wie sie in ihrem Hannoveraner Grundsatzprogramm von 2007 hervorhebt. Im Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung sind (Teil-)Nachlässe von Mitgliedern der Bekennenden Kirche wie Hermann Ehlers und Wilhelm Hahn überliefert, die nach 1945 den Weg in die CDU gefunden haben. Hans Asmussen, Constantin von Dietze und Adolf Lampe sind weitere Mitglieder der Bekennenden Kirche, von denen hier ebenfalls Unterlagen hinterlegt sind. Das überlieferte Schriftgut gibt Einblick in den Kirchenkampf, in die Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen, und veranschaulicht die Verfolgung durch den Nationalsozialismus, der im Einzelfall bis zur Inhaftierung führt.

Aktualität der BTE

Für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus theologischer Verantwortung bietet die BTE die Grundlage. Über diese konkrete historische Situation hinaus ist sie ein Dokument von bleibender, ja aktueller Bedeutung. Die Rückbesinnung auf evangelische Grundwahrheiten, wie sie lutherische, reformierte und unierte Kirchenvertreter in Barmen gemeinsam sprechen, kann hilfreich sein in einer Zeit, in der innerkirchliche Diskussionen und Entscheidungsprozesse von ökonomischen Zwängen und demografischen Veränderungen bestimmt werden und die Kirche zugleich in einer zusehends säkularisierten und weltanschaulich pluralen Welt ihre Position gegenüber Staat und Gesellschaft neu bestimmen muss.

Literatur

  • Eberhard Bethge: Christologisches Bekenntnis und Antijudaismus – Zum Defizit von Barmen I, in: Barmer Theologische Erklärung 1934–1984. Geschichte – Wirkung – Defizite. Vorträge und Podiumsgespräch des Barmen-Symposiums in Arnoldshain vom 9. bis 11. April 1983. Bearbeitet im Auftrage der Arnoldshainer Konferenz und der Evangelischen Akademie Arnoldshain von Wilhelm Hüffmeier und Martin Stöhr, Bielefeld 1984, S. 47–66.
  • Karl Dietrich Bracher: Kirche in der Diktatur: die deutsche Erfahrung von 1933/34, in: Barmer Theologische Erklärung und heutiges Staatsverständnis. Symposium aus Anlass des 50. Jahrestages der Barmer Theologischen Erklärung. Dokumentation einer Veranstaltung des Kultusministers des Landes Nordrhein-Westfalen in Wuppertal am 30. Mai 1984, Köln 1986, S. 7–16.
  • Pinchas Lapide: Jeder kommt zum Vater. Barmen und die Folgen, Neunkirchen-Vluyn 1984.
  • Kurt Meier: Kreuz und Hakenkreuz. Die evangelische Kirche im Dritten Reich, 2. Auflage der überarbeiteten Neuausgabe München 2008.
  • Günther van Norden: Die Barmer Theologische Erklärung und ihr historischer Ort in der Widerstandsgeschichte, in: Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hrsg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bonn 1994, S. 170–181.
  • Thomas Martin Schneider: Zwischen historischem Dokument und Bekenntnis. 75 Jahre Barmer Theologische Erklärung, in: Pastoraltheologie 98 (2009), S. 138–156.
  • Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 2: Das Jahr der Ernüchterung 1934. Barmen und Rom, Berlin 1985.
  • Friedrich Weber: Kirche zwischen Staat und Bekenntnis. 75 Jahre Barmer Theologische Erklärung, Braunschweig 2009.

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