Ernst Lemmer

Journalist, Bundesminister 28. April 1898 Remscheid 18. August 1970 Berlin

Vom Kaiserreich in die Weimarer Republik

Ernst Lemmer wurde am 28. April 1898 als Sohn des Bauunternehmers und Architekten Ernst Lemmer in Remscheid geboren, besuchte dort das Realgymnasium und nahm nach dem so genannten „Notabitur“ ab März 1915 als Freiwilliger am 1. Weltkrieg teil. Bei Kriegsende hatte der erst Zwanzigjährige den Rang eines Leutnants erreicht. Im November 1918 wurde Lemmer sowohl Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) als auch des Remscheider Arbeiter- und Soldatenrates.

Im Mai 1919 begann Lemmer ein Studium der Theologie, Geschichte und Volkswirtschaft in Marburg, das er 1923 in Frankfurt am Main abschloss. Auch während seines Studiums war Lemmer politisch aktiv, so zum Beispiel als Vorsitzender des Deutschen Demokratischen Studentenbundes – dem offiziellen Hochschulverband der DDP. Außerdem engagierte er sich als führendes Mitglied im Reichsbund der Deutschen Demokratischen Jugend (Jungdemokraten). Neben seinem politischen Engagement arbeitete Ernst Lemmer während seines Studiums als Freiwilliger bei der „Frankfurter Zeitung“.

Gewerkschaftler, Journalist und Politiker

Nach Abschluss seines Studiums wurde Lemmer im April 1922 Generalsekretär des Gewerkschaftsringes der Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenverbände im Deutschen Reich (bis 1933). Gleichzeitig betätigte er sich journalistisch bei Berliner Zeitungen, allen voran dem „Berliner Tageblatt“. Von 1924 bis 1930 war Ernst Lemmer Vorstandsmitglied der DDP. Nach deren Umbenennung war er im Reichsvorstand der Deutschen Staatspartei (DStP) tätig, bis diese durch die „Verordnung zur Sicherung der Staatsführung“ am 7. Juli 1933 aufgelöst wurde. Außerdem war Lemmer von 1924 bis 1932 und für eine kurze Periode von März bis Juni 1933 Mitglied des deutschen Reichstags.

Nach Auflösung der DStP wurde Lemmer aufgrund seiner linksliberalen Überzeugung, die er noch immer öffentlich vertrat, aus dem Reichsverband der Deutschen Presse ausgeschlossen. Dies machte ihm eine journalistische Tätigkeit bei jeglichen deutschen Zeitungen unmöglich. Bis zum Kriegsende 1945 war Lemmer als Korrespondent zweier ausländischer Zeitungen, der Neuen Zürcher Zeitung und des Pester Lloyd, in Berlin tätig. Darüber hinaus wird ihm nachgesagt, er habe im Umfeld der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ vertrauliche Informationen, insbesondere den Holocaust betreffend, ins Ausland weitergeleitet.

Mitgründer der CDU

Nach Ende des Krieges begann Ernst Lemmer erneut, sich politisch zu engagieren. Er übernahm von 1945 bis 1947 den Vorsitz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Von 1945 bis 1946 war Lemmer Bürgermeister der brandenburgischen Gemeinde Kleinmachnow und von 1946 bis 1948 Mitglied des Landtags von Brandenburg.

Ernst Lemmer beteiligte sich im Juni 1945 an der Gründung der CDU und zählt somit zu den „Gründervätern“ der Partei. Von Dezember 1945 bis zu seiner Absetzung im Dezember 1947 war er unter Jakob Kaiser 2. Vorsitzender der CDU in der SBZ. In der Folgezeit blieb er eng mit Kaiser und den übrigen Mitgliedern des ehemaligen Hauptvorstands verbunden, die in die Berliner Westsektoren übergesiedelt waren. Er selbst wohnte jedoch weiterhin in Kleinmachnow im Ostteil der Stadt. Erst im Mai 1949 kam auch er nach West-Berlin. 1950 beteiligte er sich an der Gründung der Exil-CDU, die eine Reaktion auf die zunehmende Gleichschaltung der CDU in der DDR war. Der Gedanke dabei war, dass die Exil-CDU die Mitglieder der Partei repräsentieren sollte, von denen man annahm, dass sie mit der Umwandlung der CDU der DDR in eine Kaderpartei nach sozialistischem Vorbild nicht einverstanden waren, dies aber nicht mehr offen ausdrücken konnten.

In West-Berlin nahm Ernst Lemmer seine journalistische Arbeit als Chefredakteur der Tageszeitung „Der Kurier“ wieder auf. Außerdem übernahm er in den folgenden Jahren mehrere bedeutende Mandate und Ämter: Von 1950 bis zu seinem Tod 1970 war er Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, von 1950 bis 1956 stellvertretender, von 1956 bis 1961 dann erster Vorsitzender des CDU-Landesverbands Berlin und von 1961 bis 1970 Vorsitzender der Exil-CDU.

Bundestagsabgeordneter und Bundesminister

In den Bundestag trat Ernst Lemmer erstmals 1952 ein, als zum 1. Februar die Anzahl der Berliner Abgeordneten erhöht wurde. Bis zu seinem Tod 1970 blieb er Bundestagsabgeordneter. Für Aufsehen sorgte er 1954, als er auf Vorschlag des FDP-Abgeordneten Hans Reif bei der Wahl zum Bundestagspräsidenten gegen seinen Parteikollegen Eugen Gerstenmaier, den eigentlichen Kandidaten von CDU und CSU, antrat. Gerstenmaier konnte die Wahl erst im dritten Wahlgang und nur mit knappem Abstand für sich entscheiden.

In mehreren Kabinetten Konrad Adenauers und Ludwig Erhards stand Ernst Lemmer an der Spitze verschiedener Bundesministerien: Im November 1956 ernannte ihn Adenauer zum Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen. Von dort wechselte er Ende Oktober 1957 in das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, das er bis Dezember 1962 leitete. Bundeskanzler Ludwig Erhard berief Lemmer im Februar 1964 als Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte in sein Kabinett (bis Oktober 1965). Schließlich bekleidete Lemmer von 1965 bis 1969 das Amt des Sonderbeauftragten des Bundeskanzlers für Berlin.


Wenige Tage nach dem Mauerbau hielt Ernst Lemmer am 26. August 1961 über die West-Berliner Rundfunkanstalt RIAS eine Rede, die an die Menschen in der DDR gerichtet war:

„Wenn ich heute Abend hier in West-Berlin das Wort ergreife, um mich ganz besonders an Sie, meine Landsleute im unfreien Teil unserer deutschen Heimat, zu wenden, so tue ich das auf den ausdrücklichen Wunsch des Herrn Bundeskanzlers, der mich bat, angesichts der zunehmenden Verschärfung der Lage um Berlin, alle Wahlkundgebungen der nächsten Tage abzusagen, um in den Stunden der Bedrohung dieser Stadt von hier aus, meinem Arbeitssitz in West-Berlin, meine Amtsgeschäfte wahrnehmen zu können….

Sicher werden Sie sich seit den Geschehnissen des 13. August und der vergangenen Tage zu Freunden oder im engsten Familienkreis dahingehend geäußert haben, daß es leicht sei, vom sicheren Hort aus, vom Boden der Freiheit an die Landsleute in der Zone Worte des Trostes und der Zuversicht zu richten. Ich bin mir der Schwere dieser Aufgabe voll bewußt.

In diesen Stunden der Herausforderung und der drohenden Haltung der sowjetzonalen Machthaber gibt es keinen Platz für Wankelmut und Zögern. Wir alle sind aufgerufen — angesichts des Stacheldrahts, der zugemauerten Kirchenportale und der auf uns gerichteten kommunistischen Panzerkanonen am Brandenburger Tor —, mit unserem persönlichen Einsatz vor der ganzen Weltöffentlichkeit zu bekunden, daß das deutsche Volk nicht gewillt ist, die Freiheit dieser Stadt aufzugeben, nur weil die Kommunisten rücksichtslos gegen den Willen des deutschen Volkes und unter Mißachtung getroffener Vereinbarungen den sowjetischen Herrschaftsbereich im Herzen Europas konsolidieren wollen. Dagegen haben die Berliner im Namen und stellvertretend für die Bevölkerung von Ost-Berlin und der Zone demonstriert. Sie wissen, daß Nachgiebigkeit und Unterwerfung den geschichtlichen Verzicht auf die staatliche Wiedervereinigung unseres Volkes, auf die Wahrnehmung des Selbstbestimmungsrechts aller Deutschen bedeuten würden. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit diesen Standpunkt der Berliner einzunehmen…."

Die vollständige Rede Ernst Lemmers im Wortlaut (externer Link)

Ernst Lemmer starb nach längerer Krankheit am 18. August 1970 im Alter von 72 Jahren in einem West-Berliner Krankenhaus. Als letztem Bundestagsabgeordneten, der auch schon dem Reichstag der Weimarer Republik angehört hatte, erwies die Bundesrepublik Deutschland ihm die Ehre eines Staatsaktes, an dem auch Angehörige der Westalliierten teilnahmen.

Maximilian Riedel

Lebenslauf

  • 1915–1918 Kriegsdienst
  • 1919–1923 Studium der Volkswirtschaft in Marburg, Frankfurt/Main, Heidelberg
  • 1922–1933 Generalsekretär des Gewerkschaftsrings der deutschen Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenverbände
  • 1924–1932
  • 1933 Mitglied des Reichstages (DDP/DStP)
  • 1945–1947 2. Vorsitzender der Ost-CDU
  • 1945–1949 3. Vorsitzender des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB)
  • 1949–1956 Chefredakteur des „Kurier“
  • 1956–1961 Landesvorsitzender der CDU Berlin
  • 1950–1961 stellvertretender Vorsitzender
  • 1961–1970 Vorsitzender der Exil-CDU
  • 1950–1969 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (1951–1956 Fraktionsvorsitzender)
  • 1952–1970 MdB
  • 1956-57 Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen
  • 1957–1962 für gesamtdeutsche Fragen
  • 1964-65 für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte
  • 1965–1969 Sonderbeauftragter des Bundeskanzlers für Berlin.

Veröffentlichungen

  • Manches war doch anders (2. Aufl. 1996)

Literatur