Ernst Majonica

Jurist, Bundesvorsitzender der Jungen Union Dr. phil. 29. Oktober 1920 Soest 21. Juli 1997 Soest
von Christopher Beckmann
Ernst Majonica gehört in den 1960er Jahren zu den maßgeblichen jüngeren Außenpolitikern der Union. Auch als politischer Kolumnist und beachteter Buchautor tritt er hervor. Sein ausgeprägtes Interesse für die politischen Probleme, aber auch die Geschichte und Kultur des Fernen Ostens trägt ihm in der Presse die Charakterisierung als „der China-Mann des Deutschen Bundestages“ ein.

Kindheit und Ausbildung

Ernst Majonica wird am 29. Oktober 1920 als einziges Kind von Ernst Majonica sen. und seiner Frau Josefa, geb. Hagen, im westfälischen Soest geboren. Väterlicherseits hat er familiäre Wurzeln in Italien. Zeit seines Lebens fühlt er sich seiner Heimatstadt eng verbunden. Seine Schulzeit und sein Abitur absolviert er am Soester Aldegrever-Gymnasium. Die Schule ermöglicht dem Unterprimaner seine ersten Auslandsaufenthalte bei Gastfamilien in London und Poitiers. In die Hitler-Jugend tritt er nur zögernd und widerstrebend ein; wiederholt wird dort von ihm verlangt, er müsse neben seiner katholischen „schwarzen Seele auch ein Stückchen braune haben“. Nach Erlangung der Hochschulreife absolviert Majonica ein Studium der Rechtswissenschaften in Münster und Freiburg. Seinen Interessen gemäß hört er aber auch historische und theologische Vorlesungen und engagiert sich in der katholischen Studentengemeinde. Schon als Jugendlicher wird der überzeugte Katholik Mitglied der katholischen Jugendbewegung „Bund Neudeutschland“.

Kriegsdienst und Gefangenschaft

Nach bestandener Referendarprüfung, die er als „Notexamen“ ablegt, wird Majonica 1942 zum Kriegsdienst eingezogen. Da er aufgrund eines Augenleidens frontuntauglich ist, verbringt er zwei Jahre auf einer Schreibstube in Köln, wo ihm viel Raum für intensive Lektüre bleibt. Zeit seines Lebens ist er ein leidenschaftlicher Leser. Im Sommer 1944 wird Majonica in ähnlicher Funktion nach Münster abgestellt und hört dort die Nachricht vom gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli, die nach eigenem Bekunden ein Gefühl „ohnmächtiger Wut“ in ihm auslöste, denn „das größte verbrecherische Schwein der deutschen Geschichte wäre besser von Deutschen gerichtet“ und weitere Verbrechen verhindert worden. Das Kriegsende erlebt Majonica als Angehöriger einer Artillerieeinheit im westfälischen Hamm. Er gerät zunächst in amerikanische, dann in belgische Kriegsgefangenschaft. Im April 1946 wird er entlassen und kann in seine schwer zerstörte Heimatstadt Soest zurückkehren – „zwar abgemagert aber dennoch gesund“.

Einstieg in die politische Laufbahn

Majonica setzt seine juristische Ausbildung fort, legt das Assessorexamen ab und praktiziert kurzzeitig als Rechtsanwalt in Soest. Dort tritt er im Mai 1946 in die CDU ein, weil ihn „die Überwindung der konfessionellen Gegensätze“ fasziniert. Er widmet sich mit großem Einsatz dem Aufbau der örtlichen Jungen Union. Bereits im März 1948 arrangiert er ein erstes Deutschlandtreffen mit jungen ausländischen Politikern in Soest. Er wird Pressesprecher der westfälischen JU und schließlich auf dem Gründungsparteitag der CDU im Oktober 1950 in Goslar zum Bundesvorsitzenden der Jungen Union gewählt. Dieses Amt behält er bis 1955, als er auf dem Deutschlandtag in Augsburg in einer Kampfabstimmung Gerhard Stoltenberg unterliegt. In seine Amtszeit fallen der organisatorische Aufbau der Jugendorganisation und die Bildung europäischer Netzwerke. Prägend für Majonicas Interesse an außenpolitischen Fragen sind zwei längere Reisen: Vom 26. Oktober bis 6. Dezember 1947 nimmt er an einem Lehrgang im englischen Wilton Park teil, einer auf Initiative von Winston Churchill für antinationalsozialistisch gesinnte deutsche Kriegsgefangene gegründeten Schule. Seit 1947 können auch ausgewählte Deutsche aus der britischen Zone an den anspruchsvollen akademischen Kursen teilnehmen, um Rüstzeug für eine aktive Beteiligung am demokratischen Wiederaufbau zu erhalten. Im Herbst 1954 erfolgt auf Einladung der US-Regierung eine fast zweimonatige Reise durch die Vereinigten Staaten. Hier macht sich Majonica mit verschiedensten Aspekten des politischen, akademischen und wirtschaftlichen Lebens in den USA vertraut.

Start der bundespolitischen Karriere

Nachdem Majonica sich 1949 vergeblich um einen günstigen Platz auf der nordrhein-westfälischen Landesliste für den Deutschen Bundestag beworben hat, gelingt ihm im folgenden Jahr der Sprung ins Parlament. Als der neue nordrhein-westfälische Ernährungsminister und spätere Bundespräsident Heinrich Lübke auf sein Bundestagsmandat verzichten muss, ist laut den damaligen Bestimmungen im Wahlkreis Arnsberg/Soest eine Nachwahl fällig. Majonica wird einmütig nominiert und gewinnt den Wahlkreis am 19.11.1950 mit klarem Vorsprung. Diesen Erfolg vermag er in den folgenden Jahren fünf Mal zu wiederholen. Im Parlament zeigt er von Anfang an Präsenz und Einsatz, tritt im Plenum bereits in seiner ersten Wahlperiode sechsmal als Redner auf und profiliert sich als Befürworter des heftig umstrittenen westdeutschen Wehrbeitrages. Dabei betont er stets, dass man nicht „eine Landsknechtsarmee alten Stils“, sondern den „Staatsbürger in Uniform“ anstrebe.

Asiatische Leidenschaft

Um die Jahreswende 1955/56 unternimmt Majonica auf Einladung der südvietnamesischen Regierung eine vierwöchige Fernostreise, die ihn auch nach Hongkong und Kambodscha führt. Er ist tief beeindruckt von der fremden Kultur. Sein Reisetagebuch beschließt er mit dem emphatischen Satz: „Eine neue Welt ging mir auf.“ Ein Jahr später besucht er Taiwan und gründet im Anschluss die Deutsch-Chinesische Gesellschaft, die sich für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen einsetzt. Beide Länder stellen in Majonicas Augen wichtige Bollwerke gegen die Ausbreitung des kommunistischen Machtbereichs in Asien und der Dritten Welt dar und verdienen daher die Unterstützung der Bundesrepublik. Das Interesse an Asien begleitet ihn sein ganzes weiteres Leben lang: Er wird ein leidenschaftlicher Sammler von Asiatica und eignet sich Kenntnisse an, die ihn befähigen, mit Fachleuten und Wissenschaftlern auf Augenhöhe zu diskutieren. Seine 1971 eingereichte Dissertation behandelt die Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und der Bundesrepublik.

Außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Seinen politischen Interessenschwerpunkt verlagert Majonica ganz auf die Außenpolitik. Er profiliert sich als Experte für Ost- und Europapolitik und tritt am 27. Januar 1959 die Nachfolge Kurt Georg Kiesingers als Vorsitzender des Außenpolitischen Arbeitskreises und außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion an. Seine Grundeinstellungen sind vom Europagedanken, von der Westbindung, dem engen Verhältnis zu den USA und vom Antikommunismus bestimmt. Als Integrationseuropäer“, dessen Ziel eine politische Union im Rahmen eines europäischen Bundesstaates ist, entwickelt er eine tiefe Abneigung gegenüber der Politik des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle, der die Abtretung von Souveränitätsrechten an supranationale Organisationen und den von Majonica vehement befürworteten EWG-Beitritt Großbritanniens ablehnt. Auch mit den deutschen „Gaullisten“ wie etwa dem CSU-Bundestagsabgeordneten Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg setzt er sich kritisch auseinander. Im bestehenden bipolaren Weltsystem hält er die enge transatlantische Kooperation mit den USA nicht nur aus Gründen der Sicherheit, sondern auch auf der Grundlage der gemeinsamen Werte und der wirtschaftlichen Verflechtungen für zwingend geboten. Eine Lösung der europäischen und deutschen Frage kann er sich nur im Einvernehmen mit der westlichen Führungsmacht vorstellen. Innerhalb dieses grundsätzlichen Rahmens zeigt er eine bemerkenswerte Offenheit für außenpolitische Veränderungen. Seine Auffassungen legt er in insgesamt drei Büchern und einer Fülle von Aufsätzen, Artikeln und Kommentaren dar.

Im Widerspruch zur eigenen Fraktion

Als eine Ernennung zum Minister, die nach der Bundestagswahl 1965 im Bereich des Möglichen liegt, scheitert und Majonica 1969 das Amt des außenpolitischen Sprechers an Werner Marx verliert, wird er in seiner Partei mehr und mehr zum Außenseiter. Grund ist nicht zuletzt eine positive Haltung zur so genannten. „neuen Ostpolitik“ der Regierung Brandt/Scheel. Trotz mancher Kritikpunkte sieht er angesichts sich wandelnder weltpolitischer Bedingungen keine Alternative zu einer Öffnung gegenüber den Ostblockstaaten. Er ist nicht bereit, den schroffen Ablehnungskurs des größten Teils der Fraktion mitzutragen, der die Bundesrepublik in seinen Augen unweigerlich in einen Gegensatz zur westlichen Politik führe und sie zu isolieren drohe. Diese Haltung lässt den falschen Verdacht aufkommen, Majonica sei einer der beiden Unionsabgeordneten, die beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt 1972 nicht für dessen CDU-Herausforderer Rainer Barzel votieren. Im gleichen Jahr unterliegt er bei der Nominierung des Bundestagskandidaten dem Arnsberger Landrat Ferdinand Tillmann und scheidet nach der Bundestagswahl am 19. November 1972 aus dem Parlament aus.

Ausklang der politischen Laufbahn

In den folgenden Jahren arbeitet Majonica als Lobbyist für eine Bochumer Mineralölgesellschaft und bemüht sich vergeblich um die Habilitation für das Fach Politische Wissenschaften an der Universität Bonn, wo er von 1973 bis 1976 als Lehrbeauftragter tätig ist. Bei der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament 1979 gelingt ihm ein politisches Comeback, auch wenn er bis zu seinem Ausscheiden 1984 in Strassburg keine bedeutende Rolle spielt. Publizistisch ist er bis Ende der 1980er Jahre aktiv, v.a. als außenpolitischer Kommentator der „Passauer Neuen Presse“. Ernst Majonica stirbt am 21. Juli 1997 in seiner geliebten Heimatstadt Soest. Fast während des gesamten Verlaufs seiner bundes- und europapolitischen Karriere hat er Tagebuch geführt. Die politischen Aufzeichnungen aus den Jahren 1958–1972 liegen mittlerweile in einer kommentierten Edition vor. Sie bieten interessante und authentische Einblicke in den Bonner Politikbetrieb und die außenpolitischen Debatten jener Zeit.

Lebenslauf

  • 1939–1942 Studium der Rechtswissenschaft und der Geschichte in Münster und Freiburg
  • 1942–1946 Kriegsdienst und Gefangenschaft
  • 1950 Assessor, Rechtsanwalt
  • 1950–1955 Bundesvorsitzender der JU
  • 1950–1972 MdB (CDU)
  • 1953–1969 Mitglied des CDU/CSU-Fraktionsvorstands
  • 1959–1969 Vorsitzender des Außenpolitischen Arbeitskreises der Fraktion
  • 1979–1984 Mitglied des Europäischen Parlaments
  • 1966–1976 Präsident des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung.

Veröffentlichungen

  • Deutsche Außenpolitik. Probleme und Entscheidungen. Stuttgart 1965, 2. Aufl. 1966.
  • Möglichkeiten und Grenzen der deutschen Außenpolitik. Stuttgart 1969.
  • Ein Parlament im Geheimen? Zur Arbeitsweise der Bundestagsausschüsse. In: Der Bundestag von innen gesehen. München 1969, S. 114–126.
  • Bonn – Peking. Die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zur Volksrepublik China, Stuttgart 1971.
  • Risultati possibili e condizioni irrinunciabili. In: Affari Esteri (Rivista Trimestrale, Rom) III (1971), Nr. 9, S. 13–27.
  • Die Bundesrepublik und die Volksrepublik China. In: SCHWARZ, Hans Peter (Hg.): Handbuch der deutschen Außenpolitik. München 1975, S. 341–345.
  • Bundestag und Außenpolitik, ebd., S. 112–123.
  • Das Interesse der Bundesrepublik an der Volksrepublik China. In: Die Außenpolitik Chinas. Entscheidungsstrukturen, Stellung in der Welt, Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland (Schriften des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik). München 1975, S. 435–457.
  • Adenauer und China. In: Dieter Blumenwitz u.a. (Hg.): Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. Bd. 1: Beiträge von Weg- und Zeitgenossen. Stuttgart 1976, S. 680–697.

Literatur

  • Günter Buchstab: Ernst Majonica (1920–1997). In: Internationale Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Winfried Baumgart zum 65. Geburtstag. Paderborn 2003, S. 429-447.
  • Christopher Beckmann: „Eine neue Welt ging mir auf.“ Die Reise des Abgeordneten Ernst Majonica nach Ostasien 1955/56. In: Historisch-Politische Mitteilungen 15 (2008), S. 395–426.
  • Ernst Majonica: Das politische Tagebuch 1958–1972. Bearb. v. Hans-Otto Kleinmann und Christopher Beckmann (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 55). Düsseldorf 2011.

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