Johannes Gerster

Jurist, Regierungsdirektor, MdB, MdL, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Dr. phil. h. c. 2. Januar 1941 Mainz
von Markus Lingen

„Natürlich sind und bleiben die israelisch-deutschen Beziehungen auch in Zukunft besonders belastet und sensibel. Aber sind sie deswegen besonders schlecht? Ich selbst empfinde sie trotz der langen Schatten der Vergangenheit längst als besonders gut, ja als besonders eng, und in diesem Empfinden werden wir von israelischen Gesprächspartnern und Freunden immer wieder bestärkt.“

Familie, Kindheit, Schule und Studium

Johannes Gerster wird am 2. Januar 1941 in Mainz als sechstes Kind der Eheleute Gottfried und Elisabeth Gerster geboren. Sein Vater ist zuerst Prokurist, später vertreibt er Versicherungen, seine Mutter führt den Haushalt und kümmert sich um die Kinder, so lebt die Familie in bescheidenen Verhältnissen. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in seiner Heimatstadt. Er besucht das Rabanus-Maurus-Gymnasium, ist Mitglied im Mainzer Domchor und Messdiener, engagiert sich aktiv im Bund der katholischen Jugend. Im Jahr 1960 tritt er in die Junge Union und in die CDU ein. Sein Vater ist Gründungsmitglied und erster Schatzmeister der Mainzer CDU. Nach dem Abitur studiert Johannes Gerster Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten Mainz, Freiburg und Bonn. 1967 legt er die erste juristische Staatsprüfung ab und absolviert das Referendariat in Justiz, Verwaltung und Privatwirtschaft. Die zweite juristische Staatsprüfung besteht Gerster erfolgreich 1970 ab.

Während des Studiums in Bonn lernt er seine zukünftige Frau Regina kennen. Das Paar heiratet 1968 und bekommt drei Kinder.

Beruflicher Werdegang

Johannes Gerster entscheidet sich für die Beamtenlaufbahn und arbeitet zuerst als Regierungsrat im Ministerium des Innern von Rheinland-Pfalz. Dort fühlt er sich unterfordert, überlegt ob er nicht in eine Anwaltskanzlei gehen soll, wechselt aber dann in die Kreisverwaltung Mainz-Bingen. Beim dortigen Landrat wird er Dezernent für Kommunalaufsicht, Jugend, Sport und Bauwesen. Die direkte Arbeit mit den Menschen vor Ort gefällt ihm sehr und prägt ihn nachhaltig.

Politische Laufbahn

In seinem Wohnort ist Gerster von 1969 bis 1976 Vorsitzender der CDU Mainz-Altstadt. Hanna-Renate Laurien ermuntert ihn, 1972 für den Deutschen Bundestag zu kandidieren. Gerster wird auch von Heiner Geißler unterstützt, der ihm einen guten Listenplatz in Rheinland-Pfalz erkämpft. Trotz der für die CDU verlorenen Bundestagswahl zieht Gerster über die Landesliste mit 31 Jahren als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag ein. Dort ist er Mitglied im Innenausschuss und stellvertretender Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe. Schnell macht er sich in der CDU/CSU-Fraktion einen Namen und wird 1974 deren Sprecher im Guillaume-Untersuchungsausschuss. Im Jahr 1973 wird er stellvertretender Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Rheinhessen-Pfalz und 1976 Kreisvorsitzender der CDU in Mainz. Als Gerster bei der Bundestagswahl 1976 seinen Wahlkreis verliert, wechselt er auf Vermittlung von Ministerpräsident Bernhard Vogel ins Innenministerium von Rheinland-Pfalz. Mit Heiner Geißlers Ernennung zum Generalsekretär der Bundespartei 1977, folgt Georg Gölter ihm als Sozialminister in Rheinland-Pfalz und Gerster rückt als Nachfolger Gölters wieder in den Bundestag. In der Bundestagsfraktion entsendet ihn der parlamentarische Geschäftsführer Philipp Jenninger in den Haushaltsausschuss, außerdem wird er wird Mitglied der Enquetekommission „Frau und Gesellschaft“.

Als der Bundestag einen Untersuchungsausschuss zum Neue-Heimat-Skandal einsetzt, erwirbt der Vorsitzende Gerster große Bekanntheit durch seine hartnäckige Aufklärungsarbeit. Als innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion (1987-1992) engagiert er sich in der Ausländer- und Asylpolitik und übernimmt 1989 die Leitung einer Fraktionskommission, die Vorschläge zur Reduzierung des Asylmissbrauchs erarbeitet. 1992 wird er zu einem der stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewählt, zuständig für die Innen-, Rechts- und Umweltpolitik. 1994 scheidet Gerster freiwillig aus dem Bundestag aus.

Landespolitik

Nun widmet er sich verstärkt der Landespolitik in Rheinland-Pfalz. Die Landes-CDU hat die Landtagswahl 1991 deutlich gegen die SPD mit Herausforderer Rudolf Scharping verloren. Nach über 40 Jahren hat die CDU ihre Regierungsmehrheit erstmals eingebüßt und muss in die Opposition; innerparteiliche Querelen und Kämpfe folgen. Schließlich wird Gerster in Abstimmung mit Bundeskanzler Helmut Kohl zum neuen Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 1996 vorgeschlagen und auf dem Parteitag in Trier am 11. Dezember 1993 gewählt. Es gelingt ihm sehr schnell die Führungsquerelen innerhalb der Partei zu beenden und die Parteifinanzen zu sanieren. Der Erfolg zeigt sich bei der Kommunalwahl, der Europawahl und auch bei der Bundestagswahl 1994, die CDU wird jeweils stärkste Partei in Rheinland-Pfalz. Bei der Landtagswahl 1996 holt die CDU zwar auf, aber die Koalition von SPD und FDP bleibt bestehen und stellt die Landesregierung. Nun wird Gerster Nachfolger von Christoph Böhr im Fraktionsvorsitz des Landtages. Aber es fällt ihm zusehends schwerer Landespartei und Fraktion in den Griff zu bekommen. Harsche innerparteiliche Kritik wird an seinem Führungsstil geäußert.

Zu Beginn des Jahres 1997 teilt Gerster seinen kompletten Rückzug aus der Landespolitik mit. Die CDU-Fraktion wählt Christoph Böhr zum Vorsitzenden, der auch den CDU-Landesvorsitz übernimmt.

Leiter des Büros der KAS in Israel

Schon 1996 hat Gerster mit Helmut Kohl und Bernhard Vogel darüber gesprochen, dass er aus der Landespolitik ausscheiden und gerne für die Konrad-Adenauer-Stiftung nach Israel gehen möchte.

Die deutsch-israelische Partnerschaft ist schon immer ein „Herzensanliegen“ Gersters. 1957 ist er mit einer katholischen Jugendorganisation zum ersten Mal in Israel gewesen und hat dort im Kibbuz gearbeitet. Später hat er die Deutsch-Israelische Gesellschaft mitgegründet und in den folgenden Jahren über vierzig Mal das Land Israel besucht.

Im Juni 1997 geht Gerster mit seiner Frau nach Israel und leitet in Jerusalem das Büro der der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er leistet einen viel beachteten Beitrag zur Aussöhnung im Nahen Osten. Gerster bezeichnet es als seine Aufgabe an der Nahtstelle zwischen Israelis und Palästinensern zu arbeiten. Nach seiner Auffassung sollen Juden, Christen und Muslime gemeinsam einen Grundkatalog aufstellen und darin unter anderem den Besitz und die Verwaltung der religiösen Stätten durch die Religionen sowie den freien Zugang für die Gläubigen aller Richtungen festschreiben.

Zusammen mit seinem Freund Teddy Kollek der Jerusalem Foundation, der Unterstützung von Helmut Kohl und Bernhard Vogel schafft Gerster es die notwendigen Spenden für den Bau des „Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum in Jerusalem“ aufzubringen, das 2001 eingeweiht wird. Nach neun Jahren endet seine Zeit für die Adenauer-Stiftung in Israel und er kehrt mit seiner Frau nach Mainz zurück.

Im Unruhestand

Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt widmet sich Gerster vielen neuen ehrenamtlichen Aufgaben, teils in seiner Heimatstadt oder bundesweit. Das Thema Israel begleitet ihn weiterhin. Von 2006 bis 2010 ist er Präsident der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft, von 2006 bis 2007 Gründungsvorsitzender der Israelstiftung in Deutschland und seit 2007 Vorsitzender des Kuratoriums der Israelstiftung in Deutschland.

Lebenslauf

  • 2. Januar 1941 geboren in Mainz
  • 1960 Mitglied der CDU
  • 1962-1967 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten Mainz, Freiburg und Bonn
  • 1967 Erstes juristisches Staatsexamen
  • 1969-1976 Vorsitzender der CDU Mainz-Altstadt
  • 1970 Zweites juristisches Staatsexamen
  • 1970 Zentralabteilung des Innenministeriums von Rheinland-Pfalz
  • 1971-1972 Regierungsrat z.A., Dezernent für Kommunalaufsicht, Jugend, Sport und Bauwesen im Landratsamt Mainz-Bingen
  • 1972-1976 MdB über die Landesliste Rheinland-Pfalz
  • 1973-1989 Stellv. Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Rheinhessen-Pfalz
  • 1976-1977 Regierungsdirektor in der Zentralabteilung des Innenministeriums von Rheinland-Pfalz
  • 1976-1987 CDU-Kreisvorsitzender in Mainz
  • 1977-1994 MdB zuerst als nachgerückter, dann von 1983 direkt gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis 208 (Mainz)
  • 1982 bis 1998 Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft
  • 1984-1994 Vorsitzender der CDU-Landesgruppe Rheinland-Pfalz/Saarland im Deutschen Bundestag
  • 1987-1992 Innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
  • 1992-1994 Stellv. Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
  • 1993-1997 Landesvorsitzender der CDU Rheinland-Pfalz
  • 1994-1996 Mitglied des Präsidiums der CDU-Deutschland
  • 1995 Dr. phil. h.c. der Ben Gurion Universität des Negev
  • 1996-1997 MdL Rheinland-Pfalz und Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion
  • 1996-1998 Mitglied des CDU-Bundesvorstandes
  • 1997-2006 Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel
  • 1998 bis 2006 Vizepräsident der Israelisch-Deutschen Gesellschaft
  • seit 1999 Mitglied des Board of Governors der Ben Gurion Universität des Negev
  • 2001-2012 Generalfeldmarschall der Mainzer Ranzengarde von 1837 e.V.
  • 2006 bis 2010 Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft
  • 2006 Verleihung des offiziellen Titels „Freund von Jerusalem“ durch die Stadt Jerusalem und Verleihung des Teddy–Kollek–Award in der Knesset
  • seit 2007 Vorsitzender des Kuratoriums der Israelstiftung in Deutschland
  • 2013 Ehrengeneralfeldmarschall der Mainzer Ranzengarde 1837 e.V.

Veröffentlichungen

Literatur

  • Wolfgang Wiedemeyer / Norbert Eschborn /Bearb.), Johannes Gerster. Ein Porträt, Bonn 1995.
  • Lars Hänsel / Shimon Yakira, Johannes Gerster in Jerusalem – Ein Tribut/A Tribute, Jerusalem 2006.

Kontakt

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