Otto Lenz

Jurist, Staatssekretär Dr. jur. 6. Juli 1903 Wetzlar 2. Mai 1957 Neapel
von Judith Michel
Otto Lenz war davon überzeugt, dass die Demokratie in Deutschland nur durch Aufklärung der Bürger über den freiheitlich-demokratischen Staat verankert werden könne. Mit seinen innovativen Methoden der Öffentlichkeitsarbeit warb er erfolgreich für Konrad Adenauers Politik der frühen 1950er Jahre.

Im preußischen Staatsdienst und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Otto Lenz wurde am 6. Juli 1903 als Sohn von Maria Lenz, geb. Kerich, und des Regierungslandmessers Emil Lenz in Wetzlar geboren. Seine Familie war tief in der katholischen Tradition verwurzelt. So ist es nicht verwunderlich, dass er während seines Studiums der Rechts- und Staatswissenschaften in Freiburg und Marburg im Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) korporiert war und nach seiner Promotion zum Dr. jur. und bestandenem Assessorexamen 1928 Mitglied der Zentrumspartei wurde. Im gleichen Jahr begann seine Tätigkeit in der Zivilabteilung des Preußischen Justizministeriums. Dort machte Lenz schnell Karriere. Ab 1929 war er Pressereferent des Ministeriums und seit 1932 persönlicher Referent des Ministers Herrmann Schmidt und des Staatssekretärs Heinrich Hölscher, die beide ebenfalls dem Zentrum angehörten. Inzwischen war Lenz mit Maria Elisabeth Pohl verheiratet, mit der er vier Kinder bekam. Sein Sohn Carl Otto und seine Tochter Marlene Lenz gingen später ebenfalls in die Politik.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Lenz 1933 auf den weniger politischen Posten eines Referenten für Handels- und Wirtschaftsrecht versetzt. Er widersetzte sich dem Drängen des neuen Justizministers Hanns Kerrl, der NSDAP beizutreten. Seine oppositionelle Haltung führte dazu, dass der NS-Rechtswahrerbund 1934 gegen seine Beförderung zum Landgerichtsdirektor protestierte. 1938 sollte er aus politischen Gründen aus dem Ministerium in ein Gericht versetzt werden. Da er im NS-Staat kein Richter sein wollte, schied Lenz jedoch ohne Pension aus dem Staatsdienst aus. Unter Schwierigkeiten erhielt er eine Zulassung als Rechtsanwalt am Kammergericht Berlin. Seine Zulassung als Notar wurde jedoch abgelehnt.

Mit seiner auf Wirtschaftsrecht spezialisierten Anwaltstätigkeit half Lenz Juden und anderen NS-Verfolgten, insbesondere bei Enteignungsfällen. Lenz war Teil der „Donnerstagsgesellschaft“ – ein Kreis von ehemaligen Zentrumsmitgliedern und Funktionären katholischer Organisationen, zu dem unter anderem Heinrich Krone, Hans Globke, Josef Rust, Georg Dertinger, Jakob Kaiser, Josef Wirmer, Rudolf Vogel und Heinrich Vockel gehörten. Diese Gruppe befand sich in politisch-weltanschaulicher Opposition zum NS-Regime, ohne jedoch aktiv im Widerstand engagiert zu sein.

Über seinen Sozius Alfred Etscheid und seinen Freund Josef Wirmer lernte Lenz jedoch schließlich Ludwig Beck und Carl Friedrich Goerdeler kennen, die einen Sturz des Hitler-Regimes planten und in Verbindung zu den Attentätern vom 20. Juli 1944 standen. Der Goerdeler-Kreis bot Lenz gar an, in einer Regierung nach dem Umsturz Verkehrsminister bzw. Staatssekretär in der Reichskanzlei zu werden, worauf Lenz jedoch zurückhaltend reagierte. 1944 verteidigte er erfolgreich den bereits 1943 verhafteten und vor dem Reichskriegsgericht wegen Hochverrats angeklagten Oberleutnant Josef Müller aus dem Stab von Admiral Wilhelm Canaris, der ein Verbindungsmann des konservativen Widerstands zum Vatikan war. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli musste Lenz, der über einen längeren Zeitraum Ernst von Harnack – ebenfalls ein Mitarbeiter von Canaris – versteckt gehalten hatte, selbst untertauchen. Am 4. Oktober 1944 wurde auch er verhaftet.

Während sein Freund Wirmer nach seiner Verhaftung zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, gelang es Lenz, sich vor dem Volksgerichtshof geschickt zu verteidigen. Da er von seinen Freunden kaum belastet worden war, konnte er sich als Unbeteiligter darstellen und wurde wegen Nichtanzeige von Hochverrat lediglich zu vier Jahren Zuchthaus und acht Jahren Ehrverlust verurteilt. Am 28. April 1945 befreiten ihn sowjetische Soldaten aus dem Zuchthaus in Brandenburg. Bereits wenige Tage später sperrten sie ihn allerdings erneut für vier Wochen ein, da sie ihn für einen Spion hielten.

Im Zentrum der Macht

Bereits in seiner Haft hatte Lenz in seinem Tagebuch am 11. Dezember 1944 notiert, es sei nach dem Krieg richtig, „zunächst eine Bewegung auf die Beine zu stellen, die überkonfessionell, aber auf christlicher Grundlage zusammengehalten, den Versuch machen müßte, die eintretenden Notstände zu bekämpfen. Ohne Volksbewegung der Mitte wird alles der Linken in die Hände getrieben.“ Lenz gehörte daher dem engeren Gründerkreis der CDU in Berlin an, wo er bis 1947 als Rechtsanwalt arbeitete. In der Berliner CDU arbeitete Lenz unter anderem mit Ernst Lemmer, Jakob Kaiser, Andreas Hermes und Heinrich Krone zusammen, die er teilweise bereits aus der „Donnerstagsgesellschaft“ kannte.

1947 setzte Otto Lenz seine Anwaltstätigkeit in der Sozietät von Josef Müller in München fort. Müller war inzwischen Vorsitzender der neu gegründeten CSU. Damit stand Lenz in engem Kontakt zu zwei „Intimfeinden“ Konrad Adenauers – Jakob Kaiser in Berlin und Josef Müller in Bayern. Beide standen Adenauers Westbindungskonzept kritisch gegenüber, da sie dadurch die deutsche Teilung vertieft sahen. Als Lenz mit Adenauer 1948 an den Genfer Gesprächen der Nouvelles Equipes Internationales (NEI) teilnahm zeigte sich jedoch, dass dieser im Gegensatz zu Kaiser und Müller den europapolitischen Kurs Adenauers unterstützte, womit die Grundlage für die spätere Zusammenarbeit gelegt wurde.

Dennoch war es nicht selbstverständlich, dass 1951 Adenauers Wahl auf Lenz fiel, als es um die Besetzung des Staatssekretärspostens im Bundeskanzleramt ging. Der Bundeskanzler hätte vielmehr gerne Hans Globke, zu dieser Zeit Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt, auf diesem Posten gesehen. Aufgrund seiner NS-Vergangenheit riet jedoch Globke selbst davon ab, ihm dieses Amt zu übertragen. Nach langer Suche nach einem geeigneten Kandidaten machte sich Globke zum Fürsprecher von Otto Lenz, den er noch aus der „Donnerstagsgesellschaft“ kannte.

Im Bundeskanzleramt sollte Lenz‘ „dringendste Aufgabe die Schaffung einer zugkräftigen Propaganda“ sein – so der damals noch gängige Begriff für Öffentlichkeitsarbeit. Auf diese Weise sollte er Adenauer, der 1950 unter anderem vor dem Hintergrund der umstrittenen Wiederbewaffnungsfrage an Rückhalt in der öffentlichen Meinung verloren hatte, aus dem dadurch entstandenen Stimmungstief heraushelfen. Lenz erwies sich schnell als hervorragender Kommunikator und Modernisierer der Öffentlichkeitsarbeit, der seine auf USA-Reisen erworbenen Erkenntnisse der Public Relations geschickt zur Steigerung der Akzeptanz von Adenauers Politik in den frühen 1950er Jahren einsetzte.

Dies gelang ihm zum einen durch eine Systematisierung der Pressearbeit des von ihm dirigierten Bundespresse- und Informationsamts der Bundesregierung. Zum anderen war er Mitbegründer von zahlreichen Institutionen zur Informationsverbreitung im vorparlamentarischen Raum: Unter anderem die Gesellschaft für Auslandskunde, die Bundeszentrale für Heimatdienst (später Bundeszentrale für politische Bildung), die Deutschen Atlantischen Gesellschaft, die Gesellschaft Freies Europa, der Bund aktiver Demokraten und die Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise warben für die Politik der Bundesregierung. Mit einer Vielzahl von Tagungen, Informationsveranstaltungen und Publikationen sowie der „Mobilwerbung“ – letztere sollte die Bürger durch Filme von der Regierungsarbeit überzeugen – versuchte Lenz auch Menschen zu erreichen, die keine Zeitungen lasen. Darüber hinaus versorgte er aber auch die Medien mit Informationen über die Regierungspolitik. Das Ausland wurde durch die von ihm gegründete „Deutsche Korrespondenz“ informiert.

Otto Lenz ging es bei seiner Öffentlichkeitsarbeit nicht nur darum, die Regierung Adenauer im besten Licht erscheinen zu lassen und für deren Westbindungs- und Wiederbewaffnungskurs zu werben. Für ihn war die Weimarer Republik gescheitert, weil zu wenig politische Aufklärung über das demokratische System stattgefunden hatte. Es war ihm daher wichtig, über eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit des Staates eine enge Beziehung zwischen Regierung und Volk herzustellen. Sein Ziel war es, die Menschen konstant für die Demokratie zu gewinnen, wie sie durch die CDU verkörpert wurde, – auch für die Zeit nach Adenauer.


„Die Aufgabe heißt also, nicht nur die Demokratie populär zu machen, sondern auch die verständliche, aber gefährliche Abneigung (gegen die Politik) zu überwinden.“

Unter Otto Lenz kam es zu einer engen Zusammenarbeit der Bundesregierung insbesondere mit dem Institut für Demokopie Allensbach. Die systematische Auswertung von Meinungsumfragen floss auch in die Vorbereitung des Bundestagswahlkampfs von 1953 ein. Hier nutzte Lenz intensiv das Radio und das noch recht neue Medium Fernsehen sowie die direkte Ansprache der Bürger, um auf emotionale Weise für die CDU zu werben. Es ist maßgeblich Lenz‘ Verdienst, dass die CDU bei dieser Wahl signifikant Wählerstimmen hinzugewann.

Lenz beschränkte sich jedoch nicht auf die Öffentlichkeitsarbeit und den Wahlkampf, sondern beteiligte sich auch an der Politikgestaltung. So arbeitete er unter anderem geschickt an der Formulierung des Mitbestimmungesetzes für die Montanindustrie von 1951 mit, setzte sich für die Integration der Flüchtlinge aus der DDR und der Vertriebenen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa ein, beteiligte sich an den Verhandlungen um die Montanunion und wirkte später an der Lösung der Saarfrage mit.

Für die eigentliche Aufgabe eines Staatssekretärs, die Leitung des Bundeskanzleramts, interessierte sich Lenz hingegen weniger. Diese überließ er Hans Globke. Er gehörte gleichwohl zum engen Kreis des Entscheidungszentrums im Bundeskanzleramt und wurde als Adenauers „rechte und gelegentlich linke Hand“ (Walter Henkels) bezeichnet. Lenz‘ Kritik an der Regierungsarbeit sowie Vorschläge zur Kabinettsumbildung, die auch Adenauers Abgabe des Außenministeramts umfassten, führten dazu, dass der Bundeskanzler seinen Staatssekretär zunehmend als zu eigenständig empfand. Auch innerhalb der CDU trafen Lenz‘ oftmals klandestine Aktivitäten auf Misstrauen.

Gescheiterte Pläne und Engagement als Bundestagsabgeordneter

Adenauer hielt jedoch an dem ihm unbequemen Lenz zunächst fest, bis dieser durch seine Pläne für ein Informationsministerium in die Kritik geriet. Lenz hatte vor, ein Ministerium für Informationswesen unter seiner Leitung zu errichten. Die Presse begann, Lenz‘ geplantes Ministerium mit dem NS-Propagandaministerium von Joseph Goebbels zu vergleichen – eine abwegige Unterstellung, betrachtet man Lenz‘ Lebensweg während der NS-Zeit und sein Engagement für die Demokratie in der Nachkriegszeit. Als auch die drei alliierten Hohen Kommissare ihre Kritik äußerten, distanzierte sich Adenauer von den Plänen, die er Anfang 1953 noch selbst in Erwägung gezogen hatte. Lenz, der bei der Bundestagswahl 1953 mit 78,9 Prozent der Stimmen ein Abgeordnetenmandat für den Kreis Ahrweiler-Mayen gewonnen hatte, trat als Staatssekretär des Bundeskanzleramts zurück und fühlte sich von Adenauer fallengelassen. Sein Nachfolger wurde nun doch Hans Globke.

Als Abgeordneter im Bundestag engagierte sich Lenz als stellvertretendes Mitglied des Ausschusses für Fragen der Presse, des Rundfunks und des Films ebenfalls im Bereich der Medienpolitik. Auch warb er über seine diversen Institutionen weiterhin für die Politik der Bundesregierung. Zudem war er stellvertretendes Mitglied des Ausschusses zum Schutze der Verfassung und darüber hinaus außenpolitisch sehr aktiv: Er war Mitglied des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, leitete den Außenpolitischen Arbeitskreis der CDU/CSU-Fraktion und wurde im Juni 1955 vom Bundestag zum Mitglied der Beratenden Versammlung des Europarats ernannt. Er vernetzte sich innerhalb der NEI und setzte sich für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ein.

Bei einer Informationsreise zusammen mit Abgeordneten der sechs EWG-Gründungsstaaten nach Afrika zog er sich eine Infektion zu, an deren Folge er am 2. Mai 1957 unerwartet in Neapel verstarb.

Lebenslauf

  • 1921-1924 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Freiburg und Marburg
  • 1925 Promotion zum Dr. jur.
  • 1928 Assessorexamen
  • 1928-1933 Mitglied der Zentrumspartei
  • 1928-1938 Mitarbeiter im Preußischen Justizministerium
  • 1938-1951 Rechtsanwalt am Kammergericht Berlin
  • 1944/45 Gestapohaft
  • 1945 Mitbegründer der CDU in Berlin
  • 1951-1953 Staatssekretär im Bundeskanzleramt
  • 1953-1957 Mitglied des Deutschen Bundestags für Ahrweiler-Mayen
  • 1955 Mitglied der Beratenden Versammlung des Europarates

Veröffentlichungen


Literatur

  • Baring, Arnulf, Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie, München 1969.
  • Buchstab, Günter, Engagierter Demokrat und begabter Kommunikator. Otto Lenz (1903-1957) zum 100. Geburtstag, in: Die Politische Meinung 404 (2003), S. 63-71.
  • Buchstab, Günter, Otto Lenz – Chef des Kanzleramts 1951-1953. Eine Ergänzung zum Beitrag von Franz Walter und Kay Müller, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 2 (2003), S. 414-419.
  • Buchstab, Günter, Otto Lenz (1903-1957). Staatssekretär im Kanzleramt, in: Günter Buchstab/Brigitte Kaff/Hans-Otto Kleinmann (Hg.), Christliche Demokraten gegen Hitler. Aus Verfolgung und Widerstand zur Union, Freiburg im Breisgau 2004, S. 344-352.
  • Gotto, Klaus/Kleinmann, Hans-Otto/Schreiner, Reinhard (Hg.), Im Zentrum der Macht. Das Tagebuch von Staatssekretär Lenz 1951-1953, Düsseldorf 1989.
  • Jahn, Hans Edgar, Otto Lenz, in: Christliche Demokraten der ersten Stunde, Bonn 1966, S. 243-266.
  • Paul, Dominik, Adenauer-Wahlkämpfe. Die Bundestagswahlkämpfe der CDU 1949-1961, Marburg 2011.

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Kontakt

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