Event Reports

Landreform und Ernährungssicherheit in Südafrika

by Jan Wilhelm Ahmling, Marius Glitz

Johannesburg, 19. – 20. Juni 2014

Das Länderprojekt der Konrad-Adenauer-Stiftung in Südafrika veranstaltete am 19. und 20. Juni 2014 gemeinsam mit der rechtswissenschaftlichen Fakultät der North-West University (NWU) ihre jährliche Konferenz zur Ernährungssicherheit, auf der vornehmlich rechtliche Fragen der Landverteilung besprochen wurden.

Die mangelnde Beteiligung der schwarzen Bevölkerung an der landwirtschaftlichen Wertschöpfung und Lebensmittelproduktion ist ein Dauerthema in der südafrikanischen Politik. Die Suche nach einem Lösungsweg aus der historisch gewachsenen ungerechten Landverteilung stellt die Regierung seit 1994 vor große Herausforderungen. So muss eine Neuverteilung des Landbesitzes die gleichzeitige Sicherstellung der Produktivität und des Nahrungsmittelangebots gewährleisten.

Dr. Wian Elank, Lehrbeauftragter an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der NWU, gab von Beginn an zu verstehen, dass er die Konferenz nicht als eine reine "Talkshow" begreife, sondern aus der Diskussion konkrete Handlungsvorschläge für die südafrikanische Politik folgen sollten.

Südafrikas ungleiche Landverteilung: Ein historisch gewachsenes Problem

Als ein Relikt der Kolonialvergangenheit und Apartheid weist die südafrikanische Landwirtschaft nach wie vor sehr ungleiche Produktionsbedingungen auf. Neben kommerziellen Großagrar- und oligopolistischen Weiterverarbeitungsbetrieben bestehen viele kleine Subsistenzhöfe; letztere ein Wirtschaftsmodell, von dem überwiegend die schwarze Landbevölkerung lebt. Die kommerzielle Landwirtschaft ist hingegen immer noch deutlich durch die weiße Afrikaaner-Bevölkerung geprägt.

Aus ernährungspolitischer Perspektive steht Südafrika vor einem Paradox. Während 60 Prozent der Bevölkerung übergewichtig sind, leiden 11 Prozent an Unterernährung oder haben nur unregelmäßig Zugang zu Nahrungsmitteln. Der Zusammenhang von Südafrikas Bevölkerungswachstum und der Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe ist ebenfalls unausgewogen. Immer weniger Farmen produzieren für immer mehr Menschen. Gleichzeitig verlor Südafrika seit den 1980er Jahren ungefähr zwei Mio. Hektar fruchtbaren Agrarlandes durch die Auswirkungen des Klimawandels, eine Fläche von den Ausmaßen des größten Wildschutzgebietes, des KrugerNationalparks. Nicht wenige Wissenschaftler betrachten diese Entwicklung als Bedrohung für die Ernährungssicherheit des Landes.

Während der zweitägigen Fachkonferenz diskutierten über 50 Vertreter aus Wissenschaft, Landwirtschaft, lokalen Verwaltungen sowie Nichtregierungsorganisationen in vier Themenblöcken verschiedene Aspekte der Landreform und Ernährungssicherheit in Südafrika.

Die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung

Das erste Podium der Konferenz behandelte das politische Regelwerk zur Gewährleistung der Ernährungssicherheit in Südafrika. Die Bedeutung dieses politischen Handlungsfeldes stellten der Direktor des SADC Centre for Land-related, Regional and Development Law and Policy Prof. Nic Olivier und die Rechtsberaterin Carien Pienaar heraus. Rund ein Drittel der Südafrikaner müssten sich, so die Panellisten, mit einer unsicheren Nahrungsmittelversorgung abfinden. Im Mittelpunkt der Regierungsaktivitäten stehe daher derzeit die Sicherstellung einer ausgewogenen Ernährung, Ernährungslehre, Investitionen in die Landwirtschaft, ein verstärktes Risikomanagement in der Nahrungsmittelversorgung sowie eine bessere Transparenz in der Nahrungsmittelproduktion. Von zentraler Bedeutung seien dabei die Arbeitscluster des Ministeriums für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei. Andrew Makenete, einer der führenden Agrarökonomen Südafrikas, betonte, dass die Landreform auch die Produktivität des Landes und nicht nur bloße Eigentumsfragen berücksichtigen müsse. Zudem sei es von fundamentaler Bedeutung, die Entwicklung von nachgelagerten Verarbeitungsstätten anzuregen, um somit nachhaltige Wertschöpfung in ländlichen Regionen zu schaffen.

Eigentumsrechte in der Landproblematik

Ein zweites Podium beschäftigte sich mit Fragen der Bewirtschaftung und der Eigentümerschaft von Agrarland. Die Rechtsexpertin Prof. Jeannie van Wyk von der University of South Africa stellte das “Agricultural Landholdings Policy Framework”, das aktuelle Rahmenwerk des südafrikanischen Ministeriums für ländliche Entwicklung und Landreform vor, welches auf die Unterstützung junger schwarzer Farmbetriebe abzielt. Van Wyk wies auf die bisherigen Erfolge der Landreform hin, durch die bereits sechs Mio. Hektar Agrarland umverteilt wurden, um die Folgen der ab 1913 stattgefundenen Enteignung der schwarzen Bevölkerung wieder auszugleichen. Dabei beachteten die bisherigen Reformen bereits die Sicherstellung der Produktivität, der Nachhaltigkeit und die Förderung von ländlicher Entwicklung. Darüber hinaus erwähnte van Wyk, dass der südafrikanische Staat u.a. mit der Land Management Commission (LMC) eine Reihe professioneller Verwaltungsstrukturen geschaffen habe, die den Landreformprozess überwachten.

Der Umwelt- und Sozialwirtschaftsaktivist Dr. Blessing Karumbidza von der Durban University of Technology beleuchtete aus wirtschaftshistorischer Perspektive die Bedeutung der Landreform für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Südafrika. Im Anschluss stellte Bukisile Ngcamu, Studentin im Fach Ernährungswissenschaften, das Thema ihrer Masterarbeit vor. Ngcamu forscht aus ernährungswissenschaftlicher Perspektive nach traditionellem Wissen über Lebensmittel, Anbaumethoden und deren ernährungswissenschaftliche Bedeutung. Gerade kleinere Subsistenzbauern, so die Masterstudentin, greifen immer noch in hohem Maße auf traditionelles Wissen zurück.

Die Landreform aus der Perspektive kommerzieller Großbauern

Der dritte Themenblock führte die Diskussion aus der Perspektive der kommerziellen Landwirte fort. Mit Bennie van Zyl von der Transvaal Agricultural Union und Jaco Schoeman vom Afrikanerbond berichteten zwei Großbauern aus ihrer Sichtweise über das Thema der Landreform und Ernährungssicherheit. Beide sahen in einer allzu ideologischen Betrachtung der Landreform die Gefahr, dass die ökonomischen Rahmenbedingungen zur Gewährleistung der Produktivität der Agrarwirtschaft vernachlässigt würden. Statt einer Rückgabe des Landes und einer damit einhergehenden Aufteilung profitabler Agrarbetriebe skizzierte van Zyl daher die Möglichkeit der Übertragung von Eigentumsanteilen an Farmarbeiter.

Die anschließende Diskussion verdeutlichte das soziale Konfliktpotenzial in der Landreform. Während der Großteil der schwarzen Bevölkerung die aktuelle Situation der Landverteilung immer noch als ein ungerechtes Relikt der Apartheidzeit wahrnimmt, betrachten viele weiße, afrikaanssprachige Südafrikaner die kommerzielle Landwirtschaft weiterhin als einen zentralen Bestandteil ihrer kulturellen Identität.

Die ökonomischen Herausforderungen für die südafrikanische Landwirtschaft

Der vierte Themenblock der Konferenz gab einen tieferen Einblick in die ökonomischen Herausforderungen des landwirtschaftlichen Sektors in Südafrika. Der Agrarexperte und Vertreter des Wirtschaftsverbandes AgriSA Dawie Maree stellte die Entwicklung der südafrikanischen Agrarwirtschaft in einen globalen Trend, der – um die Wirtschaftlichkeit zu erhalten – von immer stärkerem Investitionsdruck und stetig wachsenden Betrieben gekennzeichnet sei. Aus agrarökonomischer Sicht sei seit den 1990er Jahren zwar das Einkommen der südafrikanischen Landwirte gestiegen, gleichzeitig habe aber auch ihr Verschuldungsgrad zugenommen. Demgegenüber berichtete die Rechtsexpertin Phelelaphi Dube vom KAS-Partner Centre for Constitutional Rights über eine mangelnde Rechtslage, unter der besonders die Farmarbeiter leiden. Ihrer Meinung nach stehe diese im Widerspruch zur südafrikanischen Verfassung. Äußerst kontrovers diskutierten die Teilnehmer im Anschluss einen Vortrag des kongolesischen Doktoranden John Kandala von der Universität Johannesburg über die Rolle von Biokraftstoffen und deren Einfluss auf die Ernährungslage in der SADC-Region.

Die erfolgreichere Implementierung landwirtschaftlicher Reformvorhaben ist essentiell für Südafrika

Die Konferenzteilnehmer waren sich einig, dass die ökonomische Partizipation eines Großteils der in der Landwirtschaft beschäftigten Bevölkerung verbessert werden müsse. Ein besonderes Augenmerk müsse jedoch auch auf die Erhaltung der Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit fallen.

Ferner wünsche man sich, dass die Regierung bestehende Reformprogramme erfolgreicher umsetze. Von Regierungsseite seien zentrale Probleme der Landreform mitunter unklar definierte und sich überschneidende Zuständigkeiten innerhalb der verschiedenen Ministerien sowie die daraus folgende mangelnde Umsetzung bisher verabschiedeter Richtlinien und Leitpapiere. Eine sachliche, interministerielle Zusammenarbeit – frei von ideologischen Differenzen – sei daher die beste Voraussetzung, um den rechtlichen Herausforderungen der Landreform und Ernährungssicherheit angemessen zu begegnen.