Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Geschichte der CDU

Die Christlich-Demokratische Union in der SBZ/DDR

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In der SBZ war der CDU, ähnlich wie der LDP als der zweiten „bürgerlichen“ Partei, keine Entfaltungsmöglichkeit gegeben. Die CDU-Vorsitzenden Andreas Hermes und Walther Schreiber wurden schon Ende 1945 wegen ihrer Ablehnung der Bodenreform abgesetzt, dasselbe Schicksal traf ihre Nachfolger Jakob Kaiser und Ernst Lemmer Ende 1947, weil sie sich der SED-gesteuerten Volkskongressbewegung verweigerten. Innerhalb weniger Jahre wurden auch fast alle Landesvorsitzenden der Ost-CDU und die übrigen Funktionseliten ausgeschaltet oder auf prokommunistischen Kurs gebracht. SMAD und SED räumten so nicht nur ihren ideologischen, sondern auch ihren gefährlichsten politischen Gegner aus dem Wege, denn bei den Landtags-, Gemeinderats- und Kreistagswahlen im Herbst 1946 hatte die CDU trotz massiver Behinderungen rund ein Viertel der Wählerstimmen erringen können und war zweite Kraft hinter der SED geworden. Auch die Hochschulgruppen der CDU, die, zusammen mit denen der LDP, bei den Studentenratswahlen im Wintersemester 1948/49 noch Mehrheiten bis zu 70% erreichen konnten, mussten ihre Tätigkeit mit Beginn der 1950er Jahre nach und nach einstellen. Nach der Gründung der DDR wurden die Säuberungswellen und Repressionsmaßnahmen verschärft. Zwar blieb an der Basis der Ost-CDU in den 1950er Jahren und z. T. weit darüber hinaus eine oppositionelle Grundhaltung bestehen, doch nach außen hin gestaltete sich das Parteileben im Wesentlichen nach den Vorgaben der SED und einer ihr ergebenen Parteileitung. Nach den Vorstellungen der SED sollte die CDU vor allem eine Transmissionsorganisation sein: Sie sollte den Christen in der DDR die postulierte Vereinbarkeit der „humanistischen Ziele“ des Sozialismus mit denen des Christentums vermitteln und sie an den sozialistischen Staat heranführen („christlichen Humanismus“).

In dieser Absicht suchte die CDU über verschiedene Einrichtungen wie die Abteilung Kirchenfragen beim Sekretariat des Hauptvorstandes, die „Arbeitsgemeinschaft Christliche Kreise“ beim Nationalrat der Nationalen Front oder den 1958 ins Leben gerufenen Bund Evangelischer Pfarrer in der DDR den Kontakt zu „kirchenleitenden Persönlichkeiten“, Pfarrern und sonstigen kirchlichen Amtsträgern, um sie als Multiplikatoren zu gewinnen. Diesem Ziel dienten auch Gesprächsangebote und Veranstaltungsreihen wie „Bürgerpflicht und Christenpflicht“ und „Tradition und Verpflichtung“, Kirchenzeitungen wie die evangelische Monatsschrift „Standpunkt“ und die katholische „begegnung“ sowie die Mitarbeit in der „Christlichen Friedenskonferenz“ und in der „Berliner Konferenz europäischer Katholiken“. Doch vermochte die CDU diesbezüglich nur sehr bescheidene Erfolge zu erzielen. Insbesondere war ihr die atheistische Komponente des Kommunismus dabei im Weg. Die Zahl der Geistlichen und Theologen unter den CDU-Mitgliedern lag 1989 bei 353; das entspricht bei 134.507 Mitgliedern 0,26%. Diese Größenordnung blieb über die Jahrzehnte hinweg nahezu unverändert. Dabei rekrutierte sich der Anteil der Pfarrer praktisch ausschließlich aus dem protestantischen Bereich. Die katholische Amtskirche lehnte den atheistischen Weltanschauungsstaat klar ab und blieb konsequent politisch abstinent. 1960 distanzierten sich die katholischen Bischöfe vom politischen „Missbrauch des Christentums“ und meinten damit die gleichgeschaltete CDU. Bei wichtigen kirchen- und gesellschaftspolitischen Entscheidungen stand die CDU in der Regel an der Seite der SED, etwa bei der Zerschlagung der Jungen Gemeinde (1953) oder bei der Einführung der Jugendweihe (1954) und des Wehrkundeunterrichts (1978).

Die CDU war die mitgliederstärkste unter den vier kleineren Blockparteien. Ihren höchsten Stand hatte sie 1948 vor Beginn der Säuberungswellen – mit 218.000 Mitgliedern. Durch die Repressionen im Zuge der Gleichschaltungsprozesse verlor sie bis 1952 ca. 25% ihrer Mitglieder, danach bis zum Mauerbau 1961 durchschnittlich 2.000 Mitglieder pro Jahr durch Verhaftung, „Republikflucht“ – eine massive Form der Kritik – oder durch Austritt infolge der Einschüchterungen. Von den 35 Unterzeichnern des Berliner Gründungsaufrufs von 1945 waren Mitte 1950 nur noch zwei in der DDR. Ende 1989 hatte die CDU knapp 135.000 Mitglieder – das bedeutete einen Anteil von 0,8% der DDR-Bevölkerung. Sie waren in nahezu allen sozialen Schichten angesiedelt; mit gut 10% konnten die „Unionsfreunde“ – so nannten sich die Mitglieder untereinander – auch einen stattlichen Anteil an Arbeitern – eigentlich die Domäne der SED – aufweisen. Der Schwerpunkt lag bei den Angestellten in der Wirtschaft und in den staatlichen Verwaltungen. Der Frauenanteil war traditionell hoch; 1989 betrug er 45,3%. Höchstes Organ auf zentraler Ebene war der Parteitag, der alle vier bis fünf Jahre zusammentrat und den mehr als hundertköpfigen Hauptvorstand und den Parteivorsitzenden wählte. Leitungsorgane waren das Präsidium des Hauptvorstandes, das bis 1960 Politischer Ausschuss hieß und das Sekretariat des Hauptvorstandes. Diesem unterstand die zentrale Geschäftsstelle. Es war das eigentliche Machtzentrum der Partei, denn es bereitete die Vorlagen für das Präsidium vor und überwachte die Durchführung von dessen Beschlüssen. Für die Heranbildung des Funktionärsnachwuchses stand die Zentrale Schulungsstätte „Otto Nuschke“ in Burgscheidungen/Unstrut zur Verfügung.

Unter den kleineren Blockparteien war die CDU am besten mit Parteieigentum ausgestattet. Zwei Buchverlage der „Union-Verlag“ in Berlin und „Koehler&Amelang“ in Leipzig –, zahlreiche Zeitungsverlage, Druckereien und ähnliche parteieigene Wirtschaftsunternehmen waren seit 1952 in der „Vereinigung organisationseigener Betriebe“ (VOB Union) zusammengefasst; sie bildete eine der Haupteinnahmequellen der Partei. Zentralorgan der CDU war die „Neue Zeit“ mit einer täglichen Auflage von zuletzt 188.000 Exemplaren. Regionalzeitungen waren „Der Demokrat“ (Mecklenburg-Vorpommern), die „Märkische Union“ (Brandenburg), das „Thüringer Tageblatt“, „Der neue Weg“ (Sachsen-Anhalt) und die „Union“ (Sachsen). Das Funktionärsorgan „Union teilt mit“ (Utm) erschien in einer monatlichen Auflage von 12.000 Stück.

Obwohl sich die Leitungsgremien der Ost-CDU nach deren Gleichschaltung über 40 Jahre hinweg als Hilfsorgane der SED erwiesen, stand diese der „befreundeten Partei“, in der die Kritik der Basis am Führungsanspruch der SED und an der Angepasstheit der eigenen Parteiführung immer virulent blieb, mit unverhohlenem Misstrauen gegenüber. Parteigruppen in den Betrieben waren der CDU – wie auch den anderen kleineren Blockparteien – nicht erlaubt. Der Anteil der ihr zugestandenen Ministerposten ging kontinuierlich zurück, berufliche Spitzenpositionen kamen für sie nur sehr begrenzt in Frage. Auf außenpolitische Entscheidungen gestand man ihr keinen Einfluss zu; in der Wirtschaftspolitik schätzte man ihre Hilfsdienste bei der Verstaatlichung der Betriebe sowie bei der Kollektivierung der Landwirtschaft und des Handwerks. Hervorzuheben ist das Engagement der Ost-CDU in der Kulturpolitik.

Der Auf- und Umbruch in der DDR im Spätsommer und Herbst 1989 ließ auch die Ost-CDU nicht unberührt. Vier Mitglieder von der Basis der Partei formulierten Anfang September 1989 in dem „Brief aus Weimar“ fundamentale Kritik an ihrer Partei und am politischen System der DDR; gefordert wurden u. a. Reise- und Pressefreiheit sowie Aufklärung über die tatsächliche wirtschaftliche Lage des Landes. Der Brief wurde zu einem Markstein der demokratischen Erneuerung der Ost-CDU. Am 2. November 1989 trat der langjährige Vorsitzende Gerald Götting zurück; die CDU verneinte durch Satzungsänderung den Führungsanspruch der SED und trat aus dem „Einheitsblock“ aus. Bei einem Sonderparteitag am 15./16. Dezember 1989 in Berlin präsentierte sich eine personell, organisatorisch und programmatisch erneuerte CDU, die sich vom Sozialismus abkehrte und ihre Mitschuld an den Fehlentwicklungen in der DDR bekannte. Der neue Vorsitzende Lothar de Maizière wurde zum Ministerpräsidenten gewählt; nachdem die CDU aus den Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 mit 40,59% als stärkste Partei hervorgegangen war; sie war zusammen mit der Deutsche Soziale Union (DSU) und dem Demokratischen Aufbruch (DA) im Wahlbündnis Allianz für Deutschland angetreten. Gemeinsam mit der Bundesregierung und den Alliierten führte die Regierung de Maizière über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, den Einigungsvertrag und den Zwei-plus-Vier-Vertrag die deutsche Wiedervereinigung durch Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland nach Art. 23 GG herbei. Beim 38. CDU-Bundesparteitag am 1./2. Oktober 1990 in Hamburg vereinigten sich West- und Ost-CDU und bildeten so den ersten gemeinsamen Parteitag der CDU.

Manfred Agethen

Parteivorsitzende der CDUD
1945 Andreas Hermes
1946-1947 Jakob Kaiser
1948-1957 Otto Nuschke
1958-1966 August Bach
1966-1989 Gerald Götting
1989 Wolfgang Heyl
1989-1990 Lothar de Maizière
Generalsekretäre der CDUD
1946-1949 Georg Dertinger
1949-1966 Gerald Götting
1989-1990 Martin Kirchner


Literatur

Bestand: ACDP.