Veranstaltungsberichte

Individuelle Integration

von Stefan Stahlberg

Gesprächsrunde des Canisius-Kollegs am Alfred-Delp-Tag

Wie kann die Integration der fast eine Million Flüchtlinge gelingen, die 2015 und 2016 nach Deutschland kamen? Diese Frage diskutierten Schüler des Canisius-Kollegs bei ihrer Podiumsdiskussion mit Experten im Akademie-Forum der Konrad-Adenauer-Stiftung. Eine zusammenfassende Antwort könnte lauten: Mit Gelassenheit, Selbstreflektion und Respekt gegenüber fremden Angewohnheiten müssen wir uns um jeden Einzelnen kümmern. Was die Geflüchteten jetzt brauchen? Arbeit, Bildung und deutsche Freunde.

Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales stand lange im Fokus der Berichterstattung – weil es hilflos überfordert schien mit den tausenden Geflüchteten, die seit 2015 auch in die deutsche Hauptstadt kamen: „Den Berlinern war das LaGeSo peinlich“, kritisierte Sebastian Muschter. Auch deshalb leitet er seit Januar 2016 kommissarisch das Landesamt – und initiierte seitdem 70 Veränderungsprojekte um die Arbeit zu optimieren. Seitdem sei seine Institution krisenfester geworden. Doch eine reine Symptombekämpfung reiche nicht aus: Natürlich bräuchten die Geflüchteten Essen und ein Bett zum Schlafen. Aber jetzt gehe es um die entscheidenden Fragen der Integration der Menschen – und diese seien schmerzhaft unbeantwortet: Wer hat die Zeit und die Instrumente? Wer trägt die Verantwortung für die Integration? Denn: „Es gibt keine durchgehenden Zuständigkeiten beim Thema Integration“, so Muschter.

Das liege auch an dem Dreiklang, der Muschter zufolge als Grundlage für eine gelingende Integration dienen sollte: Arbeit, Bildung und deutsche Freude bräuchten die geflüchteten Menschen in Deutschland.

„Von Minute Null an um alle Menschen kümmern“

„Wir müssen die Flüchtlinge individuell verstehen“, so Muschters Lösungsansatz, „wir müssen ihnen das Gefühl geben, dass wir sie institutionell wertschätzen.“ Schließlich sei es „ein extrem weiter Weg, es in Deutschland zu schaffen“. Die Gefahr bestehe immerhin, dass Menschen, die keine sichere Bleibeperspektive haben, keinen Arbeitsplatz bekommen oder in die Kriminalität abrutschen. Deshalb ist es wichtig, dass immer mehr Neuankömmlingen die Teilnahme an den Integrationskursen ermöglicht wird, befand Gonca Türkeli-Dehnert, die sich im Bundeskanzleramt um gesellschaftliche Integration kümmert. Vor allem müsse man sich „von Minute Null an um alle Menschen kümmern.“ Hier habe Deutschland aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Die Unsicherheiten und damit einhergehende Perspektivlosigkeit durch frühere „Kettenduldungen“ versuche man jetzt den Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, zu nehmen.

Mehr Gelassenheit – und aus Fehlern der Vergangenheit lernen

Überhaupt wiederhole Deutschland nicht das, was es in den letzten Jahrzehnten falsch gemacht habe. Sprach- und Integrationskurse gibt es beispielsweise erst seit 2005: „Meine Eltern hatten keinen Integrationskurs“, so Türkeli-Dehnert, deren Eltern in den 1960ern nach Deutschland kamen. Reflektion könne uns ganz gut tun, ergänzte Barbara John. Sie war von 1981 bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats und empfahl unter anderem etwas mehr Gelassenheit: Den Deutschen müsse nicht bei jeder Kleinigkeit der Atem wegbleiben. Selbst wenn ein Imam einer Frau nicht die Hand geben wolle, sollten wir solche Angewohnheiten respektieren. „Ist es denn das Wesentlichste, dass Leute sich die Hände geben?“. Doch natürlich habe auch Toleranz Grenzen, fügte sie im selben Atemzug hinzu: Die Menschenrechte müssen auch die Neuankömmlinge einhalten, Kinder- und Zwangsehen beispielsweise gehen gar nicht.

Deutsche und Geflüchtete müssen miteinander reden

Damit die Geflüchteten aus ihrer Enge, auch aus ihrer religiösen enge herauskämen, so John, müssten die Menschen – Flüchtlinge und Deutsche – miteinander in Berührung kommen. Damit ließe sich auch die Radikalisierung junger Menschen verhindern, denn diese lebten häufig isoliert ohne gleichaltrige deutsche Freunde. Es ist nur einer von vielen Gründen, aus denen Muschter an die Menschen in Deutschland und die Schüler des Canisius-Kollegs appellierte, sich zu engagieren: Viel bewegen können man, wenn man nur zwei Stunden die Woche investiere, miteinander rede, Fragen stelle: „Sprechen Sie die Ehrenamtskoordinatoren an.“ So leiste jeder mehr Integration, als es der Staat und die Verwaltung könnten.

Wenn nur ein einziger Steve Jobs darunter wäre…

Aber auch für letztere hatte Muschter einen konkreten Vorschlag: Er sprach sich für „individuelle Integrationsvereinbarungen“ aus. Um Geflüchtete ganz auf sie zugeschnitten zu fördern, müssten sie wissen, was sie werden wollen. Das Potenzial sei jedenfalls gewaltig: Man stelle sich einmal vor, es sei nur ein einziger Steve Jobs – er war selbst Nachfahre syrischer Auswanderer – unter der Million Menschen: „Die Wirtschaftsleistung würde reichen, um für alle anderen 999.999 Flüchtlinge aufzukommen.“