Veranstaltungsberichte

„Haben wir eine Chance oder schaffen wir uns ab?“

von Pascal Henke (geb. Kreuder)

Moderne Bildungspolitik im Spannungsfeld von Schulkonsens und neuen Veränderungsdruck.

Kontrovers debattierten rund 50 Detmolder, allesamt Bildungsexperten und –praktiker, was beste Bildung ausmacht und welche Rolle Schule hierbei übernehmen soll.

In seiner Keynote geißelte der Bildungsphilosoph Matthias Burchardt aus Köln die postfaktische Scheinwirklichkeit durch Zahlengläubigkeit. Es stimme zwar, dass die Zahl der Abiturienten in NRW um gut 20.000 in den letzten Jahren gestiegen sei und sich die Zahl der 1,0-Abiture verdoppelt habe. Was die Zahlen jedoch nicht verrieten, sei die insgesamt gesunkene Unterrichtsqualität und das niedrigere Anforderungsniveau. In den Schulen finde mehr Sozialreparatur als Unterricht statt. Dadurch würden Ungleichheiten jedoch vielmehr zementiert anstatt aufgehoben. Burchhardt forderte einen Reformstop, eine Rückkehr zum Leistungsprinzip und einen neuen Respekt für die pädagogische Aufgabe und Freiheit der Lehrerschaft. Die ziellose Digitalisierung des Unterrichts bewertete er kritisch. Digitale Kompetenz ersetze analoge Bildung nicht, sondern setze sie umgekehrt voraus.

Dem widersprach die IT-Pädagogin Bernadette Thielen. In ihrem Statement betonte sie sowohl die Notwendigkeit einer angemessenen Ausstattung der Schulen mit digitalen Medien als auch die fachorientierte Kompetenzstärkung der Lehrer im Umgang mit ihnen. Die Bildungspolitikern Kirsten Korte forderte in einem 8-Punkte-Plan administrative Entlastungen der Grundschullehrer und eine Revision der aktuellen Inklusionspolitik, die zu Lasten der schwachen Schüler gehe. Marcus Hohenstein vom Volksbegehren G9 –jetzt! wies auf die starke psychische Belastung hin, die Schüler durch überfüllte Lehrpläne erführen. Bildungsprozesse benötigten Zeit und Muße, wenn sie wirksam sein sollten.

In der anschließenden Diskussion wurden der Ganztag und die Vernachlässigung der Kernkompetenz Rechtschreibung kritisch beäugt. Zudem forderte das Publikum lebhaft die Abkehr von einer destruktiven Ökonomisierung der Schulen. Einigkeit bestand bei allen Teilnehmern darin, dass Bildung dazu befähigen solle, mit Wechselfällen – im großen wie im kleinen – umgehen zu können. Informationen interpretieren und bewerten zu können sowie Selbstreflexion wären grundlegende Kompetenzen, auf die es dabei ankomme.

In seinem Schlusswort zeigt der Bildungspolitiker Klaus Kaiser Perspektiven für die Weiterentwicklungen nach dem Schulkonsens auf.

Das Diskussionsniveau und ihre Dynamik waren außergewöhnlich hoch. Deshalb streben wir In Anbetracht der hohen Relevanz des Zukunftsthemas Bildung an, bei den künftigen Veranstaltungen in Düsseldorf, Köln, Arnsberg und Münster die Teilnehmerzahl zu steigern.