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Veranstaltungsberichte

Deutschland und Frankreich: Freunde, die sich nicht verstehen können?

von Johannes Christian Koecke
Wie denkt man in Paris von der deutschen Politik und wie in Berlin von der französischen? Das war die Leitfrage in einer beeindruckenden Expertendiskussion im Institut Francais in Bonn.

Deutschland und Frankreich – in welch verklärtem Licht werden doch immer wieder die Beziehungen der beiden starken Nachbarn in der EU gesehen – eine Erfolgsgeschichte, ausgehend von der epochalen Versöhnungsleistung Konrad Adenauers und Charles de Gaulles!

 

Nichts von dem wurde zurückgenommen an diesem besonderen Abend im Institut Francais in Bonn, aber die über 130 begeisterten Teilnehmerinnen und Teilnehmer wohnten nicht einer Abfolge von Sonntagsreden bei,  einem kitschigen Liebesfilm, sondern einer nüchternen wissenschaftlichen und journalistischen Analyse – vorgetragen von zwei ausgewiesenen Expertinnen, Dr. Barbara Kunz, lange Zeit am IFRI in Paris, jetzt an einem Friedensforschungsinstitut in Hamburg, und Dr. Christoph von Marschall vom Tagesspiegel.

 

Wie steht es denn nun um die beiden? Die Expertinnen entwickelten an dem Abend, klug und kundig moderiert von Dr. Katharina Walkling-Spieker,  ein differenziertes Bild der völlig unterschiedlichen Erwartungen  beider Regierungen  und der unterschiedlichen Perspektiven, die sie in den letzten Jahren entwickelt haben:

 

Grob vereinfacht gesagt, blickt Frankreich mit Sorge auf seinen Süden, auf das Mittelmeer und das nördliche Afrika, weil es von dort Gefahr aufziehen sieht: Terrorismus und Migration. Deswegen erwartet es von der europäischen Zusammenarbeit und besonders von Deutschland einen militärischen Beitrag zur Sicherheit der Südflanke der EU und der Befriedung des nördlichen Afrika. Deutschland dagegen, tief im pazifistischen Denken verwurzelt, skeptisch gegen alle militärischen Initiativen, ganz Kaufmann und nicht Soldat, empfindet nicht den Druck des Südens, sieht sich eher diplomatisch in der Ukrainefrage involviert.

 

Aber es wurde noch grundsätzlicher. Barbara Kunz stellte heraus, dass Deutschland in Paris als eine Macht der Beharrung, des Attentismus gesehen wird. Sie nannte das in den Worten des Pariser Feuilletons das „Projekt 1997“ (als die Welt noch in Ordnung war). Frankreich sieht sich selbst als das „Projekt 2030“. Deutschland sei „Status-quo-Macht“, Paris verstehe sich als zukunftsgewandt, visionär und realistisch in Bezug auf die kommenden Herausforderungen. Christoph von Marschall wendete ein, dass ja auch die Bundesregierung und die Kanzlerin im dauernden  Krisenmodus sei, zunächst durch die verzögerte Regierungsbildung, jetzt durch Krisenmanagement in der auseinanderstrebenden Union.

 

Wenn der Platz größer und die Aufmerksamkeitsspanne des Lesers länger wäre, dann müsste hier noch so vieles aufgeführt werden – von der neuen französischen Strategie Richtung Russland (Russland aus der chinesischen Umklammerung lösen und sein militärisches Potential für Europa nutzbar machen), von den bisher gescheiterten Versuchen einer Europäischen Verteidigungspolitik und der Schwäche der NATO, von der unterschiedlichen Sicht auf die USA, von der Wahrnehmung der deutschen Parteien in Paris – alles das wurde noch angesprochen und erhellend ausgeführt.

 

Hier bricht der Chronist ab und empfiehlt, die beiden doch einfach zu sich einzuladen oder hinzugehen, wo sie bei der KAS wieder auftreten, man geht schlauer wieder raus, als man hineingekommen ist!

Ansprechpartner

Dr. Johannes Christian Koecke

Dr

Referent Politische Grundsatzfragen und Internationale Politik, Büro Bundesstadt Bonn, Politisches Bildungsforum NRW

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