KAS/Hospes

Veranstaltungsberichte

Erzählt das Gesetz?

von Michael Braun
Eine Soirée von Konrad-Adenauer-Stiftung und Katholischem Medienhaus im Bonner Landgericht über Recht und Literatur.

Am Anfang ging das Bühnenlicht aus. Eine kafkaeske Situation, die Landgerichtspräsident Dr. Stefan Weismann elegant mit einer Anekdote aus dem Justizwesen überbrückte. Es lässt sich gut vom Recht erzählen. Wie das geht, und warum das heute wichtig und richtig ist, das stand im Mittelpunkt der Soiree, zu der Konrad-Adenauer-Stiftung und Katholisches Medienhaus in ihrer gemeinsamen Reihe „Der Freiheit das Wort“ an diesen prominenten juristischen Ort, mitten in Bonn, eingeladen hatten.

 

Als der Lichtzeitschalter recht zügig wieder eingeschaltet war, konnte der Hausherr ein volles Foyer begrüßen, darunter etliche Juristen und Studierende der Universität Bonn. Literatur hat eine ästhetische Haltung zu Fallgeschichten, das Recht hat eine Beurteilungsperspektive, beiden, Literatur und Justiz, geht es in je verschiedener Weise um Ordnung, Repräsentation und Partizipation, so in ihrem Grußwort Dr. Susanna Schmidt, Hauptabteilungsleiterin Begabtenförderung und Kultur der Stiftung.

 

Der Berliner Rechtswissenschaftler Professor Dr. Christian Waldhoff, der auch Richter am Oberverwaltungsgericht Berlin/ Brandenburg ist und jüngst über die Modernität der Weimarer Reichsverfassung als „Wagnis der Demokratie“ (2018) publiziert hat, widmete sich in seinem Vortrag der Frage: Erzählt das Gesetz?

Überzeugend zog er eine Linie von den neuzeitlichen Staatsromanen, die in der Regel Utopien oder Dystopien einer Rechtsordnung entwerfen, zu den Justizromanen über Gericht und Gesetz. Es gebe ein Grundgesetz, das von Schriftstellern wie Navid Kermani als ein wesentlicher und wandlungsfähiger (also interpretierbarer) Teil der politischen Kultur Deutschlands gewürdigt worden ist; Verfassungsromane, die im strengen Sinne vom kodifizierten Gesetz eines Staates erzählen, gebe es freilich nicht, wohl aber Geschichten, die Grundrechte auslegen, von Martin Walser, Bernhard Schlink, Ferdinand von Schirach etwa.

Und natürlich von Petra Morsbach. Die am Starnberger See lebende Autorin, die für ihre genau recherchierten Romane aus den Berufsmilieus von Kultur, Kirche und Justiz mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet wurde, stellte ihren Roman „Justizpalast“ vor, die fiktive Biographie einer Richterin am Münchner Landgericht, die mit den Anforderungen der Rechtspraxis und eines eigenen gelingenden Lebens ringt: also mit Grundwerten von Beruf und Existenz.

 

Im anschließenden Gespräch der Autorin mit Christian Waldhoff, das die KNA-Journalistin Paula Konersmann pointiert moderierte, erschlossen sich, bei allen Unterschieden, mehr Gemeinsamkeiten zwischen Recht und Literatur, als sich mancher Zuhörer vorgestellt haben mochte. Das Recht lernt von der Literatur, wie man eine Fallgeschichte erzählen kann, die Literatur kann sich an der Präzision der Sprache der Justiz orientieren. Nachahmen aber kann diese Sprache ein Roman, will er nicht zur unfreiwilligen Parodie werden, nicht. Darüber bestand an diesem Abend Einigkeit. Er zeigte, es ist noch viel Licht zu werfen auf diesen Bereich, der unter dem Titel „Law and Literature“ inzwischen auch in der deutschen Forschungs- und Hochschullandschaft angekommen ist.