Veranstaltungsberichte

Für eine aktive und moderne Bürgergesellschaft in unseren Kommunen!

von Ann-Cathrine Böwing
Zum Seminar „Bürgerschaftliches Engagement in der Kommune: Anreize schaffen und Potenziale erschließen“ hatten sich vom 05. - 07. Juni 2013 Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunalverwaltungen und der Kommunalpolitik sowie aus Institution der Bürgergesellschaft im Bildungszentrum Schloss Eichholz eingefunden. Experten aus Wissenschaft und Praxis informierten über Trends und Entwicklungen in der deutschen Engagementlandschaft und stellten zugleich verschiedene Modelle zur Engagementförderung zur Diskussion.

Ein Blick auf die Fakten: Bürgerengagement im Wandel

Den Einstieg in das dreitägige Seminar bot der Vortrag von Herrn Dr. Wolf, Projektleiter bei der Regionale 2016 Agentur GmbH in Velen. Er referierte zum Thema "Der aktive Bürger? Trends und Entwicklungen in der deutschen Engagementlandschaft" und startete zunächst mit einer kleinen Umfrage unter den Anwesenden, welche um individuelle Einschätzungen zur Entwicklung des Bürgerengagements in den vertretenen Kommunen bat. Schnell wurde deutlich, dass die geäußerten Beobachtungen vielfach deckungsgleich mit den Erkenntnissen aus den von Dr. Wolf angeführten Studien waren. Diese bestätigen ebenfalls, dass Bürgerengagement sich im Wandel befindet.

Es sei eine Individualisierung und Diversifizierung des Engagments zu verzeichen. Engagementbiographien, Zeitbudgets, Engagementmotive als auch die Bindungen an das Engagement bzw. das Ehrenamt unterlägen einem Veränderungsprozess, so der Referent. Auch die Konkurrenz unter Vereinen und anderen Institutionen um Engagierte werde immer größer. Auf diese Entwicklungen müsse reagiert werden. Derzeit seien die politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf diese Befunde insgesamt allerdings noch recht hilflos. Außerdem bestünde nach Aussage von Dr. Wolf die Gefahr, dass ein zunehmendes "Partcitainment" zu Lasten einer substantiellen Bürgerbeteligung und eines substantiellen Engagements gehe.

In seiner zweiten Vortragseinheit "Ausbau, Umbau, Rückbau? Bestandsaufnahme, Evaluation und Weiterentwicklung der Infrastruktur lokaler Engagementpolitik" präsentierte Dr. Wolf die Ergebnisse eines von ihm im Auftrag des Bundes durchgeführten Forschungsprojekts. Dieses sei darauf ausgerichtet gewesen, die Entstehungbedingungen, die Einbindung,die Funktionsfähigkeit sowie die Potenziale von Infrastruktureinrichtungen zur Engagementförderung zu ermitteln um schlussendlich eine Bewertung vorzunehmen. In Deutschlands Kommunen existieren derzeit ungefähr 1800 dieser Infrastruktureinrichtungen. Der Experte plädierte für eine bessere Vernetzung dieser Einrichtungen. Es gehe um eine Bündelung von Aufgaben und in der Konsequenz auch um eine Reduzierung der Einrichtungen insgesamt. Zwar gebe es keine Patentlösungen, da jede Kommune unter anderen Voraussetzungen operiere, entscheidend seinen "funktionierende Systeme und kein Denkmalschutz" bestehender Einrichtungen.

Kommunale Bürgerbeteiligung

Dr. Volker Mittendorf ist Mitarbeiter der Forschungsstelle Bürgerbeteiligung an der Bergischen Universität Wuppertal und dort veratwortlich für die Begleitforschung zu Bürgerbeteiligungsverfahren. Er referierte am Morgen des zweiten Seminartages zu den Chancen und Grenzen kommunaler Bürgerbeteiligung. Zu Beginn seines Vortrages leistete Dr. Mittendorf zunächst einmal Definitionsarbeit und grenzte die Begriffe Bürgerbeteiligung und Bürgerengagement voneinander ab, auch weil im gesellschaftlichen Diskurs oft eine Vermengung der beiden Bereiche stattfinde. Sein Plädoyer: Bürgerbeteiligung darf nicht als "Implementationsdeckmäntelchen" verstanden werden. Dr. Mittendorf informierte die Gruppe über verschiedene Modell-Beteiligungsprozesse, welche die Forschungsstelle begleitet.

Die Parteien als Hüter des Gemeinwohls

Nachdem Dr. Mittendorf insbesondere Bezug auf Formen der kooperativen und der direkten Demokratie genommen hatte, verdeutlichte Herr Tobias Montag, Koordinator für Innenpolitik in der Abteilung Politik und Beratung der KAS, die wichtige Funktion von Parteien für das politische System Deutschlands. (Volks-)Parteien verstehen sich als Hüter des Gemeinwohls. Dies sei keine Selbstvertändlichkeit, handele sich bei der Gemeinwohlorientierung der deutschen Parteien doch um einen Lernerfolg aus den Erfahrungen der Weimarer Republik. Insbesondere auf der kommunalen Ebene sei der "Gemeinwohlethos" besonders ausgeprägt. Damit stellen die Parteien ein wichtiges und notwendiges Gegengewicht verschiedensten Partikularinteressen dar. Herr Montag formulierte dennoch den Auftrag an die Parteien, verstärkt den Kontakt zur Bürgergesellschaft und deren Institutionen zu suchen, auch vor dem Hintergrund sinkender Mitgliederzahlen.

Talente und Fähigkeiten erkennen um Engagement zu steuern

Frau Walbröl, hauptamtliche Ehrenamtskoordinatorin der Bürgerstiftung Rheinviertel, gab zunächst einen Überblick über die vielfältigen Projekte der Stiftung. In einem zweiten Teil konzentrierte sie sich auf die von der Stiftung zur gezielten Engagementsteuerung eingesetzte Datenbank. Diese ermögliche u.a. eine Abbildung der Interessensgebiete und Fähigkeiten der Engagierten bzw. der Engagementbereiten und zugleich eine gezielte Kommunikation mit den Ehrenämtlern, so die Ehremtskoordinatorin. „Dadurch stellen wir auch sicher, dass wir einem Engagierten nicht die zehnte Mail mit der Bitte um Unterstützung für ein Projekt senden, welches sich nicht in sein Profil einfügt.“ Die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer diskutierten im Anschluss intensiv mit Frau Walbröl über das vorgestellte Tool, welches insbesondere von den Vertreterinnen und Vertretern der Kommunen als sehr attraktiv und hilfreich eingeschätzt wurde. „Ich würde mir wünschen, dass ein solches System unser mühseliges Arbeiten mit Exel-Listen ablöst“ äußerte eine Semiarteilnehmerin.

Engagementförderung von Kindern und Jugendlichen

Während der Veranstaltung wurde aus der Reihe der Anwesenden vielfach die Schwierigkeit der Gewinnung junger Menschen für das politische und gesellschaftliche Engagement angesprochen. Dies bot Sandra Zentner, Programmleiterin des Netzwerks "Lernen durch Engagment", einen Anknüpfungspunkt für ihren Vortrag. Frau Zenter stellte das Konzept des Service-Learning vor, welches eine doppelte Zielsetzung verfolgt: Zum einen gehe es um die Stärkung der Demokratie und der Bürgergesellschaft, zum anderen um eine Veränderung des Schulunterrichts und des Lernens in Schulen. Angeleitet durch die Schule und in Anbindung zum Lehrplan werde das Ziel verfolgt, die Schülerinnen und Schüler im Rahmen verschiedenster Projekte an das Engagement heranzuführen. „So lassen sich auch Zielgruppen erreichen, die über das familiäre Umfeld bislang keine Berührung mit einem Engagement hatten“, bescheinigte die Referentin.

Ein weiterer Vorteil: Durch das Engagement der jungen Menschen findet eine Vernetzung der Institution Schule mit dem Stadteil statt. Schule werde damit ein Teil der Stadtgesellschaft.

Insbesondere die anwesenden Kommunalpolitiker waren an Hinweisen interessiert, wie die Kommunen solche Projekte vor Ort anstoßen und unterstützen können.

Bürgerengagement und Bürgerbeteiligung aus der Sicht eines Oberbürgermeisters

Am Donnerstagabend durfte die Gruppe den Oberbürgermeister von Solingen, Herrn Norbert Feith, zum politischen Kamingespräch begrüßen. Herr Feith stellte einleitend die verschiedenen Angebote der Stadt Solingen zur Bürgerbeteiligung und zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements vor. Hier plädierte er für eine regelmäßige Wiederholung verschiedener Beteilungsverfahren, wie zum Beispiel beim Bürgerhaushalt, auch um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Verwaltung und die Politik zu stärken. In diesem Zusammenhang betonte er die zentrale Rolle eines Bürgermeisters als Chef der Verwaltung in einem solchen Prozess. Zugleich ging er auf die spezifischen Besonderheiten der Stadt Solingen ein. Diese befindet sich derzeit in der Haushaltssicherung. Die finanziellen Ressourcen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements seien somit stark eingeschränkt, bei gleichzeitigem Bedeutungszuwachs von bürgerschaftlichem Engagement für die Stadt. Während der anschließenden Diskussion wurde unter anderem die Frage erörtert, wie sich die Querschnittsaufgabe "Engagementförderung" sinnvoll in Verwaltungstrukturen einbetten ließe. Die Gruppe stufte das Kamingespräch mit Oberbürgermeister Feith als wichtige Ergänzung zu den verschiedenen Vorträgen des Tages ein.

Strategisches Engagementmanagement der Kreisstadt Euskirchen

Abgerundet wurde das Seminar durch den engagierten Vortrag von Frau Stephanie Burkhardt, Demographiebeauftragte der Kreisstadt Euskirchen, welche stark vom demographischen Wandel betroffen ist. Deshalb arbeite man verstärkt daran, die Zielgruppe 55+ für ein Engagement zu gewinnen als auch Projekte, unterstützt durch Ehrenämtler, für diese Generation aufzusetzen. Ziel ist es, den demographischen Wandel auch durch freiwilliges Enagagemnt aktiv zu gestalten. Deshalb habe die Kreisstadt Euskirchen an dem Modellprogramm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend "Aktiv im Alter" teilgenommen. Aus diesem Programm sind verschiedene Projekte hervorgegangen, die Frau Burkhardt der Gruppe vorstellte.

So ging nach drei Tagen eine spannende und abwechslungsreiche Tagung zu Ende, die durch den praktischen Erfahrungsschatz der Gruppe sehr bereichert wurde.