Veranstaltungsberichte

Mobilität statt Verkehr denken

von Ulrike Hospes

Perspektiven für Fortbewegung und Lebensqualität

Zu einer Diskussion über die Zukunft der Mobilität lud das Büro Bundesstadt Bonn am 13. Februar nach Bergheim ein. Es entwickelte sich ein sachlich-informativer Austausch zwischen den fachkundigen Referenten und einem sehr interessierten Publikum.

Jeder Zweite der knapp neun Millionen Berufstätigen in Nordrhein-Westfalen verdient sein Geld nicht am Wohnort. Allein nach Köln pendeln rund 316.000 Menschen täglich. 2016 zählte die ADAC-Verkehrsbilanz in NRW 218.000 Staus mit einer Dauer von 124.000 Stunden und einer Länge von 388.000 Kilometern, so führte Dr. Ulrike Hospes, Leiterin des Büros Bundesstadt Bonn, in das Thema ein. Eine Belastung für Menschen, Umwelt, Lebensqualität und Wirtschaft. Wie können wir unsere Mobilität in Zukunft gestalten? Welche Lösungsansätze gibt es bereits? Wer ist gefordert, diese umzusetzen?

Faktencheck

Prof. Dr. Christoph Hebel von der FH Aachen präsentierte in seinem Faktencheck erstaunliche Zahlen: Seit Generationen ist die für Verkehr pro Tag aufgewendete Zeit nahezu konstant. Seit rund 100 Jahren beträgt das tägliche Aufkommen pro Kopf durchschnittlich werktags etwa drei bis vier Wege pro Tag, ein Weg dauert im Durchschnitt 20 bis 30 Minuten. Durch die Verbesserung der Infrastruktur und der Verkehrsnetze sowie durch technische Innovationen sind aber unsere Wege immer länger geworden; der Aktionsradius von Menschen, Gütern und Waren ist gestiegen.

Als Herausforderung sieht Hebel insbesondere den demografischen Wandel und die Entsiedelung mancher Gebiete. Wie soll dann die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse gesichert werden? Wie soll die Erreichbarkeit des ÖPNV gewährleistet werden?

Für die Wirtschaft ist es wichtig, die guten Verkehrssysteme und die Infrastruktur zu unterhalten; ein Ausbau ist aufgrund finanzieller Beschränkungen meist nicht durchsetzbar und aufgrund neuer Lösungsansätze auch nicht automatisch der Königsweg.

In der Zukunft bestimmen Innovationen unser Mobilitätsverhalten: die technische Entwicklung neuer Antriebe im Individualverkehr und im öffentlichen Verkehr, Assistenzsysteme und autonomes Fahren. Doch Elektroautos und selbst fahrende Autos lösen nicht die Überlastung auf den Straßen, hier sind ganzheitliche Lösungen gefragt: die verbesserte Vernetzung und Digitalisierung verschiedener Verkehrssysteme, eine intelligente Infrastruktur, Mobilitätsmanagement in Betrieben, Optimierung der Logistik und des Flottenmanagements. Die Verkehrsteilnehmer sind geforderter denn je, ihre Mobilität zu organisieren und verkehrsträgerübergreifend anlassbezogen zu entscheiden, wie sie sich fortbewegen: mit dem (emissionsärmeren Elektro-) Auto, dem ÖPNV, dem Rad oder Pedelec, zu Fuß, per Car-Sharing. Diese Multimodalität muss verstärkt vernetzt und zusammengedacht werden.

Die Kommunen sind gefordert

Weg vom Kirchturmdenken und interkommunale Lösungsansätze forderte die CDU-Landtagskandidatin Romina Plonsker. Gerade die Erreichbarkeit kleiner Städte gestaltet sich zunehmend problematisch, ohne Auto ist Mobilität meist nicht möglich. Auch Theo Jansen, Leiter der Koordinierungsstelle für Mobilitätsmanagement des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg, forderte die Kommunen auf, attraktive Angebote zu schaffen, Erreichbarkeiten zu sichern. Sonst liefen alle Aufrufe zur Veränderung des Mobilitätsverhaltens ins Leere. Auch müssen die Kommunen mit guten Beispiel vorangehen: Dienstreisen per Bahn, Jobtickets und Flottenmanagement bieten sich hier an.

Stadtplanung sichert Lebensqualität

Der ehemalige Bonner Stadtbaurat und Präsident der Bundesarchitektenkammer a.D., Sigurd Trommer, betonte den Aspekt der Nachverdichtung von Städten, um kurze Wege zu gewährleisten. Standen in den 1950er Jahren 15qm Wohnfläche pro Person zur Verfügung, so leben wir heute auf 46qm. Im Gegensatz zur Wahrnehmung hat somit eine Entdichtung von Städten stattgefunden. Der nachwachsenden Generation ist es aber immer wichtiger, schnell zu Freunden oder zur Arbeit zu gelangen. Sechs- bis achtgeschössige Bauten und Kontenpunkte, von denen der ÖPNV gut erreichbar ist, müssen daher in die Stadtplanung einbezogen werden.

Die Wirtschaft muss rollen

Eine gnadenlose Überforderung der Verkehrssysteme konstatierte Ulrich Soénius, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Köln. Der "nationale Notstand" auf der Leverkusener Brücke ist das herausragende Beispiel in der Region. Soénius forderte ein eigenes Güterverkehrsnetz, um die Straßen und den Personenverkehr auf den Schienen zu entlasten. Wenn Güterzüge wegen Behinderungen auf der Strecke für vier Tage geparkt werden müssen, ist das für die Planungen der Wirtschaft nicht zumutbar. Auch müssen Anlieferzonen in Städten geschaffen werden. Wenn am Tag 170 LKW den Kölner Kaufhof beliefern, ist das nicht nur eine Belastung für die Umwelt. In anderen Regionen wird bereits über unterirdische Anlieferungen nachgedacht, um den Verkehr aus den Städten herauszuhalten.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich?

Ulrich Soénius betonte das Umsetzungsproblem politischer Entscheidungen. Er forderte, über Planungen zu informieren, Bürger einzubeziehen, aber auch Fristen zu setzen, Entscheidungen zu treffen, um Projekte abzuschließen.

Die Politik muss Weichen stellen, so nahm sich Romina Plonsker selbst in die Pflicht. Kurzfristige und langfristige Lösungen müssen hierbei gleichbedeutend angegangen werden.

Christoph Hebel führte noch einmal vor Augen, dass sich in den nächsten 20 Jahren unsere Verkehrs- und Mobilitätssysteme gravierend umstellen werden. Hier das Bewusstsein für Neuerungen zu schaffen und Chancen für Verbesserungen zu nutzen, ist vordringlichste Aufgabe aller Beteiligten.

Mehr konstruktives Engagement der Bürgerinnen und Bürger im Gespräch mit Politik, Verwaltung und Betrieben wünschte sich Sigurd Trommer.

Theo Jansen forderte Vorgaben der Politik ein; sie muss Ziele formulieren, Lebensqualität, Mobilität und Verkehr gemeinsam denken, sich überregional aufstellen und in die Umsetzung gehen.

Alle Referenten plädierten dafür, die einzelnen Verkehrsteilnehmer nicht gegeneinander auszuspielen. Es geht vielmehr um die Schaffung attraktiver und umweltbewusster Angebote, um alternative Wege auszuprobieren, aber auch immer die Freiheit zu haben, sich ohne Vorwürfe und anlassbezogen für das eine oder andere Verkehrsmittel zu entscheiden.