Veranstaltungsberichte

Nachdenken über das Danach: Engagierte Katholiken diskutieren in Cadenabbia über das Christsein nach der Säkularisierung

von Johannes Christian Koecke
Über die Säkularisierung ist schon so viel gesagt und geschrieben worden, darüber noch einmal eine Tagung zu veranstalten, kann nur Langeweile erzeugen. Für die Kirche, d.h. die Gemeinschaft der Priester und „Laien“, kann nur noch von Interesse sein, wie man damit in Zukunft umgeht, wie kirchliches Engagement in einer veränderten Gesellschaft sich verändern muss, um lebendig zu bleiben.

In einem Pilotprojekt hat das Büro Bonn der Politischen Bildung kirchliche Ehrenamtler aus Köln, hauptsächlich Kirchenvorstandsmitglieder, unter Begleitung des KAS-Schatzmeisters und Mitglied des Vorstandes Dr. Franz Schoser und des Pfarrers von St. Stephan, Thomas Iking, nach Cadenabbia eingeladen, um sich dort vom 21. bis 24. September 2017 über die Fragen engagierten Christseins auszutauschen.

Am Anfang stand natürlich die Analyse: Andreas Püttmann, empiriefester Kenner des Zustands der Kirche, konnte zeigen, wie stark die Säkularisierung bereits Platz gegriffen hat und wie stark auch im Herzen der Kirche selbst weltliches Denken Einzug gehalten hat. Es mag noch signifikante Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten geben (Katholiken sind gegen Säkularisierung insgesamt resistenter, aber natürlich auch nicht immun). Aber die Tendenz ist eindeutig und stellt die Kirche vor große Herausforderungen. Auf die sog. „Laien“ wird es zukünftig ankommen.

Christian Hillgruber, Staatsrechtler aus Bonn, ließ noch einmal Revue passieren, warum das deutsche Staatskirchenrecht auch der augenblicklichen Situation noch gerecht wird und die Chance zum geregelten Miteinander verschiedener Religionen und Konfessionen bietet. Hillgruber sieht es nicht für nötig an, wegen der durch den Islam aufgeworfenen religionsrechtlichen Fragen neue Wege zu gehen. Dies ließe sich im vorgegebenen Rahmen bewältigen. Sehr munter ging es danach bei einer Roundtable-Diskussion zu, die diese eher abstrakten Fragen auf den Alltag der ehrenamtlichen kirchlichen Tätigkeit hinunterverfolgte. Rasch zeigte sich, dass der Teufel im Detail steckt und dass die Betrachtung vom Gipfel naturgemäß nicht die Probleme des täglichen Mit- und Gegeneinander erfassen kann. Kritik kam vor allem an der Wirklichkeit der innerkirchlichen Verfassung auf, in der sich die „Laien“ häufig von der Bürokratie der Bistümer ausgebremst fühlen. Engagement kann nur geweckt werden, wenn der „Engagementnehmer“ es würdigt und ihm Raum gibt.

Martin Rhonheimer, Professor an der römischen Universität Santa Croce und Gründer des Austrian Institute, reflektierte über die Demokratie- und Modernefähigkeit des Islam. Dazu verglich er Christentum und Islam miteinander und konnte nachweisen, dass trotz aller Verirrungen und Umwege das Christentum in seinen „Genen“ schon eine Trennung von Kirche und Staat beinhaltet und diese erst die Voraussetzung für eine rechtsstaatliche Demokratie ist. Der Islam kennt – so Rhonheimer – eine solche Trennung aus seinen Ursprüngen nicht und kann daher erst jetzt, in der Berührung mit westlichen Demokratien, anschlussfähige Aussagen seiner Tradition mit modernem Gedankengut verbinden.

Werner Höbsch, katholischer Theologe aus Köln, früherer Beauftragter für interkulturelle Fragen des Erzbistums, ging der Frage der Integrierbarkeit von Muslimen anhand einer Analyse der islamischen Organisationen in Deutschland nach. Auch ihm ist bewusst, dass die meisten Muslime in Deutschland nicht in diesen Organisationen wie der DITIB Mitglieder sind und dass fast alle Organisationen im Hinblick auf Demokratie und Integration nicht gänzlich unproblematisch sind. Aber Höbsch ist Pragmatiker und rät, ein Arrangement zu suchen, denn andere Organisationen gibt es nicht und dem Staat ist es aus Gründen der Religionsfreiheit untersagt, selbst muslimische Organisationen zu gründen.

In einer letzten Einheit haben Pfarrer Thomas Iking und Christian Koecke darüber disputiert, ob die von Papst Benedikt in seiner bekannten Rede von Freiburg der Kirche empfohlene „Entweltlichung“ eine Lösung sein könnte, um die Krise der Kirche abzuwenden. Soll sich die Kirche wieder mehr auf ihre „Kernkompetenz“ besinnen und ihre vielen säkularen Aktionsfelder begrenzen? Aus Sicht der Politik mag dies nicht wünschenswert sein, übernimmt doch die Kirche, z.B. in der Caritas/Diakonie wichtige sozialstaatliche Aufgaben. Beide aber waren sich einig, dass das Problem tiefer liegt, im Transzendenzverlust der meisten Menschen im europäischen Westen, auch derjenigen, die sich noch der Kirche verbunden fühlen. Nicht, wie die Kirche „aufgestellt“ ist, ist entscheidend, sondern ob sie noch in der Lage ist, eine Vermittlung von Mensch und Gott zu leisten, überhaupt, ob sie die „Gotteskrise“ überwinden kann.

Die KAS wird in Zukunft noch mehr den Dialog mit den kirchlich Engagierten fördern, denn bei drastisch schwindenden Priesterzahlen sind sie wie nie zuvor der „Schatz der Kirche“.

Ansprechpartner

Dr. Johannes Christian Koecke

Dr

Referent Politische Grundsatzfragen und Internationale Politik, Büro Bundesstadt Bonn

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