China entwickelt sich in schwindelerregendem Tempo, voller Spannung und Widersprüche. Diese Veränderungsprozesse verlangen den Menschen eine erhebliche geistige und psychische Anstrengung ab. Wer ist noch in der Lage, seine verschiedenen Lebenssituationen in den letzten Jahrzehnten zu einem kohärenten Sinn zu fügen? Dabei könnte man auch ohne Telos, ohne Überzeugungen und Werte dahinleben –, zumal zahlreiche Tragödien in der Vergangenheit vorsichtig gemacht haben. Konformismus ist und macht komfortabel. Das eigene Fühlen und Denken bleibt – zusammen mit einem nagenden Schamgefühl – im Dunkeln einer Geheimsphäre.
Man spricht in China seit Langem über einen Werteverfall oder ein Wertevakuum. Mancher fragt: Was ist los mit diesem alten Land? Vergiftetes Milchpulver für die Kinder ist nur ein Beispiel. Bestechung ist in fast allen Bereichen ein virulentes Problem. Nach einer Rangliste von Transparency International gehören chinesische und russische Firmen zu den korruptesten der Welt. Diese Nachrichten haben für ein allgemeines Bauchgrimmen gesorgt, doch lässt eine durchgreifende Veränderung zur Beseitigung dieser Missstände noch auf sich warten.
China ist in der Lage, schnell materielle Werte, etwa Gebrauchsgüter, zu schaffen. Doch fehlt es diesem tagträumenden Giganten oft an Geist und Gewissen. Losungen wie „Harmonische Gesellschaft“,
„Regieren durch Tugenden“ oder – neulich – der „Chinesische Traum“ antworten darauf, dass sich in der chinesischen Gesellschaft zentrifugale Kräfte und Fragmentierungstendenzen gebildet haben. Auch offiziell bemüht man sich, das Ethos des Volkes zu erneuern – etwa mit neuen Wandparolen auf den Straßen, die die zwölf Kernwerte des Sozialismus verbreiten. Doch werden die Menschen wirklich erreicht?
Dabei vertreten viele chinesische Gelehrte den Standpunkt, dass China über ein durchaus gutes Wertereservoir verfügt: Über Vernunft und Menschenrechte hätten schon Konfuzius und Menzius gesprochen; den Rechtsstaat und egalitäre Rechte habe es auch bei den Legalisten gegeben; die Brüderlichkeit entspreche der allumfassenden Liebe der Mohisten, und Freiheit sei auch der Kern der daoistischen Philosophie von Laotse und Zhuangzi. Bereits vor über 2.400 Jahren – Jahrtausende vor dem Westen – habe sich die chinesische Gesellschaft von der Sklavenhaltergesellschaft verabschiedet. Zwar mache sich die westliche Moderne daran, etwa die Frevel der kolonialen Ausbeutung und des Zweiten Weltkriegs aufzuarbeiten, doch sorge sie im globalen Rahmen nach wie vor für eine systematisch ungleiche Verteilung. Aus dieser Perspektive hat das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten auf internationaler Ebene gegenüber der Geltung der Menschenrechte Vorrang. Man glaubt nicht, dass der Westen nur als barmherziger Samariter China helfen möchte. Also bitte keine erhobenen Zeigefinger! China sei zu groß, zu kompliziert und habe eine besondere Prägung.
Aber auch vor dem Horizont der eigenen Werte und moralischen Ansprüche muss man fragen, wie es beispielsweise um die Gerechtigkeit steht. Viele Chinesen sind von der Teilhabe am Wohlstand strukturell ausgeschlossen. Die soziale Mobilität stagniert im Vergleich zu den 1980er-Jahren. Der Gini-Koeffizient, der das Maß der Gleichheit oder Ungleichheit bei der Verteilung von Vermögen oder Einkommen beschreibt, hat laut manchen Forschungsstatistiken in China längst 0,5 überschritten und könnte als ungerecht eingestuft werden. Vor allem Kinder und Alte, die auf dem Land zurückgeblieben sind, führen ein Leben, das jahrzehnteweit vom modernen China entfernt ist. Die Bildungschancen dieser Kinder sind schlecht, die Bedingungen in den Schulen schäbig und die Besoldung der Dorfschullehrerinnen und -lehrer ist bedauernswert. Städtische Schulen sind weder verpflichtet noch bereit, Kinder von außerhalb ihres Einzugsbereichs aufzunehmen, geschweige denn die Kinder der Wanderarbeiter vom Land. Als Voraussetzung wird bisweilen eine hohe Verwaltungsgebühr beziehungsweise Zwangsspende verlangt.
Die Regierung hat eine sehr starke Position und trägt viel Verantwortung. Die Befürchtungen, die die Zentralregierung mit einer Zivilgesellschaft im westlichen Sinne verbindet, lassen sich historisch und ideologisch aus dieser Sicht nachvollziehbar begründen. So steht die landesweite Mobilmachung und Pan-Politisierung der Kulturrevolution mit ihren verheerenden Folgen vielen vor Augen. Das tabuisierte Jahr 1989 hat erst recht dazu geführt, dass gesellschaftliche Organisationen schnell als Bedrohung oder zumindest Herausforderung wahrgenommen werden. „Nicht-Regierungsorganisation“ wird unmittelbar mit „Anti-Regierungsorganisation“ gleichgesetzt. Außerdem glauben manche, dass die urbane „Zivilgesellschaft“ eine effektive Waffe der westlichen Verschwörung sein könnte. In jedem Falle sieht man die Stabilität des Landes schnell in Gefahr.
Doch die Furcht vor zivilgesellschaftlichen Organisationen hat schwerwiegende Folgen: Sie führt zu einer anorganischen Gesellschaft, der es an der Ebene zwischen der zentralistischen Regierung und den Individuen fehlt. So bleibt fast nur die Lebenshaltung des Privatmanns, der jetzt zwar wegen des steigenden Wohlstands den Konsum genießen kann, aber als Teil der Polis ausfällt. Insgesamt steigt so die Entpolitisierung und „Entgesellschaftung“ des Einzelnen.
Deng Xiaoping hat einmal festgestellt, dass die Reform Chinas an der Bildung gescheitert sei. Bildung könnte eine potenzielle Lösung vieler der prekären aktuellen Probleme sein – auch wenn sie nicht über Nacht bewältigt werden könnten. Doch ist auch im Bildungswesen ein grundlegendes Umdenken nötig. Wegen der vielen miteinander eng verwobenen Problem- und Krisenlagen ist das aber extrem schwierig.
Das Wort Bildung besteht auf Chinesisch aus zwei Schriftzeichen, Jiao Yu. Das eine betont die geistige oder das Normative, das andere die physische Bildung oder die Natur des Menschen. Bildungsideale haben etwas Utopisches an sich. Sie stehen im Zusammenhang mit Grundfragen: Was ist der Mensch? Was für ein Mensch soll unser Kind werden? Ohne Grundwerte ist Bildung also nicht möglich. Ein Problem ist also, dass sich die oben geschilderte Wertekrise im Bildungswesen widerspiegelt.
Von klein auf begleiten jeden Bürger der Volksrepublik die Aufrufe zu gemeinnütziger Gesinnung, doch wird bereits den Schülern die Diskrepanz von Reden und Handeln bald deutlich. Mit der Zeit verfestigt sich der Eindruck, dass die öffentliche Sphäre von Heuchelei geprägt sei, in der nur der Listige und Starke reüssieren könne.
Internationale Schulen bieten zwar attraktive Bildungsideale an und öffnen noch dazu den Blick auf das globalisierte Zeitalter. Aber sie sind teuer und somit Lichtjahre entfernt von der chinesischen Wirklichkeit. Insgesamt leben die Kinder auf einer bildungsmäßigen Insel. Man lernt zwar eine Fremdsprache, die aber keine Wurzeln schlägt. Noch dazu wurde in der letzten Zeit die Gewichtung des Englischen bei der Hochschulaufnahmeprüfung zugunsten der Hervorhebung der Muttersprache gemindert.
An der Prägnanz einer Sprache kann man das geistige Herumtasten und die kulturellen Errungenschaften einer Nation ablesen. Aber die chinesische Sprache bereitet auch Kopfschmerzen, denn sie ist gar nicht so einheitlich, wie sie scheint. Die aktuelle chinesische Sprache hat zahlreiche Entwicklungen erlebt. In der „Bewegung für eine Neue Kultur“ in den 1920er-Jahren wurde die Verschriftung gesprochener Sprache anstelle des klassischen Chinesischen (Wenyanwen) verbreitet. In den 1950er-Jahren, also nach der Gründung der Volksrepublik, wurden das Programm zur Fixierung der Laute (Pinyin) und vereinfachte Kurzzeichen offiziell eingeleitet. Die Grammatik ist romanisiert dargestellt. Der Zugang zu den klassischen Werken, das heißt zur eigenen Tradition, wird dadurch erschwert. Darüber hinaus finden viele Eltern konfuzianistische Hierarchiegedanken unakzeptabel und unzeitgemäß und verweigern sie logischerweise als Kinderlektüre.
Abgesehen von der wachsenden Kommerzialisierung des Bildungswesens besteht insbesondere an den Forschungsinstitutionen das Problem der ausufernden Bürokratie. Das Ressortdenken ist tief in die akademische Gemeinschaft eingedrungen. Entweder leiten Parteikader das Institut, oder die Wissenschaftler werden zu Kadern diszipliniert. Die Nobelpreisträgerin für Medizin 2015 Tu Youyou hat scherzhaft begründet, warum sie nicht als Akademiemitglied gewählt wurde: „Mit Leitungsfunktionen würde man mehr Chancen haben.“
In der heutigen Welt ist das Schulsystem so institutionalisiert und kommerzialisiert, dass Bildung ökonomisch und politisch auch genutzt werden kann oder sogar muss. Bildung ist teuer und wird mit öffentlichen Mitteln und teilweise privat finanziert. Die Instrumentalisierung der Bildung durch die Wirtschaft und die Politik führt zu der Modifikation ihrer Hauptfunktion, nämlich zur Berufsausbildung der Arbeitskräfte. Diesem Bildungsbegriff gemäß wird „Human Resource“ als Ware betrachtet.
Dagegen beschreibt Immanuel Kant in seiner Schrift Über Pädagogik (1813) die Aufgabe der Bildung folgendermaßen: „Der Mensch soll gebildet werden, damit er wie ein frei handelndes Wesen leben könne. […] Sie ist Erziehung zur Persönlichkeit, Erziehung eines frei handelnden Wesens, das sich selbst erhalten, und in der Gesellschaft ein Glied ausmachen, für sich selbst aber einen inneren Wert haben kann.“ Durch Bildung ist Integration des Menschen in seiner Mitwelt möglich. Ich werde Welt, Welt wird ich.
Dieser Gedanke ist der Chinesischen Philosophie nicht fremd. Der Anfang von Der großen Wissenschaft, die von dem Gelehrten Zhu Xi in der Song-Dynastie als Grundlage des Konfuzianismus erklärt wurde, lautet: „Der Weg der großen Wissenschaft besteht darin, die klaren Geisteskräfte zu klären, die Menschen zu lieben bzw. zu erneuern und das Ziel sich zu setzen im höchsten Guten. […] Nur wenn sie die Wirklichkeit versteht, dann erst ist die Erkenntnis auf ihrer Höhe; wenn die Erkenntnis auf ihrer Höhe ist, dann erst werden die Gedanken wahr; wenn die Gedanken wahr sind, dann erst wird das Bewußtsein recht; wenn das Bewußtsein recht ist, dann erst wird die Persönlichkeit gebildet, dann erst wird das Haus geregelt; wenn das Haus geregelt ist, dann erst wird der Staat geordnet; wenn der Staat geordnet ist, dann erst kommt die Welt in Frieden. Vom Himmelssohn bis zum gewöhnlichen Mann gilt dasselbe: Für alle ist die Bildung der Persönlichkeit die Wurzel.“
Dieser Abschnitt wird philosophisch und politologisch oft behandelt. Weltfrieden und Selbstkultivierung werden hier stufenweise miteinander verknüpft. Die Perspektive ist nicht die des kaiserlichen Ratgebers, sondern die des Pädagogen.
„Das Heilige im Innern nach außen zur Herrschaft bringen“ beschränkt sich nicht auf den Himmelssohn, sondern gilt für alle. Das konfuzianische Bildungsideal zielt auf eine Verbesserung des Menschen und schließlich darauf, aufgeklärte, friedensstiftende Weltbürger hervorzubringen. Diese Bildung ist weder durch Disziplinierung und Sanktion zu realisieren noch durch bloße Wissensakkumulation, sondern durch freie Entwicklung des kognitiven, des ästhetischen und des praktischen Vermögens. Gehorsam und Disziplin, wie sie Lehranstalten in China in den Vordergrund stellen, machen die Erziehung homogen, aber auch steril. Die Bereitschaft, sich frei zum Menschen, zum Bürger sowie zum Weltbürger zu bilden, könnte ein erster Schritt sein auf dem Weg zu einer Veredlung des geistigen Lebens in China.
Wang Ge, geboren 1975, Chinese Academy of Social Sciences, Peking (VR China).