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Montenegros Vision und Staatskunst

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Jahrhundertelang funktionierte das Theater der internationalen Beziehungen nach einem einzigen, weitgehend unangefochtenen Prinzip: Ubi maior, minor cessat – wo der Stärkere ist, weicht der Schwächere. Das Machtspiel war das beherrschende Muster. Ressourcen, Territorium und militärische Macht bestimmten sowohl das Schicksal der Menschen als auch die Regeln, denen sie sich unterwerfen mussten, denn die Fähigkeit zum Wohlstand ging mit der Fähigkeit zur Herrschaft einher.

Doch muss sich diese Logik immer durchsetzen, oder können schwächere Akteure die Umstände dennoch maßgeblich beeinflussen? Ich glaube, es ist möglich, dass sich Macht in ihren vielen Formen zugunsten jener verschieben kann, die weniger davon besitzen. Wenn Gewissheit auf Kreativität trifft, wenn Realpolitik in der Staatskunst einen Herausforderer findet, können kleine Staaten darauf hoffen, Asymmetrien zu nutzen und einen großen Einfluss auf die Welt und die von ihnen geknüpften Beziehungen auszuüben.

Die Gründe dafür sind sowohl struktureller als auch verhaltensbezogener Natur. Im Gegensatz zu Großmächten, die oftmals durch komplexe bürokratische Systeme und langsamere Entscheidungsprozesse belastet sind, können kleine Staaten flexibler und pragmatischer agieren. Ihre institutionellen Strukturen erlauben es ihnen, sich schneller an wechselnde politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Herausforderungen anzupassen. Zudem zwangen historische Umstände kleine Staaten häufig dazu, Strategien zur Wahrung ihrer Souveränität gegen vermeintlich unbezwingbare Widrigkeiten zu entwickeln.

 

Ein eigener Platz auf der Landkarte

Das montenegrinische Volk bietet dafür vielleicht eines der eindrucksvollsten Beispiele in der Geschichte: Jahrhundertelang hielt es den osmanischen Eroberern stand, indem es sein bergiges Terrain zu nutzen verstand und Guerillataktiken entwickelte, die die eigene militärische Unterlegenheit in einen entscheidenden strategischen Vorteil verwandelten. Schlussendlich mündeten die jahrelangen Kämpfe in die internationale Anerkennung eines unabhängigen Montenegro als 27. Staat der Welt auf dem Berliner Kongress 1878. So sicherte sich Montenegro in einem Jahrhundert, das vom Kräftegleichgewicht zwischen den europäischen Großmächten geprägt war, seinen eigenen Platz auf der Landkarte.

Das Verhalten von Staaten und Staatsmännern kann über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Politische Tatkraft und diplomatischer Scharfsinn können oft mehr bewirken als die besten Waffen und selbst die schwierigsten Hürden überwinden. Führung mit klarer Vision erweitert das Spektrum des Möglichen und definiert Rollen neu. Als Konrad Adenauer sein Amt als Bundeskanzler antrat, hatte er ein Land in Trümmern vor sich, doch was die Geschichte nach ihm wahrnahm, war ein Deutschland, das auf die internationale Bühne zurückgekehrt war. Genau dieses Verhalten, das Adenauer auszeichnete, prägt den wesentlichen Unterschied zwischen bloßer Regierungsführung und echter Führungsstärke.

Die letzten Jahre in Montenegro spiegelten ähnliche Bedingungen wider – die eines Landes, das sich auf einen systemischen Wandel einlässt. In solchen Fällen erfordert erfolgreiche Staatskunst, wie sie Adenauer bewiesen hat, zwei wesentliche Voraussetzungen: Vision und Wissen – die Vision, wohin man gelangen will, und das Wissen, wie man dorthin gelangt. Beides ist von entscheidender Bedeutung für die aktuelle Lage Montenegros, das mit Blick auf seine Zukunft an einem entscheidenden Wendepunkt steht.

 

Die nationale Vision basiert auf Kooperation

Unsere nationale Vision fußt auf drei konkreten Säulen: Mitgliedschaft in der Europäischen Union, NATO-Mitgliedschaft und guten nachbarlichen Beziehungen in der Balkanregion.

Erstens steht Montenegro als am weitesten fortgeschrittener Kandidat im Beitrittsprozess kurz davor, bis 2028 das 28. Mitglied der Europäischen Union zu werden. Dies bietet ein für beide Seiten vorteilhaftes Szenario: Montenegro tritt dem Kreis einiger der wohlhabendsten Gesellschaften der Welt bei, und die Europäische Union belebt den Erweiterungsprozess als eines ihrer wichtigsten Instrumente zur Machtprojektion in einer für ihr internationales Ansehen entscheidenden Zeit erneut. Die Parallele zur Geschichte ist noch deutlicher: Genau 150 Jahre nach dem Berliner Kongress wird Montenegro ebenso in die nächste Phase seines politischen Lebens eintreten, wie es mehrere kleine europäische Staaten nach Erlangung der EU-Vollmitgliedschaft getan haben.

Ich habe kürzlich drei EU-Mitgliedstaaten besucht – Irland, Zypern und Estland –, deren Beispiele zeigen, was Montenegro werden kann. Estland hat seine internationale Position durch Digitalisierung und innovationsorientierte Politik gestärkt, während Irland durch die Gewinnung von Investitionen und die Integration in den europäischen Markt zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas wurde. Zypern, das derzeit den Vorsitz im Rat der Europäischen Union innehat, konnte seine diplomatische Präsenz durch aktive Beteiligung an europäischen Angelegenheiten und Engagement in den EU-Institutionen weiter ausbauen.

Zweitens ist Montenegro seit 2017 ein verlässliches Mitglied der NATO – ein wichtiger Meilenstein in unserer modernen Staatsgeschichte. Doch die Mitgliedschaft selbst war nie das eigentliche Ziel. Was zählt, ist das, was nach dem Beitritt folgt: die Verantwortung, die ein Land zu übernehmen bereit ist, die Beiträge, die es leistet, und das Vertrauen, das es bei seinen Verbündeten aufbaut. Unser Ziel war es nie, einfach nur der NATO beizutreten, sondern zu beweisen, dass wir verstehen, was kollektive Sicherheit wirklich bedeutet: Verantwortung zu teilen, unsere eigenen Kapazitäten zu stärken, zu gemeinsamen Missionen beizutragen und als verlässlicher und glaubwürdiger Partner zu agieren.

Für Montenegro sind die NATO und die Europäische Union nicht zwei getrennte Wege, sondern Elemente desselben strategischen Kurses: Stabilität, demokratische Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und verantwortungsvolles internationales Engagement. Unsere Rolle in der NATO festigt unseren europäischen Weg, während der europäische Integrationsprozess die Institutionen und die Widerstandsfähigkeit im eigenen Land stärkt. Gleichzeitig trägt ein europäisch ausgerichtetes Montenegro zur Stabilität der gesamten westlichen Balkanregion bei. Deshalb ist die europäische Integration Montenegros über seine Landesgrenzen hinaus von Bedeutung.

Schließlich ist die Ausübung einer Vorbildfunktion auf die westliche Balkanregion ein wesentlicher Bestandteil der Vision Montenegros. In einer Region, die historisch gesehen anfällig für Demokratierückschritte ist, hat sich Montenegro als Richtungsgeber etabliert, da wir bei den wichtigsten globalen Indizes bei politischen Rechten und bürgerlichen Freiheiten durchweg den ersten Platz einnehmen. Durch die aktive Teilnahme am Berlin-Prozess, die Mitgliedschaft im Mitteleuropäischen Freihandelsabkommen (Central European Free Trade Agreement, CEFTA) und die Unterstützung des Gemeinsamen Regionalmarktes trägt Montenegro zur regionalen Zusammenarbeit bei.

 

Internationale Präsenz und interne Reformen

Darüber hinaus basiert unser Know-how auf einem einzigen Prinzip: Wir nutzen unsere Ziele als interne Instrumente. Der Beitritt zur Europäischen Union bedeutet, sich durch Reformen auch im Innern zu wandeln. Ein glaubwürdiger NATO-Verbündeter zu sein, bedeutet, in unsere Sicherheitskapazitäten zu investieren. Ein guter Nachbar zu sein, bedeutet, Demokratie und wirtschaftliche Zusammenarbeit in einer Region zu fördern, die von ungelösten Konflikten und fragilen Demokratien geprägt ist.

Wie verstärkt nun unsere Vision unsere internationale Präsenz? Als Land mit weniger als einer Million Einwohnern gebietet die Logik eigentlich Bescheidenheit, doch unsere Geschichte und unsere Ziele versprechen alles andere als das.

Als nächstes Land im EU-Erweiterungsprozess können wir nach mehr als einem Jahrzehnt den geopolitischen Neuanfang der Europäischen Union in einer turbulenten Weltlage begleiten, während ihre Position an ihrer Ostgrenze ständig infrage gestellt wird. Gleichzeitig ist die Aufnahme Montenegros in die Europäische Union nicht kostenintensiv, sondern eine kostengünstige, hochwertige Investition in die Stabilität und Zukunft Europas, die den anderen Beitrittskandidaten signalisieren könnte, dass die Erweiterung lebendig ist und Reformen sich lohnen. Montenegro kann zeigen, dass der europäische Weg zum Erfolg führt, und damit den gesamten Westbalkan näher an den Ort bringen, an den er gehört: in die Europäische Union.

Internationale Präsenz wird nicht in Meilen oder Kilometern gemessen, sondern in Auswirkungen. Durch konstruktives Engagement und prinzipientreue Partnerschaften wird Montenegro weiterhin auf der politischen Bühne stehen und nicht im Publikum sitzen. Genau wie der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Keohane bereits 1969 in seinem bedeutenden Essay Lilliputians’ Dilemmas. Small States in International Politics treffend bemerkt hat: Wenn die Liliputaner Gulliver fesseln oder ihn dazu bringen können, für sie zu kämpfen, müssen sie ebenso sorgfältig studiert werden wie der Riese. Es sind diese Bande der Zusammenarbeit, die unser Potenzial zur Geltung bringen, und mit klarer Ausrichtung wollen wir dafür sorgen, dass wir und unser Handeln von Bedeutung sind.
 

Jakov Milatović, geboren 1986 in Podgorica, seit 2023 Präsident von Montenegro.


Die englische Originalfassung ist unter https://kas.de/jakovmilatoviceng abrufbar.