Wo keine Gerechtigkeit ist, da ist auch kein Friede, besagt ein deutsches Sprichwort. Und wo kein Friede (oder Konsens) ist, so könnte man verallgemeinernd sagen, da muss wohl oder übel der Streit vorherrschen. Was in unserer hoch polarisierten Zeit in Vergessenheit zu geraten scheint: Die angestrebte Gerechtigkeit – oder was jeder einzelne für eine solche halten mag –, wir können sie als Wertegemeinschaft nur durch das Streitgespräch, den argumentativen Schlagabtausch erlangen. Frei nach Jürgen Habermas gesagt: Konsensfindung ist nur möglich, wenn man sich vorher streitet.
Doch können wir heute denn noch produktiv streiten? Wie steht es um die vielberufene ‚Streitkultur‘ wirklich? Damit meine ich ein Streiten im Sinne einer reflektierten und – um ein in Mode gekommenes Wort zu benutzen – konstruktiven Auseinandersetzung mit der Gegenseite, dem politischen Gegner, dem Kontrahenten, dem Andersdenkenden. Ein niveauvoller Streit setzt eine tolerante Gesinnung der Streitenden voraus (audiatur et altera pars). Und er ist erlernbar. ‚Streitpädagogik‘ wäre wohl gerade in unseren Zeiten nicht das nutzloseste aller Fächer. Dazu gehört, dass man sich darin einübt, nicht nur aus der eigenen, sondern auch aus der Sicht des anderen zu argumentieren. Dies könnte so manche neue Perspektive eröffnen. Ist da aber noch irgendein fruchtbringender Funke von Streitlust in uns? Oder hat sich der politische und öffentliche Diskurs längst ins Unversöhnliche zerstritten? Und wenn ja, so bliebe die Frage: Wie weiter?
Wir leben, so scheint mir, in Zeiten, in der unsere gemeinschaftliche Denkflexibilität (und mit ihr in gewisser Hinsicht auch Denkkapazität) allmählich verkümmert, ein starrsinniges Recht-haben-wollen mehr und mehr um sich greift und das Einfühlungsvermögen nur noch einseitig zündet (wenn sich nämlich dadurch das eigene Weltbild bestätigt sieht). Die Polarisierung hat eine Wunde in das gesellschaftliche Miteinander geschlagen: Wir gegen die! Die gegen uns! Wer seine „Anti-Einstellung“ nicht explizit bekundet (zu welcher Thematik auch immer), macht sich verdächtig und ist, im Umkehrschluss, wohl „pro“! So einfach geht das inzwischen, eine Schwarz-Weiß-Mentalität hat sich in unsere Weltwahrnehmung eingenistet, das Alles-oder-Nichts-Prinzip bestimmt den Diskurs. Wer für einen flexiblen Mittelweg plädiert, der wirkt oft schon altbacken.
Frieden und Streit im Sprachgebrauch
Es genügt ein Blick in unseren Sprachgebrauch, um sich eine erste Vorstellung von den Begriffen ‚Frieden‘ und ‚Streit‘ zu machen (beide Begriffe hier im Bedeutungshorizont von Konsens und Disput verstanden). Man kann interessanterweise ‚Frieden schließen‘, aber keinen Streit, diesen wohl aber schlichten. Frieden lässt sich ‚aushandeln‘, der Streit muss hingegen ‚ausgetragen‘ werden. Man kann stets zum Streiten aufgelegt sein (oder Streit suchen), beim Friedensbegriff funktioniert diese Formel nicht: Oder wie sähe es aus, wenn einer oder eine stets zum Frieden aufgelegt wäre? Ohnehin würden wir doch alle von uns behaupten: Frieden stiften zu wollen! Bei einer siegreichen Auseinandersetzung kann man dem Besiegten sogar, ein Widerspruch in sich selbst, den Frieden diktieren.
Was bei diesen hier zitierten Beispielen ins Auge fällt: Der ‚Frieden‘ will aktiv herbeigeführt werden (man muss etwas dafür tun), er gelingt nicht von selbst, während der Streit wie aus dem Nichts ‚entbrennen‘ kann, sich an etwas ‚entzündet‘ und ‚sich wie ein Flächenbrand ausweitet‘. Wer streitet, gerät aneinander oder geht im Streit auseinander, manche liegen im Streit, entscheidend aber ist die Handlungsmöglichkeit auch bei Streitenden: Der Streit lässt sich beilegen, beenden, den Streit (oder das Kriegsbeil) kann man sogar begraben.
Für die gesellschaftliche Verständigung und diskursive Flexibilität insbesondere in Demokratien haben die sich gegenseitig bedingenden Kommunikationsphänomene von Konsens und Disput eine grundlegende Funktion und Bedeutung. Umso wichtiger ist die Frage, welche Konsequenzen drohen, wenn Friede und Streit oder – mit anderen Worten – Einigung und Differenz nicht mehr als sich wechselseitig voraussetzende, sich korrigierende, auf den Prüfstand stellende Pole auftreten. Wenn sie nicht mehr als ‚Tandem‘ walten, sondern jeweils nur noch für sich selbst stehen.
„Versöhnung ist mitten im Streit“
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde […]“, ist in der Bibel zu lesen, „lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“ (Prediger, 3,1–8) Mit diesen Versen wird die Vorstellung einer quasi zyklischen Wiederkehr widerstreitender Kräfte propagiert, da, um es mit Friedrich Hölderlin zu sagen: „Sonnenglut und Frühlingsmilde, / Streit und Frieden“ sich abwechseln.
Im Werk Hölderlins ist diese Idee vorherrschend: dass der Gegensatz eine Voraussetzung für Einheit ist; was sich widerspricht oder zurückweist, kommt (zu gegebener Zeit) erst recht zusammen oder, wie es in Hyperion heißt: „Wie der Zwist der Liebenden sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit, und alles Getrennte findet sich wieder.“ Das Individuum (ebenso wie das Kollektiv) ist geprägt von diesen Gegensätzen, es befindet sich stets irgendwo zwischen Streit und Versöhnung, zwischen innerer Spannung und harmonischer Entfaltung, zwischen Auflösung und erneutem Aufblühen.
Aber was hat das mit uns, mit unserer heutigen Lebenswirklichkeit zu tun? Genügt es, zu behaupten, dass, ganz im Hölderlin’schen Sinne, im Konflikt das Potenzial einer Heilung liegt? Das klingt gut, aber was bedeutet es? Dass ‚Heilung‘ im Zusammenhang eines gesellschaftlichen Kollektivs ein unbedingtes Einigsein aller in allen Dingen meint? Und wie sähe ein solches einstimmiges Miteinander aus? Oder handelt es sich hier um einen kontradiktorischen und sich im ständigen Wandel befindlichen Vorgang des Sich-Näherkommens und Sich-wieder-Abwendens? Wir haben es mit einem Paradoxon zu tun: Weil wir in der Differenz (Meinungsverschiedenheit) leben, sehnen wir uns nach Einheit und Stimmigkeit. Man will sich in seiner Ansicht bestätigt fühlen! Doch je mehr wir diese Einheit erreicht zu haben glauben und uns ihrer ‚sicher‘ sind, umso mehr scheint sie wieder zu bröckeln und zerfällt in ihre Bestandteile.
Die Frage muss daher stets lauten, unter welchen Umständen Konsens zustande kommt. Wird er von oben herab ‚diktiert‘ und erzwungen, oder entsteht er idealerweise quasi organisch von ‚innen‘, sodass die nie auflösbare Meinungsvielfalt im vernünftigen Kompromiss zu einer punktuellen Einheit finden kann? Ein immer wieder aufs Neue anzukurbelnder Vorgang. Habermas hat auf die Unerlässlichkeit des „herrschaftsfreien Diskurses“ in (deliberativen) Demokratien hingewiesen, in der Konsens nicht durch Macht, sondern durch Argumentation und rationales Prüfen erreicht wird. Bei einer solchen machtfreien Kommunikation begegnen sich die Kontrahenten auf Augenhöhe. Dazu gehört auch, dass keiner der Disputanten die Deutungshoheit über den jeweiligen Sachverhalt für sich beanspruchen kann. Steht im Voraus bereits fest, wer ‚gut‘, wer ‚böse‘ ist, wer ‚auf der richtigen Seite‘ steht und wer nicht, droht der eigentlich konstitutive Austausch zu einer tautologischen Farce zu werden. Es wird nur noch diskutiert und debattiert, um zuletzt zum immer gleichen Fazit zu gelangen: Wir gegen die! In einer solchen Konstellation wird unter dem Deckmantel der Konsensfindung lediglich Selbstbestätigung betrieben.
Politische und moralische Korrektheitszwänge
Um streiten zu können, muss ein Fundament demokratischen Miteinanders gesichert sein, nämlich die in der Verfassung verankerte Rede- und Meinungsfreiheit. Wie soll man jemals eine Verständigung erzielen, wenn der Austausch von Argumenten aufgrund von zum Beispiel politischen oder moralischen Korrektheitszwängen gehemmt wird? Doch eine Frage bleibt bestehen: Kann es in Anbetracht der pluralen Betrachtungsweisen überhaupt einen immergültigen Konsens geben? Widerstrebt das Bemühen um eine Vereinheitlichung des Verschiedenen nicht sogar demokratischen Werten?
Die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe entwickelte in ihrer postmarxistischen Diskurstheorie den Ansatz einer ‚radikalen Demokratie‘, die – im Gegensatz zur ‚liberalen‘ – die Antagonismen nicht ‚aufzulösen‘ oder zu ‚neutralisieren‘ versucht, sondern gewähren lässt und in sich integriert. Der Disput versteht sich in diesem Kontext als ein konstitutives Merkmal demokratischer Formationen.
Ein Streit ideologischer Art findet sich in Thomas Manns Der Zauberberg: der zwischen Lodovico Settembrini und Leo Naphta. Es ist die Auseinandersetzung zwischen einem Humanisten, Rationalisten und Vertreter der Aufklärung und einem jesuitischen Intellektuellen, Mystiker, der ein autoritäres, religiös motiviertes Weltbild verficht. Hier treffen zwei grundsätzlich verschiedene und unversöhnliche Weltanschauungen aufeinander.