Prall gefüllte Einkaufswagen – noch alltäglich? Vor über einem halben Jahr- hundert setzte der amerikanische Künstler Duane Hanson der „Supermarket Lady“ ein unheroisches Denkmal. Seinerzeit hielt er eine Szene gewohnten Überflusses fest, die heute eine weitaus schärfere soziale wie politische Dimension gewonnen hat. Ein derart gefüllter Einkaufswagen ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr.
Für viele US-Bürgerinnen und -Bürger sind die massiv gestiegenen Lebenshaltungskosten, insbesondere die Preise für Lebensmittel, zu einer täglichen Belastung geworden. Kritiker meinen, Joe Biden und Kamala Harris hätten dieser Entwicklung nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt und dafür im November 2024 die Quittung erhalten. Nun mehren sich Stimmen, die vermuten, Donald Trump könne vor den „Midterm Elections“ in die Defensive geraten, weil er die Fehler seiner früheren innenpolitischen Gegner wiederhole und die konkrete Lebenssituation vieler Menschen ausblende.
Auch in Deutschland sind die Lebensmittelpreise deutlich gestiegen, wenngleich weniger stark als im internationalen Maßstab. Ihre politische Relevanz ist dennoch nicht zu unterschätzen – zumal im Zusammenspiel mit anderen heiklen Themen der Lebenshaltung wie dem Wohnen. Populistischen und linken Parteien eröffnet sich ein breites Feld zur Profilierung und für ausufernde regulatorische Initiativen.
Bei Lebensmitteln zeigt sich die Abhängigkeit „großer“ Politik von der Politik im Kleinen. Selbst der rücksichtslose Kriegsherr im Kreml kann die dramatische Teuerung im eigenen Land nicht ignorieren. Einmal mehr scheint das Schicksal eines souveränen Europa auch an Fragen der Lebensmittelproduktion gekoppelt zu sein: Einst scheiterte das TTIP- Abkommen mit den USA nicht zuletzt am Bild des „Chlorhühnchens“; jüngst verwies das Europäische Parlament das angestrebte Mercosur- Abkommen zur Prüfung an den Europäischen Gerichtshof – nach über 25 Verhandlungsjahren und in einer transatlantisch äußerst angespannten Lage.
Ernährung ist das elementarste Bedürfnis des Menschen – schon deshalb sind Lebensmittel seit jeher hochpolitisch. Mangel daran hat immer wieder Revolten und Revolutionen ausgelöst. An die scheinbar belanglose Normalität des Überflusses, wie sie Hansons „Supermarket Lady“ verkörpert, hatten wir uns dennoch gewöhnt, wohlwissend, dass die Realität in vielen Weltregionen eine andere ist. Doch wenn internationale Lieferketten fragiler werden und regelbasierter Handel unter Druck gerät, könnte der Inhalt unserer Einkaufskörbe noch weit mehr zu einem Gradmesser politischer und geopolitischer Verschiebungen werden.
Bernd Löhmann, Chefredakteur