Asset-Herausgeber

Zum Tode von Rita Süssmuth (* 17. Februar 1937 in Wuppertal, † 1. Februar 2026 in Neuss)

Asset-Herausgeber

Am 1. Februar 2026 ist Rita Süssmuth im Alter von 88 Jahren gestorben. Sie war für viele Frauen ein Vorbild – auch für mich. Weil sie in bester Weise streitbar und zugleich eine Brückenbauerin war. Zum ersten Mal habe ich Rita Süssmuth auf dem Essener Parteitag der CDU im März 1985 getroffen. Im Mittelpunkt des Parteitages stand die Frauenpolitik. Für die CDU war das ein Wendepunkt. Für mich war dieser Parteitag prägend. Ich war zwanzig Jahre alt, Jura-Studentin in Bonn und beeindruckt von den Diskussionen und der Entschlossenheit von Rita Süssmuth und ihren Mitstreiterinnen. Mich hat die damalige Aufbruchstimmung meiner Partei nähergebracht. Rita Süssmuth hat viel dazu beigetragen. Mich hat fasziniert, wie sie sich als Frau in einer insgesamt männerdominierten, verknöcherten Politikwelt Gehör und Achtung verschafft hat.

rita.suessmuth. ma01, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Sechs Monate nach dem Parteitag wurde Rita Süssmuth Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit. Sie setzte sich konsequent für eine moderne Familien- und Gesellschaftspolitik ein. So wurden noch im selben Jahr die von ihrem Amtsvorgänger initiierten Gesetze über Erziehungsgeld und Erziehungsurlaub verabschiedet. Damit hatten erstmals alle Mütter und Väter, die ihr neugeborenes Kind selbst betreuten, einen Anspruch auf Erziehungsgeld und Erziehungsurlaub. Außerdem erreichte Rita Süssmuth die Anerkennung von Kindererziehungszeiten in der Rentenversicherung sowie eine deutliche Anhebung des steuerlichen Kinderfreibetrages. Das bedeutete eine bessere Absicherung für Frauen und weniger Abhängigkeit von ihren Ehemännern.

 

1986 – das Familienministerium wird auch Frauenministerium

Im folgenden Jahr hat sie das Ressort um die Zuständigkeit für Frauen erweitert. Das war ihr sehr wichtig. Seinerzeit sagte sie: „Frauenthemen behandeln nicht die Probleme einer Randgruppe […]. Frauen stellen nicht nur die Mehrheit der Bevölkerung in der Bundesrepublik – genau 52,2 Prozent und immerhin 54 Prozent der Wähler. Die Frauenfrage selbst betrifft auch keineswegs die Frauen allein. Meine These lautet: Die Frauenfrage ist eines der entscheidenden gesellschaftlichen Probleme. Von ihrer Lösung hängt ab, wie wir alle in Zukunft miteinander leben werden“ (Kämpfen und Bewegen. Frauenreden, Freiburg i. Br. 1989).

Umgesetzt hat sie diesen Anspruch zum Beispiel durch die „Richtlinie zur beruflichen Förderung von Frauen in der Bundesverwaltung“. Das Kabinett hat diese Richtlinie 1986 beschlossen, um den Anteil von Frauen in der Bundesverwaltung zu fördern. Im April 1988 fand der erste informelle Frauenministerrat der Europäischen Gemeinschaften in der Bundesrepublik Deutschland statt.

 

„Frau Ministerin“ – immer einen Schritt voraus

Rita Süssmuth war die erste Frauenministerin auf Bundesebene. Eine kleine Geschichte darüber vermittelt auch die Fotogalerie im heutigen Bundesministerium: Sie ist die erste Ministerin, die als „Frau Ministerin“ in Erscheinung trat. Ihre Vorgängerinnen waren noch „Frau Minister“. Auch damit ging sie einen Schritt weiter als andere.

In den Jahrzehnten danach wurde für die Gleichstellung der Frauen sehr viel erreicht. Ich bin überzeugt: Ohne Rita Süssmuths Impulse wären wir heute nicht da, wo wir sind. Bei allen Erfolgen gibt es jedoch noch viel zu tun. Besonders wünsche ich mir noch mehr Frauen in der Kommunalpolitik. Heute beträgt der Anteil von Frauen im Bürgermeisteramt 13,5 Prozent. Das ist viel zu wenig. Ich bin überzeugt, dass die Perspektive von Frauen in einer Kommune gebraucht wird. Darum würdigt das Bundesfrauenministerium mit dem einmal in der Legislaturperiode vergebenen Helene-Weber-Preis herausragendes kommunalpolitisches Engagement von Frauen.

Ich bin sehr dankbar, als Nach-Nachfolgerin von Rita Süssmuth Verantwortung in dem Ressort tragen zu dürfen, das sie maßgeblich geprägt hat. Beim Staatsakt für Rita Süssmuth am 24. Februar 2026 würdigte der Journalist und Publizist Heribert Prantl ihr Wirken und stellte sie in eine Reihe mit den vier Müttern des Grundgesetzes. Auch im Ministerium wird diese Verbindung sichtbar: Neben dem Raum, der nach Elisabeth Selbert benannt ist, erinnert nun ein weiterer an Rita Süssmuth.

 

2025 – bessere Bildung, starke Familien, resiliente Demokratie

Rita Süssmuth wollte ausdrücklich für Frauen zuständig sein. Vierzig Jahre später habe ich mich dafür eingesetzt, den Bereich Bildung in die Aufgaben des Ministeriums mit aufzunehmen. Ja, Bildung ist die Schicksalsfrage in Deutschland. Wenn laut verschiedenen Studien ein Viertel der Schülerinnen und Schüler in Deutschland die Grundschule verlässt, ohne ausreichend rechnen, lesen und schreiben zu können, dann ist das alarmierend. Darum denken wir erstmals Bildung auch auf Bundesebene von Anfang an: von der frühkindlichen Bildung in Familie und Kita über die allgemeinbildenden Schulen bis zur beruflichen Bildung und dem lebenslangen Lernen. Ich werbe für einen gelingenden Bildungsföderalismus. Ich bin überzeugt: Bildungsfragen sind gesellschaftliche Zukunftsfragen. Darum hat das neue Ministerium seine Arbeit unter den Dreiklang gestellt: bessere Bildung, starke Familien, resiliente Demokratie.

Rita Süssmuth war Professorin für Erziehungswissenschaft. Als sie in die Politik wechselte, war ihr die Expertise von Fachleuten weiterhin wichtig. Dies zeigte sich an ihrem Wirken als erste Vorsitzende des damaligen Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration. Auch ich bin überzeugt: Politik braucht fundierte Beratung, evidenzbasierte Entscheidungen und den engen Austausch mit Fachleuten. Nur so lassen sich wirksame Lösungen für die Menschen entwickeln und das Vertrauen in unsere Institutionen stärken.

Im Laufe der Jahre sind Rita Süssmuth und ich uns bei Parteitagen und Kongressen immer wieder begegnet. Die Kontakte wurden häufiger, je mehr ich mich in der Politik engagierte. Gern rief sie mich an, vor allem um mich zu motivieren. Zuletzt hat sie mich im September 2025 besucht. Da kam sie ins Ministerium nach Berlin und setzte sich auf mein Sofa. Sie hat mich freundlich, aber bestimmt dazu ermahnt, beim Kampf für die Parität nicht nachzulassen und voranzugehen. Das habe ich ihr versprochen, denn von ihrer Bedeutung bin auch ich überzeugt.

 

Parität – und was ist das Vermächtnis von Rita Süssmuth?

Die Gespräche mit Rita Süssmuth waren für mich immer wichtige Impulse, weil ihr stets das Gemeinsame, das Verbindende, so am Herzen lag. Einmal hat sie gesagt: „Ich finde wichtig, dass Demokraten lernen, dass wir zusammengehören und wir uns nicht auseinanderdividieren lassen, dass wir an gemeinsamen Zielen mit unterschiedlichen Positionen arbeiten.“ Das ist aktueller denn je.

Darum hat das Bundesministerium auch seit einigen Jahren eine eigene Abteilung für Demokratie und Engagement. Ob Demokratieförderung, Extremismusprävention oder Freiwilligendienste – diese Themen sind heute eine wichtige Säule innerhalb der Arbeit des Ministeriums.

Mich hat beeindruckt, wie Rita Süssmuth bis ins hohe Alter trotz körperlicher Einschränkungen weitergemacht hat. Auch wenn ihr das Sprechen schwerer fiel, meldete sie sich zu Wort, so oft es ihr erforderlich schien. Sie blieb eine Stimme, die gehört wurde. Sie wurde nicht müde, leidenschaftlich für Parität und Demokratie zu werben.

Zuletzt hat Rita Süssmuth mir Ende November 2025 geschrieben. Auch da ging es ihr um ihre Initiative „Parität Jetzt!“. Sie schrieb mir: „Wir brauchen in unserer Demokratie mehr Teilhabe und Sichtbarkeit von Frauen und das heißt nichts weniger als Parität in den Parlamenten.“ Sie bat mich, am Aktionstag für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in der Politik am 24. Juni 2026 zu sprechen. Das habe ich ihr versprochen. Und das werde ich selbstverständlich und sehr gern tun.

 

„Ändern wir, was wir ändern können“

Treffend fassen es ihre Worte aus ihrer Rede vom 17. Januar 2019 im Deutschen Bundestag anlässlich von „100 Jahre Frauenwahlrecht“ zusammen. Damals sagte sie: „Jetzt ist der nächste Schritt die Parität. Wie kommen wir wieder zu mehr aktiver Beteiligung der Frauen? Das mag manchen nicht stören, aber einen Großteil von uns Frauen stört das sehr. Wir werden dabei nicht bleiben; denn es ist nicht nur eine frauenrechtliche, sondern eine Demokratiefrage. Das betrifft unsere Zukunft. Ändern wir, was wir ändern können.“

Das ist der Auftrag einer großen Frau an uns alle. Setzen wir ihn um. Ändern wir, was wir ändern können.
 

Karin Prien, geboren 1965 in Amsterdam, stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, seit 2025 Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.