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Interview: Jugend in zwei Diktaturen

Von der instinktiven Gegnerschaft zum politischen Widerstand

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Herr Dolata, vor siebzig Jahren, am 22. Februar 1943, wurden die Geschwister Scholl hingerichtet. Was verbinden Sie mit diesem Datum?

Werner Dolata: Die Hinrichtung selbst habe ich damals gar nicht wahrgenommen. Da ging ich noch zur Schule, in die Mittelschule in Brandenburg an der Havel. Kriegszeit, Bombenalarm, Fliegeralarm. Ich war noch in der Jungschar, aber habe mitbekommen, dass unsere Pfarrjungführer Wimpel und andere Dinge im Pfarrgarten vergraben haben. Bei uns in der Wohnung hat die Gestapo Kolpingbanner und Unterlagen gesucht. Mein Vater war gerade in den Mitteldeutschen Stahlwerken in Brandenburg arbeiten, aber meine weinende Mutter wurde bedrängt, Schubläden wurden herausgerissen und ausgeleert. Zweimal hatten wir Hausdurchsuchungen.

 

Die Geschwister Scholl dominieren das Gedenken an die Jugend im Widerstand. Für welche jungen Menschen, die Widerstand gegen Hitler leisteten, wünschten Sie sich mehr Beachtung? In Ihrem Tagebuch spielt der Lübecker Christenprozess eine Rolle, in dessen Folge drei katholische Priester und ein protestantischer Pastor hingerichtet worden sind?

Werner Dolata: Nur wenn man es in weiterem Sinne sieht, war die Arbeit bei uns in der katholischen Jugend „Widerstand“. Eigentlich handelte es sich mehr um Resistenz, also um ein bewusstes Abseitsstehen von einer nationalsozialistisch bestimmten Gesellschaft.

Aber wir hatten den Pfarrer Schubert in Brandenburg an der Havel. Er hat die „Fremdarbeiter“ unterstützt, auch auf Polnisch Messen gelesen und die Beichte gehört, was verboten war. Er wurde später verhaftet und ist im Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz, wie wir schon damals vermutet haben, ermordet worden. Die Nationalsozialisten behaupteten, er habe Selbstmord begangen. Dennoch ist er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Brandenburg beerdigt worden. Das war eine Persönlichkeit, die nicht mit dem Regime konform ging und dafür mit ihrem Leben bezahlt hat. So ist er von uns Jugendlichen und von anderen wahrgenommen worden.

Darüber habe ich übrigens mit unserem Erzbistum einen jahrelangen Briefwechsel geführt. Für einen angeblichen Selbstmörder wollte das Ordinariat nicht erlauben, eine Gedenktafel in unserer Heimatkirche anzubringen. Erst 1988 konnte ich die Verantwortlichen überzeugen.

 

In Brandenburg gehörten Sie ja zum Bistum Berlin, dessen Oberhirte, der spätere Kardinal Konrad von Preysing, einer der schärfsten Gegner des Nationalsozialismus unter den deutschen Bischöfen war. Haben Sie Preysings Adventspredigt von 1942, in der er gegen Morde aus rassischen Gründen Stellung bezogen hat, damals wahrgenommen?

Werner Dolata: Ja, weil unser Kaplan Szydzyk – Jugendseelsorger, später Prälat in Bonn und beim katholischen Kommissariat in Mainz – die Predigt vervielfältigt und unter der Hand an Soldaten und andere Ältere verteilt hat. Das wussten wir, aber uns Jugendlichen hat er den Text nicht gegeben – wohl, um uns zu schützen.

 

Wie hat sich die Arbeit in der eigentlich illegalen katholischen Pfarrjugend während der NS-Zeit gestaltet?

Werner Dolata: Wie gesagt, bewusster Widerstand war das in unserer Wahrnehmung nicht, aber umso mehr eine instinktive Gegnerschaft als katholische Jugendliche zu allen Institutionen des Regimes. Wenn wir beispielsweise bei einer Radwanderung auf eine HJ-Einheit trafen, haben wir uns geprügelt. Daraus ergaben sich aber keine weitergehenden Folgen.

Dem stand nicht entgegen, dass viele von uns gleichzeitig in der Hitlerjugend (HJ) waren – gezwungenermaßen. Ich hatte das große Glück, durch die Beschwerde meines Vaters die Mitgliedschaft in der HJ vermeiden zu können: Als man mich zum Mitmachen verpflichten wollte, geriet das in Konflikt mit dem sonntäglichen Kirchgang. Mein Vater berief sich auf eine Rede des Reichsjugendführers Baldur von Schirach, in der dieser den katholischen Eltern versichert hatte, dass sie die christliche Erziehung fortführen könnten, und dazu gehörte natürlich auch der Gottesdienst. Nach drei, vier Monaten wurde der HJ-Führer, bei dem ich mich immer zum Gottesdienst abmelden musste, zum Militär eingezogen, und so bin ich um die HJ herumgekommen.

Andere in meiner Pfarrgruppe – ich war ja Gruppenleiter – mussten weiter dahin und haben geschimpft, aber sie haben dort natürlich den Mund halten müssen. Im katholischen Milieu konnten sie offen sprechen. Dort hat man sich nicht gegenseitig verraten.

 

Die katholische Jugendgruppe in Brandenburg hat über das Kriegsende hinaus bruchlos weiterbestanden?

Werner Dolata: Ja, eigentlich durch mich. Ich war zuletzt Pfarrjugendführer, ehe ich im Februar 1944 einberufen wurde. Nach dem Krieg war ich als Erster wieder zurück. Und da gab es doch einen Wandel im positiven Sinne: Mit Kaplan Szydzyk haben wir den ersten Aufruf zur Gründung der Union 1945 noch handschriftlich vervielfältigt und verteilt. Wir haben bei den Wahlen in der SBZ 1946 als Gruppe im Wahlkampf der CDU geholfen. Mein Vater war Ortsvorsitzender.

Weil meine Gruppe dann beim Überkleben von Plakaten bestimmter anderer Parteien erwischt worden war, kam ich in Untersuchungshaft. Das war höchst riskant, weil damals sowjetische Lagerhaft drohte. Mein Vater hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich freizubekommen. Der katholische Diözesanjugendseelsorger Pfarrer Lange setzte sich für mich ein. Weihbischof Heinrich Winken, der Verhandlungsbeauftragte der Fuldaer Bischofskonferenz beim Alliierten Kontrollrat, schrieb einen Brief an Erich Honecker, der Vorsitzender des FDJ-Zentralrates war. Nach zwei Wochen wurde ich wieder entlassen.

 

Wie gestaltete sich 1946 die Gründung der FDJ? Die katholische Jugend war ja genau wie die evangelische Junge Gemeinde auf dem ersten „Parlament“ der FDJ vertreten.

Werner Dolata: Ich war nicht Mitglied der FDJ. Im Gegensatz zur Stadt Werder, wo der Pfarrjugendführer und die katholische Jugend en bloc Mitglied der FDJ geworden sind, haben wir das in Brandenburg abgelehnt, denn wir hatten bereits die Gefahren der Gleichschaltung vor Augen. Als die Jugendausschüsse, die Vorläufer der FDJ, von der Stadt gegründet wurden, sind der Kaplan und der Pfarrer von offizieller Seite schriftlich aufgefordert worden, Vertreter für den Jugendausschuss zu benennen. Unter anderen wurde ich nominiert – und so kamen wir in den Jugendausschuss, der später in die Stadtleitung der FDJ umgewandelt wurde. Von uns hatte man erwartet, dass wir Mitglied würden. Das haben wir, wie gesagt, abgelehnt. Damit ich trotzdem Zugang zur FDJ-Gründungsversammlung 1946 bekam, besorgte mir Manfred Klein, der Vertreter der CDU im Zentralen Jugendausschuss, einen Presseausweis für die katholische Jugendzeitschrift „Die Botschaft“.

Auf dem „Parlament“ gab es die sowjetische Vorgabe an die SED, aus deutschlandpolitischen Rücksichten eine gemeinsame Jugendorganisation zusammen mit der evangelischen und der katholischen Jugend zu gründen, wobei natürlich nur die Kommunisten das Sagen haben sollten. Einer der schärfsten kommunistischen Vertreter war der sächsische Delegierte Robert Bialek. In einer Verhandlungspause beschrieb er in einem privaten Gespräch ihre Taktik und sagte, später werde man den Kirchen schon einen Nackenschlag verpassen. Ein katholischer Delegierter aus dem Eichsfeld bekam das mit, und die kirchliche Jugend sowie die CDU-Vertreter drohten mit dem Auszug. Offiziell gaben dann die Kommunisten nach und konzedierten, dass die kirchlichen Gruppen nicht als FDJ-Gruppen, sondern selbstständig arbeiten dürften. Das war der Knackpunkt!

Die entsprechenden Forderungen der Kirchen hatten wir im Gruppenraum meiner Jugendgruppe – im Steintorturm in Brandenburg – formuliert. Es gab keine Illusionen über die eigentlichen Ziele der SED, aber die formale Mitarbeit hat uns Zeit für den Aufbau der katholischen und evangelischen Jugendarbeit verschafft.

 

Der Vertreter der CDU im FDJ-Zentralrat war Manfred Klein, dessen Widerstand gegen das SED-Regime heute leider fast vergessen ist. Wie haben Sie Manfred Klein kennengelernt?

Werner Dolata: Hier in Berlin durch den Diözesanjugendseelsorger Pfarrer Lange. Er war zuerst für die katholische Jugend im Zentralrat der FDJ zuständig und wurde dann für die CDU tätig – hatte also praktisch eine Doppelfunktion. Er griff Erich Honecker im Zentralrat direkt an und hat mit großem persönlichem Mut trotz seiner drohenden Verhaftung weitergekämpft. Er wurde damals von den Sowjets zu Spitzeltätigkeiten gedrängt, aber hat sich dagegen gewehrt und mir und anderen das mitgeteilt. 1947 wurde er verhaftet und zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. 1956 ist er entlassen worden und ging in den Westen, wo er später Abteilungsleiter in der Bundeszentrale für politische Bildung wurde.

 

Wie war Jugend im Nationalsozialismus und Jugend im Sozialismus in Ihrer Wahrnehmung im Vergleich? Wenn Sie sich zurückerinnern: Gab es Ähnlichkeiten? Wo lagen die Unterschiede?

Werner Dolata: Die Ähnlichkeiten überwiegen zwischen der NS-Zeit und der DDR. Hier Hitlerjugend und dort die katholische Jugend, die offiziell nicht mitmachte, von der eine Reihe von Personen aber Mitglied in der HJ waren. Das war im „Dritten Reich“ genauso wie nachher. Dennoch gab es auch Unterschiede: Unsere Gruppenarbeit war während der Nazizeit inoffiziell. Wir trafen uns unter dem Vorwand von Glaubensstunden, Religionsunterricht und privaten Zusammenkünften. Demgegenüber waren wir während der DDR-Zeit – auch in Phasen der Auseinandersetzung mit der FDJ und mit der Stadtverwaltung – nicht verboten, sondern öffentlich wahrnehmbar. Wir konnten einen Aushang im Schaukasten machen oder den Pfarrer um eine Kanzelvermeldung bitten, was im „Dritten Reich“ so nicht machbar gewesen wäre. Die Auseinandersetzungen in der SBZ / DDR liefen meist auf der Führungsebene. In dieser Hinsicht konnten wir uns in der SBZ und in der DDR freier bewegen, wir haben Zeltlager organisiert et cetera.

Der grundsätzliche Unterschied bestand darin, dass in der NS-Zeit nur der Rückzug in den kirchlichen Bereich blieb, während die kirchliche Jugendarbeit in der DDR nach außen wirken konnte. Wir haben etwa im kulturellen Bereich Veranstaltungen in der Stadthalle gemacht. Da ist die FDJ mit Programmpunkten aufgetreten und die katholische Jugend der Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit mit einem Sprechchor und mit einem Lied. Dafür wäre man im „Dritten Reich“ verhaftet worden. Besonders in der Anfangszeit waren jedoch die Auseinandersetzungen in der SBZ recht hart, wir haben beispielsweise unseren Gruppenraum, den schon erwähnten Steintorturm, einen sehr schönen Raum in einem Turm der Brandenburger Stadtmauer, samt Inventar an die FDJ abgeben müssen.

 

Wie sah dann die Diskriminierung für Mitglieder der katholischen Jugend in der DDR aus?

Werner Dolata: Wie man sie erfahren hat, hing wesentlich vom individuellen Lebensweg ab. Ich selbst habe trotz meiner „staatsfeindlichen“ Ausrichtung in der frühen DDR wenig Zurücksetzung erfahren müssen. Ich konnte Zahnarzt werden und habe an der Humboldt-Universität in Mitte und im Westen Berlins die Approbation doppelt gemacht, weil niemand wusste, wie die politische Entwicklung ausgehen würde.

Dagegen haben spätere Jahrgänge bei der Berufswahl massive Einschränkungen erfahren. Ich habe einen Cousin, der studieren wollte, aber nicht durfte, weil sein Vater auch Zahnarzt war. Eine Cousine wollte Optikerin werden, hat aber keine Lehrstelle bekommen und ist Krankenschwester geworden.

 

Es ist bemerkenswert, dass Jugendliche in zwei aufeinanderfolgenden Diktaturen die Kraft hatten, sich nicht einordnen zu lassen.

Werner Dolata: Das kommt wahrscheinlich auf das Elternhaus an, und dann hatten wir ja den Kaplan, der uns Vorbild war und Haltung vermittelt hat. Da spielte auch der Jagdflieger Werner Mölders eine Rolle, der Mitglied unserer katholischen Pfarrjugend in Brandenburg gewesen war und trotz seiner militärischen Erfolge in Distanz zum NS-Regime geblieben ist. Wichtig war für mich mein Vater – auch aufgrund seiner Arbeit für die Kolpingfamilie.

Es gab übrigens auch Familien wie die eines hohen NS-Funktionärs, dessen Frau regelmäßig die Messe besuchte, aber nicht zum Spitzel wurde. Als unser Pfarrer Jochmann über Christenverfolgung aus früheren Jahrhunderten erzählte und den Vergleich zur Judenverfolgung zog, hatte das keine Konsequenzen.

 

Wie haben Sie damals aus der katholischen Umgebung heraus die Leute betrachtet, die mit bei der Hitlerjugend waren und später in der FDJ?

Werner Dolata: Wer bei uns in der katholischen Jugend mitmachte und zwangsläufig durch den Dienst in der HJ in Uniform zum Gruppenabend gekommen ist, den haben wir für voll genommen und ihm keine Vorwürfe gemacht Klassenkameraden, die – selbst wenn sie katholisch waren – nicht bei uns in der Gruppe mitmachten, sondern nur in der HJ waren, haben wir persönlich gemieden. Allerdings gab es durchaus Freundschaften quer durch die politischen Lager. Ich hatte in der Schulklasse einen sehr guten Freund, den Sohn des NSDAP-Kulturwarts der Stadt Brandenburg. Er war nicht katholisch, aber ich bin in der Familie ein- und ausgegangen und er bei uns. Sein Vater hat vermutlich mehrmals die schützende Hand über mich gehalten.

 

Könnten Sie die Gründungsphase der CDU nach dem Krieg näher beschreiben?

Werner Dolata: In Brandenburg hat Pfarrer Jochmann im Sommer 1945 eine entscheidende Rolle gespielt, bevor der Entpolitisierungsartikel des Reichskonkordates für Geistliche wieder durchgesetzt wurde. Er hat ein paar Männer angesprochen, als die Idee der Parteigründung von Berlin herüberkam – ich weiß nicht, auf welchen Wegen sie nach Brandenburg weitergegeben wurde –, und dann hat mein Vater sich bereit erklärt, den Ortsverband Altstadt aufzubauen.

Alles funktionierte über Mundpropaganda zwischen guten Bekannten, sodass in dieser Anfangszeit fast nur ehemalige Zentrums- oder Kolpingsleute die Union aufbauten, trotz der Diasporasituation. Das wandelte sich aber verhältnismäßig schnell, denn wir hatten ja erstaunlichen Zulauf.

Die Motivation war die Überzeugung, dass sich eine Katastrophe wie die NS-Diktatur nicht noch einmal wiederholen dürfe. Wir Jugendlichen waren dabei aber nicht die treibende Kraft, wir kamen häufig über unsere Eltern oder die Pfarrjugend zur Union. Ich selbst bin 1946 eingetreten. Sobald – nach der Absetzung von Jakob Kaiser – Ende 1947 die CDU in der SBZ gleichgeschaltet wurde, hat sich mein Vater zurückgezogen, wie die meisten kirchennahen Unionsmitglieder beider Konfessionen. Er hatte da nur noch Schwierigkeiten, man wollte ihm etwa die Konzession für seine christliche Buch- und Kunsthandlung entziehen. Mein Vater wollte trotzdem, dass ich eine Zahnarztpraxis in Brandenburg übernehme, aber ich habe seit Ende der 1940er-Jahre im Westteil Berlins gewohnt und wollte nicht zurück in die DDR.

 

Sobald Sie in West-Berlin ansässig waren, haben Sie sich bis heute für die CDU politisch engagiert?

Werner Dolata: Ja. Bloß wenn ich mich zu sehr über die Berliner CDU geärgert habe, habe ich gesagt, ich trete aus und gründe die CSU Berlin! Ich habe mich von Anfang an als Kreisjugendringvertreter für den Jugendwohlfahrtsausschuss nominieren lassen und bin dann Bezirksverordneter, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und schließlich Bundestagsabgeordneter geworden. Das war mein Ziel, ich hätte auch Bürgermeister hier in Schöneberg werden können. Insgesamt war ich 34 Jahre Parteivorsitzender in Schöneberg und bin jetzt Ehrenvorsitzender.


Werner Dolata, geboren 1927 in Brandenburg an der Havel, gehört zur letzten Generation, die die verbotene katholische Jugendarbeit in der NS-Zeit noch aus eigenem Erleben schildern kann. Dolata leitete ab 1942 eine katholische Pfarrjugendgruppe in Brandenburg, wurde 1946 von der sowjetischen Besatzungsmacht kurzzeitig inhaftiert, arbeitete später als Zahnarzt in West-Berlin und war von 1981 bis 1987 Mitglied des Deutschen Bundestages.


Das Interview führten Wolfgang Tischner und Bernd Löhmann.