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Religion und politisches Sprechen in der Serie „House of Cards“

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Die Serie House of Cards startet mit einem erdrutschartig gewählten amerikanischen Präsidenten und seinem tüchtigsten Mann im Kongress: Frank Underwood, gespielt von Kevin Spacey, wird für den ihm versprochenen Posten als Außenminister übergangen. Im Bunde mit seiner Frau Claire, dargestellt von Robin Wright, schmiedet er daher einen perfiden Plan. Es geht Underwood darum, den Außenminister zu diskreditieren, eine Parteikomplizin an dessen Stelle zu rücken, den Vizepräsidenten als Gouverneur in seinen Heimatstaat zurückzuschicken und schließlich den Präsidenten Garrett Walker zu stürzen, um selbst an die Spitze des Staates zu treten. Dazu werden Desinformation und Manipulation eingesetzt, falsche Versprechungen gemacht, Chaos und Terror kreiert. Wird Amerika in den sechs Staffeln und insgesamt 73 Folgen der Serie zum Kartenhaus?

Schräg und verschattet erscheint die politische Weltmacht bereits in den einleitenden Credits. Die Sicht auf die Machtsymbole in Washington, D.C. verrutscht – auf Washington Monument und Lincoln Memorial, auf Kapitol und Weißes Haus. Buchstäblich auf den Kopf gestellt ist das wichtigste Staatssymbol des demokratischen Amerika, die Fahne mit den Stars and Stripes mitten in der Titelzeile im Serienvorspann. Einmal brennt Underwood ein Loch in die Flagge (Folge 29), ein anderes Mal stürzt er eine Statue von Thomas Jefferson vom Sockel (Folge 14).

House of Cards (2013–2018) verhalf dem Streamingdienst Netflix zum internationalen Durchbruch. Mit einem renommierten Schauspielensemble, mit findigen Regisseuren von David Fincher über Joel Schumacher bis zu Agnieszka Holland kam die Serie bei der Kritik, in der Filmwelt und bei den Zuschauern gut an. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama war ein Fan. Bill Clinton bescheinigte der Serie eine große Nähe zur Realität; für die vierte Staffel warb Netflix während einer Fernsehdebatte der Republikaner im US-Wahlkampf 2015. Ob House of Cards die „Regierung Trumps antizipiert“ hat, wie Adrian Daub annimmt,[1] ist eine beliebte Feuilletonfrage. Auf jeden Fall war die Serie ein Pionier für die Darstellung aktueller Politik im Film.

 

Macht-Fragen

Die Faszination am machiavellistischen Polittheater gründet jedoch tiefer. Kevin Spacey, der für die letzte Staffel aus der Serie herausgeschrieben wurde, als Missbrauchsvorwürfe gegen ihn erhoben wurden, hatte bis zum Drehbeginn düstere Shakespeare-Könige gespielt. Die Urbösewichte Macbeth und Richard III. liefern das Handwerkszeug, um die Instanzen demokratischer Macht zu demontieren. Ebenso wie sie ist Underwood gnadenlos pragmatisch und moralisch korrupt. Er schreckt nicht davor zurück, Abweichler einzuschüchtern und unbotmäßige Gegner zu ermorden. Seine politische Agenda als Majority Whip – als „Mehrheitspeitscher“, der für die Fraktionsdisziplin verantwortlich ist – handhabt er im Abgeordnetenhaus virtuos, das Vokabular der Mächtigen schöpft er für seinen Populismus aus, die Lüge rechtfertigt er als Zwang zum Erfolg.

Underwood ist also mehr als nur ein amerikanischer Machiavelli, der das „Nicht-gut-sein-Dürfen“ des Herrschers zelebriert, wie Peter Sloterdijk in seiner Studie Der Fürst und seine Erben (2026) schreibt. Vielmehr ist er wie Shakespeares Jago in der Tragödie Othello eine „gottlose Existenz“, so Harold Bloom in seinem Buch Shakespeare. Die Erfindung des Menschlichen (2000). Die Underwood-Figur ist ein Oberteufel in Staatsgeschäften, der sogar – wie Napoleon – das Gesetz vermeintlich zum Wohl des Volkes zu beugen wagt.

Wie John Miltons Satan in dessen Versepos Paradise Lost quittiert Underwood seine Degradierung durch den Präsidenten, der ihn nicht als Außenminister wollte, mit Bosheit und Verachtung; „malice and disdain“, heißt es bei Milton.

 

Kontrafakturen der Religion

Wie es um diesen zivilisierten Teufel aber bestellt ist, zeigt sich in House of Cards immer dann, wenn er aus dem politischen Raum heraus- und in sakrale Räume eintritt. Viermal geschieht das innerhalb der ersten drei Staffeln, und jedes Mal hat es mit der Invasion der Politik in die Religion eine besondere Bewandtnis.

Die europäische Aufklärung mit ihrem Kernprinzip der Gewaltenteilung ist in dem evangelikal geprägten Süden und mittleren Westen Amerikas nicht angekommen. Hier gingen geistliche und weltliche Machtansprüche ineinander über. „Das fromme und das aufgeklärte Amerika waren sich einig in ihrem historischen Sendungsbewusstsein“, sagt Heinrich August Winkler und folgert: „Voltaire kam […] nicht bis zum Bible Belt.“[2] An Underwoods Weg nach oben ist abzulesen, was geschieht, wenn religiöse Codes von Ritualen politischer Gewalt kassiert werden. Und Underwoods Anspruch als gefallener und sich rächender ‚Gott‘ wird eben dann sichtbar, wenn er in die Kirche geht.

Die erste Kirchenszene spielt in der ersten Episode der ersten Staffel. Die neu- oder wiedergewählten Kongressfrauen und -männer hören in der Kirche eine Predigt über Bescheidenheit, ausgehend von dem Matthäuszitat (23,12): „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Underwood säkularisiert und simuliert nur den zweiten Teil des Zitats. Vor der Kirche heuchelt er den Parteigenossen, die bedauern, dass er als Ministerkandidat übergangen worden ist, Bescheidenheit vor. Damit dissimuliert er etwas: Er gibt vor, nicht zu haben, was er tatsächlich hat – einen radikalen Machtwillen. Sein wahrer Plan ist es, sich mittels Komplott und Korruption zu erhöhen.

Underwoods zweiten Kirchbesuch sehen wir in der dritten Episode. Dieses Mal ist er in seinem Wahlbezirk in South Carolina. Dort steht der Wasserturm „The Peachoid“, dessen überdimensionale Pfirsichform zweideutige Assoziationen weckt. Die 17-jährige Jessica Masters verunglückt bei einem Autounfall tödlich, weil sie während der Fahrt eine SMS über das obszöne Objekt an ihren Freund schreibt und dabei von der Fahrbahn abkommt. Underwood bittet den Reverend, bei der Trauerfeier der Gemeinde sprechen zu dürfen. Dabei simuliert Underwood und täuscht vor, etwas zu haben, das er in Wirklichkeit nicht hat: Hass auf Gott, der unschuldige Leben opfert, Wut angesichts Gottes vermeintlicher Herzlosigkeit.

Zu den Eltern des Unfallopfers gewandt, beklagt er den frühen Tod des eigenen Vaters. Aber dann, mit Blick in die Kamera und somit an das Fernsehpublikum gewandt, erzählt er uns, wie sehr er seinen Vater verachtet hat.

Netflix/YouTube
Frank Underwood glaubt an nichts, nur an sich selbst. Der kühle Blick auf das Kruzifix offenbart seine Respektlosigkeit und seinen Glauben an weltliche Macht über alles Spirituelle. „House of Cards“, Filmstill (Staffel 3, Episode 4).

Im Finale von Staffel 1 (Episode 13) sehen wir Frank Underwood zum dritten Mal in der Kirche, dieses Mal allein. Er hat zuvor (Episode 11) seinen ersten Mord begangen und den für ihn durch Alkoholkrankheit unberechenbar und gefährlich gewordenen Abgeordneten Peter Russo mit Autoabgasen vergiftet. Im Altarraum klagt Underwood Gott an und fragt, wozu unser Glaube gut sei, wenn er der härtesten Prüfung nicht standhalte. Vor dem Kreuz stehend, hält er fest: Gott habe ihm nie geantwortet, aber obwohl sich beide verachten würden, könne er ihm sein Schweigen nicht verübeln. Dann wendet er sich nach unten und fragt den Teufel, ob wenigstens er ihn hören könne. Als er ein Geräusch hört, wähnt er den Geist des toten Russo im Raum (es ist, so ist kurz darauf zu sehen, nur der Fensterputzer). Schließlich kniet er nieder und spricht ein nihilistisches Gebet: „Es gibt keinen Trost, weder oben noch unten, nur uns finstere Erdlinge. Wir kämpfen und vernichten uns gegenseitig. Ich bete zu mir selbst für mich selbst.“

Die wichtigste Kirchenszene findet in der vierten Episode der dritten Staffel (Folge 30) statt. Underwood ist, nach dem vorzeitigen Rücktritt Walkers, inzwischen ungewählter Präsident. Auf dem Nationalfriedhof in Arlington nimmt er an der Beisetzung von drei gefallenen Elitesoldaten der US Navy SEALs teil. Der Prediger deutet Abrahams Sohnesopfer als göttliches Gebot von „Hingabe, Opferbereitschaft, Liebe“. Underwood versteht politische Gerechtigkeit anders. Er bestellt den Prediger, der zugleich Bischof ist, in dessen Kirche. Der Bischof erinnert den Präsidenten an seine Pflicht, nicht Macht um ihrer selbst willen selbst auszuüben, sondern Gott zu dienen, und adressiert die Gerechtigkeitsfrage an den Gekreuzigten: Jesus lehre uns, Gott zu lieben und einander. Underwood antwortet mit einem impliziten Mordgeständnis: „Ich kann nicht die Menschen lieben, die ich töte.“ Dann, zum vermeintlichen Gebet allein gelassen, nähert sich Underwood dem Kreuz und verhöhnt die Jesusfigur. Dabei stürzt die Porzellanfigur vom Kreuz und zerschellt am Boden. Das zerscherbte Ohr der Kreuzesfigur vom Boden klaubend, kommentiert Underwood zynisch: „Jetzt muss mir Gott sein Ohr leihen!“

 

Religionsmissbrauch als Politik ohne Gottesbezug

Underwood als destruktive Figur in der Kirche sorgt für die schlimmstmögliche Wendung der Geschichte: Er dient der Serie als Unhappy-End-Provider. In der letzten Staffel von House of Cards sind die demokratischen Kontrollinstanzen entmachtet, die amerikanischen Ideale entzaubert, die Kritiker zum Verstummen gebracht. Und an der Stelle des Präsidenten, der an den Folgen eines Attentats gestorben ist, sehen wir seine Frau, Claire Underwood, deren Herrschsucht das Vermächtnis ihres Mannes noch überbietet. In der Kirche hingegen sehen wir diese Präsidentin nicht mehr. Auch die religiösen Rituale – die Vereidigung des Präsidenten auf die Bibel und die Formel „So help me God“ (zunächst in Staffel 2, Episode 1 = Folge 14 bei der Vereidigung Underwoods als Vizepräsident) – haben in der Schlussstaffel von House of Cards ausgespielt. Was bleibt, ist das reale Porträt der fiktiven Figur des „46. Präsidenten“ Underwood, gemalt von dem britischen Künstler Jonathan Yeo, das im Februar 2016 für acht Monate im Foyer der Smithsonian National Portrait Gallery in Washington, D.C. ausgestellt wurde: das Porträt eines Politikers als gottloser alter Mann.
 

Michael Braun, geboren 1964 in Simmerath, Literaturreferent der Konrad-Adenauer-Stiftung, außerplanmäßiger Professor für Neuere Deutsche Literatur und ihre Didaktik, Universität zu Köln.


[1] Adrian Daub: „Welcome to Washington“, in: Die Zeit, 30.05.2017.
[2] Heinrich August Winkler: „Verrat auf offener Bühne. Zur neuen Lage des Westens“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 53, 04.03.2025, S. 9.

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