von Hans Maier

Über Nachkriegsliteratur und -politik in Deutschland

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„Es macht alles einen trüben toten Eindruck. Hier ist etwas geschehen, aber jetzt ist es vorbei“ – so schrieb Alfred Döblin, als er nach seiner Rückkehr aus der Emigration in den USA im Winter 1945 mit der Bahn durch das zerstörte Deutschland fuhr. Trüb und tot erschien in jenen Zeiten nicht nur das öffentliche Leben, sondern auch die Literatur. Die Jahre nach 1945 boten kaum Anlass für poetische Aufschwünge. In den Trümmern überlebte kein Pathos.


Aus der Not, so empfand ich es damals, als ich die ersten neuen Texte las, war unvermittelt eine Tugend geworden. Die Alltagsrealität stand jetzt im Mittelpunkt der Dichtung. Man wollte eine Literatur „zu ebener Erde“, und wer dieser Forderung auswich, wer sich anschickte, einfach weiterzumachen wie früher und sein altes Lied zu singen „auf zerbrochener Leier“, der zog sich Ordnungsrufe zu. Wolfdietrich Schnurre wandte sich polemisch an die Adresse der „Harfner“: „[…] zerschlagt eure Lieder / verbrennt eure Verse / sagt nackt/ was ihr müsst.“
Verzicht auf Pathos, auf den „hohen Ton“ – das war ein typischer gemeinsamer Zug in der deutschsprachigen Dichtung jener Jahre. Er hat die unmittelbare Nachkriegszeit überdauert und ist bis heute spürbar und wirksam. Speziell im Nachkriegsdeutschland war er eine verständliche Reaktion auf die vorangegangene Nazizeit mit ihrer Emphase, ihren Hymnen und Sprechchören; Joachim Kaiser sprach von der „humanen Verkleinerung der ehemals rauschhaft großen Worte“.


Früh regte sich der Wunsch, für den sich langsam regenerierenden literarischen Betrieb geeignete Institutionen zu finden oder neue zu schaffen. Akademien wurden wiedereröffnet oder neu gegründet. Zeitschriften mit politischem, aber auch mit literarischem Inhalt erschienen auf dem Plan. Wer kennt noch Titel wie Ende und Anfang, Der Ruf, wer erinnert sich an Alfred Döblins Das Goldene Tor, Erich Kästners Pinguin, an die frühen Bände von Peter Huchels Sinn und Form? Auch Gruppen bildeten sich und schlossen sich zusammen – die bekannteste war und blieb die Gruppe 47. Zwischen Berlin, Mainz, München, Darmstadt als Akademieplätzen entwickelten sich Dialoge, Wettbewerbe, Freundschaften, Rivalitäten, Animositäten. Der literarische Streitstoff lag in der Luft, er schien unerschöpflich zu sein: äußere und innere Emigration, l’art pour l’art oder „engagierte“ Dichtung, die Bewältigung der Vergangenheit – dazu der Umgang mit den Berühmten, aber nicht Unumstrittenen, an denen sich die Geister schieden: Bertolt Brecht und Gottfried Benn, Johannes R. Becher und Ernst Jünger, Thomas Mann und Martin Heidegger.


Das schwierige Verhältnis der vielen, die im „Dritten Reich“ im Land geblieben waren, zu den der Hitlerherrschaft entkommenen prominenten Emigrierten – und speziell zu Thomas Mann – ist bekannt. Von München und von Darmstadt aus widersprachen mehrere Autoren Manns heftiger pauschaler Verurteilung der Literatur, die in Deutschland während der Jahre des Nationalsozialismus entstanden war. Umkämpfte Persönlichkeiten – Heidegger, die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger – kamen erstmals wieder in München in der Akademie der Schönen Künste zu Wort. Doch am Ende kam man speziell in München mit Thomas Mann und mit den Autoren der Emigration dann doch besser zurecht als anderswo. Es lag vermutlich an der trotz aller Anfechtungen nie ganz erloschenen München-Liebe Thomas Manns, und vielleicht lag es auch an Emil Preetorius, einem der Münchner Akademiepräsidenten, der dem Dichter bei seinem Besuch in München 1949 die Wege ebnete und der in seinem Umgang mit dem alten Freund über die eigene, wenig rühmliche Zeichnung als „Sixtus Kridwiß“ in Manns Doktor Faustus souverän hinwegsah.


Mit dem literarischen Leben hatte auch das politische Leben aufs Neue begonnen. Der in München lebende Schriftsteller Wolfgang Koeppen nahm 1953 in seinem Roman Das Treibhaus die neue westdeutsche Hauptstadt und ihr manchmal hektisches politisches Treiben in den Blick – atmosphärisch dicht, mit fesselnden Schilderungen, aber doch mit einem eigentümlich bedrückenden, heute befremdlich wirkenden Wagner-Sound. Ein Beispiel: Hinter den Wänden des Bundestages taucht bei Koeppen der Rheinstrom auf, im Rheinstrom erscheinen die Rheintöchter, und sie sinnen Dunkles. Selbst der Nibelungenexpress der neu erstandenen Bundesbahn erinnert Koeppens Romanfigur Keetenheuve an die Brandmale der Vergangenheit: „Basel, Dortmund, Zwerg Alberich und die Schlote des Reviers; Kurswagen Wien Passau, Fememörder  Hagen hatte sich’s bequem gemacht; Kurswagen Rom München, der Purpur der Kardinäle lugte durch die Ritzen verhangener Fenster; Kurswagen Hoek van Holland London, die Götterdämmerung der Exporteure, die Furcht vor dem Frieden. Wagalaweia rollten die Räder.“


Die deutsche Politik brauchte einige Zeit, bis sie zur Normalität zurückfand – die deutsche Literatur freilich auch. In vielen Nachkriegsbüchern überwiegt die alte Neigung zur Abrechnung, zum Prinzipiellen, zum Gericht über Zeit und Welt. Das dokumentiert sich in Buchtiteln wie Die Geschlagenen (Hans-Werner Richter, 1949), Die Schuldlosen (Hermann Broch, 1950), Nein. Die Welt der Angeklagten (Walter Jens, 1950). Überall stößt man auf einen parabelhaften, moralistischen Umgang mit der realen Politik, die ja damals, abgesehen von gemeindlichen und landespolitischen Übungsfeldern, den Deutschen noch verschlossen war. Wie sagte der junge, jäh berühmt gewordene Wolfgang Borchert über die literarische Situation nach 1945? „Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld.“

 

„Mehlwürmer“ regieren Westdeutschland

 

Weder Heinrich Böll noch Günter Grass konnten mit der im Aufbau befindlichen Adenauer-Ära viel anfangen. Böll, in Zeiten des „Ahlener Programms“ der CDU nicht fern, äußerte sich später immer kritischer zu Konrad Adenauer und seiner Partei – am Ende gänzlich verbittert und unversöhnlich. Und  dies, obwohl er die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky), die sich in diesen Jahren zu entwickeln begann, wie kein anderer geschildert hat: Wohnen, Essen und Kleidung, Verkehrsmittel und Reisewege, Physiognomien und Tonfälle, Freuden und Frust des Alltags. Dagegen sind Günter Grass – sonst ein Meister novellistischer Zeichnung (Katz und Maus, Das Treffen von Telgte) – zur frühen Bundesrepublik nur karikaturhaft überhöhte verwischte Bilder eingefallen. In seinem Roman Hundejahre (1963) treten zwar Berthold Beitz, Herbert Quandt und die Familie Brenninkmeyer (C&A) als Zeitgenossen leibhaftig auf, sonst aber herrschen großflächige Abstraktion und überdimensionale Metaphorik: „Mehlwürmer“, Symbole für das bundesrepublikanische Management, bringen Gesetzentwürfe ein, planen Stahlkombinate, regieren Westdeutschland.

Unter  den  prominenten Schriftstellern der Adenauer-Ära gibt es kaum einen, der einmal ein gutes Wort über den Kanzler verloren hätte. Die Ausnahme ist Hermann Lenz; doch der schildert vorsichtshalber gleich mit, wie das behutsame Lob des Bundeskanzlers im Mund seines Alter Ego, der Romanfigur Eugen Rapp, auf Stuttgarter Künstlerkollegen wirkte: „‚Sie, da krieg ich Angst vor Ihnen! Jetzt können Sie sagen, was Sie wollen, jetzt ist’s aus!‘ schrie er und wiederholte: ‚Er lobt den Adenauer!‘ und rannte aus dem Zimmer“ (Hermann Lenz, Der Fremdling, 1988, S. 45). Zwischen dem Alten in Bonn und den Schreibenden im Land war offenbar kein Bund zu flechten.

War aber die Zeit von Theodor Heuss, Konrad Adenauer, Fritz Schäffer, Ludwig Erhard in ihrer politischen Gesamttendenz (Lastenausgleich, Eingliederung der Vertriebenen, dynamische Rente, europäische Integration, NATO-Beitritt) wirklich nur „Restauration“ – und damit die große Antithese zum angeblichen Aufbruch der Nachkriegsliteratur in die Zukunft? Oder hatten Nachkriegspolitik und Nachkriegsliteratur mehr gemeinsam, als man damals gesehen hat oder zugeben wollte?

 

Produkte der Ernüchterung

 

Nachkriegspolitik und Nachkriegsliteratur, ich sagte es schon, teilten eine charakteristische Eigenschaft miteinander: Beide waren Produkte der Ernüchterung. Beide entbehrten des „hohen Tons“. Nicht nur die Gruppe 47 mied diesen Ton, versagte sich das Pathos, den „hohen Stil“ – auch Adenauer mied ihn. Gewiss, er war die Zentralfigur, er gab der Nachkriegspolitik die Richtung vor, jedoch ganz ohne den Aplomb vergangener Zeiten – mit karger Geste und dürrem Wort. Ästhetisch „in Politik zu schwelgen“ (Friedrich Schlegel) war seine Sache nicht. Er hielt es lieber mit dem schmucklosen Geschäftsstil des Juristen. War er damit vom stilus humilis der Nachkriegsliteratur so weit entfernt? Man hat über die „tausend Worte Adenauers“ gespottet, hat in seinen Reden und Schriftsätzen phantasievolle Beweglichkeit und literarischen Glanz vermisst. Aber wie kann man von der politischen Rede der Zeit einen üppigen Faltenwurf verlangen, wenn die Literatur selbst bescheidene Alltagskleidung trägt und sich jeden Schmuck versagt?

Erstaunliche Parallelen finden sich auch zwischen der sich bald herausbildenden föderalistischen Grundstruktur der Bundesrepublik Deutschland und der auffälligen Gebundenheit der Nachkriegsliteratur an Landschaften, Orte, Städte, Dörfer. In der Literatur entwickelte sich ein heimatnaher Realismus mit dokumentarischen Zügen, auch wenn es teils eine „verlorene Heimat“ war – im Ostpreußen von Siegfried Lenz, im Rostock Walter Kempowskis, im Hamburg Hans Erich Nossacks, im Stuttgart von Hermann Lenz, im München Wolfgang Koeppens (Tauben im Gras), in den Bodenseelandschaften Martin Walsers – nicht zu reden von Grass’ Danzig und Bölls Köln. Vielleicht werden spätere Zeiten – ganz ohne Ironie – die Nachkriegsliteratur der Bundesrepublik auch als einen Neuaufgang der Heimatdichtung bilanzieren. Auch die Renaissance eines Theaters, das naturalistisch Sprechen, Stammeln, Auftrumpfen, Trotz und Verstummen einfacher Menschen in abgelegenen Regionen nachzeichnet, wie bei Martin Sperr, Franz Xaver Kroetz, Rainer Werner Fassbinder (und schon bei der „Mutter“ dieser Literatur, der großen Marieluise Fleißer), deutet in diese Richtung.

Ich will damit die Unterschiede, die Spannungen und Konflikte zwischen der Literatur und der Politik dieser Zeit nicht verwischen – ich will nur sagen, dass es sich lohnt, einmal nicht nur auf die Gegensätzlichkeiten zu blicken, sondern auch auf die Übereinstimmungen, selbst wenn sie zu Lebzeiten oft unbemerkt blieben oder bewusst verdrängt wurden. Schließlich waren Nachkriegsliteratur und Nachkriegspolitik Erscheinungen derselben Epoche. Sie hatten dieselben Wurzeln, dieselben Hintergründe. In vielem erscheinen sie mir heute, wenn man zurückblickt und abwägt, als unfreiwillige Verwandte.

 

Hans Maier, geboren 1931 in Freiburg (Breisgau), Professor emeritus für Politische Wissenschaft an der Universität München, ehemaliger Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus sowie 1988 bis 1999 Inhaber des Münchener Guardini-Lehrstuhls.