1. Bundesparteitag der CDU in Goslar unter dem Motto „Einigkeit und Recht und Freiheit“

von Andreas Grau
In der alten Kaiserstadt Goslar fand vom 20.-22. Oktober 1950 der 1. Bundesparteitag der CDU statt. Die 386 Delegierten verabschiedeten das Statut der CDU und wählten Konrad Adenauer zum ersten Parteivorsitzenden. Mehr als ein Jahr nach der ersten Bundestagswahl und der Bildung der Bundesregierung kam es damit zur Gründung der CDU-Bundespartei.

Die Christlich-Demokratische Union Deutschlands war 1945/46 dezentral auf lokaler Ebene entstanden. Bis 1950 bestanden 16 selbständige Landesverbände. Als übergeordnete Gremien existierten nur die Berliner „Reichsleitung“ der CDU in der sowjetischen Besatzungszone und der Kölner Zonenausschuss der CDU in der britischen Besatzungszone. Einziges gesamtdeutsches Dach war der Zonenverbindungsausschuss, die spätere Arbeitsgemeinschaft der CDU und CSU, mit Sitz in Frankfurt a.M, der auf dem „Reichstreffen“ in Bad Godesberg im Dezember 1945 eingerichtet worden war. Er sorgte für den Informationsaustausch zwischen den Parteigremien auf Länder- und Zonenebene. Auch der Wahlkampf für die erste Bundestagswahl im August 1949 wurde maßgeblich von der Arbeitsgemeinschaft organisiert. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland genügte das Frankfurter Sekretariat den Anforderungen nach einer einheitlichen, bundesweiten Parteiführung aber nicht mehr. Nicht zuletzt Konrad Adenauer klagte zunehmend über die große Selbständigkeit der Landesparteien und das Bild der Zerrissenheit, das die CDU biete.

Deshalb verständigten sich die Landesvorsitzenden im Mai 1950 auf die Gründung einer Bundespartei – allerdings ohne die bayrische CSU. Zum vorläufigen Vorsitzenden wählten sie Bundeskanzler Adenauer. Von einem Organisationsausschuss unter der Leitung von Alois Zimmer wurde ein Parteistatut ausgearbeitet und Ort und Ablauf des ersten Parteitages festgelegt. Auf Drängen Adenauers entschied man sich für das an der Zonengrenze gelegene Goslar im Harz als Tagungsort – gegen Frankfurt, Heidelberg und vor allem Berlin. Goslar sollte ein Symbol für die Verbundenheit der CDU mit den Deutschen in der DDR sein. Wahrscheinlich hatten zur Wahl Goslars auch die guten Beziehungen zwischen Konrad Adenauer und dem niedersächsischen Wirtschaftsminister und Vorsitzenden der CDU Goslar, Otto Fricke, beigetragen. Allerdings spielte auch eine Rolle, dass Goslar völlig unzerstört war und über eine intakte Hotel-Infrastruktur verfügte.

 

Die Eröffnung des Parteitages

Von Anfang an wurde der Parteitag als „Arbeitstagung“ und nicht als große politische Demonstration geplant. Im Vordergrund sollte die Besinnung auf die geistigen Grundlagen der Union stehen. Auf äußeren Glanz oder Bezüge zur Tagespolitik wurde bewusst verzichtet.

Der 1. Bundesparteitag der CDU stand unter dem Motto „Einigkeit und Recht und Freiheit“. In goldener Schrift zierte dieses Motto die Rückwand der Bühne im frisch renovierten Odeon-Theater. Anlässlich des Parteitages war die Stadt festlich geschmückt. Mit 386 Delegierten und rund 600 Gästen war das Odeon bei der Eröffnungssitzung bis auf den letzten Platz gefüllt. Adolf Cillien, der Vorsitzenden der CDU in Niedersachsen, eröffnete den Parteitag am Abend des 20. Oktober 1950. Er begrüßte die Delegierten und Gäste sowie die Vertreter verschiedener christdemokratischer Parteien aus den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Italien, der Schweiz und Österreich sowie die Parteifreunde der CSU aus Bayern. Nach der Begrüßung forderte Cillien dazu auf, die 3. Strophe des Deutschlandliedes zu singen. Dies war keineswegs selbstverständlich, da die Bundesrepublik Deutschland im Oktober 1950 noch keine Nationalhymne hatte. Erst im April/Mai 1952 verständigten sich Bundeskanzler Adenauer und Bundespräsident Heuss darauf, das Deutschlandlied von Hoffmann von Fallersleben zur Nationalhymne zu erklären.

Nach der Begrüßung folgte die Eröffnungsansprache von Konrad Adenauer, der über das Thema „Deutschlands Stellung und Aufgabe in der Welt“ referierte. Nach Ansicht des Bundeskanzlers fand der Parteitag zu einer Zeit statt, in der sich der Kampf zwischen der Freiheit, der Menschenwürde, dem christlich-abendländischen Denken einerseits und der Finsternis, der Sklaverei, dem antichristlichen Denken andererseits entscheiden würde. Deutschland stehe bei diesem Kampf in vorderster Linie und es sei seine Aufgabe, die Menschheit darüber aufzuklären, was jenseits des Eisernen Vorhangs vor sich gehe. Der einzige Weg, den Frieden zu sichern, sei den Westen stark zu machen, um mit der Sowjetunion auf Augenhöhe verhandeln zu können. Dazu könne auch die Bundesrepublik Deutschland einen Beitrag leisten, in dem sie sich an einer europäischen Armee beteilige.

 

Die Wahl des Parteivorstandes

Der zweite Tag der Tagung begann mit der Verlesung des neuen Parteistatuts der CDU durch Konrad Adenauer. Das Statut, das von den Vorsitzenden der Landesverbände einen Tag zuvor unterzeichnet worden war, wurde einstimmig von den Delegierten angenommen.

Anschließend fand die Wahl des Parteivorsitzenden und der Stellvertreter statt. Einziger Kandidat für das Amt des Vorsitzenden war Konrad Adenauer, der mit 302 Stimmen gewählt wurde. Bei der Wahl der Stellvertreter erhielten Friedrich Holzapfel 297 Stimmen und Jakob Kaiser 304 Stimmen. Die übrigen Mitglieder des Parteivorstandes wurden durch den Bundesparteiausschuss gewählt, der noch am gleichen Tag zu seiner ersten Sitzung zusammentrat.

Die Reden

Nach den Vorstandswahlen begann die eigentliche „Arbeitstagung“. Als erster Referent sprach Professor Hans Erich Stier über „Den geschichtlichen Auftrag der CDU“. Eindringlich warnte er vor der Gefahr des Kommunismus. Während sich die CDU eindeutig zur Demokratie und zum Christentum bekenne, glaube die SPD immer noch an die Revolution und stehe dem Christentum distanziert gegenüber. Revolution und Christentum seien aber unvereinbar, weshalb auch eine Zusammenarbeit von CDU und SPD nicht in Frage komme. Es sei die feste Überzeugung der CDU, dass allein die Abkehr des deutschen Volkes von Gott es an den Rand des Abgrunds geführt habe.

Über „Die junge Generation“ sprach am Nachmittag der Vorsitzende der Jungen Union Josef Hermann Dufhues. Trotz aller Bemühungen stehe die junge Generation dem Staat und den politischen Parteien insgesamt skeptisch gegenüber, so Dufhues. Grund dafür seien die Erlebnisse während der NS-Zeit. Um dies zu verändern, müssten die christlichen Gebote wieder im Leben des deutschen Volkes wirksam werden und die Parteien sich als gleichberechtigte Partner verstehen. Um einen konkreten Beitrag zur staatsbürgerlichen Erziehung der Jugend zu leisten, forderte Dufhues die Errichtung einer Konrad-Adenauer-Bildungsstätte der Jungen Union.

Im Anschluss trug der Vorsitzende der Bundestagsfraktion der CDU/CSU, Heinrich von Brentano, seine Gedanken über „Den europäischen Auftrag der CDU“ vor. Dabei ging es ihm um den Beitrag der christlichen Demokraten zur politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Europas. Eine unerlässliche Voraussetzung für die Errichtung des neuen Europas sei zunächst die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Des Weiteren forderte von Brentano die Partei dazu auf, bei der Gestaltung Europas nicht abseits zu stehen, sondern aktiv daran mitzuarbeiten. Die Lösung der deutschen Aufgaben und Probleme sei auf dem Weg dorthin der wichtigste Beitrag zur Erhaltung des Friedens in Europa und der Welt.

Auch der dritte Tag des Parteitages, der 22. Oktober 1950, wurde von Referaten bestimmt. Da es ein Sonntag war, stand aber zunächst der Kirchgang auf dem Programm – getrennt für evangelische und katholische Christen. Anschließend sprach der Präsident des Landtags von Nordrhein-Westfalen, Josef Gockeln, zum Thema „Der soziale Auftrag der CDU“. Er erinnerte zunächst an die Gründung der Union 1945. Die CDU werde getragen von der Überzeugung, dass eine aus christlicher Verantwortung gestaltete Lebensordnung jeder anderen überlegen sei und dass alle Christen dazu aufgefordert seien, für die Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen. Christentum und Freiheit bildeten eine unauflösbare Einheit. Aufgabe der CDU sei es deshalb, in der Staats- und Sozialordnung die Freiheit zu sichern. Die Partei wolle zwar einen starken Staat, aber weder einen Parteistaat noch einen Wirtschaftsstaat.

Nach der Mittagspause referierte Linus Kather über „Die CDU und das Vertriebenenproblem“. Er dankte zunächst der Bundesregierung, dass sie gegen die Vertreibungen protestiert habe und er sei froh, dass sich auch die alliierten Hohen Kommissare diesem Protest angeschlossen hätten. Nicht Hass oder Rache sei das Ziel der Heimatvertriebenen, sondern ein freies und vereintes Europa, in dem sie ihre Heimatgebiete zurückerhalten würden. Kather warnte die Parteien davor, die Vertriebenen sich selbst zu überlassen. Das Ergebnis einer solchen Politik könne man in Schleswig-Holstein studieren, wo der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) bei der Landtagswahl 1950 auf Anhieb in den Landtag eingezogen sei. Wenn die CDU in Zukunft mehr auf die berechtigten Forderungen der Vertriebenen eingehe, würde sie auch deren Vertrauen behalten.

Mit Spannung wurde der Vortrag von Ludwig Erhard über „Die CDU und die Wirtschaft“ erwartet. Der Bundeswirtschaftsminister zählte zunächst die Erfolge seiner Politik der Sozialen Marktwirtschaft seit 1948 auf. Er warb dafür, trotz aller Schwierigkeiten und Preissteigerungen, den Kräften des Marktes zu vertrauen und nicht nach dem Staat zu rufen. Alle Probleme seien lösbar, wenn der einmal eingeschlagene Weg ruhig weiterbeschritten werde. Die CDU würde sich selbst preisgeben, wenn sie den Boden der Sozialen Marktwirtschaft verlassen würde. Erhard warnte vor einer Inflation. Die Bundesregierung unter Führung der CDU sei jedoch gewillt, das Volk vor diesem Übel zu verschonen. Im Hinblick auf die Kosten eines möglichen deutschen Verteidigungsbeitrags zeigte sich Erhard davon überzeugt, dass dieser problemlos im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft zu leisten sei.

 

Die Abschlusskundgebung

Den Abschluss des 1. Bundesparteitages bildete eine große Kundgebung unter dem Motto: „Deutschland und der deutsche Osten“ auf der die Bundesminister Jakob Kaiser und Hans Lukaschek sprachen. Kaiser erinnerte an die Gründung der CDU in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone. Die Partei habe sich mutig den Kommunisten entgegengestellt. Trotz aller Unterdrückungsversuche, gebe es in der Zone noch immer eine Oppositionsbewegung. Er sei der festen Überzeugung, so der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, dass der Wille der deutschen Bevölkerung, die Menschen in der Zone von der kommunistischen Herrschaft zu befreien, eines Tages Erfolg haben werde. Darüber dürften allerdings die Gebiete jenseits von Oder und Neiße nicht vergessen werden. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker müsse auf ganz Deutschland Anwendung finden. Auch wenn die ehemaligen deutschen Ostgebiete heute ein trostloses Bild böten, sei er sicher, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein werde. Es sei Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland, den Tag der Rückkehr vorzubereiten und die Kultur des deutschen Ostens im gesamtdeutschen Bewusstsein zu erhalten.

Mit den Problemen der Vertriebenen befasste sich Hans Lukaschek in seinem Referat. Er schilderte die gewaltigen Aufgaben seines Bundesministeriums für die Angelegenheiten der Vertriebenen und erinnerte daran, dass die Zahl der Vertriebenen und Flüchtlinge immer noch wachse. Es sei für ihn eine besondere Freude, so Lukaschek, dass die CDU an den Hilfen für die Vertriebenen an führender Stelle mitgewirkt habe. Allerdings werde es dem Staat allein nicht möglich sein, die Vertriebenen vollständig einzugliedern. Dazu sei er auch auf die Hilfe der eingesessenen Bevölkerung angewiesen. Ohne die christliche Opferbereitschaft der Bürger könne dieses gewaltige Problem nicht gelöst werden.

Zu Beginn der Abschlusskundgebung wurde von den Delegierten noch eine Entschließung angenommen, die mit den Worten begann: Der 1. Parteitag der CDU Deutschlands hat durch die einmütige Wahl des Parteivorsitzenden und seiner Stellvertreter bewiesen, daß die CDU in den fünf Jahren ihres Bestehens in Ost und West, in Nord und Süd zu einer Einheit zusammengewachsen ist. Uns eint die Überzeugung, daß nur aus christlicher Verantwortung das Leben unseres Volkes und Vaterlandes in demokratischer Ordnung neu gestaltet werden kann.

In der Entschließung bekennt sich die CDU des Weiteren zu „Gesamtdeutschland als Aufgabe und staatlicher Gestalt“, zu Europa, zum „von Gott gegebenen Recht des Menschen auf seine Heimat“ und zur Sozialen Marktwirtschaft. Der Ost-West-Konflikt der Gegenwart wird als Kampf zur „Rettung der menschlichen Freiheit vor den Gefahren des totalitären Staatszwanges“ gesehen, weshalb die Kulturpolitik für die CDU „ein wesentlicher Bestandteil ihrer gesamten politischen Arbeit sei.“

 

Die Gründung der „CDU in Niedersachsen“

In Goslar wurde im Oktober 1950 aber nicht nur die CDU-Bundespartei gegründet, sondern auch die CDU in Niedersachsen. Auf einem Sonderparteitag im Schützenhaus in Goslar am Nachmittag des 20. Oktober 1950 unterzeichneten die Landesvorsitzenden von Braunschweig, Hannover und Oldenburg, Georg Strickrodt, Adolf Cillien und Walther Diekmann, eine Vereinbarung über die Gründung eines gemeinsamen Dachverbandes für Niedersachsen. Erster Vorsitzender der CDU in Niedersachsen wurde der Vorsitzende des Landesverbandes Hannover, Adolf Cillien. Die neue Organisation sollte ein gemeinsames Handeln der drei selbständigen Landesverbände in allen Fragen der niedersächsischen Politik ermöglichen.

Mit dem 1. Bundesparteitag in Goslar kam der Gründungsprozess der CDU in den drei Westzonen zum Abschluss und es begann ihre gemeinsame Arbeit auf Bundesebene. Zusammen mit der Gründung der Exil-CDU im September 1950 (Landesverband für die aus der DDR geflohenen CDU-Mitglieder) machte er zugleich die Trennung von der Ost-CDU deutlich.

 

Literatur: