Hans Tietmeyer Hans Tietmeyer © photothek.net/Süddeutsche Zeitung Photo

Hans Tietmeyer

Volkswirt, Staatssekretär, Präsident der Deutschen Bundesbank Dr. rer. Pol. 18. August 1931 Metelen 27. Januar 2016 Königstein im Taunus
von Christine Bach
Hans Tietmeyer war einer der prägenden Köpfe der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte. Der überzeugte Verfechter einer stabilitätsorientierten Wirtschafts- und Geldpolitik war an zentralen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen, etwa bei der Aushandlung der innerdeutschen Wirtschafts- und Währungsunion 1990 und der europäischen Währungsunion, an entscheidender Stelle beteiligt. Stets orientierte sich der Schüler Alfred Müller-Armacks dabei an den Grundpositionen der Sozialen Marktwirtschaft.

Herkunft und Ausbildung

Hans Tietmeyer wurde am 18. August 1931 in Metelen im Münsterland als Sohn eines Amtsinspektors geboren. Er war das zweite von elf Kindern. Über seine Kindheit berichtete er später, dass ihn das katholisch geprägte Umfeld stark beeinflusst habe. Zwei seiner Brüder wurden Pfarrer.

Nach dem Abitur am Gymnasium Paulinum in Münster (1952) studierte Tietmeyer daher zunächst zwei Semester Philosophie und katholische Theologie. 1953 wechselte er aber die Fakultät und absolvierte dann ein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an den Universitäten Köln und Bonn. Über das Theologiestudium sagte er später: „Dort habe ich gelernt, wie wichtig es ist, wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse zu haben […] [und], dass es viel wichtiger ist, nicht nur abstrakt Gutes, sondern dies auch [ökonomisch] richtig zu tun.“ (Algermissen, S. 62)

Tietmeyers wichtigster akademischer Lehrer wurde Alfred Müller-Armack, einer der geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft. Seine Diplomarbeit (1958), mit der er den akademischen Grad des Diplom-Volkswirts erwarb, war dem Thema „Der Ordo-Begriff in der katholischen Soziallehre“ gewidmet. Promoviert wurde er 1960 mit einer Dissertation über „Die soziale Lage der Studierenden an den Ingenieurschulen in der Bundesrepublik und Berlin-West und die Förderungsmaßnahmen der öffentlichen Hand“.

Tietmeyer war Stipendiat der 1956 errichteten bischöflichen Studienstiftung Cusanuswerk. 1959 wurde er zum ersten hauptamtlichen Geschäftsführer des Cusanuswerks berufen, diese Stelle behielt er bis zu seinem Wechsel ins Bundeswirtschaftsministerium 1962.

 

Im Bundesministerium für Wirtschaft (1962–1982)

Unter Minister Ludwig Erhard begann 1962 Tietmeyers Karriere im Bundesministerium für Wirtschaft. Er begann als Referent im Referat „Grundsatzfragen der Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik“, 1967 wurde er von Karl Schiller zu dessen Leiter ernannt. In der Zeit der sozial-liberalen Koalition folgte 1970 seine Ernennung zum Ministerialdirigenten für die Unterabteilung „Europäischer Gemeinsamer Markt und Verhältnis zu Drittländern". In dieser Zeit war Tietmeyer für die Bundesrepublik an der Erarbeitung des sogenannten Werner-Plans beteiligt (benannt nach dem Premierminister und Finanzminister Luxemburgs Pierre Werner). Der Werner-Plan wurde am 8. Oktober 1970 vorgelegt und am 22. März 1971 vom Europäischen Rat verabschiedet. Er sah die stufenweise Realisierung einer Wirtschafts- und Währungsunion in der EG bis Ende 1980 vor – ein Vorhaben, das allerdings scheiterte, denn die Zeit für diesen Schritt der europäischen Integration war noch nicht reif. Wesentliche Bestandteile des Werner-Plans wurden später jedoch bei der Schaffung des Europäischen Währungssystems (EWS) (1979) und auch in das Konzept für eine Europäischen Währungsunion (EWU) des Vertrages von Maastricht (1991) übernommen.

Ab 1972 war Tietmeyer im Wirtschaftsministerium für „Grundsatzfragen der Wirtschaftspolitik, Konjunktur- und Wachstumspolitik" zuständig. 1973 ernannte ihn Minister Hans Friderichs (FDP)  zum Ministerialdirektor der Abteilung „Wirtschaftspolitik". In einem Interview antwortete Friderichs 2014 auf die Frage, wie Tietmeyer die deutsche oder europäische Wirtschaftsgeschichte mitgeprägt habe. Er sagte: „Das war der Paradigmenwechsel von der Schiller‘schen Globalsteuerung hin zu einer angebotsorientierten und wieder mehr marktwirtschaftlichen Politik. Das wäre insbesondere im Hinblick auf die Koalition ohne die fundamentale Unterstützung von Schlecht [Otto Schlecht, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft, d.V.] und Tietmeyer nicht möglich gewesen. Ich nenne bewusst beide, denn es wäre unfair, wenn man nur einen nennen würde.  Die beiden waren sehr eng, und Schlecht war nun mal der Staatssekretär.  Insofern hat dieses Gespann den Paradigmenwechsel maßgeblich mit durchgesetzt – auch in einzelnen Details. (Algermissen, Digitale Zusatzmaterialien, S. 36)

 

Staatssekretär in der Ära Kohl (1982–1990)

Beim Koalitions- und Regierungswechsel 1982 spielte Tietmeyer eine wichtige Rolle. Er war der Verfasser des sogenannten Lambsdorff-Papiers (eigentlich: „Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“), das im September 1982 zum Bruch der sozial-liberalen Koalition führte, denn die Positionen, die das Papier enthielt, waren mit den wirtschaftspolitischen Grundüberzeugungen der SPD nicht vereinbar. Tietmeyers Biograf Joachim Algermissen urteilt über das Lambsdorff-Papier, es habe in den 1980er Jahren „zu einer marktwirtschaftlichen Erneuerung und einer neuen fiskalischen Disziplin“ und damit zur Konsolidierung der öffentlichen Finanzen in der Bundesrepublik wesentlich beigetragen. (Algermissen S. 185)

Nach dem Regierungswechsel berief der neue Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg Tietmeyer zu einem der beiden beamteten Staatsekretäre im Bundesfinanzministerium. Beide – Stoltenberg und Tietmeyer – waren überzeugte Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft.

Im Finanzministerium war Tietmeyer zuständig für Währungsfragen, internationale Finanzbeziehungen, europäische Politik, Geld- und Kreditwesen und Privatisierungen. Als persönlicher Beauftragter (Sherpa) von Bundeskanzler Helmut Kohl bereitete er internationale Wirtschaftsgipfel vor. Tietmeyer war zudem Vorsitzender wichtiger Ausschüsse in der EG und der OECD. Ohne Zweifel übte Tietmeyer großen Einfluss auf die ökonomischen Entscheidungen der Regierung Kohl in den 1980er Jahren aus.

Am 20. Oktober 1988 wurde er Opfer eines Anschlags der terroristischen Rote-Armee-Fraktion (RAF). Bei dem Angriff wurde nur Tietmeyers Wagen beschädigt, er und sein Fahrer blieben unverletzt.   

 

Mitgestalter der Wirtschafts- und Währungsunion

Zum 1. Januar 1990 wechselte Tietmeyer in das Direktorium der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main. Hier leitete er das Ressort „Internationale Währungsfragen“. Im Amt des Staatssekretärs im Bundesfinanzministerium folgte ihm Horst Köhler. Bereits im März 1990 erhielt er jedoch abermals einen politischen Auftrag, denn Finanzminister Theo Waigel (CSU) bat ihn, für die Bundesregierung die Verhandlungen mit der Regierung der DDR unter Lothar de Maizière über die innerdeutsche Währungsunion zu leiten. Wie Tietmeyer selbst im Nachhinein berichtete, sagte er „angesichts der historischen Bedeutung dieser Aufgabe zu“, obwohl er sich der besonderen Schwierigkeit dieser Aufgabe voll bewusst gewesen sei. (Algermissen, S. 287). Bei der Wahrnehmung seiner Aufgabe agierte er nicht als Vertreter der Bundesbank, sondern als Sonderbeauftragter Helmut Kohls, der Tietmeyer als loyalen und äußerst kompetenten Beamten hoch schätzte. Der Präsident der Bundesbank Karl Otto Pöhl befürwortete Tietmeyers Tätigkeit, gleichwohl durfte er sie nur unter der Bedingung übernehmen, dass er währenddessen keinen Einfluss auf die Politik der Bundesbank ausübte.

Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR, urteilte über die Gespräche mit Tietmeyer über die Währungsunion: „Er war sachkundig, aber kein bequemer und angenehmer Verhandlungspartner. Er war prinzipienfest und ließ sich nur von Fakten überzeugen. Er hatte den Nachteil, wie alle Westpolitiker, dass er über die DDR so gut wie nichts wusste. Wir wussten über die BRD deutlich besser Bescheid.“ (Algermissen, Digitale Zusatzmaterialien, S. 11). Tietmeyer selbst erklärte, dass er sich bei den Verhandlungen von drei Gedanken leiten ließ. „Ich war der Meinung, dass wir eine einheitliche Entwicklung in Deutschland brauchen, Ostdeutschland mit nach Europa gebracht wird und die Bundesbank die Verantwortung für ganz Deutschland bekommt.“ (ebd., S. 292). Insgesamt sei die Deutsche Währungsunion eine der erfolgreichsten Entwicklungen in der deutschen und europäischen Wirtschaftsgeschichte gewesen, so seine rückblickende Bewertung. Gleichwohl räumte er ein, dass das Umtauschverhältnis dazu geführt habe, dass die ostdeutsche Volkswirtschaft zunächst ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren habe. Langfristig sei dies jedoch richtig gewesen, um „den Osten wettbewerbstechnisch“ wiederaufzubauen.  

 

An der Spitze der Bundesbank

Am 1. Oktober 1993 wurde Tietmeyer zum Präsidenten der Deutschen Bundesbank ernannt. In den sechs Jahren seiner Amtszeit war er der letzte Hüter der D-Mark, denn am 1. Januar 1999 wurde der Euro eingeführt, und seit diesem Tag lag die geldpolitische Entscheidungskompetenz bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Von der Spitze der Bundesbank aus begleitete Tietmeyer die Umsetzung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) durchaus kritisch. Als Grundlagen für den Erfolg der EWWU sah er an: die „Gründung einer unabhängigen und stabilitätsorientierten Europäischen Zentralbank“, die „langfristige Implementierung einer politischen Union“ sowie die „ökonomische Konvergenz der Mitgliedsstaaten“. (Algermissen, S. 429). Noch kurz vor dem Stichtag der Euro-Einführung sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 29. Dezember 1998, die Einführung der gemeinsamen europäischen Währung erfordere ein „Mehr an politischer Gemeinsamkeit“ unter den Mitgliedsstaaten. Positiv äußerte er sich zum Konzept für die Europäische Zentralbank: „Ich sehe nicht, daß es im Augenblick einen ernsten Ansatz gibt, institutionell etwas zu ändern, daß die Souveränität und die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank einengen wollte. Aber man muß hier immer aufmerksam bleiben und man muß hier immer aufpassen, denn in der Tat: Es ist so, daß nicht in allen Ländern die Unabhängigkeit der Notenbank schon so – ich sage es einmal – in der Öffentlichkeit und in der politischen Öffentlichkeit verankert ist, wie das in Deutschland jedenfalls in der Vergangenheit der Fall war. Ich hoffe, daß das auch in der Zukunft der Fall sein wird.“

Am 30. August 1999 wurde Tietmeyer aus seinem Amt in den Ruhestand versetzt. Kommentatoren in Medien und Öffentlichkeit würdigten ihn als „Doyen unter Europas Notenbankern“. Tietmeyers „Werk und Wirken“ seinen stets „aus einem Guss“ gewesen, schrieb das Handelsblatt. Soziale Marktwirtschaft und stabiles Geld seien für Tietmeyer zwei Seiten einer Medaille. „Die Soziale Marktwirtschaft will eine freiheitliche Gesellschaft. Sie will eine subsidiäre Ordnung, die Aufgabenkompetenz und Verantwortung möglichst dezentral ansiedelt. Eigenverantwortung kann eine Gesellschaft dem Bürger aber nur zuweisen, wenn der Wert des Geldes erhalten bleibt.“ (Handelsblatt vom 30. August 1999)

Jens Weidmann, einer seiner Nachfolger als Bundesbankpräsident, sagte über Tietmeyer: Er hatte eine klare, ordnungspolitisch-orientierte Position und stand für das, wonach auch das Europäische System der Zentralbanken konstruiert wurde: Eine Notenbank, die unabhängig ist und die mit Preisstabilität ein klares Mandat verfolgt.“ (Algermissen, Digitale Zusatzmaterialien, S. 354)

Auch im Ruhestand setzte sich Tietmeyer weiter für die Ideen ein, die er während seiner gesamten beruflichen Laufbahn verfolgt hatte. Seit dem Jahr 2000 war er Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die gegründet wurde, um sich für die marktwirtschaftliche Erneuerung des Wirtschafts- und Sozialsystems der Bundesrepublik Deutschland einzusetzen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends forderte er „Mehr Wettbewerb, weniger staatliche Bevormundung, mehr Verantwortung des Einzelnen für sein Schicksal und mehr Freiraum für Eigeninitiative." Soziale Sicherung könne, so Tietmeyer, nicht in erster Linie eine Frage der guten Absichten und der sozialpolitischen Details sein. Sie sei in erster Linie eine Frage der Leistungskraft der Volkswirtschaft. „Jeder Versuch staatlicher Umverteilung, der die volkswirtschaftliche Leistungskraft überfordert, ist zum Scheitern verurteilt“.

Am 27. Dezember 2016 verstarb Hans Tietmeyer in Königstein/Taunus.

Lebenslauf

  • 18. August 1931 geboren in Metelen/Westfalen
  • 1952 Abitur am Gymnasium Paulinum in Münster/Westfalen
  • 1952–1953 Studium der Philosophie und katholischen Theologie in Münster/Westfalen
  • Ab Herbst 1953 Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln und Bonn, Stipendiat des Cusanus-Werkes
  • 1958 Examen als Diplom-Volkswirt in Köln
  • 1960 Promotion zum Dr. rer. Pol. an der Universität zu Köln
  • 1962 Referent für Grundsatzfragen der Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik im Bundesministerium für Wirtschaft unter Ludwig Erhard
  • 1967 Leiter des Referats Grundsatzfragen der Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik im Bundesministerium für Wirtschaft
  • 1973 Ministerialdirektor und Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik im Bundesministerium für Wirtschaft
  • 1982 Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen
  • 1990 Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank
  • 1993 bis 1999 Präsident der Deutschen Bundesbank
  • 2000 bis 2012 Vorsitzender des Kuratoriums der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)

Literatur

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