Carl Spiecker 1948 auf der Rittersturz-Konferenz Carl Spiecker 1948 auf der Rittersturz-Konferenz © Bundesarchiv, B 145 Bild-F046120-0028 / Vollrath / CC-BY-SA 3.0

Karl Spiecker

Journalist, Ministerialdirektor, Minister Dr. phil. 7. Januar 1888 Mönchengladbach 16. November 1953 Königstein/Taunus
von Claudius Kiene
Karl Spiecker gehört trotz eines überaus bewegten und facettenreichen Lebens zu den weniger bekannten Persönlichkeiten in der Geschichte der Weimarer Zentrumspartei und der frühen CDU. Als eigenwilliger Vertreter des linken Flügels stand er während seiner politischen Karriere meistens im Gegensatz zu den jeweils dominanten Strömungen und Persönlichkeiten beider Parteien. Daher gelang ihm weder in der Weimarer Republik noch in der Bundesrepublik der Sprung in die erste Reihe der Politik.

Vom Niederrhein nach Oberschlesien (1888–1921)

Karl Spiecker wurde am 7. Januar 1888 als Sohn eines Oberpostsekretärs im damaligen München-Gladbach (heute Mönchengladbach) geboren. Über Kindheit, Jugend und Studium des gelernten Journalisten ist aufgrund der spärlichen Quellenlage nur wenig bekannt. Selbst das Fach, in dem Spiecker promoviert wurde, lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen. Dass er als politisch interessierter Katholik den Weg in die Zentrumspartei fand, mag angesichts seiner Herkunft aus dem Rheinland – einer absoluten Hochburg des politischen Katholizismus – nur wenig überraschen.

Spiecker dürfte der Partei noch in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg beigetreten sein. 1912 übernahm er als Chefredakteur der Centrums-Parlaments-Correspondenz in Berlin eine journalistische Tätigkeit im direkten Umfeld der Reichstagsfraktion. Ab Mai 1916 leistete er an der Westfront Militärdienst. Infolge einer Kriegsverletzung war er von September 1917 an als „Lektor für die östlichen und Balkanländer“ in der Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes tätig.

Seine journalistischen, politischen und nachrichtendienstlichen Erfahrungen eröffneten Spiecker nach seinem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Amt im September 1919 die Möglichkeit, sich als „Hilfsarbeiter bei der Preussischen Staatsregierung“ im zwischen dem Deutschen Reich und Polen umkämpften Oberschlesien zu profilieren. Die „Stelle Spiecker“ in der Breslauer Tauentzienstraße verantwortete nicht nur umfangreiche Propagandaanstrengungen zugunsten der deutschen Seite, sie unterhielt auch ein ausgedehntes Informantennetzwerk und diente als finanzielles Bindeglied zwischen lokalen Organisationen und der Reichsregierung. Von dieser Finanzierung profitierten auch berüchtigte paramilitärische Verbände wie das Freikorps Oberland oder die Sturmabteilung Roßbach.

 

Zwischen Presse und Politik (1922–1925)

Im Anschluss an seine Zeit in Oberschlesien nahm Spiecker wie in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg eine Tätigkeit im publizistischen Umfeld der Zentrumspartei wahr. Als Verlagsdirektor der Germania verfolgte er nach eigenem Bekunden eine „unbeirrbare christlich-demokratische Zentrumspolitik der mittleren Linie“.

Eine treibende Kraft hinter Spieckers Einstellung war offenbar Matthias Erzberger, der sich eine stärkere Parteinahme des Zentrumsorgans für die Republik wünschte. Über diese Frage geriet Erzberger in Gegensatz zum konservativen Parteiflügel, zu dem ein Großteil der Aktieneigner der Verlagsgesellschaft gehörte. Nach Erzbergers Ermordung durch die terroristische „Organisation Consul“ entwickelte sich Spiecker zu einem zentralen Akteur in dem langwierigen innerparteilichen „Kampf um die Germania“ und damit zugleich zu einem Erzfeind Franz von Papens. Dieser war 1924 größter Anteilseigner und wurde 1925 schließlich Aufsichtsratsvorsitzender der Germania.

Spieckers erfolgreiche Arbeit in verschiedenen Positionen an der Schnittstelle zwischen Politik, Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit blieb auch an der Spitze der Weimarer Zentrumspartei nicht unbemerkt. Neben Matthias Erzberger wurde vor allem der viermalige Reichskanzler und Parteivorsitzende Wilhelm Marx zeitweilig zu einem wichtigen Förderer Spieckers und berief ihn 1923 zum Reichspressechef. 1925 organisierte Spiecker Marx` Wahlkampf, in dem dieser als Kandidat eines „Volksblocks“ aus Zentrum, SPD und DDP für das Amt des Reichspräsidenten dem populären Weltkriegsgeneral Paul von Hindenburg unterlag.

 

Innerparteiliche Isolation und republikanische Verbandsarbeit (1925–1932)

Innerhalb des Zentrums wurde das Bündnis mit der SPD und der DDP jedoch vielfach sehr kritisch beurteilt. Auf dem Kasseler Reichsparteitag 1925 bekannte sich die Partei zwar noch – mit einer nach Spiecker benannten Entschließung zu einer „klaren[n], entschlossene[n], positive[n] Einstellung“ zur republikanischen Staatsform im Sinne der Weimarer Reichsverfassung. Als Marx im Mai 1926 zum dritten Mal Reichskanzler wurde, sah er sich aufgrund des immensen Widerstands aus den Reihen der Reichstagsfraktion aber nicht mehr imstande, Spiecker als seinen Staatssekretär in der Reichskanzlei durchzusetzen. Darüber kam es zum Bruch zwischen Spiecker und seinem Förderer.

In den 1920er Jahren wurde Spiecker immer wieder Opfer von Diffamierungskampagnen der radikalen Rechten. Sie galten verschiedenen Aspekten von Spieckers Tätigkeit in Oberschlesien, die mit Rücksicht auf die internationale Öffentlichkeit und Diplomatie notwendigerweise geheim gehalten wurden. Man warf ihm vor, sich persönlich an staatlichen Geldern bereichert zu haben. Außerdem bemühte man sein Beispiel, um die Rechtmäßigkeit der Verurteilung von Angehörigen der sogenannten Schwarzen Reichswehr für in Oberschlesien und andernorts verübte „Fememorde“ infrage zu stellen. Dass Spiecker schließlich kurz vor der Aufstellung der Liste für die Reichstagswahl 1928 im Stettiner Fememordprozess aussagen musste und dort Verantwortung für die unzureichende Aufsicht über die von ihm mitfinanzierten Freikorps übernahm, trug zum vorläufigen Ende seiner politischen Karriere bei.

Wohl auch als Konsequenz seines Scheiterns in der Parteipolitik intensivierte Spiecker in den späten 1920er Jahren sein Engagement in den republikanischen Verbänden der Weimarer Republik. So wurde er der Gründungsvorsitzende der 1927 ins Leben gerufenen Vereinigung Republikanische Presse, der prominente Weimarer Journalisten wie Georg Bernhard und Theodor Wolff, aber auch Sozialdemokraten wie Paul Löbe und der Chefredakteur des Vorwärts, Friedrich Stampfer, beitraten. Mit Löbe und dem Nürnberger Oberbürgermeister Hermann Luppe (DDP) bildete Spiecker in den Jahren 1926 bis 1932 den Vorstand des Republikanischen Reichsbundes, der ebenfalls von der gemäßigten Linken geprägt war. 1928 trat er als erster prominenter Zentrumspolitiker schließlich dem Vorstand des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, der damals bedeutendsten prorepublikanischen Organisation, bei.

 

Kampf gegen den Nationalsozialismus (1930–1945)

Eine Fortsetzung fand Spieckers Einsatz für die Weimarer Demokratie schließlich nach den Zugewinnen der NSDAP bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930. Der amtierende Reichsinnenminister und frühere Kanzler Joseph Wirth, ein enger Vertrauter Spieckers aus seiner Zeit in Oberschlesien und politischer Mitstreiter auf dem linken Zentrumsflügel, beorderte ihn als Sonderbeauftragten zur Bekämpfung des Nationalsozialismus in sein Ministerium. Obwohl seine offizielle Aufgabe die Beobachtung von und Aufklärung über beide „staatsfeindliche Parteien“, also NSDAP und KPD, war, galt die Aufmerksamkeit von Spieckers vierköpfiger Dienststelle vor allem dem erstarkenden Nationalsozialismus. So wurden die Aktivitäten lokaler Parteigliederungen dokumentiert, NS-Gegner mit publizistisch verwertbarem Material versorgt, und Spiecker und seine Mitarbeiter versuchten, auf eine Abspaltung des Strasser-Flügels von der NSDAP hinzuwirken. Spieckers Zeit im Reichsministerium des Innern endete jedoch wie die Amtszeit Wirths bereits im Herbst 1931. Wirths Nachfolger Wilhelm Groener begründete seinen Verzicht auf Spieckers weitere Dienste mit Sparmaßnahmen. Zeitgenössische Beobachter verstanden diesen Schritt jedoch als Zugeständnis gegenüber der NSDAP.  

Schon vor der Machtübernahme hatten Spieckers dienstliche wie außerdienstliche Aktivitäten den Unmut der Nationalsozialisten erregt. Folglich trieben staatliche Stellen ab Juli 1933 seine Entlassung aus dem Reichsdienst voran. Da sich Spiecker seiner körperlichen Unversehrtheit nicht sicher sein konnte und ihm auch auf journalistischer Ebene die beruflichen Perspektiven in Deutschland fehlten, emigrierte er im September 1933 nach Paris. Im Exil stand er mit bekannten Exilanten in Verbindung, etwa mit Heinrich und Thomas Mann, mit führenden Sozialdemokraten und Journalisten der Weimarer Jahre, aber auch mit schillernden Figuren wie dem kommunistischen Renegaten Willi Münzenberg.

Anders als bekanntere Emigranten aus dem Zentrum wie Ludwig Kaas, Joseph Wirth und Heinrich Brüning entfaltete Spiecker im Exil eine beachtliche Aktivität. So wirkte er kurzzeitig an den Versuchen zur Bildung einer deutschen Volksfront im Exil mit, engagierte sich als katholischer Exilpublizist und avancierte zum zentralen Akteur hinter der Deutschen Freiheitspartei (DFP). Als Exilorganisation versuchte diese unter anderem mit Flugblättern und dem von einem britischen Fischkutter aus sendenden „Freiheitssender“, das deutsche Volk zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime zu animieren. Seine spärlichen Kontakte zu innerdeutschen Widerstandskreisen stellte Spiecker als Informant in den Dienst des britischen Auslandsgeheimdienstes SIS. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich floh Spiecker zunächst nach London, später weiter nach Kanada und kurzzeitig auch in die USA.

 

Rückkehr nach Deutschland und zweite Karriere (1945–1953)

Seinen Kontakten zu britischen Stellen hatte Spiecker es wohl zu verdanken, dass er zu den frühesten Rückkehrern in die britische Besatzungszone gehörte. Obwohl er gewillt war, am demokratischen Wiederaufbau mitzuwirken, beäugte Spiecker die frühzeitige Neubildung des deutschen Parteiensystems eher kritisch. Einen Eintritt in die Unionsparteien lehnte er wegen der Beteiligung früherer DNVP-Mitglieder zunächst ab.

Spieckers politischer Gegenentwurf wurzelte genau wie seine Ablehnung des Projekts einer interkonfessionellen Sammlungspartei in seinen Weimarer Erfahrungen und den Schlüssen, die er daraus gezogen hatte. Er warb persönlich wie publizistisch für eine „Partei der Mitte“, die die früheren Stützen der Weimarer Republik – undogmatische Sozialdemokraten, Zentrumsrepublikaner, liberale Demokraten – in einer Partei zusammenführen sollte. Hiermit sollte der in Weimar versäumte bzw. nur kurzzeitig verwirklichte Schulterschluss zwischen politischem Katholizismus und Sozialdemokratie, für den Spiecker zeitlebens kämpfte, unter den neuen politischen Vorzeichen vollzogen werden.

Notgedrungen versuchte Spiecker, diesem Gedanken in der wiedergegründeten Zentrumspartei zur Geltung zu verhelfen. Er konnte sich dort trotz der kurzzeitigen Übernahme des Parteivorsitzes aber nicht mit seinen Vorstellungen gegen die traditionalistischen und CDU-kritischen Kräfte durchsetzen und wechselte infolge des missglückten Versuchs, eine Fusion von Zentrum und Union herbeizuführen, 1949 in die CDU. In dieser fand Spiecker unter Adenauers Rivalen, dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Karl Arnold, schließlich doch eine politische Heimat. Seit 1948 gehörte er als Bevollmächtigter Nordrhein-Westfalens beim Länderrat der Bizone dem Kabinett Arnolds an.

Dass es Karl Arnold und nicht Konrad Adenauer war, der Spiecker schließlich eine Brücke in die CDU baute, hatte sowohl persönliche als auch politische Gründe. Zum einen übernahm Spiecker die Abneigung seines Förderers Joseph Wirth gegenüber Adenauer, der sich als wichtiger Akteur des Weimarer Zentrums von seinem früheren Parteifreund nicht ausreichend eingebunden fühlte. Adenauer wiederum verdächtigte den Remigranten Spiecker, ein Sprachrohr der englischen Politik zu sein und nahm ihn als lästigen „Ehrgeizling“ wahr. Zum anderen waren es aber genuin politische Auffassungsunterschiede, die die beiden Rheinländer voneinander trennten. So lehnte Spiecker nicht nur Adenauers Betonung einer vom Marxismus abzugrenzenden christlichen Weltanschauung ab, die er als Hindernis für die Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie begriff. Er stand auch außen- und sozialpolitisch eher den Vorstellungen von Adenauers Berliner Kontrahenten Jakob Kaiser nahe, z.B. dessen Konzept von Deutschland als „Brücke“ zwischen Ost und West.

 

Tod und politisches Vermächtnis

Spieckers letzte Jahre waren, da sich seine Ambitionen auf höhere Aufgaben nach dem Wechsel in die CDU nicht erfüllten, neben den Aktivitäten im Rahmen der Ausübung seines Ministeramts wieder von einer regen Verbandstätigkeit gekennzeichnet. So amtierte er unter anderem als Vizepräsident der Europa-Union. Spuren in der Geschichte der CDU hat Spiecker eher indirekt als Mentor des späteren Kanzlerkandidaten Rainer Barzel hinterlassen, der in Frankfurt und Bonn sein engster Mitarbeiter war.

Karl Spiecker starb am 16. November 1953 während eines Kuraufenthalts an einem langjährigen Herzleiden.

Lebenslauf

ab 1906 Universitätsstudium in Straßburg, Berlin und Rom

1912–1916 Chefredakteur der „Centrums-Parlaments-Correspondenz“

1916–1917 Militärdienst

1917–1919 Lektor in der Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes

1919–1921 Deutscher Nachrichtenchef in Oberschlesien

1922–1923 Verlagsdirektor der „Germania“

1923–1925 Ministerialdirektor und Leiter der Vereinigten Presseabteilung der Reichsregierung und des Auswärtigen Amtes

1930–1931 Sonderbeauftragter zur Bekämpfung des Nationalsozialismus im Reichsministerium des Innern

1933–1945 Exil in Paris, London, New York und Montreal

1947 Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen

1947 Vorsitzender des Exekutivrates der Bizone

1948–1949 Vorsitzender der Zentrumspartei

1949 Eintritt in die CDU

1948–1953 Landesminister und Bevollmächtigter Nordrhein-Westfalens beim Länderrat der Bizone und beim Bund

 

Veröffentlichungen

  • Ein Jahr Marx. Die Rettung Deutschlands, Berlin 1925.
  • Germany – From Defeat to Defeat, London o.J.
  • Hitler gegen Christus. Eine katholische Klarstellung und Abwehr, Paris 1936. [Pseudonym].

Literatur

  • ​​​​​​Düwell, Kurt: „Hier spricht Deutschland auf Welle 30,2 Meter“. Carl Spiecker als Stimme des Widerstands in den britischen Geheimsendern 1940/41. In: Hentzschel-Fröhlings, Jörg / Hitze, Guido / Speer, Florian (Hrsg.): Gesellschaft – Region – Politik. Festschrift für Hermann de Buhr, Heinrich Küppers und Volkmar Wittmütz. Norderstedt: Books on Demand, 2006, S. 395–414.
  • Hüwel, Detlev: Karl Spiecker. In: Först, Walter (Hrsg.): Zwischen Ruhrkontrolle und Mitbestimmung (= Beiträge zur neueren Landesgeschichte des Rheinlandes und Westfalens, Bd. 10). Köln [u.a.]: Kohlhammer, 1982, S. 145–177 u. S. 218–223.
  • Kiene, Claudius: Karl Spiecker, die Weimarer Rechte und der Nationalsozialismus. Eine andere Geschichte der christlichen Demokratie (= Zivilisationen und Geschichte, Bd. 60). Peter Lang: Berlin, 2020.